22.05.2026, 15:27
Zwerge am Svellt #30
Am nächsten Morgen, als Althea erwachte, waren die Zwerge bereits auf den Beinen. Auch Agdan. Er saß einen Schritt vom Feuer entfernt, notdürftig in Ersatzkleidung der Gruppe gehüllt. Der Mantel lag lose um seine Schultern, während die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen fielen und fahles Licht über den Dorfplatz Ansvells warfen. Für einen Moment wirkte er beinahe fehl am Platz zwischen den halbkugelförmigen Hütten, den zischelnden Echsenwesen und dem ewigen Feuchtgrün des Sumpfes.
Als er bemerkte, dass Althea wach war, nickte er ihr ruhig zu. "Es scheint, als verdanke ich Euch mein Leben." Sein Lächeln war schwach, aber aufrichtig. Dann ruhte sein Blick einen Augenblick länger auf ihr. Prüfend. Ruhig. Und mit etwas darin, das Althea unerwartet berührte - vielleicht gerade weil es nicht aufdringlich war. Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, wie kräftig sein Körper unter Fell und Schlamm gewesen war, als sie ihn aus dem Netz geschnitten hatten. Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. Nicht Zeit. Nicht Ort. Und außerdem führten solche Dinge nur zu Komplikationen. Khunchom flackerte kurz in ihren Erinnerungen auf wie Hitze über Wüstenstein. Sie schob den Gedanken endgültig beiseite.
Kurz darauf begann die Gruppe ihre Ausrüstung zusammenzupacken. Hurdin durchsuchte wortlos einige Bündel und zog schließlich ein Paar Stiefel hervor, die Agdan mit etwas Mühe angepasst wurden. Währenddessen brachten einige Echsenweibchen frischen Fisch, begleitet von aufgeregtem Zischeln der kleineren Salamanderwesen, die sich neugierig um die Gruppe drängten. Dann verabschiedeten sie sich von Ansvell. Der Dorfvorsteher hob würdevoll den Dreizack, während die Bewohner ihnen lange nachblickten, als die Gefährten erneut die Bohlenwege des Sumpfes betraten. Hoffentlich zum letzten Mal.
Doch der Sumpf ließ sie noch nicht gehen. Wieder knarrten die Bohlen unter ihren Stiefeln. Wieder zog sich graugrünes Moor bis an den Horizont. Wieder verschwammen Stunden zwischen Sonne, Schilf und fauligem Wasser. Selbst mit Agdan in ihrer Mitte wirkte es manchmal, als bewege sich der Sumpf absichtlich gegen jede Richtung. Am späten Nachmittag tauchten schließlich die ersten Schilfflächen Richtung Neulowangen auf. Doch die letzte Strecke der Bohlenwege war verschwunden. Dort, wo der Steg noch vor Tagen verlaufen war, gähnte nun nur noch schwarzes Wasser zwischen herausragenden Pfählen. "Vor zehn Tagen ging es hier noch entlang", brummte Keldi missmutig. Die Sonne sank bereits, also wandten sie sich nach Osten, dem Flusslauf entgegen. Sie rasteten in Sichtweite des verlassenen Torfstecherweilers, diesmal jedoch in respektvollem Abstand. Niemand verspürte den Wunsch, sich den verfallenen Hütten noch einmal zu nähern.
Noch im Morgengrauen brachen sie wieder auf. Zunächst folgten sie einem Zufluss im Süden, blieben dort jedoch im Schilf stecken. Also zurück. Wieder nach Norden. Wieder Bohlenwege. Wieder Morast unter den Füßen. Bis plötzlich erneut der kleine See vor ihnen lag. Irgendwo dort draußen erhob sich noch immer die Insel des Magiers aus dem Wasser. Sie folgten einer alten Bohlenstrecke durch dichtes Schilf und erreichten schließlich den Zufluss aus Osten - den Finsteren Svellt, der sich irgendwo hinter ihnen im Sumpf mit dem Lowanger Svellt zum großen Svellt vereinte.
Und dann: Fester Boden. Wirklich fester Boden.
Nach zehn Tagen im Sumpf standen sie wieder auf Erde, die nicht nachgab, nicht gluckste und nicht versuchte, sie langsam zu verschlingen. Vor ihnen verlief am östlichen Ufer des Finsteren Svellt ein schmaler Pfad nach Süden, hin zur Straße zwischen Gashok und Lowangen. Mit neuer Kraft setzten sie den Weg fort.
Der Wind strich kühl vom Wasser her über die Niederung und ließ das hohe Gras in langen, dunklen Wellen zittern. Jenseits des Finsteren Svellt lag nur Schwärze. Der breite Fluss zog träge dahin, schwarz wie geschmolzenes Eisen unter dem schmalen Mondlicht. Weiter östlich zeichnete sich der Rand eines Waldes gegen den Nachthimmel ab - eine dunkle, geschlossene Linie, ruhig und fern nach all den Tagen aus Moor, Schilf und verkrüppelten Hecken.
Zwischen einigen flachen Steinen brannte ein kleines Feuer. Nicht groß. Aber trocken. Allein das machte den Unterschied.
Hurdin saß dicht daneben und hielt die Hände in die Wärme, während Keldi schweigend einen Wasserschlauch verschloss. Die Luft roch nach Flusswasser, kalter Erde und Rauch - echter Rauch, nicht jener schwere Moorgeruch, der sich in Kleidung und Gedanken festgesetzt hatte. Althea kniete am Rand des kleinen Rinnsals und ließ noch einmal Wasser über ihre Hände laufen. Klar. Kühl. Kein fauliger Geschmack. Kein dunkles Gluckern unter Bohlen. Nur Wasser. Sie schloss kurz die Augen.
Hinter ihr erklangen Schritte im Gras. Tondar trat aus der Dunkelheit, das Wild über der Schulter. Der Jäger wirkte erschöpft, aber auf eine andere Art als noch im Sumpf. Mehr wie jemand, der wieder Boden unter den Füßen spürte. "Kein Sumpfrantz", stellte Keldi trocken fest, ohne aufzublicken. Tondar schnaubte kaum merklich und ließ das Wild neben dem Feuer ins Gras sinken. "Und kein Zombie." Hurdin hob langsam den Kopf. "Gutes Land." Das war vielleicht der größte Unterschied. Das hier war wieder Land. Keine endlosen Bohlenwege. Keine fauligen Wasserlöcher. Keine verfluchten Pfade zwischen Findlingen. Der Himmel stand wieder offen über ihnen.
Agdan saß etwas abseits auf einem flachen Stein nahe des Wassers. Der Mantel lag schwer um seine Schultern, das goldene Licht des Feuers erreichte ihn kaum. Dennoch wirkte er weniger wie ein Sterbender als noch vor zwei Tagen. Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. Die eingefallenen Züge hatten wieder etwas Festes bekommen. Er beobachtete schweigend den Fluss. Althea trat zurück ans Feuer und blickte für einen Moment einfach hinaus in die Dunkelheit, dorthin, wo der Finstere Svellt zwischen den Ufern verschwand. "So fühlt sich also die Welt an...", murmelte sie leise. Keldi blickte kurz zu ihr hinüber. "Welche Welt?" Althea zog den Umhang enger um die Schultern. "Die, die nicht versucht, einen zu verschlucken."
Das Feuer knackte leise zwischen den Steinen. Fett tropfte aus dem Wildbret in die Glut und ließ kleine Funken aufstieben, die kurz in der Dunkelheit tanzten und dann verschwanden. Über ihnen spannte sich ein klarer Himmel, tief und weit, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte die Nacht nicht wie etwas, das auf sie lauerte. Nur wie Nacht. Tondar arbeitete schweigend mit dem Messer, sauber und routiniert. Hurdin hielt bereits einen flachen Ast über die Glut, auf dem erste Fleischstücke brieten. Der Geruch allein hob die Stimmung merklich. Selbst Keldi entspannte sich ein wenig, auch wenn sein Blick weiterhin gelegentlich automatisch zum dunklen Waldrand glitt. Althea saß inzwischen mit angezogenen Beinen am Feuer. Die Wärme kroch langsam durch ihre Kleidung. Ihre Haare waren noch feucht vom Waschen am Rinnsal, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht mehr wie eine Gestalt aus dem Moor.
Agdan hatte sich irgendwann näher ans Feuer gesetzt. Nicht direkt dazu - eher an den Rand des Kreises. Wie jemand, der noch nicht ganz sicher war, ob er überhaupt wieder zu den Lebenden gehörte. Hurdin reichte ihm wortlos ein Stück Fleisch. Agdan nahm es mit einem kurzen Nicken entgegen. "Mein Dank." Seine Stimme war noch rau. Eine Weile aßen sie schweigend. Man hörte nur das Knacken des Feuers, das leise Strömen des Wassers und gelegentlich das ferne Rufen irgendeines Nachtvogels vom Fluss her. Dann blickte Agdan plötzlich über die Flammen hinweg zu Althea. "Ich erinnere mich an Teile davon", sagte er langsam. "Nicht alles." Niemand unterbrach ihn. "Anfangs wusste ich noch, wer ich war." Er betrachtete einen Moment das Fleischstück in seiner Hand. "Später… wurde es schwieriger." Der Wind fuhr leise durch das Gras der Niederung. "Man beginnt zu vergessen, warum man weitergeht." Ein schwaches, beinahe bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. "Und irgendwann geht man trotzdem weiter." Althea sah ihn lange schweigend an. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen, und für einen kurzen Moment wirkte er tatsächlich wie einer jener Männer aus alten nordischen Liedern - nicht strahlend oder unbesiegbar, sondern getragen von etwas Schwererem als Stolz. Keldi schob einen Ast tiefer in die Glut. "Nun", sagte er schließlich ruhig, "jetzt gehst du erstmal mit uns weiter."
Und irgendwo draußen im Dunkel zog der Finstere Svellt unbeirrt nach Westen.
In den folgenden Tagen entspann sich langsam mehr Gespräch zwischen Agdan und der Gruppe. Nicht viel. Der Thorwaler sprach selten von sich aus, doch man merkte schnell, dass unter seiner ruhigen Zurückhaltung etwas Festes lag. Er half selbstverständlich mit, wo es nötig war, übernahm Lasten, sammelte Feuerholz, stand schweigend Wache oder half Hurdin beim Herrichten des Lagers, ohne je daraus Aufhebens zu machen. Je länger sie mit ihm unterwegs waren, desto deutlicher wurde: Dies war nicht bloß irgendein verschollener Freund der Grauen Stäbe. Agdan Dragenfeld war ein Mann, den der Orden aus gutem Grund ausgesandt hatte.
Sie erreichten schließlich wieder die Straße zwischen Gashok und Lowangen - und die Fähre über den Finsteren Svellt. Diesmal war der Fährmann anwesend. Er musterte die Gruppe lange, sagte jedoch nichts weiter, als er sie schweigend ans andere Ufer setzte. Die Sonne zeigte sich in den folgenden Tagen immer wieder zwischen langen Wolkenstreifen, bis sie am dritten Tag erneut unbarmherzig auf sie herabbrannte. "Es scheint immer so zu sein, wenn wir uns einem Praiostempel nähern...", murmelte Althea trocken. Und tatsächlich erreichten sie zur Mittagsstunde wieder Neulowangen. Die goldene Kuppel des Tempels glänzte grell im Sonnenlicht.
Der Wirt der Herberge Sonne empfing sie sichtbar erleichtert. Nicht alle, die in die Sümpfe gingen, kehrten zurück. Sie wurden verköstigt, badeten und ruhten sich aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit trugen sie wieder ihre vollständige Ausrüstung. Kettenhemdringe klirrten vertraut. Lederzeug wurde geprüft, Waffen gereinigt und neu gegürtet.
Gegen Abend saß Althea lange schweigend im Obergeschoss der Herberge. Vor ihr lagen Artherions Waffen. Der glatte Bogen. Und das prachtvolle Schwert mit der goldenen Klinge. Das Licht der sinkenden Sonne lief warm über das Metall. Schließlich nahm sie den Schwertgürtel an sich und trat hinaus auf die kleine Terrasse hinter dem Haus. Agdan stand dort allein am Geländer und blickte hinaus auf die letzten Lichtstreifen über den Dächern Neulowangens. Althea trat neben ihn. Dann zog sie die Klinge ein Stück aus der Scheide. Golden glitt das Licht der Abendsonne über das Schwert. Agdans Blick blieb einen langen Moment darauf ruhen. "Ihr habt mehr Nutzen dafür als wir, mein Herr", sagte Althea ruhig. Sie sprachen noch eine Weile miteinander. Vertraut. Ruhig. Doch Althea blieb auf jene vorsichtige Art distanziert, die weniger mit Ablehnung zu tun hatte als mit Erfahrung.
Am nächsten Morgen übernahm sie wieder die Führung. Sie folgten zunächst der Straße Richtung Lowangen, bis Althea sie schließlich über eine Böschung hinweg auf einen schmalen Wirtschaftsweg führte, der im nahen Wald südlich der Straße verschwand. Unter dichtem Blätterdach ging es weiter dahin. Es war bereits später Nachmittag, als rechts oberhalb des Weges die Ruine auftauchte. Svelltstein. Sie stiegen zwischen überwucherten Mauern empor und betraten schließlich den alten Tunnel, der im ehemaligen Hauptturm ins Dunkel führte. Tief unter der Erde erreichten sie erneut die schwere Tür. Der altertümliche Schlüssel passte noch immer. Mit dumpfem Knarren öffnete sich das alte Schloss.
Und eine Weile später traten sie aus den Kellern der Fluchtburg im Norden Lowangens wieder hinauf ins Licht der Ordensburg der Grauen Stäbe.
Am nächsten Morgen, als Althea erwachte, waren die Zwerge bereits auf den Beinen. Auch Agdan. Er saß einen Schritt vom Feuer entfernt, notdürftig in Ersatzkleidung der Gruppe gehüllt. Der Mantel lag lose um seine Schultern, während die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen fielen und fahles Licht über den Dorfplatz Ansvells warfen. Für einen Moment wirkte er beinahe fehl am Platz zwischen den halbkugelförmigen Hütten, den zischelnden Echsenwesen und dem ewigen Feuchtgrün des Sumpfes.
Als er bemerkte, dass Althea wach war, nickte er ihr ruhig zu. "Es scheint, als verdanke ich Euch mein Leben." Sein Lächeln war schwach, aber aufrichtig. Dann ruhte sein Blick einen Augenblick länger auf ihr. Prüfend. Ruhig. Und mit etwas darin, das Althea unerwartet berührte - vielleicht gerade weil es nicht aufdringlich war. Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, wie kräftig sein Körper unter Fell und Schlamm gewesen war, als sie ihn aus dem Netz geschnitten hatten. Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. Nicht Zeit. Nicht Ort. Und außerdem führten solche Dinge nur zu Komplikationen. Khunchom flackerte kurz in ihren Erinnerungen auf wie Hitze über Wüstenstein. Sie schob den Gedanken endgültig beiseite.
Kurz darauf begann die Gruppe ihre Ausrüstung zusammenzupacken. Hurdin durchsuchte wortlos einige Bündel und zog schließlich ein Paar Stiefel hervor, die Agdan mit etwas Mühe angepasst wurden. Währenddessen brachten einige Echsenweibchen frischen Fisch, begleitet von aufgeregtem Zischeln der kleineren Salamanderwesen, die sich neugierig um die Gruppe drängten. Dann verabschiedeten sie sich von Ansvell. Der Dorfvorsteher hob würdevoll den Dreizack, während die Bewohner ihnen lange nachblickten, als die Gefährten erneut die Bohlenwege des Sumpfes betraten. Hoffentlich zum letzten Mal.
Doch der Sumpf ließ sie noch nicht gehen. Wieder knarrten die Bohlen unter ihren Stiefeln. Wieder zog sich graugrünes Moor bis an den Horizont. Wieder verschwammen Stunden zwischen Sonne, Schilf und fauligem Wasser. Selbst mit Agdan in ihrer Mitte wirkte es manchmal, als bewege sich der Sumpf absichtlich gegen jede Richtung. Am späten Nachmittag tauchten schließlich die ersten Schilfflächen Richtung Neulowangen auf. Doch die letzte Strecke der Bohlenwege war verschwunden. Dort, wo der Steg noch vor Tagen verlaufen war, gähnte nun nur noch schwarzes Wasser zwischen herausragenden Pfählen. "Vor zehn Tagen ging es hier noch entlang", brummte Keldi missmutig. Die Sonne sank bereits, also wandten sie sich nach Osten, dem Flusslauf entgegen. Sie rasteten in Sichtweite des verlassenen Torfstecherweilers, diesmal jedoch in respektvollem Abstand. Niemand verspürte den Wunsch, sich den verfallenen Hütten noch einmal zu nähern.
Noch im Morgengrauen brachen sie wieder auf. Zunächst folgten sie einem Zufluss im Süden, blieben dort jedoch im Schilf stecken. Also zurück. Wieder nach Norden. Wieder Bohlenwege. Wieder Morast unter den Füßen. Bis plötzlich erneut der kleine See vor ihnen lag. Irgendwo dort draußen erhob sich noch immer die Insel des Magiers aus dem Wasser. Sie folgten einer alten Bohlenstrecke durch dichtes Schilf und erreichten schließlich den Zufluss aus Osten - den Finsteren Svellt, der sich irgendwo hinter ihnen im Sumpf mit dem Lowanger Svellt zum großen Svellt vereinte.
Und dann: Fester Boden. Wirklich fester Boden.
Nach zehn Tagen im Sumpf standen sie wieder auf Erde, die nicht nachgab, nicht gluckste und nicht versuchte, sie langsam zu verschlingen. Vor ihnen verlief am östlichen Ufer des Finsteren Svellt ein schmaler Pfad nach Süden, hin zur Straße zwischen Gashok und Lowangen. Mit neuer Kraft setzten sie den Weg fort.
Der Wind strich kühl vom Wasser her über die Niederung und ließ das hohe Gras in langen, dunklen Wellen zittern. Jenseits des Finsteren Svellt lag nur Schwärze. Der breite Fluss zog träge dahin, schwarz wie geschmolzenes Eisen unter dem schmalen Mondlicht. Weiter östlich zeichnete sich der Rand eines Waldes gegen den Nachthimmel ab - eine dunkle, geschlossene Linie, ruhig und fern nach all den Tagen aus Moor, Schilf und verkrüppelten Hecken.
Zwischen einigen flachen Steinen brannte ein kleines Feuer. Nicht groß. Aber trocken. Allein das machte den Unterschied.
Hurdin saß dicht daneben und hielt die Hände in die Wärme, während Keldi schweigend einen Wasserschlauch verschloss. Die Luft roch nach Flusswasser, kalter Erde und Rauch - echter Rauch, nicht jener schwere Moorgeruch, der sich in Kleidung und Gedanken festgesetzt hatte. Althea kniete am Rand des kleinen Rinnsals und ließ noch einmal Wasser über ihre Hände laufen. Klar. Kühl. Kein fauliger Geschmack. Kein dunkles Gluckern unter Bohlen. Nur Wasser. Sie schloss kurz die Augen.
Hinter ihr erklangen Schritte im Gras. Tondar trat aus der Dunkelheit, das Wild über der Schulter. Der Jäger wirkte erschöpft, aber auf eine andere Art als noch im Sumpf. Mehr wie jemand, der wieder Boden unter den Füßen spürte. "Kein Sumpfrantz", stellte Keldi trocken fest, ohne aufzublicken. Tondar schnaubte kaum merklich und ließ das Wild neben dem Feuer ins Gras sinken. "Und kein Zombie." Hurdin hob langsam den Kopf. "Gutes Land." Das war vielleicht der größte Unterschied. Das hier war wieder Land. Keine endlosen Bohlenwege. Keine fauligen Wasserlöcher. Keine verfluchten Pfade zwischen Findlingen. Der Himmel stand wieder offen über ihnen.
Agdan saß etwas abseits auf einem flachen Stein nahe des Wassers. Der Mantel lag schwer um seine Schultern, das goldene Licht des Feuers erreichte ihn kaum. Dennoch wirkte er weniger wie ein Sterbender als noch vor zwei Tagen. Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. Die eingefallenen Züge hatten wieder etwas Festes bekommen. Er beobachtete schweigend den Fluss. Althea trat zurück ans Feuer und blickte für einen Moment einfach hinaus in die Dunkelheit, dorthin, wo der Finstere Svellt zwischen den Ufern verschwand. "So fühlt sich also die Welt an...", murmelte sie leise. Keldi blickte kurz zu ihr hinüber. "Welche Welt?" Althea zog den Umhang enger um die Schultern. "Die, die nicht versucht, einen zu verschlucken."
Das Feuer knackte leise zwischen den Steinen. Fett tropfte aus dem Wildbret in die Glut und ließ kleine Funken aufstieben, die kurz in der Dunkelheit tanzten und dann verschwanden. Über ihnen spannte sich ein klarer Himmel, tief und weit, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte die Nacht nicht wie etwas, das auf sie lauerte. Nur wie Nacht. Tondar arbeitete schweigend mit dem Messer, sauber und routiniert. Hurdin hielt bereits einen flachen Ast über die Glut, auf dem erste Fleischstücke brieten. Der Geruch allein hob die Stimmung merklich. Selbst Keldi entspannte sich ein wenig, auch wenn sein Blick weiterhin gelegentlich automatisch zum dunklen Waldrand glitt. Althea saß inzwischen mit angezogenen Beinen am Feuer. Die Wärme kroch langsam durch ihre Kleidung. Ihre Haare waren noch feucht vom Waschen am Rinnsal, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht mehr wie eine Gestalt aus dem Moor.
Agdan hatte sich irgendwann näher ans Feuer gesetzt. Nicht direkt dazu - eher an den Rand des Kreises. Wie jemand, der noch nicht ganz sicher war, ob er überhaupt wieder zu den Lebenden gehörte. Hurdin reichte ihm wortlos ein Stück Fleisch. Agdan nahm es mit einem kurzen Nicken entgegen. "Mein Dank." Seine Stimme war noch rau. Eine Weile aßen sie schweigend. Man hörte nur das Knacken des Feuers, das leise Strömen des Wassers und gelegentlich das ferne Rufen irgendeines Nachtvogels vom Fluss her. Dann blickte Agdan plötzlich über die Flammen hinweg zu Althea. "Ich erinnere mich an Teile davon", sagte er langsam. "Nicht alles." Niemand unterbrach ihn. "Anfangs wusste ich noch, wer ich war." Er betrachtete einen Moment das Fleischstück in seiner Hand. "Später… wurde es schwieriger." Der Wind fuhr leise durch das Gras der Niederung. "Man beginnt zu vergessen, warum man weitergeht." Ein schwaches, beinahe bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. "Und irgendwann geht man trotzdem weiter." Althea sah ihn lange schweigend an. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen, und für einen kurzen Moment wirkte er tatsächlich wie einer jener Männer aus alten nordischen Liedern - nicht strahlend oder unbesiegbar, sondern getragen von etwas Schwererem als Stolz. Keldi schob einen Ast tiefer in die Glut. "Nun", sagte er schließlich ruhig, "jetzt gehst du erstmal mit uns weiter."
Und irgendwo draußen im Dunkel zog der Finstere Svellt unbeirrt nach Westen.
In den folgenden Tagen entspann sich langsam mehr Gespräch zwischen Agdan und der Gruppe. Nicht viel. Der Thorwaler sprach selten von sich aus, doch man merkte schnell, dass unter seiner ruhigen Zurückhaltung etwas Festes lag. Er half selbstverständlich mit, wo es nötig war, übernahm Lasten, sammelte Feuerholz, stand schweigend Wache oder half Hurdin beim Herrichten des Lagers, ohne je daraus Aufhebens zu machen. Je länger sie mit ihm unterwegs waren, desto deutlicher wurde: Dies war nicht bloß irgendein verschollener Freund der Grauen Stäbe. Agdan Dragenfeld war ein Mann, den der Orden aus gutem Grund ausgesandt hatte.
Sie erreichten schließlich wieder die Straße zwischen Gashok und Lowangen - und die Fähre über den Finsteren Svellt. Diesmal war der Fährmann anwesend. Er musterte die Gruppe lange, sagte jedoch nichts weiter, als er sie schweigend ans andere Ufer setzte. Die Sonne zeigte sich in den folgenden Tagen immer wieder zwischen langen Wolkenstreifen, bis sie am dritten Tag erneut unbarmherzig auf sie herabbrannte. "Es scheint immer so zu sein, wenn wir uns einem Praiostempel nähern...", murmelte Althea trocken. Und tatsächlich erreichten sie zur Mittagsstunde wieder Neulowangen. Die goldene Kuppel des Tempels glänzte grell im Sonnenlicht.
Der Wirt der Herberge Sonne empfing sie sichtbar erleichtert. Nicht alle, die in die Sümpfe gingen, kehrten zurück. Sie wurden verköstigt, badeten und ruhten sich aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit trugen sie wieder ihre vollständige Ausrüstung. Kettenhemdringe klirrten vertraut. Lederzeug wurde geprüft, Waffen gereinigt und neu gegürtet.
Gegen Abend saß Althea lange schweigend im Obergeschoss der Herberge. Vor ihr lagen Artherions Waffen. Der glatte Bogen. Und das prachtvolle Schwert mit der goldenen Klinge. Das Licht der sinkenden Sonne lief warm über das Metall. Schließlich nahm sie den Schwertgürtel an sich und trat hinaus auf die kleine Terrasse hinter dem Haus. Agdan stand dort allein am Geländer und blickte hinaus auf die letzten Lichtstreifen über den Dächern Neulowangens. Althea trat neben ihn. Dann zog sie die Klinge ein Stück aus der Scheide. Golden glitt das Licht der Abendsonne über das Schwert. Agdans Blick blieb einen langen Moment darauf ruhen. "Ihr habt mehr Nutzen dafür als wir, mein Herr", sagte Althea ruhig. Sie sprachen noch eine Weile miteinander. Vertraut. Ruhig. Doch Althea blieb auf jene vorsichtige Art distanziert, die weniger mit Ablehnung zu tun hatte als mit Erfahrung.
Am nächsten Morgen übernahm sie wieder die Führung. Sie folgten zunächst der Straße Richtung Lowangen, bis Althea sie schließlich über eine Böschung hinweg auf einen schmalen Wirtschaftsweg führte, der im nahen Wald südlich der Straße verschwand. Unter dichtem Blätterdach ging es weiter dahin. Es war bereits später Nachmittag, als rechts oberhalb des Weges die Ruine auftauchte. Svelltstein. Sie stiegen zwischen überwucherten Mauern empor und betraten schließlich den alten Tunnel, der im ehemaligen Hauptturm ins Dunkel führte. Tief unter der Erde erreichten sie erneut die schwere Tür. Der altertümliche Schlüssel passte noch immer. Mit dumpfem Knarren öffnete sich das alte Schloss.
Und eine Weile später traten sie aus den Kellern der Fluchtburg im Norden Lowangens wieder hinauf ins Licht der Ordensburg der Grauen Stäbe.

