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Zwerge am Svellt
#31
Zwerge am Svellt #32

Althea klopfte mit der Spitze ihres Stabes gegen die Tür des Hauses von Dragan Escht. Einen Moment geschah nichts. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein einzelnes Auge musterte die Gruppe aufmerksam. Kurz darauf erschien Dragan selbst im Türrahmen und ließ den Blick langsam über die schwer gerüsteten Zwerge, die verschlissenen Elfenmäntel und schließlich zu Althea wandern.

"Eine Horde schwer gerüsteter Zwerge und eine Magierin mit tödlichem Augenaufschlag stehen vor meiner Tür..." Seine Lippen verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. "...Wollen die zu mir?"
Er hielt sich dabei auffällig so, dass er die Tür jederzeit hätte zuschlagen können.
Althea spazierte einfach an ihm vorbei.
"Geschäfte." Sie blickte über die Schulter zurück. "Kommt ihr?"
Dragan hob leicht die Brauen.
"Wie kann ich der Heldin von Thorwal einen Wunsch abschlagen..."
Er deutete eine kleine Verbeugung an und komplimentierte die Zwerge hinein, bevor er noch einmal prüfend die Straße hinunterblickte und die Tür hinter ihnen schloss.

Das Gespräch verlief anders als noch bei ihrer ersten Begegnung. Nicht freundlich. Nicht vertraut. Aber auf Augenhöhe. Althea schilderte knapp ihre Lage. Dass sie eine sichere Unterkunft in Lowangen benötigten. Dass sie sich frei in der Stadt bewegen mussten. Dass sie nicht vorhatten, die nächsten Wochen in irgendeinem Flüchtlingslager zu schlafen. Dragan hörte schweigend zu, die Fingerspitzen gegeneinandergelegt. Dann stellte er seine Bedingungen. Eine Brosche.
Selbstverständlich seine Brosche. Und selbstverständlich befand sie sich am anderen Ende der Stadt in einem verschlossenen Schauhaus in der Bunten Flucht.

Althea sah ihn einen langen Moment an. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Also gut." Dragan lächelte nur leicht. "Ich hatte gehofft, dass ihr vernünftige Leute seid."

"DAS wird einfach..." verkündete Furka wenig später mit breiter Brust, als sie das Haus wieder verließen. "Seltsame Bekanntschaften machen wir..." murmelte Archon leise am Ende der Gruppe. Keldi, Hurdin und Tondar zuckten nur mit den Schultern.

Sie machten sich wieder auf den Weg durch die engeren und leereren Gassen Svelltscheids, über den großen Marktplatz, vorbei an Magistrat und Markthalle und schließlich erneut über die Regenbogenbrücke zurück in die Bunte Flucht. Tondar ließ dabei keinen einzigen Gasseneingang unbeobachtet. Am Tsa-Tempel hielten sie kurz inne. Sie blickten die Straßen entlang. Nach links. Nach rechts. "Ich glaube dort..." sagte Archon schließlich und deutete auf ein höheres Gebäude einige Straßenzüge weiter. Das Schauhaus wirkte verlassen. Althea drückte die Klinke herunter. Nichts. Archon deutete wortlos auf ein kleines Schild hinter einer Fensterscheibe. 'Schauhaus bis auf weiteres geschlossen.' "Und nu?" fragte Furka. Die Gruppe sah sich an. "Naja..." meinte Althea schließlich trocken. "...ob wir jetzt stehlen oder einbrechen und stehlen, macht auch keinen Unterschied mehr."

Sie blickte den kleinen Platz entlang. "Vielleicht warten wir besser bis zur Dunkelheit." Also beobachteten sie zunächst die Umgebung. Sie prägten sich Wege ein, mögliche Fluchtrouten, Nebengassen und Hauseingänge. Danach zogen sie erneut durch die Bunte Flucht. Althea holte beim Tsa Tempel Erkundigungen ein. Sie besuchten Herbergen, schauten sich das Angebot des elfischen Kräuterhändlers nahe der Regenbogenbrücke an und wanderten scheinbar ziellos durch die Straßen. Doch überall hörten sie dieselben Gespräche.
Die Stadt ist belagert.
Niemand kommt hinaus.
Das Svellttal gehört den Orken.
Gegen Nachmittag kehrten sie nahe der Grenze zwischen Bunter Flucht und Neueydal im Svelltjepalast ein. "Den verdünnten Wein hier muss man einmal erlebt haben..." knurrte Furka und verzog angewidert das Gesicht nach dem ersten Schluck. Weitere Informationen erhielten sie jedoch auch dort nicht. Nur dieselbe Warnung wie überall: Man solle nicht in die Svelltsümpfe reisen. Ach ja.

Als die Sonne langsam tiefer sank, hielten sie sich betont unauffällig auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes vor dem Schauhaus auf. Furka tigerte ungeduldig auf und ab. Keldi, Hurdin und Tondar beobachteten schweigend die Zugänge des Platzes. Althea lehnte im Schatten an einer Wand und ließ den Blick immer wieder über Fenster, Dächer und Gassen gleiten. Dann wurde es dunkel.

Sie überquerten den Platz. Furka drängte sofort nach vorne, öffnete geschickt die seitlichen Fensterläden und schwang sich hinein. Einer nach dem anderen folgte ihm. Der Innenraum bestand aus einem einzigen großen Saal voller Staub, leerer Sockel und verblichener Stoffbahnen. Offenbar hatten hier einst Ausstellungsstücke gestanden. Sie begannen den Raum systematisch zu durchsuchen. Bis Keldi und Hurdin beinahe gleichzeitig gegen zwei Sockel stießen. Mit ohrenbetäubendem Krachen stürzten beide zu Boden. Die Gruppe erstarrte. Dann erklangen draußen Stimmen. Laternenlicht fiel durch die Fenster. Rüstungen klirrten. Und schließlich hallte eine Stimme durch die Nacht: "Wir wissen, dass ihr da drin seid! Kommt hinaus und stellt euch!" "Stadtgarde..." formten Furkas Lippen lautlos. "Fenster oder Tür?" flüsterte Keldi. Dann entschieden sie sich gleichzeitig.

Die Tür flog auf. Und sie liefen direkt in ein gutes Dutzend Gardisten hinein. Hurdin brach wie ein Rammbock durch die erste Reihe. Keldi und Furka wurden kurzzeitig festgehalten, während Althea und Tondar sich seitlich durch die Menge drängten. Das Ganze verwandelte sich augenblicklich in ein gewaltiges Handgemenge aus Flüchen, Schlägen, schrammenden Stiefeln und splitterndem Holz. Eine Zeitlang hielten die Gardisten tatsächlich dagegen. Dann löste sich die Gruppe plötzlich aus dem Gedränge und rannte. Um eine Ecke. Noch eine Ecke. Tondar entdeckte eine Tür an der Rückseite eines Gebäudes, riss sie auf und stürmte hindurch. Die anderen folgten sofort. Hurdin warf sich als letzter hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Dann drehten sie sich um. Und blickten in die Gesichter eines halben Dutzends ausnehmend attraktiver Damen.

Stille.

"Wer wird denn mit der Hintertür ins Haus fallen?" fragte schließlich eine große schwarzhaarige Frau, die sich als erste wieder fasste. Sie musterte die Gruppe aufmerksam. "Wir..." Althea rang noch nach Luft. "Aber das ist nicht, wofür ihr hier seid...", ergänzte die Schwarzhaarige. "Wir sind aus Versehen hier und wollten gerade wieder gehen..." setzte Althea erneut an. Draußen erklangen bereits wieder Stimmen und das Klirren von Waffen. Althea verstummte. Die Schwarzhaarige blickte erst zur Tür und dann wieder zur Gruppe, als ein schweres Pochen erschallte. "Also..." hauchte Althea und hob vorsichtig den Zeigefinger. Die Frau schob sie wortlos beiseite und öffnete die Tür. "Aber Herr Hauptmann..." schnurrte sie mit unschuldigem Lächeln. "...seid ihr nicht noch im Dienst?" Gedämpfte Stimmen. "Eine Gruppe Zwerge? Hier in der Bunten Flucht?" Sie lachte leise. "Nein, da müsst ihr sicher woanders suchen..." Kurzes Schweigen. "Wollt ihr nicht einen Moment verweilen?" Wenig später schloss sie die Tür wieder und stemmte die Hände in die Hüften. "So..." Ihr Blick glitt zu Furka, dessen Aufmerksamkeit inzwischen völlig woanders lag. "...wo ihr schon bleibt, ist das nicht umsonst." Ihre Lippen verzogen sich leicht. "Dafür ist der Wein hier nicht verdünnt." Sie verbrachten den Rest des Abends auf samtenen Sofas und bekamen ein Mahl serviert, wie sie es in Lowangen bislang noch nicht erlebt hatten.

Es war längst nach Mitternacht, als Althea schließlich einen schnarchenden Furka wachrüttelte. Eine leere Weinflasche fiel klirrend zu Boden. "Aufstehen." Furka murrte irgendetwas Unverständliches, ließ sich aber schließlich von ihr zur Hintertür zerren. Hurdin beobachtete das Ganze schweigend und schüttelte kaum merklich den Kopf. "Da gibt es EINMAL etwas Gutes..." brummte Furka beleidigt. Draußen war die Straße still. Sie spähten vorsichtig um die Ecke. Nichts. Dann schlichen sie erneut über den Platz. "Jetzt", hauchte Althea. Wieder stiegen sie durch dasselbe Fenster.

Das Erdgeschoss enthielt tatsächlich nichts von Wert. Also fanden sie schließlich eine schmale Treppe in einem Hinterzimmer und arbeiteten sich vorsichtig ins Obergeschoss vor. Dort durchsuchten sie mehrere Räume, bis sie schließlich einen Lagerraum voller Kisten und Kästen erreichten. Furka öffnete eine kleine Schatulle. Und grinste. In seiner Hand funkelte die Brosche. Dann machte er Anstalten sich sich weiter umzusehen.

"Könnten wir nicht einfach..." begann Furka.
"Nein."

Eine halbe Stunde später waren sie zurück bei den anderen und betrachteten gemeinsam das Schmuckstück im Schein einer einzelnen Lampe. Dann sank einer nach dem anderen in Schlaf. Am nächsten Morgen wurden sie früh und bestimmt hinauskomplimentiert. Furka gähnte noch immer, während Althea im Kopf bereits überschlug, wie schwer der Geldbeutel gewesen war, den sie am Vorabend zurückgelassen hatte.

Sie nahmen diesmal den Weg entlang des Svelltdurchflusses und mieden das Schauhaus weiträumig. Danach überquerten sie erneut die Regenbogenbrücke und wandten sich Richtung Altlowangen. Keldi, Hurdin und Tondar nahmen Althea dabei beinahe automatisch in die Mitte. Die Morgensonne lag breit über dem großen Marktplatz. Diesmal hatten sie die Ruhe, die umliegenden Gebäude genauer zu betrachten. Die hohen Bürgerhäuser. Die Akademie. Den Hesindetempel am Nordrand des Platzes. Darüber die Feste, die sich über die Stadt erhob.

Dann verschwanden sie erneut in den Gassen Svelltscheids. Und standen kurz darauf wieder vor Dragans Haus.

"Pünktlich..." bemerkte Dragan trocken. "Ich habe gehört, in der Bunten Flucht habe es letzte Nacht eine Art Aufruhr gegeben?"
"Weiß nicht, wovon ihr redet." Althea legte das in Stoff gewickelte Päckchen auf den Tisch. "...in der Bunten Flucht gibt es ja gar keine Zwerge."
Dragan packte die Brosche gar nicht erst aus. Er blickte sie nur lange an.
Dann nickte er langsam.
"Geht in den Fuchswinkel. Zu Brin Vaskendantz. Der hat immer Raum frei für besondere Gäste."

"Wir machen wirklich seltsame Bekanntschaften..." murmelte Archon später erneut, als sie sich durch die südliche Altstadt fragten. Schließlich fanden sie das Haus. Brin Vaskendantz wirkte auf Anhieb unsympathisch. Tatsächlich wollte er ihnen die Tür bereits wieder vor der Nase zuschlagen, bis Althea Dragans Namen erwähnte. Die Tür blieb einen Spalt offen. "Lass mal sehen..." Er schloss die Haustür hinter sich ab und führte sie durch einen schmalen Gang in einen kleinen Hinterhof. Dort deutete er auf eine hölzerne Außentreppe, die zu einem auskragenden Erker hinaufführte. "Dort." Er zog einen eisernen Schlüssel hervor. "Was anderes ist nicht frei." Dann drückte er Althea den Schlüssel in die Hand. "Immer abschließen."

Sie stiegen die knarrende Treppe hinauf und erreichten ein kleines Zimmer unter schiefem Fachwerk. Die Fensterscheiben waren blind vor Alter und Staub, doch der Raum war ausgefegt und trocken. Vielleicht gerade groß genug für einen Menschen und fünf Zwerge. Althea öffnete das Fenster und blickte prüfend hinunter in den Hof. "Nunja..." sagte sie schließlich leise.

"Willkommen in Lowangen."
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
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