20.06.2026, 17:36
Zwerge am Svellt #38
Als sie erwachten, war die Galerie unverändert. Die Schienen verliefen noch immer über den Bohlenweg entlang der Klamm. Gegenüber zeichneten sich die dunklen Eingänge der alten Minenschächte ab. Irgendwo tropfte Wasser. Das Holz knarrte leise im Bergwind, der aus den Tiefen aufstieg. Furka war als erster auf den Beinen.
Während die anderen noch ihre Ausrüstung richteten und Wasserschläuche herumreichten, war er bereits den Schienen gefolgt. Ganz am oberen Ende der Galerie standen mehrere Loren. Das Holz war vom tropfenden Wasser aufgequollen, die Eisenbeschläge von Rost überzogen.
"Lasst mich mal sehen..." Er kniete sich neben eines der Räder, rieb sich nachdenklich den Bart und begann in seinen Taschen zu kramen. "Wenn ich..." Ein kleiner Tiegel kam zum Vorschein. Wenig später verteilte er eine zähe schwarze Schmiere auf den Achsen. Seine Verbände färbten sich dabei dunkel, doch das schien ihn wenig zu kümmern. Schließlich stemmte er sich gegen die Lore.
Zunächst geschah nichts. Dann ertönte ein langgezogenes Ächzen. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung. "Ha!" Furka grinste zufrieden, kletterte auf die Lore und beugte sich zur Felswand hinüber, um die gegenüberliegende Seite ebenfalls zu behandeln. "Bewegt ... mal ... etwas", drang seine Stimme dumpf aus dem Inneren. Hurdin und Keldi wechselten einen Blick. Keldi hob die Augenbrauen. Dann stellten sich beide gegen die Lore und begannen zu schieben. Die Räder bewegten sich. Zunächst langsam. Dann leichter. "Genau ... so", erklang Furkas Stimme.
Im selben Augenblick krachte etwas. Hurdin verlor den Halt. Die Lore rollte plötzlich von selbst. Er machte noch einen Schritt hinterher. Dann zwei. Dann war sie bereits außer Reichweite. Die Räder ratterten über die Schienen. Das Gefährt wurde schneller. "Heya!" Für einen Augenblick tauchte Furkas Helm über dem Lorenrand auf. Dann verschwand die Lore in der Dunkelheit. Das Rattern entfernte sich. Wurde leiser. Wurde wieder lauter, als es von den Felswänden zurückgeworfen wurde.
Einen Moment standen sie einfach nur da. Dann setzte Tondar sich in Bewegung. Die anderen folgten. Über Bohlen. An Geländern vorbei. Die Galerie entlang. Das Gleis führte leicht abschüssig an der Felswand entlang. Althea spürte bald, wie ihr der Atem knapp wurde. Vor ihnen verlor sich das Gleis in der Dunkelheit. Dann hallte ein dumpfes Krachen durch die Klamm.
Stille. Althea war inzwischen vorne.
Die Gruppe erreichte den Bereich der Erzrutschen und lief weiter bis zu einem Poller, den sie am Vortag kaum beachtet hatten. Zwischen den Schienen lagen Trümmer. Eine verbogene Achse. Zersplittertes Holz. Aber kein Zwerg.
Althea hob den Stab. Licht fiel über die Bohlen. Hurdin riss einige Bretter zur Seite. Zunächst nichts. Dann ein leises Wimmern. Furka lag zwischen Geröll und Holzsplittern, nur wenige Schritt vom Rand des Abgrunds entfernt. Seine Ausrüstung war über den ganzen Bereich verstreut. Althea kniete sich neben ihn. Sein Blick wirkte glasig. Orientierungslos. Ihre Hand verschwand unter dem Umhang. Kurz darauf hielt sie eine kleine schimmernde Phiole in den Fingern. Vorsichtig flößte sie ihm den Inhalt ein.
Für einen Augenblick geschah nichts. Dann klärte sich sein Blick. Furka setzte sich auf. Schaute nach links. Nach rechts. Als hätte er keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Dann grinste er.
Das Grinsen hielt genau so lange an, bis ihm bewusst wurde, dass vier Gesichter auf ihn hinunterblickten. Vier sehr unterschiedliche Gesichtsausdrücke. Er räusperte sich. "Also." Niemand antwortete.
In diesem Moment bog Archon keuchend um die Ecke. Er blieb stehen. Sah die Trümmer. Sah Furka. Sah die Lore. "Natürlich", sagte er nur. Althea holte tief Luft. Sehr tief. Dann nahm sie Furka an der Hand. Und hielt ihn den Rest des Weges bemerkenswert nah bei sich.
Am Ende der Erzhalle entdeckten sie noch eine weitere Tür. Dahinter führte ein Gang einige Schritt weit geradeaus und endete abrupt. Ein sauber gemauertes Loch durchschnitt den Boden. Jenseits der Grube war eine weitere Tür zu erkennen. Furka beugte sich bereits vor. Hurdin packte ihn wortlos am Gürtel. "Nein."
Tondar trat an den Rand. Maß die Entfernung mit den Augen. Dann noch einmal. Keldi nickte. Hurdin legte ihm ein Seil um die Hüfte, während Keldi und Hurdin selbst festen Stand suchten. Tondar trat einige Schritt zurück. Nahm Anlauf. Und sprang. Für einen Herzschlag schien er über dem Nichts zu hängen. Dann landete er sauber auf der anderen Seite. "Natürlich", murmelte Archon.
Tondar befestigte das Seil am Türgriff. Rüttelte daran. Hurdin zog auf seiner Seite kräftig daran. Das Seil hielt. Einer nach dem anderen hangelten sie sich hinüber. Althea war nicht begeistert. Als sie mittig über dem Abgrund hing, hatte sie das Gefühl, als würde die Tiefe unter ihr die Luft einsaugen. Sie vermied es konsequent nach unten zu schauen. Als schließlich alle auf der anderen Seite standen, atmete sie hörbar aus.
Dahinter setzte sich das Labyrinth fort. Die Gänge wurden enger. Verwinkelter. Mehrfach stießen sie auf kleine Lagerräume, in denen fertige Eisenwaren auf Regalen lagen. Werkzeuge. Beschläge. Klingenrohlinge. An einer Wand ragte ein Hebel aus dem Mauerwerk.
Furka streckte bereits die Hand danach aus. Hurdin schob sie beiseite. "Nein." "Woher weißt du das?" "Weil du ihn betätigen willst." "Das ist kein Argument." "Doch." Sie gingen weiter.
Zwischen verrosteten Werkzeugen fanden sie einige Münzen. Das Metall war jenes eigentümliche rötliche Material, das ihnen bereits mehrfach begegnet war. Furka ließ die Münzen durch die Finger gleiten. "Seltsam." Archon nickte. "Und vermutlich alt." "Alt ist gut." "Das sagen immer nur Schatzsucher." "Weil es stimmt."
Schließlich gelangten sie zu einem Altar. Die Schriftzeichen darauf waren alt. Sehr alt. Althea und Archon beugten sich gemeinsam über die Inschriften. Mehrfach mussten sie einzelne Zeichen vergleichen. Vermutungen anstellen. Neu beginnen. Langsam ergaben die Fragmente einen Sinn. "Roglima hatte recht", murmelte Archon schließlich. "Das hier erwähnt tatsächlich den alten Zwergenkönig." Hinter dem Altar fanden sie eine kleine Krypta. Mehrere Steinsarkophage standen dort in stillen Reihen. Keiner von ihnen sprach laut. Die Zwerge schlugen Zeichen Angroschs. Althea jene Borons. Dann ließen sie die Toten wieder allein.
Am Ende eines langen Ganges erreichten sie schließlich eine weitere Treppe. Sie führte erneut nach unten. Noch tiefer in den Berg. Die vierte Ebene empfing sie mit Dunkelheit. Hier brannten keine ewigen Fackeln mehr. Althea beschwor eine Lichtkugel und ließ sie einige Schritt vor der Gruppe schweben. Langsam glitt der Schein durch die Schwärze. Die Wände hatten sich verändert. Die roten Ziegel kannten sie bereits von den oberen Bereichen der Binge. Doch hier wirkten sie anders. Sorgfältiger. Kunstvoller. Die Fliesen glänzten selbst nach Jahrhunderten noch schwach im Licht.
Keldi deutete auf Symbole, die in regelmäßigen Abständen in die Wände eingelassen waren. Angroschs Zeichen. Immer wieder. Archon betrachtete die Markierungen nachdenklich. "Wenn es hier tatsächlich ein Heiligtum geben sollte", sagte er schließlich, "dann kommen wir ihm näher." Niemand widersprach.
Die Luft schien wärmer geworden zu sein. Nicht viel. Aber genug, um aufzufallen. Sie folgten den Zeichen einen langen Gang hinab. Und gelangten schließlich in eine große Halle. In ihrer Mitte befand sich ein großes Wasserbecken. Darüber erhob sich ein kunstvoll gearbeitetes Pavillondach. Für einige Augenblicke standen sie einfach da und betrachteten den Ort. Dann runzelte Hurdin die Stirn. Zwischen den steinernen Verzierungen hatte er etwas gesehen. Ein Gesicht. Verzerrt. Grotesk. Nicht das Gesicht einer Statue. Das Gesicht eines Wasserspeiers. Im selben Augenblick löste sich die Kreatur mit einem Krachen aus dem Stein.
Sie sprang. Direkt auf Hurdin zu. Der Aufprall warf ihn beinahe zu Boden. Die anderen wollten ihm zu Hilfe eilen. Doch links und rechts des Beckens lösten sich weitere Gestalten aus dem Mauerwerk. Stein splitterte. Flügel entfalteten sich. Krallen scharrten über die Fliesen. Der Kampf war zäh. Mehr als einmal mussten die Zwerge ihre Stellung wechseln. Althea schleuderte Feuer. Tondar fluchte. Furka schlug mit bemerkenswerter Begeisterung auf alles ein, was Flügel hatte. Als schließlich wieder Ruhe einkehrte, lagen die Wasserspeier zerbrochen zwischen den Trümmern ihrer eigenen Verkleidungen.
Nur Hurdin hatte einige Blessuren davongetragen. Archon versorgte schweigend die Wunden. Währenddessen betrachtete Althea das dunkle Wasser hinter dem Beckenrand. Das Licht ihrer Kugel spiegelte sich auf der Oberfläche. "Ein Ort für rituelle Waschungen", mutmaßte Archon. Die Zwerge wechselten Blicke. Dann sahen sie wieder zu den zerstörten Wasserspeiern. Niemand sprach den Gedanken aus. Aber offenbar hatten die Erbauer dieses Ortes ihre Waschungen sehr ernst genommen.
Hinter der Halle setzte sich der Weg fort. Ein schmaler Kanal begleitete den Gang. In seinem Bett glitzerten kleine Rinnsale, die zwischen den roten Ziegeln hindurch ihren Weg suchten. Das Wasser war klar. Und kalt. Sie folgten dem Kanal tiefer in die Ebene. Die Zeichen Angroschs begegneten ihnen weiterhin in regelmäßigen Abständen. Mal kunstvoll in die Wände eingearbeitet. Mal nur als schlichte Reliefs.
Die Luft wurde wärmer. Nicht unangenehm. Aber merklich. Nach einiger Zeit weitete sich der Gang erneut. Vor ihnen lag ein rundes Loch, das von einer fein gemeißelten Brüstung eingefasst war. Vorsichtig traten sie näher. Althea ließ ihre Lichtkugel hinabgleiten. Tief unter ihnen glomm Gestein. Rot. Orange. Gelb. Wie die Glut einer gigantischen Esse. Die Wärme stieg ihnen entgegen.
Archon zog sein Notizbuch hervor. "Wasser und Feuer", murmelte er. "Was?", fragte Furka. "Wasserbecken. Kanäle. Jetzt das." Er deutete in die Tiefe. "Ein Kultort." Die Feder kratzte über das Pergament. "Wasser und Feuer." "Du schreibst wirklich alles auf." "Jemand muss es tun." Furka dachte kurz darüber nach. "Gut, dass ich das nicht bin." Sie zogen weiter.
Und schließlich erreichten sie die große Halle. Zunächst bemerkten sie nur die Größe des Raumes. Dann die Gestalten. Körper. Dutzende. Durcheinanderliegend. Über den Boden verstreut. Einige in Rüstungen. Andere nur in Lumpen. Althea verlangsamte ihre Schritte. Hurdin ebenfalls. Die Gruppe bewegte sich vorsichtig weiter. Zwischen den Leibern hindurch. Keiner sprach. Niemand berührte etwas. Dann öffnete sich ein Auge. Ein zweites. Ein drittes. Ein knochiger Arm stemmte sich vom Boden hoch. Metall schabte über Stein. Ein Zwerg erhob sich. Dann noch einer. Und noch einer. Zwischen ihnen richteten sich andere Gestalten auf. Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Untote Zwerge. Untote Krieger. Ehemalige Feinde. Jetzt vereint. Gegen die Lebenden.
"Bei Angrosch", murmelte Keldi.
Dann war keine Zeit mehr zum Reden. Der erste Untote erreichte sie. Die Gruppe versuchte ein Karree zu bilden. Doch der Angriff kam von allen Seiten. Althea wurde zurückgedrängt. Ein Schwert fuhr an ihr vorbei. Sie hob die Hand. Feuer brach aus ihren Fingern hervor. Der erste Untote ging brennend zu Boden. Ein zweiter trat über ihn hinweg. Hurdin kämpfte Schulter an Schulter mit Keldi. Tondars Axt beschrieb kurze, harte Bögen. Furka verschwand beinahe vollständig zwischen den Gegnern und tauchte immer wieder dort auf, wo ihn niemand erwartet hätte. Archon hielt sich zurück. Schleuderte einen Wurfdolch. Versuchte vor allem nicht erschlagen zu werden.
Der Kampf zog sich. Länger als ihnen lieb war. Schließlich fiel der letzte Untote. Die Halle wurde still. Wieder. Die Toten lagen dort, wo sie gefallen waren. Zwergenknochen neben menschlichen Gebeinen. Feinde im Leben. Verbündete im Tod. Althea lehnte sich schwer atmend gegen eine Wand. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Mit leicht zitternden Fingern zog sie eine Phiole hervor. Der Inhalt leuchtete kurz auf, als sie ihn trank.
Archon kniete bereits neben Hurdin. Dann bei Tondar. Dann bei Keldi. Wirselkraut wechselte den Besitzer. Verbände wurden angelegt.
Währenddessen wanderte Furka durch die Halle. Neugierig wie immer. Er hob einen Zweihänder auf. Die Klinge war schwer. Gut gearbeitet. Er wog sie in den Händen. "Mittelreichische Arbeit." Die anderen blickten auf. "Das ist nicht von hier." Er legte das Schwert wieder beiseite. Dann blieb er plötzlich stehen. "Althea." Sie trat zu ihm.
Zwischen den Gefallenen lag eine weitere Gestalt. Die Reste eines ledernen Ornats waren noch erkennbar. Ein Angroschpriester. Althea schlug schweigend ein Boronsrad. Währenddessen betrachtete Furka etwas, das die Leiche um den Hals getragen hatte. Ein steinernes Medaillon. Er drehte es im Licht. Hammer und Amboss. Schlicht. Aber kunstvoll gearbeitet. "Hammer und Amboss", sagte er leise. Fast zu sich selbst. Dann blickte er zu Hurdin. "Ich glaube, du solltest das nehmen." Hurdin sah überrascht auf. Nahm das Medaillon. Betrachtete es einen Moment. Dann legte er es sich um den Hals. Niemand kommentierte die Entscheidung. Aber irgendwie wirkte sie richtig.
Während die anderen ihre Ausrüstung sammelten, blieb Furka noch vor einem großen Rad stehen. Nachdenklich. Fast misstrauisch. Hurdin bemerkte den Blick. Und behielt ihn vorsichtshalber im Auge. Für alle Fälle.
Sie fanden den Ausstieg zum Kamin. Für einen Moment standen sie vor dem Schacht und blickten hinauf. Das Dunkel verlor sich irgendwo weit über ihnen.
Dann wandten sie sich wieder dem Kanal zu. Das Wasser glitzerte im Licht der Kugel. Die roten Ziegel reflektierten den Schein matt. Und irgendwo vor ihnen wartete die nächste Ebene.
Der Gang führte sie tiefer in die Dunkelheit. Dann stiegen sie eine weitere Treppe empor. Vor ihnen öffnete sich eine Halle von solcher Größe, dass selbst die Zwerge zunächst verstummten. Dunkles Wasser erstreckte sich über weite Teile des Raumes. Die Lichtkugel glitt hinaus. Immer weiter. Und zeigte doch nie das Ende der Halle. Zwischen ihnen und dem Wasser verlief ein fein gearbeitetes Eisengitter. Die Gruppe folgte dem Rand. Vorbei an mächtigen Säulen. Vorbei an Treppen, die ins Wasser hinabführten. Vorbei an endlosen Spiegelungen. Die Halle schien kein Ende nehmen zu wollen. Schließlich erreichten sie eine gegenüberliegende Treppe. Die Zwerge blickten auf die schwarze Wasserfläche hinaus. Niemand wirkte begeistert.
Althea trat näher. Murmelte einige Worte. Ihre Augen verengten sich. "Moment." Sie blickte ins Wasser. "Da." Niemand erkannte etwas. Althea schulterte ihr Gepäck ab und drückte es Furka in die Arme. "Pass darauf auf." Dann stieg sie die Treppe hinunter. Und watete ins Wasser. Zunächst reichte es ihr bis zu den Knöcheln. Dann bis zu den Knien. Dann bis zur Hüfte. Schließlich stand sie so tief, dass jedem der Zwerge das Wasser längst über den Kopf gegangen wäre.
Keldi verschränkte die Arme. Tondar blickte auf die Wasseroberfläche. Hurdin versuchte zu erkennen, wonach sie suchte. Furka schaute ihr einen Moment nach. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Eine Erkenntnis. Ein Gedanke. Eine Idee. Was bei Furka meist dasselbe war.
Er drückte Hurdin Altheas Gepäck in die Arme. Nahm Keldis Fackel. "Archon, komm." "Warum?" "Weil ich recht habe." "Das beantwortet die Frage nicht." Doch Furka war bereits unterwegs. Archon seufzte. Und folgte.
Althea bemerkte davon nichts. Sie bewegte sich langsam durch das Wasser. Blieb stehen. Tauchte unter. Kam wieder hoch. Schüttelte die nassen Haare aus dem Gesicht. Tauchte erneut. Umrundete den Bereich zwischen den Treppen. Keldi und Hurdin wechselten Blicke. Tondar kratzte sich am Bart. Nichts geschah. Dann erklang ein Ruf.
Althea tauchte auf. In ihrer Hand hielt sie etwas. Ein altes ledernes Bündel. Wasser tropfte davon herab. "Was zum..." Sie watete zurück. Die anderen beugten sich vor. Es war ein Wasserschlauch. Ein gewöhnlicher Wasserschlauch. Zumindest auf den ersten Blick. Althea schüttelte den Schlauch. Wasser ergoss sich heraus. Und floss. Und floss weiter. Und hörte nicht auf. Die Gruppe starrte auf den Schlauch. Das Wasser plätscherte auf die Oberfläche. Noch immer. Und noch immer.
Althea hob die Augenbrauen. Dann verschloss sie den Schlauch wieder.
Im selben Augenblick geschah etwas. Ein tiefes Gurgeln erfüllte die Halle. Die Wasseroberfläche begann sich zu bewegen. Dann sank der Wasserspiegel. Langsam. Aber unübersehbar. Strudel bildeten sich. Wasser floss ab. Die Halle begann sich zu leeren. Althea starrte auf den Schlauch in ihrer Hand. Dann auf das verschwindende Wasser. Dann wieder auf den Schlauch. "Nenn mich Latte, aber..." Sie hob ihn gegen das Licht. Der Schlauch war wieder prall gefüllt. Als hätte sie niemals einen Tropfen daraus gegossen.
Hurdin und Keldi blickten auf die sinkende Wasserfläche. Tondar blickte auf den Schlauch. Niemand sagte etwas.
In diesem Moment erschien Furka wieder auf der Balustrade. Archon hinter ihm. Etwas verschwitzt. Etwas staubig. Und deutlich weniger begeistert. "Wusst ich's doch", brummte Furka zufrieden. "Was?", fragte Althea. "Dass da ein Mechanismus sein muss." Er nickte in Richtung der unteren Ebene. "Großes Rad. Schöne Konstruktion. Hat sich kaum bewegt. Jetzt schon." Archon zog sein Notizbuch hervor. "Furka hat tatsächlich ein funktionierendes Entwässerungssystem gefunden." "Natürlich habe ich das."
Althea blickte auf den Wasserschlauch. Dann auf die sinkende Wasserfläche. Dann wieder auf den Wasserschlauch. Der Schlauch fühlte sich schwer an. Magisch. Mächtig. Und ausgesprochen verdächtig. Furka pfiff leise vor sich hin. Archon schrieb. Der Wasserspiegel sank weiter. Und irgendwo zwischen beiden Erklärungen blieb die Wahrheit angenehm unentschlossen.
Als Althea schließlich die Treppe wieder hinaufstieg, hielt sie den Schlauch noch immer in den Händen. Nachdenklich. Sehr nachdenklich. Sie betraten die freigelegte Halle. Die Fliesen glänzten feucht. Zwischen den gewaltigen Säulen suchten sie nach einem Weg. Zunächst fanden sie nichts. Dann umrundeten sie einen der Pfeiler. Und entdeckten eine massive eiserne Platte im Boden. "Eine Luke?" Hurdin kniete sich nieder.
Die Platte bewegte sich keinen Fingerbreit. Furka grinste. Und zog sein Brecheisen hervor. "Jetzt wird's interessant. "Mit vereinten Kräften stemmten sie die Platte auf. Darunter führte eine steinerne Treppe nach unten. Noch tiefer. Zur letzten Ebene der Binge.
Und als sie die ersten Stufen hinabstiegen, begann das Licht ihrer Kugel sich tausendfach in etwas zu spiegeln, das weit unten in der Dunkelheit wartete.
Als sie erwachten, war die Galerie unverändert. Die Schienen verliefen noch immer über den Bohlenweg entlang der Klamm. Gegenüber zeichneten sich die dunklen Eingänge der alten Minenschächte ab. Irgendwo tropfte Wasser. Das Holz knarrte leise im Bergwind, der aus den Tiefen aufstieg. Furka war als erster auf den Beinen.
Während die anderen noch ihre Ausrüstung richteten und Wasserschläuche herumreichten, war er bereits den Schienen gefolgt. Ganz am oberen Ende der Galerie standen mehrere Loren. Das Holz war vom tropfenden Wasser aufgequollen, die Eisenbeschläge von Rost überzogen.
"Lasst mich mal sehen..." Er kniete sich neben eines der Räder, rieb sich nachdenklich den Bart und begann in seinen Taschen zu kramen. "Wenn ich..." Ein kleiner Tiegel kam zum Vorschein. Wenig später verteilte er eine zähe schwarze Schmiere auf den Achsen. Seine Verbände färbten sich dabei dunkel, doch das schien ihn wenig zu kümmern. Schließlich stemmte er sich gegen die Lore.
Zunächst geschah nichts. Dann ertönte ein langgezogenes Ächzen. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung. "Ha!" Furka grinste zufrieden, kletterte auf die Lore und beugte sich zur Felswand hinüber, um die gegenüberliegende Seite ebenfalls zu behandeln. "Bewegt ... mal ... etwas", drang seine Stimme dumpf aus dem Inneren. Hurdin und Keldi wechselten einen Blick. Keldi hob die Augenbrauen. Dann stellten sich beide gegen die Lore und begannen zu schieben. Die Räder bewegten sich. Zunächst langsam. Dann leichter. "Genau ... so", erklang Furkas Stimme.
Im selben Augenblick krachte etwas. Hurdin verlor den Halt. Die Lore rollte plötzlich von selbst. Er machte noch einen Schritt hinterher. Dann zwei. Dann war sie bereits außer Reichweite. Die Räder ratterten über die Schienen. Das Gefährt wurde schneller. "Heya!" Für einen Augenblick tauchte Furkas Helm über dem Lorenrand auf. Dann verschwand die Lore in der Dunkelheit. Das Rattern entfernte sich. Wurde leiser. Wurde wieder lauter, als es von den Felswänden zurückgeworfen wurde.
Einen Moment standen sie einfach nur da. Dann setzte Tondar sich in Bewegung. Die anderen folgten. Über Bohlen. An Geländern vorbei. Die Galerie entlang. Das Gleis führte leicht abschüssig an der Felswand entlang. Althea spürte bald, wie ihr der Atem knapp wurde. Vor ihnen verlor sich das Gleis in der Dunkelheit. Dann hallte ein dumpfes Krachen durch die Klamm.
Stille. Althea war inzwischen vorne.
Die Gruppe erreichte den Bereich der Erzrutschen und lief weiter bis zu einem Poller, den sie am Vortag kaum beachtet hatten. Zwischen den Schienen lagen Trümmer. Eine verbogene Achse. Zersplittertes Holz. Aber kein Zwerg.
Althea hob den Stab. Licht fiel über die Bohlen. Hurdin riss einige Bretter zur Seite. Zunächst nichts. Dann ein leises Wimmern. Furka lag zwischen Geröll und Holzsplittern, nur wenige Schritt vom Rand des Abgrunds entfernt. Seine Ausrüstung war über den ganzen Bereich verstreut. Althea kniete sich neben ihn. Sein Blick wirkte glasig. Orientierungslos. Ihre Hand verschwand unter dem Umhang. Kurz darauf hielt sie eine kleine schimmernde Phiole in den Fingern. Vorsichtig flößte sie ihm den Inhalt ein.
Für einen Augenblick geschah nichts. Dann klärte sich sein Blick. Furka setzte sich auf. Schaute nach links. Nach rechts. Als hätte er keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Dann grinste er.
Das Grinsen hielt genau so lange an, bis ihm bewusst wurde, dass vier Gesichter auf ihn hinunterblickten. Vier sehr unterschiedliche Gesichtsausdrücke. Er räusperte sich. "Also." Niemand antwortete.
In diesem Moment bog Archon keuchend um die Ecke. Er blieb stehen. Sah die Trümmer. Sah Furka. Sah die Lore. "Natürlich", sagte er nur. Althea holte tief Luft. Sehr tief. Dann nahm sie Furka an der Hand. Und hielt ihn den Rest des Weges bemerkenswert nah bei sich.
Am Ende der Erzhalle entdeckten sie noch eine weitere Tür. Dahinter führte ein Gang einige Schritt weit geradeaus und endete abrupt. Ein sauber gemauertes Loch durchschnitt den Boden. Jenseits der Grube war eine weitere Tür zu erkennen. Furka beugte sich bereits vor. Hurdin packte ihn wortlos am Gürtel. "Nein."
Tondar trat an den Rand. Maß die Entfernung mit den Augen. Dann noch einmal. Keldi nickte. Hurdin legte ihm ein Seil um die Hüfte, während Keldi und Hurdin selbst festen Stand suchten. Tondar trat einige Schritt zurück. Nahm Anlauf. Und sprang. Für einen Herzschlag schien er über dem Nichts zu hängen. Dann landete er sauber auf der anderen Seite. "Natürlich", murmelte Archon.
Tondar befestigte das Seil am Türgriff. Rüttelte daran. Hurdin zog auf seiner Seite kräftig daran. Das Seil hielt. Einer nach dem anderen hangelten sie sich hinüber. Althea war nicht begeistert. Als sie mittig über dem Abgrund hing, hatte sie das Gefühl, als würde die Tiefe unter ihr die Luft einsaugen. Sie vermied es konsequent nach unten zu schauen. Als schließlich alle auf der anderen Seite standen, atmete sie hörbar aus.
Dahinter setzte sich das Labyrinth fort. Die Gänge wurden enger. Verwinkelter. Mehrfach stießen sie auf kleine Lagerräume, in denen fertige Eisenwaren auf Regalen lagen. Werkzeuge. Beschläge. Klingenrohlinge. An einer Wand ragte ein Hebel aus dem Mauerwerk.
Furka streckte bereits die Hand danach aus. Hurdin schob sie beiseite. "Nein." "Woher weißt du das?" "Weil du ihn betätigen willst." "Das ist kein Argument." "Doch." Sie gingen weiter.
Zwischen verrosteten Werkzeugen fanden sie einige Münzen. Das Metall war jenes eigentümliche rötliche Material, das ihnen bereits mehrfach begegnet war. Furka ließ die Münzen durch die Finger gleiten. "Seltsam." Archon nickte. "Und vermutlich alt." "Alt ist gut." "Das sagen immer nur Schatzsucher." "Weil es stimmt."
Schließlich gelangten sie zu einem Altar. Die Schriftzeichen darauf waren alt. Sehr alt. Althea und Archon beugten sich gemeinsam über die Inschriften. Mehrfach mussten sie einzelne Zeichen vergleichen. Vermutungen anstellen. Neu beginnen. Langsam ergaben die Fragmente einen Sinn. "Roglima hatte recht", murmelte Archon schließlich. "Das hier erwähnt tatsächlich den alten Zwergenkönig." Hinter dem Altar fanden sie eine kleine Krypta. Mehrere Steinsarkophage standen dort in stillen Reihen. Keiner von ihnen sprach laut. Die Zwerge schlugen Zeichen Angroschs. Althea jene Borons. Dann ließen sie die Toten wieder allein.
Am Ende eines langen Ganges erreichten sie schließlich eine weitere Treppe. Sie führte erneut nach unten. Noch tiefer in den Berg. Die vierte Ebene empfing sie mit Dunkelheit. Hier brannten keine ewigen Fackeln mehr. Althea beschwor eine Lichtkugel und ließ sie einige Schritt vor der Gruppe schweben. Langsam glitt der Schein durch die Schwärze. Die Wände hatten sich verändert. Die roten Ziegel kannten sie bereits von den oberen Bereichen der Binge. Doch hier wirkten sie anders. Sorgfältiger. Kunstvoller. Die Fliesen glänzten selbst nach Jahrhunderten noch schwach im Licht.
Keldi deutete auf Symbole, die in regelmäßigen Abständen in die Wände eingelassen waren. Angroschs Zeichen. Immer wieder. Archon betrachtete die Markierungen nachdenklich. "Wenn es hier tatsächlich ein Heiligtum geben sollte", sagte er schließlich, "dann kommen wir ihm näher." Niemand widersprach.
Die Luft schien wärmer geworden zu sein. Nicht viel. Aber genug, um aufzufallen. Sie folgten den Zeichen einen langen Gang hinab. Und gelangten schließlich in eine große Halle. In ihrer Mitte befand sich ein großes Wasserbecken. Darüber erhob sich ein kunstvoll gearbeitetes Pavillondach. Für einige Augenblicke standen sie einfach da und betrachteten den Ort. Dann runzelte Hurdin die Stirn. Zwischen den steinernen Verzierungen hatte er etwas gesehen. Ein Gesicht. Verzerrt. Grotesk. Nicht das Gesicht einer Statue. Das Gesicht eines Wasserspeiers. Im selben Augenblick löste sich die Kreatur mit einem Krachen aus dem Stein.
Sie sprang. Direkt auf Hurdin zu. Der Aufprall warf ihn beinahe zu Boden. Die anderen wollten ihm zu Hilfe eilen. Doch links und rechts des Beckens lösten sich weitere Gestalten aus dem Mauerwerk. Stein splitterte. Flügel entfalteten sich. Krallen scharrten über die Fliesen. Der Kampf war zäh. Mehr als einmal mussten die Zwerge ihre Stellung wechseln. Althea schleuderte Feuer. Tondar fluchte. Furka schlug mit bemerkenswerter Begeisterung auf alles ein, was Flügel hatte. Als schließlich wieder Ruhe einkehrte, lagen die Wasserspeier zerbrochen zwischen den Trümmern ihrer eigenen Verkleidungen.
Nur Hurdin hatte einige Blessuren davongetragen. Archon versorgte schweigend die Wunden. Währenddessen betrachtete Althea das dunkle Wasser hinter dem Beckenrand. Das Licht ihrer Kugel spiegelte sich auf der Oberfläche. "Ein Ort für rituelle Waschungen", mutmaßte Archon. Die Zwerge wechselten Blicke. Dann sahen sie wieder zu den zerstörten Wasserspeiern. Niemand sprach den Gedanken aus. Aber offenbar hatten die Erbauer dieses Ortes ihre Waschungen sehr ernst genommen.
Hinter der Halle setzte sich der Weg fort. Ein schmaler Kanal begleitete den Gang. In seinem Bett glitzerten kleine Rinnsale, die zwischen den roten Ziegeln hindurch ihren Weg suchten. Das Wasser war klar. Und kalt. Sie folgten dem Kanal tiefer in die Ebene. Die Zeichen Angroschs begegneten ihnen weiterhin in regelmäßigen Abständen. Mal kunstvoll in die Wände eingearbeitet. Mal nur als schlichte Reliefs.
Die Luft wurde wärmer. Nicht unangenehm. Aber merklich. Nach einiger Zeit weitete sich der Gang erneut. Vor ihnen lag ein rundes Loch, das von einer fein gemeißelten Brüstung eingefasst war. Vorsichtig traten sie näher. Althea ließ ihre Lichtkugel hinabgleiten. Tief unter ihnen glomm Gestein. Rot. Orange. Gelb. Wie die Glut einer gigantischen Esse. Die Wärme stieg ihnen entgegen.
Archon zog sein Notizbuch hervor. "Wasser und Feuer", murmelte er. "Was?", fragte Furka. "Wasserbecken. Kanäle. Jetzt das." Er deutete in die Tiefe. "Ein Kultort." Die Feder kratzte über das Pergament. "Wasser und Feuer." "Du schreibst wirklich alles auf." "Jemand muss es tun." Furka dachte kurz darüber nach. "Gut, dass ich das nicht bin." Sie zogen weiter.
Und schließlich erreichten sie die große Halle. Zunächst bemerkten sie nur die Größe des Raumes. Dann die Gestalten. Körper. Dutzende. Durcheinanderliegend. Über den Boden verstreut. Einige in Rüstungen. Andere nur in Lumpen. Althea verlangsamte ihre Schritte. Hurdin ebenfalls. Die Gruppe bewegte sich vorsichtig weiter. Zwischen den Leibern hindurch. Keiner sprach. Niemand berührte etwas. Dann öffnete sich ein Auge. Ein zweites. Ein drittes. Ein knochiger Arm stemmte sich vom Boden hoch. Metall schabte über Stein. Ein Zwerg erhob sich. Dann noch einer. Und noch einer. Zwischen ihnen richteten sich andere Gestalten auf. Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Untote Zwerge. Untote Krieger. Ehemalige Feinde. Jetzt vereint. Gegen die Lebenden.
"Bei Angrosch", murmelte Keldi.
Dann war keine Zeit mehr zum Reden. Der erste Untote erreichte sie. Die Gruppe versuchte ein Karree zu bilden. Doch der Angriff kam von allen Seiten. Althea wurde zurückgedrängt. Ein Schwert fuhr an ihr vorbei. Sie hob die Hand. Feuer brach aus ihren Fingern hervor. Der erste Untote ging brennend zu Boden. Ein zweiter trat über ihn hinweg. Hurdin kämpfte Schulter an Schulter mit Keldi. Tondars Axt beschrieb kurze, harte Bögen. Furka verschwand beinahe vollständig zwischen den Gegnern und tauchte immer wieder dort auf, wo ihn niemand erwartet hätte. Archon hielt sich zurück. Schleuderte einen Wurfdolch. Versuchte vor allem nicht erschlagen zu werden.
Der Kampf zog sich. Länger als ihnen lieb war. Schließlich fiel der letzte Untote. Die Halle wurde still. Wieder. Die Toten lagen dort, wo sie gefallen waren. Zwergenknochen neben menschlichen Gebeinen. Feinde im Leben. Verbündete im Tod. Althea lehnte sich schwer atmend gegen eine Wand. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Mit leicht zitternden Fingern zog sie eine Phiole hervor. Der Inhalt leuchtete kurz auf, als sie ihn trank.
Archon kniete bereits neben Hurdin. Dann bei Tondar. Dann bei Keldi. Wirselkraut wechselte den Besitzer. Verbände wurden angelegt.
Währenddessen wanderte Furka durch die Halle. Neugierig wie immer. Er hob einen Zweihänder auf. Die Klinge war schwer. Gut gearbeitet. Er wog sie in den Händen. "Mittelreichische Arbeit." Die anderen blickten auf. "Das ist nicht von hier." Er legte das Schwert wieder beiseite. Dann blieb er plötzlich stehen. "Althea." Sie trat zu ihm.
Zwischen den Gefallenen lag eine weitere Gestalt. Die Reste eines ledernen Ornats waren noch erkennbar. Ein Angroschpriester. Althea schlug schweigend ein Boronsrad. Währenddessen betrachtete Furka etwas, das die Leiche um den Hals getragen hatte. Ein steinernes Medaillon. Er drehte es im Licht. Hammer und Amboss. Schlicht. Aber kunstvoll gearbeitet. "Hammer und Amboss", sagte er leise. Fast zu sich selbst. Dann blickte er zu Hurdin. "Ich glaube, du solltest das nehmen." Hurdin sah überrascht auf. Nahm das Medaillon. Betrachtete es einen Moment. Dann legte er es sich um den Hals. Niemand kommentierte die Entscheidung. Aber irgendwie wirkte sie richtig.
Während die anderen ihre Ausrüstung sammelten, blieb Furka noch vor einem großen Rad stehen. Nachdenklich. Fast misstrauisch. Hurdin bemerkte den Blick. Und behielt ihn vorsichtshalber im Auge. Für alle Fälle.
Sie fanden den Ausstieg zum Kamin. Für einen Moment standen sie vor dem Schacht und blickten hinauf. Das Dunkel verlor sich irgendwo weit über ihnen.
Dann wandten sie sich wieder dem Kanal zu. Das Wasser glitzerte im Licht der Kugel. Die roten Ziegel reflektierten den Schein matt. Und irgendwo vor ihnen wartete die nächste Ebene.
Der Gang führte sie tiefer in die Dunkelheit. Dann stiegen sie eine weitere Treppe empor. Vor ihnen öffnete sich eine Halle von solcher Größe, dass selbst die Zwerge zunächst verstummten. Dunkles Wasser erstreckte sich über weite Teile des Raumes. Die Lichtkugel glitt hinaus. Immer weiter. Und zeigte doch nie das Ende der Halle. Zwischen ihnen und dem Wasser verlief ein fein gearbeitetes Eisengitter. Die Gruppe folgte dem Rand. Vorbei an mächtigen Säulen. Vorbei an Treppen, die ins Wasser hinabführten. Vorbei an endlosen Spiegelungen. Die Halle schien kein Ende nehmen zu wollen. Schließlich erreichten sie eine gegenüberliegende Treppe. Die Zwerge blickten auf die schwarze Wasserfläche hinaus. Niemand wirkte begeistert.
Althea trat näher. Murmelte einige Worte. Ihre Augen verengten sich. "Moment." Sie blickte ins Wasser. "Da." Niemand erkannte etwas. Althea schulterte ihr Gepäck ab und drückte es Furka in die Arme. "Pass darauf auf." Dann stieg sie die Treppe hinunter. Und watete ins Wasser. Zunächst reichte es ihr bis zu den Knöcheln. Dann bis zu den Knien. Dann bis zur Hüfte. Schließlich stand sie so tief, dass jedem der Zwerge das Wasser längst über den Kopf gegangen wäre.
Keldi verschränkte die Arme. Tondar blickte auf die Wasseroberfläche. Hurdin versuchte zu erkennen, wonach sie suchte. Furka schaute ihr einen Moment nach. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Eine Erkenntnis. Ein Gedanke. Eine Idee. Was bei Furka meist dasselbe war.
Er drückte Hurdin Altheas Gepäck in die Arme. Nahm Keldis Fackel. "Archon, komm." "Warum?" "Weil ich recht habe." "Das beantwortet die Frage nicht." Doch Furka war bereits unterwegs. Archon seufzte. Und folgte.
Althea bemerkte davon nichts. Sie bewegte sich langsam durch das Wasser. Blieb stehen. Tauchte unter. Kam wieder hoch. Schüttelte die nassen Haare aus dem Gesicht. Tauchte erneut. Umrundete den Bereich zwischen den Treppen. Keldi und Hurdin wechselten Blicke. Tondar kratzte sich am Bart. Nichts geschah. Dann erklang ein Ruf.
Althea tauchte auf. In ihrer Hand hielt sie etwas. Ein altes ledernes Bündel. Wasser tropfte davon herab. "Was zum..." Sie watete zurück. Die anderen beugten sich vor. Es war ein Wasserschlauch. Ein gewöhnlicher Wasserschlauch. Zumindest auf den ersten Blick. Althea schüttelte den Schlauch. Wasser ergoss sich heraus. Und floss. Und floss weiter. Und hörte nicht auf. Die Gruppe starrte auf den Schlauch. Das Wasser plätscherte auf die Oberfläche. Noch immer. Und noch immer.
Althea hob die Augenbrauen. Dann verschloss sie den Schlauch wieder.
Im selben Augenblick geschah etwas. Ein tiefes Gurgeln erfüllte die Halle. Die Wasseroberfläche begann sich zu bewegen. Dann sank der Wasserspiegel. Langsam. Aber unübersehbar. Strudel bildeten sich. Wasser floss ab. Die Halle begann sich zu leeren. Althea starrte auf den Schlauch in ihrer Hand. Dann auf das verschwindende Wasser. Dann wieder auf den Schlauch. "Nenn mich Latte, aber..." Sie hob ihn gegen das Licht. Der Schlauch war wieder prall gefüllt. Als hätte sie niemals einen Tropfen daraus gegossen.
Hurdin und Keldi blickten auf die sinkende Wasserfläche. Tondar blickte auf den Schlauch. Niemand sagte etwas.
In diesem Moment erschien Furka wieder auf der Balustrade. Archon hinter ihm. Etwas verschwitzt. Etwas staubig. Und deutlich weniger begeistert. "Wusst ich's doch", brummte Furka zufrieden. "Was?", fragte Althea. "Dass da ein Mechanismus sein muss." Er nickte in Richtung der unteren Ebene. "Großes Rad. Schöne Konstruktion. Hat sich kaum bewegt. Jetzt schon." Archon zog sein Notizbuch hervor. "Furka hat tatsächlich ein funktionierendes Entwässerungssystem gefunden." "Natürlich habe ich das."
Althea blickte auf den Wasserschlauch. Dann auf die sinkende Wasserfläche. Dann wieder auf den Wasserschlauch. Der Schlauch fühlte sich schwer an. Magisch. Mächtig. Und ausgesprochen verdächtig. Furka pfiff leise vor sich hin. Archon schrieb. Der Wasserspiegel sank weiter. Und irgendwo zwischen beiden Erklärungen blieb die Wahrheit angenehm unentschlossen.
Als Althea schließlich die Treppe wieder hinaufstieg, hielt sie den Schlauch noch immer in den Händen. Nachdenklich. Sehr nachdenklich. Sie betraten die freigelegte Halle. Die Fliesen glänzten feucht. Zwischen den gewaltigen Säulen suchten sie nach einem Weg. Zunächst fanden sie nichts. Dann umrundeten sie einen der Pfeiler. Und entdeckten eine massive eiserne Platte im Boden. "Eine Luke?" Hurdin kniete sich nieder.
Die Platte bewegte sich keinen Fingerbreit. Furka grinste. Und zog sein Brecheisen hervor. "Jetzt wird's interessant. "Mit vereinten Kräften stemmten sie die Platte auf. Darunter führte eine steinerne Treppe nach unten. Noch tiefer. Zur letzten Ebene der Binge.
Und als sie die ersten Stufen hinabstiegen, begann das Licht ihrer Kugel sich tausendfach in etwas zu spiegeln, das weit unten in der Dunkelheit wartete.

