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Zwerge am Svellt
#36
Zwerge am Svellt #37

Furka spähte die Röhre hinauf. Hurdin stand an seiner Seite, Keldi hinter ihnen. Althea reckte das Licht ihres Stabes in die Dunkelheit und wusste Tondars beruhigende Präsenz unmittelbar hinter sich. Archon bildete wie so oft das Ende der Gruppe. Der Gang wand sich stetig durch das Gestein. An manchen Stellen glänzten die Wände noch feucht vom letzten Wetter.

"Vielleicht Teil der natürlichen Entwässerung", bemerkte Hurdin und strich mit den Fingern über den Fels. "Es würde mich aber nicht wundern, wenn wir bald auf einen Kamin stoßen." Althea antwortete nicht. Sie dachte noch immer an den verschütteten Eingang hinter ihnen. An das Krachen. An die Staubwolke. An mehrere Tonnen Berg, die nun zwischen ihnen und der Oberfläche lagen.

Einige Gangwindungen später blieb Furka stehen. Vor ihnen endete die natürliche Röhre abrupt an einer sauber gearbeiteten Steinwand. In deren Mitte lag ein quadratischer Durchgang. Dahinter verlor sich ein Schacht in die Dunkelheit. Und links und rechts steckten eiserne Steigeisen im Fels. "Wusst ich es doch!" Furka grinste.

Der Schacht verschwand sowohl nach oben als auch nach unten in der Schwärze. Nur unterhalb der Öffnung fehlten die Steigeisen. "Natürlicher Kamin", urteilte Hurdin. "Aber ausgebaut. Und offenbar nur nach oben nutzbar." Sie seilten Furka an den Hüften an und ließen ihn einige Schritt hinab. Eine Weile hörten sie nur das Scharren seiner Stiefel. Dann erklang seine Stimme: "Hier ist nur Dunkelheit!" "Das hilft ungemein", bemerkte Archon trocken. Kurz darauf zog man Furka wieder nach oben.

Sie überprüften ihre Ausrüstung, zogen die Gurte fest und begannen den Aufstieg. Die Steigeisen waren alt, aber stabil. Schritt um Schritt arbeiteten sie sich empor. Der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Als letzter stieg Archon. Irgendwann hielt er inne und blickte in die Tiefe unter sich. Das Licht Altheas war längst nur noch ein schwacher Schimmer. Darunter lag nichts als Schwärze. Wie ein Blick in die Unterwelt einer pailischen Tragödie, dachte er. Dann kletterte auch er weiter.

Nach einiger Zeit erreichten sie einen weiteren Durchgang. Dahinter lag ein gemauerter Gang. Hurdin kniete sich nieder und klopfte mit dem Axtstiel auf den Boden. "Gebrannte Ziegel." Keldi zog die Nase kraus. "Und Staub." Furka hatte den Kopf bereits wieder in den Schacht gesteckt. "Es geht weiter nach oben." Sie standen einen Moment schweigend da. "Höflich wäre es, durch die Vordertür zu kommen", meinte Keldi schließlich. "Riecht hier jemand Gold?" Furka blickte hoffnungsvoll in die Runde. Niemand antwortete.

Also kletterten sie weiter. Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich ein weiterer Ausgang. Diesmal führte er in einen grob behauenen Stollen. Schwere Bohlen stützten das Gestein. Im Licht des Stabes waren links und rechts weitere Gänge zu erkennen. Hurdin sog die Luft ein. "Eisenerz." Er runzelte die Stirn. "Und Kohle." Furka schnupperte ebenfalls. "Silber?" Er klang beinahe enttäuscht. "Es geht noch weiter nach oben."

Also ging es weiter nach oben. Später erreichten sie einen Gang aus sauber behauenem Granit. Dann einen weiteren. Immer wieder verschwand der Kamin in der Dunkelheit über ihnen. Immer wieder entschieden sie sich für den Aufstieg. Schließlich verschwand Furka erneut nach oben. "Da ist ..." Er winkte. Althea streckte den Stab in den Schacht. "Eine Platte?" "Moment." Furka verschwand außer Sicht. Althea trat unwillkürlich näher an den Schacht. "Sei vorsichtig." Keine Antwort. Nur Geräusche. Dann erschien Furkas Kopf wieder. Mit einem breiten Grinsen. Und einem Schlüssel in der Hand. "Der hing da oben an einem Haken." Er hielt ihn hoch. "Klassiker."

Eine Weile sagte niemand etwas. Dann räusperte sich Keldi. "Nun ja." Er blickte den Granitgang hinunter. "Jetzt wo wir schon hier sind ..." Althea schnippte mit den Fingern. Über ihrer Hand entstand eine Lichtkugel. Langsam glitt sie den Gang entlang. Fort. Fort. Weiter in die Dunkelheit. In die Tiefe der Binge.

Die vor ihnen liegenden Gänge waren sauber mit granitenen Steinblöcken verkleidet. Ein langer Gang. Eine Tür. Eine weitere Abzweigung. Dahinter wieder Dunkelheit. Das Licht der Kugel glitt lautlos voraus und verschwand Stück für Stück in der Ferne. Sie folgten ihr. Die Luft war trocken. Staub lag auf den Böden. Nicht der Staub von Jahren. Der Staub von Jahrhunderten. Bald erreichten sie eine große Halle. An deren Ende stand ein gewaltiges Portal. Die Torflügel waren geschlossen. Hurdin prüfte die Angeln. Furka das Schloss. Althea versuchte sich an einigen Zaubern.

Nichts. Das Tor blieb unbewegt. "Wir kommen hier nicht mehr raus." Althea betrachtete die mächtigen Steinflügel mit wachsendem Misstrauen. Die Zwerge zuckten die Schultern. Die Feststellung schien sie weit weniger zu beunruhigen als sie.

Sie wandten sich ab und erkundeten weitere Gänge. Wenig später fiel das Licht auf etwas Helles. Ein Skelett. Es saß an einer Wand. Die Knochen halb von Staub bedeckt. Die leeren Augenhöhlen blickten in die Dunkelheit. Althea blieb stehen. "Dem ging es genauso wie uns." Niemand widersprach. Sie ließen die Gebeine zurück.

Der nächste Raum erwies sich als kleiner Kultraum. In der Mitte standen mehrere Feuerbecken. In einem davon glomm noch immer rote Kohle. Furka blinzelte. Dann blinzelte er noch einmal.

"Da liegt etwas." "Furka." "Da liegt wirklich etwas!" Schon kniete er am Beckenrand. "Furka." Zu spät. Mit einem triumphierenden Laut griff er in die Glut. Und stieß unmittelbar darauf einen Schrei aus, der vermutlich bis nach Hiltorp zu hören gewesen wäre. Er sprang zurück. Wedelte mit beiden Händen. Fluchte. Fluchte noch etwas mehr.

Während Archon mit erstaunlicher Gelassenheit Verbände auspackte, trat Hurdin an das Becken. Er griff in die Kohlen. Und zog einen Ring heraus. "Er ist ganz kühl." Furka starrte ihn an. "Das ist mein Ring." "Dein Ring?" "Ich habe ihn gefunden!" "Mit den Händen." "Das war der Plan!"

Archon wickelte schweigend einen weiteren Verband um Furkas Finger. Die Diskussion war damit beendet. Vorläufig.

Da Furka nun mit eingepackten Händen herumlief und seine Dietriche nicht mehr vernünftig benutzen konnte, übernahm Hurdin notgedrungen die Führung. Keldi neben ihm. Althea dahinter. Furka unmittelbar hinter Althea, wo er jedem ungefragt erklärte, dass der Ring eigentlich ihm gehöre.

Die Binge zeigte sich wenig beeindruckt.

Sie fanden eine verschiebbare Wand. Dahinter eine Nische. Nichts weiter. Weitere Türen. Weitere Gänge. Weitere Kammern. Dann ein Schloss. Furka schob Hurdin mit einer vielsagenden Grimasse Dietriche und Schlüsselbund zu. Hurdin knurrte etwas. Dann öffnete sich das Schloss beim ersten Versuch.

Dahinter lag eine große Säulenhalle. Ein Altar erhob sich im Zentrum. Sie umrundeten die Säulen. Betrachteten die Wände. Die Verzierungen. Die Steinmetzarbeiten. Und standen schließlich wieder vor dem Altar.

Hurdin blieb stehen. Reglos. Keldi trat neben ihn. Sagte nichts. Auch die anderen verstummten nach und nach. Etwas lag über diesem Ort. Etwas Schweres. Etwas Altes. Etwas Ehrwürdiges. Die Zwerge traten vor und legten Opfergaben nieder. Selbst Althea zog schließlich einige Münzen hervor. Hurdin bewegte sich nicht. Die Zeit verstrich. Dann legte Keldi ihm die Hand auf die Schulter. Hurdin blinzelte. Als würde er aus einem Traum erwachen.

"Nun?" Einen Moment schwieg er. "Ich war in einer Halle." "Was für einer Halle?" Hurdin sah auf den Ring an seiner Hand. "Tief unter dem Berg." Er suchte nach Worten. "Dort war jemand." "Jemand?" "Ein Diener Angroschs." Seine Stimme wurde leiser. "Wir haben geschmiedet." Furka runzelte die Stirn. "Was?" "Ein Schwert." Hurdin blickte auf den Altar. "Immer wieder dasselbe Schwert."

Niemand sagte etwas. Der Ring blieb an seinem Finger. Und als sie den Altarraum verließen, nahm Hurdin ihn nicht mehr ab.

Wenig später erreichten sie ein Relief Ingerimms. So kunstvoll gearbeitet, dass selbst die Zwerge innehielten. Vor dem Relief steckte eine Fackelhalterung. Althea entzündete die Fackel. Einen Augenblick geschah nichts. Dann. Plötzlich. Erwachten überall auf der Ebene Feuer. Links. Rechts. In den Gängen. In den Hallen. An den Wänden. Dutzende Fackeln begannen gleichzeitig zu brennen. Flammen, die sich nicht verzehrten. Flammen, die offenbar seit Jahrhunderten auf diesen Moment gewartet hatten. Und irgendwo. Tief im Berg. Schlug ein gewaltiger Hammer auf einen Amboss. Ein einziges Mal. Der Klang rollte durch die Hallen. Durch die Gänge. Durch den Fels. Dann wurde es wieder still.

Niemand sprach. Eine Weile hörten sie nur ihr eigenes Atmen. Und das Knistern der ewigen Flammen. Sie folgten den nun erleuchteten Gängen weiter. Die Fackeln warfen warmes Licht auf den Granit und vertrieben einen Teil der Finsternis, die bis dahin über der Binge gelegen hatte. Doch die Hallen blieben verlassen. Kein Schritt. Keine Stimme. Kein Schlagen von Werkzeug. Nur ihre eigenen Geräusche begleiteten sie. Bald erreichten sie ein großes Werkzeuglager. Regale zogen sich an den Wänden entlang. Haken. Kisten. Werkbänke. Alles ordentlich. Alles verlassen. Und alles so, als hätten die Bewohner ihre Arbeit erst vor wenigen Tagen niedergelegt.

Hurdin entschied sich für eine schwere Eisenkette. Keldi nahm eine Schaufel. Althea ein Zunderkästchen und einige Fackeln. Tondar legte sich ein neues Seil über die Schulter. Archon steckte mit einem Blick auf Furka ein weiteres Set Dietriche ein. "Auf alle Fälle." Furka nickte anerkennend. Selbst mit verbundenen Händen hielt er an seinem Grundsatz fest: "Wenn es keinen Schlüssel gibt, helfen Dietriche. Und wenn die nicht helfen, hilft ein Brecheisen." Kurz darauf hatte er auch eines gefunden.

Die weitere Erkundung bestätigte ihren bisherigen Eindruck. Dies schien der obere Bereich einer großen Binge gewesen zu sein. Ein Schrein Ingerimms. Werkzeuglager. Ausrüstungskammern. Arbeitsräume. Alles deutete auf eine Bergwerksanlage hin. Die Schlösser wurden allerdings zunehmend widerspenstig. Mehr als einmal rutschte Hurdin mit den Dietrichen ab. Einige Truhen öffneten sich erst nach mehreren Versuchen.

Vor einer besonders verrosteten Truhe blieb er schließlich stehen. Betrachtete das Schloss. Betrachtete die Truhe. Betrachtete den Kraftgürtel an seiner Hüfte. Dann trat er den Deckel ein. "Auch eine Methode", bemerkte Archon. "Hat funktioniert." "Das Schloss ist jetzt jedenfalls offen." "Siehst du." Im Inneren fanden sie Vorräte. Alchimistische Zutaten. Dokumente. Werkzeuge. Und Ausrüstung von erstaunlicher Qualität. Während Archon bereits begann, Pergamente und Aufzeichnungen zu sichten, durchstöberten die anderen die verbliebenen Truhen.

Ganz unten, sorgsam in Öltuch eingeschlagen, fanden sie schließlich zwei weitere Gürtel. Breite Glieder. Fein gearbeitete Bronze. Goldschimmernd im Licht der ewigen Fackeln. Kraftgürtel. Eine Weile betrachteten sie schweigend die Handwerkskunst. Dann nahm Keldi einen der Gürtel. Zog Furka an sich heran. Und legte ihn ihm um. Furka blinzelte. "Für mich?" "Du würdest ihn sonst sowieso nehmen." "Ein überzeugendes Argument." Den zweiten Gürtel legte Keldi sich selbst an. Althea beobachtete, wie die beiden probeweise einige Kisten anhoben. Dann wieder absetzten. Dann dieselben Kisten noch einmal anhoben. Mit deutlich zufriedeneren Gesichtern.

Währenddessen hatte Archon sich über mehrere Dokumente gebeugt. Die Finger am Kinn. Den Blick konzentriert. Irgendwann winkte er Althea näher. Sie verbrachten eine Weile über den alten Aufzeichnungen. Namen. Lieferlisten. Hinweise auf Werkstätten. Fragmente einer längst vergangenen Ordnung. Als ihre Augen müde wurden, richteten sie in einer kleinen Kammer ihr Lager ein. Sie aßen von ihrem Proviant. Tranken aus ihren Wasserschläuchen. Tondar saß auf einer Truhe und wetzte seinen schweren Dolch. Nach einiger Zeit betrachtete er kritisch die Schneide. Dann den Schleifstein. Dann Furka. Schließlich gab er beides kommentarlos zurück. Furka nestelte inzwischen an seinen Verbänden herum. Immer wieder. Mit wachsender Ungeduld. Hätte Althea nicht mit Archon über den Dokumenten gesessen, hätte er vermutlich einen deutlich strengeren Blick geerntet.

Nach und nach wurde es still. Einer nach dem anderen lehnte sich an die Wände. Schloss die Augen. Nickte ein. Nur Keldi blieb wach. Die Arme vor der Brust verschränkt. Den Blick auf die Tür gerichtet. Irgendwann weckte er die anderen. Wie viel Zeit vergangen war, wusste niemand genau. Furka gähnte gewaltig. Althea rieb sich die Augen. Hurdin überprüfte den Sitz seines Ringes. Dann brachen sie wieder auf.

Ein Stück weiter führte eine Treppe nach unten. Die nächste Ebene empfing sie mit denselben granitverkleideten Wänden. "Nicht edel", stellte Hurdin fest und klopfte mit dem Axtgriff gegen den Stein. "Aber funktional." Lange Gänge erstreckten sich vor ihnen. Weitere Kammern. Weitere Regale. Weitere Truhen. Und Furka begann, sich mit wachsender Begeisterung für alles zu interessieren, was man möglicherweise irgendwann einmal gebrauchen konnte. "Jetzt kann ich tragen, soviel ich möchte." Niemand widersprach.

Sie fanden weitere Waffenkammern. Äxte. Schilde. Helme. Zwei weitere Kraftgürtel. Und schließlich etwas, das die Zwerge beinahe noch mehr erfreute. Stiefel. Zwergengröße.

Althea betrachtete die fünf Zwerge. Die breiten Gürtel glänzten im Licht der Fackeln. Die schweren Waffen an ihren Seiten. Die neuen Stiefel. Die wetterfesten Umhänge. Elfenumhänge und Zwergengürtel. Martialisch. Aber nicht ohne Chic. Wie man in Vinsalt sagen würde.

Tiefer in der Ebene fanden sie weitere Türen. Weitere Räume. Weitere verschlossene Durchgänge. Und schließlich eine Tür, die sich weder durch Schlüssel noch durch Dietriche noch durch Magie bewegen ließ. Nichts deutete darauf hin, dass hier in jüngerer Zeit jemand gewesen war. Aber ebenso wenig deutete etwas auf Verfall hin. Die Binge wirkte verlassen. Nicht zerstört. Als warte sie.

Am Ende eines langen gewundenen Ganges öffnete sich schließlich eine größere Kammer. Sie traten ein. Und unmittelbar hinter ihnen senkte sich mit einem dumpfen Grollen ein Granitblock. Der Rückweg war versperrt.

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann begann Furka zu grinsen. "Jetzt wird es interessant." Furka behielt recht. Während die anderen bereits begonnen hatten, den Raum genauer zu untersuchen, hatte er sich vor einem seltsamen Konstrukt an der Ostwand niedergelassen. Hebel. Lager. Zahnräder. Verrostete Achsen. Ein Mechanismus. Und damit etwas, das Furka für gewöhnlich als persönliche Einladung verstand. "Das bewegt etwas", verkündete er nach wenigen Augenblicken. "Sehr gut", sagte Archon. "Was?" "Dass es etwas bewegt." "Woher weißt du das?" "Weil du sonst nicht so aussiehst." Furka schien darüber einen Moment nachzudenken. Dann nickte er. "Stimmt." Während die übrigen sich an den Wänden niederließen, begann Furka damit, seine Taschen auszuräumen. Mit jeder Minute kamen mehr Gegenstände zum Vorschein. Schrauben. Stifte. Haken. Drahtstücke. Ein kleiner Hammer. Eine Zange. Ein halbes Dutzend Dinge, deren Zweck vermutlich nur ihm bekannt war.

"Du schleppst wirklich alles mit." "Man weiß nie." Nach kurzer Zeit hatte er bereits eine improvisierte Kurbel gefertigt. Wenig später arbeitete er zusammen mit Archon an einem freigelegten Getriebe. Flüche hallten durch die Kammer. Metall klirrte. Einmal verschwand Furka beinahe vollständig im Inneren des Mechanismus. Dann trat plötzlich Ruhe ein. Die anderen hatten inzwischen gegessen. Geruht. Und waren teilweise wieder eingenickt.

Da ertönte ein triumphierender Ruf. "Geschafft!" Alle fuhren hoch. Furka stand vor dem Mechanismus. Die verbundenen Hände erhoben. Das Gesicht voller Ruß. Und so zufrieden wie ein Zwerg nur sein konnte. Hurdin trat vor. Packte die Kurbel. Und begann zu drehen. Zunächst geschah nichts. Dann ein Knirschen. Ein Quietschen. Irgendwo im Berg setzte sich etwas in Bewegung. Die Wände zitterten leicht. Von fern war das Rollen schwerer Gegengewichte zu hören. Langsam hob sich ein Teil der gegenüberliegenden Wand.

Dahinter lag ein weiterer Gang. "Ich mag diese Binge", stellte Furka fest. Sie folgten dem neuen Weg. Bald erreichten sie Räume, die sich deutlich von allem unterschieden, was sie bisher gesehen hatten. Betten. Schränke. Truhen. Wandteppiche, die längst zu Staub zerfallen waren. Hier hatten einst wichtige Bewohner gelebt. Vielleicht Vorsteher. Vielleicht Meister. Vielleicht sogar Angehörige des Herrscherhauses. Doch nun war alles verlassen. Die Betten leer. Die Truhen geplündert oder verfallen. Nur Staub war geblieben.

Und ein Kobold.

Er saß plötzlich auf einem Schrank. Niemand hatte ihn kommen sehen. Niemand hatte ihn kommen hören. Er war einfach da. Und betrachtete die Gruppe mit sichtlichem Misstrauen. "Du bist kein Zwerg", stellte Furka fest. Der Kobold schien diese Beobachtung wenig hilfreich zu finden. Es folgte ein Gespräch, das Althea später nur noch bruchstückhaft wiedergeben konnte. Der Kobold war launisch. Sprunghaft. Und von einem Rätselspiel besessen, das offenbar weit älter war als die meisten Reiche Aventuriens. Das Rätselspiel war heilig. Das Rätselspiel war wichtig. Das Rätselspiel hatte Regeln. Und zu ihrem eigenen Erstaunen gewannen sie.

Daraufhin überreichte der Kobold ihnen einen großen verzierten Silberschlüssel. Dann verlor er schlagartig jedes Interesse an ihnen. Furka betrachtete den Schlüssel. "Praktisch." "Für was?" "Das werden wir herausfinden."

Tiefer in der Ebene veränderte sich der Charakter der Räume erneut. Werkstätten wichen Wohnquartieren. Lagerräume reihten sich an Schlafsäle. Vorräte standen noch immer in Regalen. Kisten waren aufgestapelt. Als hätten die Bewohner ihre Arbeit beendet und wollten jeden Moment zurückkehren. Tondar nahm einen der eingelagerten Kuchen auf. Betrachtete ihn skeptisch. Brach eine Ecke ab. Probierte. Dann verzog er das Gesicht. "Cram." Die anderen blickten auf. "Hält ewig", urteilte er. Er betrachtete das Gebäckstück erneut. "Schmeckt aber auch so." Selbst Furka verzichtete darauf, den Rest einzustecken.

Sie zogen weiter. Die Wohnräume wurden zahlreicher. Die Gänge enger. Die Decken niedriger. Und schließlich begegneten sie den ehemaligen Bewohnern. Zunächst hörten sie nur ein Scharren. Dann ein Knarren. Dann bewegte sich eine Gestalt auf einem Bett. Eine zweite richtete sich auf. Eine dritte. Untote Augen öffneten sich. Verrostete Äxte wurden erhoben.

Einen Augenblick lang schauten sich beide Seiten an. Dann brach das Handgemenge los. Der Kampf war kurz. Aber heftig. Als schließlich wieder Ruhe einkehrte, standen sie zwischen umgestürzten Betten und reglosen Leibern. Niemand sagte zunächst etwas. Hurdin betrachtete einen der Toten. Ein Zwerg. Ohne Zweifel. "Untote Zwerge." Niemand wusste, was man darauf antworten sollte.

Später. Viel später. Als sie bereits glaubten, auf dieser Ebene nichts Überraschendes mehr finden zu können, hallte plötzlich ein Geräusch durch die Gänge. Ein Hammerschlag. Dann ein weiterer. Und noch einer. Die Geräusche einer großen Schmiede. Sie kamen aus der Tiefe des Berges. Rollten durch die Hallen. Verstummten wieder. Und hinterließen eine eigentümliche Stille. Wie einen Nachhall. Wie eine Erinnerung. Die Gruppe lauschte noch eine Weile. Dann blickten sie einander an. Und gingen weiter. Denn irgendwo vor ihnen wartete die nächste Treppe. Und die nächste Ebene der Binge.

Als sie sie schließlich erreichten, führte sie hinab in die Dunkelheit. Noch tiefer unter den Finsterkamm. Noch weiter fort von der Welt der Lebenden. Und ohne zu zögern stiegen sie hinunter. Sie kamen unvermittelt auf eine Galerie hinaus. Vor ihnen erstreckten sich auf rohen Bohlen befestigte Eisenschienen. Und dahinter nichts. Die Halle verlor sich in die Tiefe. Althea ließ eine Lichtkugel entstehen und schickte sie vorsichtig über den Abgrund hinaus. Das Licht sank. Und sank weiter. Und verschwand schließlich. Die Tiefe verschluckte es. Niemand sagte etwas. Vor ihnen lag eine gewaltige Klamm im Inneren des Berges. Auf ihrer Seite zog sich ein hölzernes Gerüst an der Felswand entlang. Gegenüber erhob sich natürlicher Stein, durchzogen von Stollen und Eingängen, die von schweren Balken gestützt wurden. Hurdin sog hörbar die Luft ein.

Das Gerüst knarrte unter ihrem Gewicht. Furka trat bis an den Rand. Tondar stellte sich unmittelbar neben ihn. Mit genau jenem Blick, der deutlich machte, dass Furka besser keine Dummheiten machen sollte. Archon betrachtete derweil die Runen, die neben einigen der Stolleneingänge eingemeißelt waren. Jahrhundertealte Markierungen. Förderstollen. Belüftungsschächte. Lagerbereiche. Eine Sprache aus Symbolen und Stein. Sie folgten der Galerie zunächst nach links. Treppen führten hinunter. Andere wieder hinauf. Die Schienen begleiteten sie wie ein roter Faden. Nach einiger Zeit kehrten sie um und gingen in die andere Richtung.

Dort weitete sich die Galerie. Und schließlich erreichten sie eine Stelle, an der mehrere gewaltige Erzrutschen in die Tiefe führten. Althea trat vor. Sie hob den Stab. Leuchtete in die Dunkelheit. Ein Kiesel geriet unter ihren Fuß. Dann noch einer. "Althea—" Zu spät. Mit einem überraschten Laut verschwand sie. Geröll setzte sich in Bewegung. Steine polterten in die Tiefe. Hurdin versuchte noch nach ihr zu greifen. Verfehlte sie. Stieß eine sehr zwergische Bemerkung aus. Und sprang hinterher. Keldi breitete die Arme aus. "Nein." Die anderen hielten inne. Aus der Tiefe drangen Stimmen. Unverständliche Laute. Keine Schmerzensschreie. Kein Hilferuf. Das genügte. Sie orientierten sich kurz.

Dann liefen sie die Galerie entlang. Vorbei an den Schienen. Vorbei an einem Stollen. Bis sie eine Tür erreichten, die tiefer in den Berg führte. Kurz darauf fanden sie Althea. Sie stand in einer Halle. Und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Als wäre nichts geschehen. Hurdin kniete wenige Schritt entfernt vor einem Erzbrocken. "Eisenerz." Er drehte das Gestein in den Händen. "Reichhaltig." Furka warf einen Blick darauf. Zuckte die Schultern. Und verlor augenblicklich jedes Interesse.

Die Halle war mit grob gebrannten Ziegeln ausgekleidet. An der Rückwand reihten sich mehrere Türen aneinander. Sie wählten eine davon. Dahinter fanden sie große Essen. Schmieden. Werkbänke. Werkzeuglager. Eine ganze Verhüttungsanlage. Verlassen. Still. Staub bedeckte die Böden. Althea kratzte etwas Ruß aus einem Kamin. Hurdin betrachtete ihn. "Lang verlassen." Furka hob ein Werkzeug auf. Betrachtete den Rost. Legte es wieder zurück. "Nichts mehr wert." "Dennoch wurde hier viel gearbeitet", stellte Archon fest. Sein Blick glitt über die Hallen. "Sehr viel."

Sie verbrachten einige Zeit mit der Erkundung. Dann kehrten sie zur Galerie zurück. Diesmal folgten sie ihr weiter nach Westen. Der Weg führte auf und ab. Über Treppen. An Stollen vorbei. Immer tiefer in den Berg hinein. Schließlich entschieden sie sich, einen der Minengänge näher zu untersuchen. Hier war nichts mehr verkleidet. Keine Ziegel. Kein Granit. Nur roher Fels. Gewaltige Balken stützten die Decke.

Hurdin blickte einen Moment umher. Dann zeigte er schräg nach links. "Der Kamin müsste dort liegen." Althea blinzelte. Sie hatte längst vergessen, dass sie überhaupt einen Kamin hinter sich gelassen hatten. Die Zwerge offenbar nicht. Sie folgten den Stollen. Links. Rechts. Wieder rechts. Schutthaufen. Eingestürzte Gänge. Verlassene Förderstrecken. Und tatsächlich. Irgendwann erreichten sie den Kamin wieder. Hurdin nickte nur kurz. Als hätte er nie daran gezweifelt. Sie untersuchten einige Einsturzstellen. Packten Schaufeln aus. Räumten Geröll beiseite. Doch hinter jedem freigelegten Abschnitt zeigte sich nur mehr Dunkelheit. Mehr Stollen. Mehr eingestürzte Bereiche. Mehr Arbeit. Keine Antworten. Schließlich gaben sie auf.

Der Nachmittag war vergangen. Oder das, was Althea inzwischen für einen Nachmittag hielt. Unter Tage war die Zeit zu etwas Seltsamem geworden. Es gab keine Sonne. Keine Schatten. Keine Wolken. Nur Müdigkeit. Und Hunger. Und die Frage, wann man zuletzt geschlafen hatte. Als sie zur Galerie zurückkehrten, ließen sie sich am Eingang eines Stollens nieder.

Tondar runzelte die Stirn, als er den letzten Schluck aus seinem Wasserschlauch nahm. Keldi lehnte sich gegen die Wand. Archon notierte noch einige Beobachtungen. Althea streckte die Beine aus. Und Furka setzte sich an den Rand. Die Beine über dem Abgrund baumelnd. Er blickte in die Tiefe. Irgendwo tropfte Wasser. Irgendwo knarrte altes Holz. Die Schienen verschwanden in der Dunkelheit. Und weit unter ihnen lag noch immer der Grund der Klamm verborgen. Einer nach dem anderen schloss die Augen. Döste. Schlief. Tief unter dem Finsterkamm war die Zeit zu etwas Eigenem geworden.

Und noch immer führte der Weg weiter nach unten.
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