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Zwerge am Svellt
#10
Zwerge am Svellt #10

Am nächsten Morgen war Keldi als erster beim Frühstück. Sein Gesicht hatte wieder die gewohnte bronzene Farbe angenommen, als habe der vergangene Gewaltmarsch nun endlich den Griff von ihm gelöst. Nach dem Essen lehnte er sich zurück, blickte einen Moment zum milchigen Licht vor den Fenstern und sinnierte über das Wetter vor zwei Tagen. "Der Namenlose hat es versucht... Vielleicht nimmt er es uns immer noch übel, dass wir uns ihm damals nicht gebeugt haben..." Danach waren die Zwerge in ihrem Gemeinschaftsraum zu finden, wo sie das schwere Gepäck auspackten, Ausrüstungsgegenstände überprüften, ein paar abgelaufene Stiefel gegen welche aus dem Vorrat tauschten und generell Bestandsaufnahme machten. Althea versuchte derweil noch einmal mit dem Wirt ins Gespräch zu kommen, doch dieser blieb ausweichend und ängstlich, antwortete knapp und blickte dabei immer wieder zur Tür, als könne schon das falsche Wort ungebetene Ohren herbeirufen.

Als der Morgen etwas fortgeschritten war, begaben sie sich hinaus und umrundeten den Marktplatz. Gerade als sie zum Praiostempel einbiegen wollten, lief vor ihnen eine Schar gebeugter Gestalten vorbei. Männer und Frauen in Lumpen, zusammengekrümmt, mit leisen Murmeln und Wehklagen, verschwanden dann in einer Seitengasse. "Geißler", erklärte Althea den hochgezogenen Augenbrauen fünfer Zwerge. "Sie leiden, um – ach egal." Mehr sagte sie nicht, und so gingen sie weiter nach Süden, am Phex-Tempel vorbei, bis zur Taverne Tag und Nacht. Dort schauten die Zwerge etwas schräg in ihre Milch, während sich Althea die Lobpreisungen der Wirtin auf Praios anhörte — konsequent, aber gerecht. Schließlich steuerte sie einen besetzten Tisch an und bestellte eine große Kanne Tee. "Wie kann man so leben?", murmelte Furka, während er mit sichtbarem Zweifel in den Krug blickte. Als die Zwerge ihre zweite Runde Milch beendet hatten, stand Althea wieder auf. "Nicht viel, es scheint hier einmal eine Mühle gegeben zu haben, aber fragt mich nicht... Wir sollten gehen." Fünf Zwergenhäupter nickten.

Nach dem Schock des ersten Tages schien der Ort sich etwas gefasst zu haben, und es waren wieder mehr Leute unterwegs. Als die Gruppe zurück zum Marktplatz kam, reihten sie sich beinahe unwillkürlich in eine Menge ein, die dem Praiostempel zustrebte. Dort erschien gerade ein großgewachsener Mann mit weißen Haaren in goldenem Ornat, Schritt geradeaus, und die Menge teilte sich vor ihm. Auch die Gruppe ging lieber zur Seite, als dieser Mann, niemand wahrnehmend, über alles hinwegstieg und auf der anderen Seite des Platzes verschwand. Niemand sprach ihn an, niemand hielt ihn auf.

In der Zweiten Heimat am Nordtor angekommen, stellte sich Althea zum Wirt, während die Zwerge sich ein Essen servieren ließen. Der Wirt war von tumbem Gemüt, voll schlechter Scherze und wenig Wissen, und blickte nur unbewegt auf den Teller, den Hurdin in die Höhe hob, weil sich dort etwas zwischen den Kartoffeln bewegte. Die Gruppe zog sich zu einem freien Tisch zurück, und während die Zwerge ein Milchwettrinken veranstalteten, setzte sich Althea weiter zu anderen Gästen und plauderte. Furka hatte sich nach hinten zurückgezogen, wo bald die angespannte Stimmung eines Boltan-Spiels mit Furkas Inrah-Karten entstand. Als Althea sich schließlich erhob und mit einem "Immer wieder diese Mühle" zurück zu den Zwergen setzte, kam auch Furka wieder, einen Geldbeutel in der Handfläche auf und ab werfend. "Lass uns noch eine Lage Ziegenmilch weghauen! Geht auf mich!" Die Nacht war bedeckt, als sie sich auf den Weg zurück zur Herberge machten.

Am nächsten Morgen kam es schon beim Frühstück von Furka: "Lass uns diese Mühle aufsuchen, wenn wir schon hier festsitzen." Hurdin nickte sofort. "Vermutlich unten am Bach, Wind gibt es hier zwar genug..." Keldi nickte grimmig, "aber eine Windmühle hätten wir längst gesehen...", vollendete Tondar den Satz. So waren sie eine Gruppe frohen Gemutes, im Gegensatz zu den meisten, die sich draußen bewegten. "Ob wir einen Goldschatz finden? Alte Mühlen haben immer Schätze..." Furkas Augen begannen zu glänzen. Archon wiegte zustimmend das Haupt.

Sie folgten der Händlerstraße hinunter zum Bachgrund und diesem nach Süden. Wäre da nicht der ewig milchige Himmel und die mehr Schärfe als Wärme spendende Sonne gewesen, hätte man sich zwischen den Bäumen fast wohl fühlen können. So aber warfen die Bäume unnatürlich scharfe Schatten im Zwielicht. Es ward schon um die Mittagszeit, als sie zur letzten Bachbiegung einbogen, tief im Süden der Stadt, und ein hohes, seltsam dunkles Gebäude in Sicht kam. "Das war mal eine Mühle", stellte Tondar fest, als sie die verkohlten Stämme des Dachfirsts und die rußgeschwärzten Wände betrachteten. Unwillkürlich blickten sie sich um, den Bach hinauf und zu den letzten Gebäuden der Stadt hinter ihnen. Nichts. "Freiwillige vor." Vorsichtig stiegen sie durch ein ausgebranntes Loch in der Mühlenwand. Eine Stunde später war der Fall klar: ehemalige Wassermühle, unbrauchbar, das Feuer war von außen gekommen, kein Goldschatz. "Vielleicht haben diese Bannstrahler hier ihre ersten Treffen abgehalten?" Aber keiner lachte.

Hurdin deutete den Bach hinauf, wo etwas entfernt ein Schornstein zu sehen war. "Vielleicht kann der Schmied uns weiterhelfen?" Oder die Schmiedin, wie sich herausstellte, eine Zwergin gar, und Altheas Rogolan wurde die nächste halbe Stunde auf eine harte Probe gestellt, als über die Kunst — nicht das Handwerk — des Schmiedens gesprochen wurde und der Konsens war, dass die einzigen wahren Schmiede natürlich Zwerge waren. Dann fiel ein Name. "Artherion." — "Wie bitte?" Althea schaute Keldi an. "Der ehemalige Schmied — Artherion." "Ein Elf", Furka spuckte in den Bach. "Da hat es wohl eines Nachts gebrannt." Keldi strich sich bedächtig den Bart.

Alles blieb undurchsichtig. Auf halbem Weg zurück zur Stadt hob Althea die Hand und deutete nach vorne. "Wir sollten im Phex-Tempel nachfragen gehen." Der Tempel war wie erwartet weniger prächtig als der Praios-Tempel, und die in schlichte graue Gewänder gekleidete Geweihte hatte ihnen außer über den schweren Stand des Phex in dieser Stadt und die allgemeine Lage der Händler, Tempel und Anwohner nichts weiteres zu berichten. "So ziehen wir herauf, herab und quer und krumm", zitierte Archon von hinten, als Althea, tief in Gedanken versunken, zur Nordwest-Ecke der Stadt führte. Dort lag hinter Bäumen versteckt ein Schrein des Boron, davor das Gebeinfeld. Die in dunkle Gewänder gekleidete Geweihte sprach leise, aber bestimmt. "Es ist gefährlich hier", sie blickte Althea in die Augen, "befragt Gerlanje, die Kräuterfrau, nach Artherion." Eine Handvoll Silbertaler landete im Opferstock.

Also zurück zum Marktplatz. Die Zeltflappe stand wie immer offen, und als sich die Augen der Gruppe an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah Gerlanje sie aus dem hinteren Bereich des Zeltes fragend an. "Uns wurde gesagt, ihr könntet uns mehr über den Müller Artherion und seine Mühle berichten...", fing Althea an. "Das kann nur Alara gewesen sein, erstaunlich gesprächig für eine Boroni — aber setzt euch." Dann hob sie an zu berichten von dem Elfen Artherion, der die Mühle im Süden der Stadt betrieben hatte und der vielleicht ins Auge übler Machenschaften geraten sei — mehr sagte sie dazu nicht —, dessen Mühle jedoch eines Nachts lichterloh brannte. Artherion solle mit dem Leben davongekommen sein und sich zu Angehörigen seines Volkes in den großen Forst im Nordosten der Ebene zurückgezogen haben. "Elfen haben einen schweren Stand hier." "Vielleicht haben die Leute recht."

"Sie mögen also keine Elfen, hier können wir bleiben", bemerkte Furka, als sie wieder aus dem Zelt traten. "Aber sie mögen auch keinen Alkohol, da muss man etwas tun." Althea zog die Augenbrauen hoch, als sich Furka an die Spitze setzte und sie quer über den Marktplatz zu einem der ortsansässigen Händler am Anfang der Straße führte. Die Zwerge begannen zufrieden brummelnd, die Biervorräte des Händlers zu studieren, während Althea mit ihm ins Gespräch kam. Ein stattlicher, standhafter und vernünftiger Mann, mit richtigem Augenmaß zur Lage der Stadt und zum Handel in diesen schwierigen Zeiten. "Und ein guter Roter für das Mädel", kam aus dem Hintergrund. Sie bezahlten und verließen mit mehreren Krügen, einem kleinen Fässchen und ein paar Flaschen das Geschäft, gerade als die Nacht hereinbrach.

Der Abend im Dach und Fach geriet feucht-fröhlich, als sie sich nach einem hervorragenden Essen in den hinteren Teil der Gaststube zurückzogen. Furka, Keldi, Hurdin und Tondar ließen das Bier fließen, während Althea und Archon zurückgelehnt über dem Rotwein saßen.
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:51
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