02.05.2026, 06:28
Zwerge am Svellt #17
Ankunftstag
Achtzehn Tage, nachdem sie Gashok verlassen hatten, traten sie wieder durch das Nordtor.
Kein Bolzen diesmal. Keine gespannte Stille. Die Büttel lehnten träge an den Zinnen und ließen die Blicke über die Straße schweifen, als wäre jeder Reisende gleich und keiner der Mühe wert, sich zu erinnern.
Der kleine Platz hinter dem Tor lag wie zuvor im Licht des Nachmittags. Stimmen, Wagen, ein wenig Staub. Nichts, was an jene Nacht erinnerte, in der sie die Stadt verlassen hatten.
"Gut abgepasst", brummte Hurdin, als sie weitergingen. "In zwei Tagen ist Markt."
Sie folgten dem Weg zum großen Marktplatz, wo sich die Fassaden wie gewohnt um die offene Fläche schlossen. Die Herberge Dach und Fach stand da wie eh und je, und Rogullf hob nur kurz den Blick, als sie eintraten, als hätte er sie erwartet - oder als wäre es gleichgültig.
Die Zimmerflucht im ersten Stock war frei. Wieder derselbe Blick über den Platz.
"In dieser Stadt ist es immer gut zu wissen, was vor der Haustür passiert", bemerkte Furka trocken.
Nach einem späten Mahl und einem kurzen Gang über den Marktplatz wandten sie sich den Tempeln zu. Erst Boron, still, dunkel, verlässlich. Dann Phex, im Schatten gelegen, zurückhaltend. Münzen wechselten den Besitzer, nicht aus Pflicht, sondern aus einem Gefühl heraus, das sich über die letzten Tage geformt hatte.
Doch die Stadt hatte sie nicht vergessen.
Einige erkannten sie. Getuschel folgte ihnen, einzelne Blicke blieben hängen - hart, prüfend. "Störer des Friedens", murmelte Furka. "Keine gute Tat bleibt ungesühnt."
Und doch gab es auch andere: ein kurzes Nicken, eine Tür, die sich einen Moment schneller öffnete als nötig, ein Krug, der etwas voller eingeschenkt wurde.
Am Abend saßen sie im Schankraum beisammen. Bier vor den Zwergen, die Stimmen gedämpft.
"Finsterkamm", sagte Keldi schließlich, "dort unten liegt, was wir suchen könnten."
"Oder Lowangen", erwiderte Furka. "Da scheint sich alles zu sammeln."
"Und Sternenschweif?", fragte Althea leise.
Niemand antwortete sofort.
Tag 1
Nicht jeder Tag verlangt Antworten.
Sie schliefen lange. Das Frühstück war ruhig, beinahe beiläufig. Kein Druck lag auf ihnen, nichts, das sofort getan werden musste.
Althea, Keldi und Archon suchten Raul Zumendiek auf. Zwischen sauber gestapelten Waren wurde gesprochen - über Wege, über Handel, über das, was draußen vor der Stadt lag. Später standen sie bei Erholt von Tiefhusen, wo das Dokument sicher verwahrt war. "Wider dem Niedergang." Mehr musste dazu nicht gesagt werden.
Althea zog sich danach zurück. Im Licht ihres Zimmers lagen Artherions Waffen vor ihr. Sie betrachtete Linien, Gewicht, Verarbeitung - nicht wie eine Sammlerin, sondern wie jemand, der verstehen wollte, was darin lag.
"Wenn die wieder studiert, dann doch lieber auf eine Milch", brummte Furka.
Er zog mit Hurdin und Tondar hinüber zur Zweiten Heimat. Ein Spiel vielleicht, ein wenig Bewegung. Doch niemand wollte sich auf Inrah einlassen. Die Karten blieben ungenutzt.
Es blieb bei Milch.
Am Abend waren sie wieder beisammen. Riemen wurden geprüft, Gepäck geöffnet, Stiefel begutachtet.
"Irgendetwas im Schlamm des Svellttals frisst Leder", stellte Hurdin fest.
Furka nickte. "Dann kaufen wir morgen besseres."
Tag 2
Der Markt kam früh.
Schon im ersten Licht des Morgens drangen Stimmen, Rufe und das Rollen von Wagen durch die Fenster. Der Platz lebte wieder, bunt, laut, voll.
Und es war ein anderes Gefühl als zuvor.
Sie ließen sich treiben. Zwischen Ständen, Stoffen, Gauklern. Sie blieben stehen, sahen zu, kauften, ohne zu suchen.
Neue Stiefel, Kleidung, Bolzen.
"Egal, welche Richtung wir gehen - Orks wird es geben", sagte Keldi beiläufig.
Tondars geräucherte Forelle fand rasch Käufer, während Archon im Halbdunkel eines Zeltes Kräuter gegen schweres Gold tauschte. Darunter auch Blüten aus den Salamandersteinen, deren Wert selbst hier noch Gewicht hatte.
Und die Gespräche:
Eine Waffenhändlerin sprach vom Stahl des Finsterkamms - gut, aber nicht mehr wie einst.
Ein Kräuterhändler vertiefte sich mit Archon in Rezepte.
Und schließlich, fast beiläufig, fiel ein Wort:
Lowangen.
Belagert.
Nicht laut, nicht dramatisch - nur ein Gerücht, das stehen blieb.
Am Abend war Furka so satt von Fleischspießen und süßem Gebäck, dass er das Mahl im Dach und Fach kaum noch anrühren konnte.
Tag 3
Am nächsten Tag begannen sie zu fragen.
Nicht ziellos, sondern ruhig, von Ort zu Ort.
Rogullf wusste wenig.
Raul sprach vorsichtig.
Im Phex-Tempel blieb vieles unausgesprochen.
Im Tag und Nacht wurde mehr geredet, aber nicht klarer.
Was blieb, war ein Bild ohne scharfe Konturen:
Lowangen - größte Stadt des Svelltschen Bundes.
Belagert, aber standhaft.
Chaotisch, teuer, abgeschnitten.
Und doch hielten Orden und Akademien.
Ein Ort, der zugleich fiel und nicht fiel.
Tag 4
Der letzte Tag im Praios begann ruhig.
Sie suchten Gerlanje auf und tauschten Gold gegen einen Stapel ihrer Wunderkuren.
"Egal, welche Richtung wir gehen…", begann Furka.
"…es wird Orks geben", vollendete Keldi.
Zu Lowangen wusste sie nichts Sicheres. Doch sie verwies sie weiter.
Ginya Ingborn.
Ihr Laden lag abseits, fast verborgen. Sie war jünger, offener, ihre Worte klarer - und doch vorsichtig, sobald es um die Stadt ging.
Dann sagte sie einen Satz, der blieb:
"Wenn Lowangen fällt, ist das Svellttal verloren."
Hurdins Hand zog sich unwillkürlich um den Axtgriff.
Danach war keine lange Beratung mehr nötig.
"Bestimmt lohnenswert", grinste Furka.
"Dort für Ordnung sorgen", sagte Keldi ruhig.
"Den Leuten helfen", ergänzte Tondar.
Hurdin nickte. Archon schwieg.
Althea sah sie an. "Also dann."
Als die Dunkelheit fiel, verließ sie die Herberge noch einmal allein.
Der Marktplatz lag still. Ihre Schritte trugen sie hinüber zum Phex-Tempel, dessen Eingang wie immer mehr verbarg als zeigte.
Drinnen war es gedämpft, still.
Sie suchte nicht lange.
Hella Vandemor trat aus dem Schatten, als hätte sie dort gewartet.
"Ihr kommt in letzter Zeit häufig…"
Ein kurzer Austausch. Worte, die mehr andeuteten als erklärten.
Sternenschweif.
Ein Name, der Gewicht hatte, ohne greifbar zu sein.
Hella sprach von Tiefhusen, von einem Schatz, von Dingen, die bewahrt werden.
Althea hörte zu, fragte wenig.
Am Ende standen sie sich wieder nur gegenüber.
Keine von beiden gab sich preis.
Zurück in der Herberge standen die Bündel bereit.
Die Nacht war ruhig.
Abreisetag
"Passend", murmelte Furka, "dass wir mit dem Praios auch Gashok hinter uns lassen."
Sie verließen die Herberge früh.
Der Weg führte sie durch das Südviertel, vorbei an Fuhrhöfen und Lagerhäusern. Das Südtor war weit, offen, die Straße dahinter fest gepflastert.
Hier floss der Handel. Hier gingen Wagen, Menschen, Geschichten.
Hier begann der Weg nach Lowangen.
Sie reihten sich ein, ohne aufzufallen.
Und als sie die Stadt hinter sich ließen, blickte keiner zurück.
Ankunftstag
Achtzehn Tage, nachdem sie Gashok verlassen hatten, traten sie wieder durch das Nordtor.
Kein Bolzen diesmal. Keine gespannte Stille. Die Büttel lehnten träge an den Zinnen und ließen die Blicke über die Straße schweifen, als wäre jeder Reisende gleich und keiner der Mühe wert, sich zu erinnern.
Der kleine Platz hinter dem Tor lag wie zuvor im Licht des Nachmittags. Stimmen, Wagen, ein wenig Staub. Nichts, was an jene Nacht erinnerte, in der sie die Stadt verlassen hatten.
"Gut abgepasst", brummte Hurdin, als sie weitergingen. "In zwei Tagen ist Markt."
Sie folgten dem Weg zum großen Marktplatz, wo sich die Fassaden wie gewohnt um die offene Fläche schlossen. Die Herberge Dach und Fach stand da wie eh und je, und Rogullf hob nur kurz den Blick, als sie eintraten, als hätte er sie erwartet - oder als wäre es gleichgültig.
Die Zimmerflucht im ersten Stock war frei. Wieder derselbe Blick über den Platz.
"In dieser Stadt ist es immer gut zu wissen, was vor der Haustür passiert", bemerkte Furka trocken.
Nach einem späten Mahl und einem kurzen Gang über den Marktplatz wandten sie sich den Tempeln zu. Erst Boron, still, dunkel, verlässlich. Dann Phex, im Schatten gelegen, zurückhaltend. Münzen wechselten den Besitzer, nicht aus Pflicht, sondern aus einem Gefühl heraus, das sich über die letzten Tage geformt hatte.
Doch die Stadt hatte sie nicht vergessen.
Einige erkannten sie. Getuschel folgte ihnen, einzelne Blicke blieben hängen - hart, prüfend. "Störer des Friedens", murmelte Furka. "Keine gute Tat bleibt ungesühnt."
Und doch gab es auch andere: ein kurzes Nicken, eine Tür, die sich einen Moment schneller öffnete als nötig, ein Krug, der etwas voller eingeschenkt wurde.
Am Abend saßen sie im Schankraum beisammen. Bier vor den Zwergen, die Stimmen gedämpft.
"Finsterkamm", sagte Keldi schließlich, "dort unten liegt, was wir suchen könnten."
"Oder Lowangen", erwiderte Furka. "Da scheint sich alles zu sammeln."
"Und Sternenschweif?", fragte Althea leise.
Niemand antwortete sofort.
Tag 1
Nicht jeder Tag verlangt Antworten.
Sie schliefen lange. Das Frühstück war ruhig, beinahe beiläufig. Kein Druck lag auf ihnen, nichts, das sofort getan werden musste.
Althea, Keldi und Archon suchten Raul Zumendiek auf. Zwischen sauber gestapelten Waren wurde gesprochen - über Wege, über Handel, über das, was draußen vor der Stadt lag. Später standen sie bei Erholt von Tiefhusen, wo das Dokument sicher verwahrt war. "Wider dem Niedergang." Mehr musste dazu nicht gesagt werden.
Althea zog sich danach zurück. Im Licht ihres Zimmers lagen Artherions Waffen vor ihr. Sie betrachtete Linien, Gewicht, Verarbeitung - nicht wie eine Sammlerin, sondern wie jemand, der verstehen wollte, was darin lag.
"Wenn die wieder studiert, dann doch lieber auf eine Milch", brummte Furka.
Er zog mit Hurdin und Tondar hinüber zur Zweiten Heimat. Ein Spiel vielleicht, ein wenig Bewegung. Doch niemand wollte sich auf Inrah einlassen. Die Karten blieben ungenutzt.
Es blieb bei Milch.
Am Abend waren sie wieder beisammen. Riemen wurden geprüft, Gepäck geöffnet, Stiefel begutachtet.
"Irgendetwas im Schlamm des Svellttals frisst Leder", stellte Hurdin fest.
Furka nickte. "Dann kaufen wir morgen besseres."
Tag 2
Der Markt kam früh.
Schon im ersten Licht des Morgens drangen Stimmen, Rufe und das Rollen von Wagen durch die Fenster. Der Platz lebte wieder, bunt, laut, voll.
Und es war ein anderes Gefühl als zuvor.
Sie ließen sich treiben. Zwischen Ständen, Stoffen, Gauklern. Sie blieben stehen, sahen zu, kauften, ohne zu suchen.
Neue Stiefel, Kleidung, Bolzen.
"Egal, welche Richtung wir gehen - Orks wird es geben", sagte Keldi beiläufig.
Tondars geräucherte Forelle fand rasch Käufer, während Archon im Halbdunkel eines Zeltes Kräuter gegen schweres Gold tauschte. Darunter auch Blüten aus den Salamandersteinen, deren Wert selbst hier noch Gewicht hatte.
Und die Gespräche:
Eine Waffenhändlerin sprach vom Stahl des Finsterkamms - gut, aber nicht mehr wie einst.
Ein Kräuterhändler vertiefte sich mit Archon in Rezepte.
Und schließlich, fast beiläufig, fiel ein Wort:
Lowangen.
Belagert.
Nicht laut, nicht dramatisch - nur ein Gerücht, das stehen blieb.
Am Abend war Furka so satt von Fleischspießen und süßem Gebäck, dass er das Mahl im Dach und Fach kaum noch anrühren konnte.
Tag 3
Am nächsten Tag begannen sie zu fragen.
Nicht ziellos, sondern ruhig, von Ort zu Ort.
Rogullf wusste wenig.
Raul sprach vorsichtig.
Im Phex-Tempel blieb vieles unausgesprochen.
Im Tag und Nacht wurde mehr geredet, aber nicht klarer.
Was blieb, war ein Bild ohne scharfe Konturen:
Lowangen - größte Stadt des Svelltschen Bundes.
Belagert, aber standhaft.
Chaotisch, teuer, abgeschnitten.
Und doch hielten Orden und Akademien.
Ein Ort, der zugleich fiel und nicht fiel.
Tag 4
Der letzte Tag im Praios begann ruhig.
Sie suchten Gerlanje auf und tauschten Gold gegen einen Stapel ihrer Wunderkuren.
"Egal, welche Richtung wir gehen…", begann Furka.
"…es wird Orks geben", vollendete Keldi.
Zu Lowangen wusste sie nichts Sicheres. Doch sie verwies sie weiter.
Ginya Ingborn.
Ihr Laden lag abseits, fast verborgen. Sie war jünger, offener, ihre Worte klarer - und doch vorsichtig, sobald es um die Stadt ging.
Dann sagte sie einen Satz, der blieb:
"Wenn Lowangen fällt, ist das Svellttal verloren."
Hurdins Hand zog sich unwillkürlich um den Axtgriff.
Danach war keine lange Beratung mehr nötig.
"Bestimmt lohnenswert", grinste Furka.
"Dort für Ordnung sorgen", sagte Keldi ruhig.
"Den Leuten helfen", ergänzte Tondar.
Hurdin nickte. Archon schwieg.
Althea sah sie an. "Also dann."
Als die Dunkelheit fiel, verließ sie die Herberge noch einmal allein.
Der Marktplatz lag still. Ihre Schritte trugen sie hinüber zum Phex-Tempel, dessen Eingang wie immer mehr verbarg als zeigte.
Drinnen war es gedämpft, still.
Sie suchte nicht lange.
Hella Vandemor trat aus dem Schatten, als hätte sie dort gewartet.
"Ihr kommt in letzter Zeit häufig…"
Ein kurzer Austausch. Worte, die mehr andeuteten als erklärten.
Sternenschweif.
Ein Name, der Gewicht hatte, ohne greifbar zu sein.
Hella sprach von Tiefhusen, von einem Schatz, von Dingen, die bewahrt werden.
Althea hörte zu, fragte wenig.
Am Ende standen sie sich wieder nur gegenüber.
Keine von beiden gab sich preis.
Zurück in der Herberge standen die Bündel bereit.
Die Nacht war ruhig.
Abreisetag
"Passend", murmelte Furka, "dass wir mit dem Praios auch Gashok hinter uns lassen."
Sie verließen die Herberge früh.
Der Weg führte sie durch das Südviertel, vorbei an Fuhrhöfen und Lagerhäusern. Das Südtor war weit, offen, die Straße dahinter fest gepflastert.
Hier floss der Handel. Hier gingen Wagen, Menschen, Geschichten.
Hier begann der Weg nach Lowangen.
Sie reihten sich ein, ohne aufzufallen.
Und als sie die Stadt hinter sich ließen, blickte keiner zurück.

