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Zwerge am Svellt
#39
Zwerge am Svellt #40

Weit über ihnen erhob sich die Felsdecke wie ein grauer Himmel. An manchen Stellen bildete sie ein natürliches Gewölbe, an anderen wurde sie von gewaltigen, kunstvoll behauenen Säulen getragen. Vor ihnen erstreckte sich ein Geflecht breiter, sauber gepflasterter Straßen, gesäumt von niedrigen Steinhäusern. Manche standen frei in der gewaltigen Höhle, andere waren unmittelbar in die Felswände hineingebaut, sodass nur ihre kunstvoll gearbeiteten Fassaden aus dem Gestein hervortraten.

Vor jeder Tür hing eine kleine runde Lampe. Ihr warmes Licht setzte sich die Straßen entlang fort, verlor sich in Seitengassen und spiegelte sich auf dem blanken Pflaster. Hoch oben verschwand die Höhlendecke in einem gleichmäßigen Zwielicht.

Finsterkoppen. Sie waren wieder unter den Lebenden.

Langsam schritten sie durch diesen ruhigen Teil der Stadt. Kleine Gassen zweigten nach links und rechts ab, führten zwischen den Häusern hindurch oder verloren sich hinter mächtigen Stützpfeilern, wo erneut die natürliche Dunkelheit des Berges begann.

Die Zwerge entspannten sich sichtlich. Hier und da war ein zufriedenes Grummeln zu hören. Nach Tagen in den verlassenen Tiefen bewegten sie sich wieder durch eine Welt, die nach zwergischem Maß geschaffen war.

Türen in der richtigen Höhe. Straßen in der richtigen Breite. Stein, sauber behauen, wohin das Auge blickte.

Furka blieb vor einer Hausfassade stehen und betrachtete die sorgfältig gefügten Quader. "Ordentliche Arbeit", brummte er anerkennend. Keldi nickte.

Althea lächelte. Sie musste den Kopf einziehen, als sie unter einem niedrigen Torbogen hindurchging. Für die fünf Zwerge war die Stadt wie geschaffen. Für sie selbst würde sie wohl noch einige Überraschungen bereithalten.

Die Wege führten einmal tiefer in den Berg hinein, dann wieder hinauf. Breite Straßen gingen beinahe unmerklich in lange Treppen über, stiegen zwischen Häusern empor oder verschwanden in Tunneln, die unmittelbar durch den Fels geschlagen waren, ehe sie sich auf einer höheren Ebene wieder öffneten.

Je weiter sie kamen, desto belebter wurde es. Einzelne Zwerge kreuzten ihren Weg, schoben Karren vor sich her oder trugen Werkzeuge auf den Schultern. Aus offenen Schmieden drang das regelmäßige Schlagen von Hämmern, vermischt mit dem Geruch von Kohle und heißem Eisen. Irgendwo quietschte ein schwer beladener Wagen über das Pflaster. Stimmen hallten zwischen den steinernen Häusern wider.

Manche Bewohner blickten der ungewöhnlichen Gruppe kurz entgegen. Fünf Zwerge, offenbar nicht von hier. Und eine Menschenfrau, die beinahe zwei Köpfe größer war als ihre Begleiter. Meist folgte auf den prüfenden Blick ein knappes Nicken, bevor jeder wieder seiner Arbeit nachging.

Sie mochten um die Mittagsstunde aus den Tiefen der Binge emporgestiegen sein. Stundenlang folgten sie den Straßen Finsterkoppens, zunächst noch tiefer in den Berg hinein, dann allmählich wieder nach oben.

Sie kamen mit einigen Bewohnern ins Gespräch, warfen einen Blick in eine der zahllosen Schmieden und verkauften bei einem Händler einen Teil jener Dinge, die sie aus den verlassenen Tiefen mitgebracht hatten. Über deren Herkunft fragte niemand. Und sie erzählten auch nichts.

Der Salamanderstein war sicher verwahrt. Seit sie das Heiligtum verlassen hatten, war kaum ein Wort über ihn gefallen. Was Hurdin dort unten erlebt hatte, lag noch immer wie ein unausgesprochenes Geheimnis zwischen ihnen.

Schließlich erreichten sie den Eingangsbereich der unterirdischen Stadt. Dort stand der Tempel des Ingerimm. Schon von weitem fiel ihr Blick auf die große Esse, deren Feuer ruhig vor sich hin glomm. Der Geruch von Holzkohle lag in der Luft. Über dem Altar erhoben sich steinerne Darstellungen von Hammer und Amboss, und die Wände waren mit kunstvollen Reliefs geschmückt, die von den Werken des göttlichen Schmieds erzählten.

Wie selbstverständlich blieben die fünf Zwerge stehen. Dann traten sie vor den Altar. Keiner sprach. Nach allem, was sie in den Tiefen erlebt hatten, bedurfte es keiner Worte. Sie knieten nieder. Althea blieb einige Schritte zurück und beobachtete schweigend. Hurdin senkte den Kopf. Seine Hände ruhten auf den Knien. Vielleicht dachte er an den gewaltigen Amboss tief unter dem Berg. An die Gestalt, die aus dem Rauch getreten war. An den Klang des Hammers, der durch die goldenen Hallen gehallt hatte. Vielleicht dachte er an das Schwert. Oder an die Schätze, die er zurückgelassen hatte. Er sagte nichts.

Einer nach dem anderen sprachen die Zwerge ihre Gebete. Und dann geschah etwas. Mit jedem gesprochenen Gebet schien die Halle stiller zu werden. Das Feuer in der Esse flackerte auf. Ein warmer Luftzug strich durch den Tempel und ließ die Flammen höher schlagen. Für einen Augenblick war es, als wehe Ingerimms Wohlwollen selbst durch die Halle. Drei der fünf Gebete wurden sichtbar erhört. Ein leises Aufflammen des Feuers. Ein kaum wahrnehmbares Beben der Luft. Ein Moment jener göttlichen Gewissheit, die keiner Erklärung bedurfte. Die Zwerge verharrten noch eine Weile in stiller Andacht.

Althea stand weiterhin schweigend daneben. Sie dachte an den Gang aus glühenden Bodenplatten. An die unerträgliche Hitze, die ihr beinahe die Sinne geraubt hatte. An Hurdins Schulter unter ihrer Hand. Und an jenen seltsamen Augenblick in der Garderobe der Schmiedeornate. Das Gewicht auf ihren Schultern. Die Wärme. Die beiden großen Hände. Sie hatte noch immer niemandem davon erzählt.

Erst als die Zwerge sich wieder erhoben hatten, trat ein Geweihter näher. Sein Blick ruhte zunächst auf den fünf Zwergen. Dann wandte er sich Althea zu. Es war unverkennbar, dass sie die Einzige der Gruppe war, die nicht gebetet hatte. Und dennoch war sie mit ihnen gekommen.

"Ihr seid weit gereist", begann er schließlich. Nicht die Zwerge sprach er an. Sondern Althea. Sie neigte höflich den Kopf. "Das sind wir, Euer Gnaden." Der Geweihte betrachtete sie einen Moment. "Und Ihr habt die alten Wege unseres Berges kennengelernt?" Althea erwiderte seinen Blick. "Einige davon." Er nickte langsam. Dann begann er zu erzählen. Von Finsterkoppen und den alten Zwergenbingen. Von den Werken Ingerimms, von verschollenen Hallen und den Geschichten, die seit Generationen unter den Bewohnern der Stadt weitergegeben wurden. Die Zwerge hörten aufmerksam zu. Archon stellte gelegentlich eine Frage. Hurdin schwieg. Irgendwann fiel auch der Name des Salamandersteins. Althea spürte, wie ihre Gefährten für einen Augenblick stiller wurden. Der Geweihte bemerkte es vielleicht. Vielleicht auch nicht. Er sprach von alten Überlieferungen, von einem geheimnisvollen Stein, dessen Geschichte sich tief in der Vergangenheit verlor. Mehr als einmal ruhte sein Blick fragend auf der kleinen Reisegesellschaft.

Wieder einmal befanden sie sich in jener eigentümlichen Lage, nicht nur von Legenden gehört zu haben, sondern mitten unter ihnen gestanden zu haben. Althea lächelte nur. Sie bestätigte nichts. Sie widersprach nichts. Manche Geschichten mussten nicht weitererzählt werden. Es genügte, sie erlebt zu haben.

Schließlich verabschiedeten sie sich von dem Geweihten und setzten ihren Weg fort.

Die Straße führte sie durch eine hohe, mehrstöckige Halle. Steinerne Galerien erhoben sich übereinander, verbunden durch breite Treppen und Brücken. Von den oberen Ebenen drangen Stimmen und das Rollen schwerer Karren herab.Vor ihnen lag ein gewaltiges Tor. Sie traten hindurch.

Das Licht der sinkenden Sonne ließ sie unwillkürlich blinzeln. Nach den langen Tagen unter Stein wirkte selbst das sanfte Gold des Nachmittags beinahe grell. Eine kühle Brise strich den Hang herauf und trug den Duft von Nadelwald und feuchter Erde mit sich. Althea blieb stehen. Sie schloss für einen Augenblick die Augen und atmete tief ein. Frische Luft. Wind. Sonnenlicht.

Vor ihnen lag der oberirdische Teil Finsterkoppens. Er schmiegte sich an die mächtige Bergflanke, als sei die Stadt langsam aus dem Fels herausgewachsen. Um das gewaltige Tor drängten sich steinerne Häuser auf mehreren Terrassen, verbunden durch breite Treppen und schmale Wege. Manche Gebäude lehnten unmittelbar an den Berg. Andere standen frei auf künstlich angelegten Plateaus, deren Stützmauern kunstvoll aus dem blanken Gestein gehauen waren. Zwischen den Häusern arbeiteten noch einzelne Handwerker. Kinder liefen über den Platz. Aus offenen Fenstern drangen Stimmen und Gelächter.

Das Tor selbst wirkte aus der Nähe noch gewaltiger als zuvor. Es war so hoch und breit, dass ohne Mühe ein thorwalsches Drachenschiff mit aufgerichtetem Mast hindurchgepasst hätte. Dahinter verschwand die Straße unmittelbar wieder in den Tiefen des Berges, als führe sie in eine andere Welt. Eine Weile betrachteten sie schweigend die mächtige Anlage. Dann machten sie sich daran, auch diesen Teil der Stadt zu erkunden.

Sie schlenderten durch die schmalen Gassen zwischen den Häusern, beobachteten Schmiede bei ihrer Arbeit und kamen mit einigen Bewohnern ins Gespräch. Furka fand bald etwas an einer kunstvoll beschlagenen Tür auszusetzen, nur um wenige Schritte später die Arbeit eines Steinmetzen überschwänglich zu loben. Archon blieb wiederholt vor Inschriften stehen, die er unbedingt entziffern wollte. Hurdin dagegen war ungewöhnlich still. Althea bemerkte es, sprach ihn aber nicht darauf an. Niemand drängte zur Eile. Zum ersten Mal seit langer Zeit schien keine Gefahr unmittelbar auf sie zu warten.

Als schließlich die Schatten länger wurden und die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwanden, kehrten sie zum großen Platz vor dem Stadttor zurück. Dort fanden sie eine Taverne. Der Schankraum war erfüllt vom Duft kräftiger Speisen, von Malz und Holzfeuer. Zwischen rauem Gelächter und dem Klirren schwerer Krüge fanden sie einen Platz und ließen sich eine warme Mahlzeit und dunkles Zwergenbier bringen. Auch Althea gönnte sich einen Becher Wein. Das Essen war einfach, aber reichlich. Nach den vergangenen Tagen schmeckte es ihnen ausgezeichnet. Im Laufe des Abends kamen sie mit einigen zwergischen Brüdern ins Gespräch. Man fragte nach ihrer Herkunft und ihrem Weg durch den Finsterkamm. Keldi erzählte von ihren Reisen, Furka steuerte die eine oder andere Bemerkung bei, und Archon ließ sich bereitwillig auf Gespräche über alte Handwerkskunst ein. Doch ihre Antworten blieben unverfänglich. Über die eigentlichen Ereignisse der vergangenen Tage verloren sie kein Wort. Manche Erlebnisse gehörten nicht in eine Schankstube.

Als die Krüge geleert waren und die Nacht über Finsterkoppen hereinbrach, boten ihnen ihre neuen Bekanntschaften ganz selbstverständlich einen Schlafplatz an. So verbrachten sie ihre erste Nacht seit langer Zeit wieder in richtigen Betten, unter einem festen Dach und ohne Wachen einteilen zu müssen. Lediglich Althea musste mit einem Lager auf dem Boden vorliebnehmen. Die Betten waren für Zwerge gebaut. Und daran ließ sich nun einmal nichts ändern. Sie nahm es mit einem müden Lächeln hin, wickelte sich in ihre Decke und schlief beinahe augenblicklich ein.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich von ihren Gastgebern. Noch einmal führte ihr Weg über den Platz vor dem gewaltigen Stadttor. Erst jetzt, im klaren Licht des jungen Tages, hielten sie inne.

Vor ihnen öffnete sich der Blick nach Süden. Bergkämme reihten sich hintereinander bis zum Horizont, grau, blau und schließlich nur noch als feine Schatten erkennbar. Dazwischen lagen weite, dicht bewaldete Hänge, deren dunkles Grün sich mit den Braun- und Goldtönen des Herbstes mischte. Tief unten verlor sich das Gebirge allmählich im ebenen Land, das sich in weiter Ferne unter dem Morgenlicht ausbreitete. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Nach all den Tagen unter dem Berg wirkte diese Weite beinahe unwirklich. Althea ließ ihren Blick über die bewaldeten Hänge schweifen.

Irgendwo dort draußen wartete der weitere Weg. Der Salamanderstein war gefunden. Aber seine Reise hatte gerade erst begonnen. Keldi rückte seinen Rucksack zurecht. "Dann wollen wir." Die anderen nickten. Sie wandten sich nach Süden und begannen den Abstieg. Hinter ihnen blieb die Zwergenstadt am Hang zurück. Vor ihnen lag erneut der lange Weg durch den Norden.
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