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Zwerge am Svellt
#9
Zwerge am Svellt #9

Als sie das Tor von Gashok durchschritten, hatte der Regen gerade erst nachgelassen, doch der Eindruck des letzten Gewaltmarsches lag noch schwer auf ihnen. Althea war kaum durch den Torbogen getreten, als sie von dem Schlag getroffen und zurückgerissen wurde. Noch ehe sie selbst begriff, was geschehen war, hatten die Zwerge sie bereits in ihre Mitte genommen.

„Das fängt ja gut an...“, knurrte Furka, während Althea sich wieder aufsetzte, die Zähne zusammengebissen. Sie spähten in alle Richtungen, doch der Platz vor dem Stadttor lag verlassen da. Nur ein letzter Wind des abziehenden Gewitters fuhr durch die Baumwipfel zur rechten.

Keldi übernahm ohne ein weiteres Wort die Führung und führte sie über den Platz, während Hurdin Althea stützte. Auf der anderen Seite winkte der Eingang einer Taverne, und ohne langes Zögern traten sie ein. Die Gespräche verstummten sofort. Blicke hoben sich, blieben an der durchnässten Gruppe hängen, an den Zwergen, an der Magierin.

Hurdin führte Althea zu einer Bank an der Seite, während Keldi und Tondar die starrenden Gesichter mit unbewegtem Blick erwiderten. Archon begann bereits in seiner Tasche zu suchen und schickte Furka mit knapper Bewegung zur Theke, um Wasser zu holen. Langsam kehrte das Murmeln zurück, wenn auch gedämpft. Nur einzelne verstohlene Blicke blieben.

Als Archon sich um die Wunde gekümmert hatte und Althea wieder fester stehen konnte, trat sie zum Wirt hinüber. Hurdin folgte ihr.

„Danke für eure Gastfreundschaft — das ist wohl nicht allen im Ort gegeben?“

Der Wirt sah sie an, ohne jede Regung.

„Wir wurden angegriffen, sobald wir das Torhaus passiert hatten.“ Sie deutete vage nach draußen.

„Weiß nicht, wovon ihr redet. Ich habe noch Gäste...“

Damit wandte er sich ab.

Althea wechselte einen Blick mit Keldi, der unmerklich die Schultern zuckte.

Sie verließen die Taverne wieder, orientierten sich kurz und gingen im schwindenden Licht tiefer in den Ort hinein. Bald öffnete sich vor ihnen ein weitläufiger Marktplatz, eingefasst von hohen Häusern. Leere Marktstände standen verstreut zwischen einigen Bäumen, und auf der gegenüberliegenden Seite leuchtete sogar der weiße Marmor eines Tempelgebäudes. Ein Windstoß strich über den kaum belebten Platz und hob feinen weißen Staub auf.

„Asche“, sagte Tondar, kniete nieder und ließ den Staub durch die Finger rieseln.

Sie wechselten Blicke, dann gingen sie weiter auf das hochragende Haus vor ihnen zu: die Herberge *Alle Wege*. Der Gastraum war hell getäfelt, freundlich gebaut, beinahe einladend. Sie ließen das Gepäck von den schmerzenden Schultern sinken und setzten sich zu einer herzhaften Abendmahlzeit nieder. Doch auch hier blieb die Wirtin kurz angebunden. Gashok, die Asche auf dem Marktplatz, der Angriff — nichts davon schien sie etwas anzugehen.

Sie mieteten sich für die Nacht ein und zogen sich zurück, ehe die Müdigkeit der letzten Tage sie ganz überrollte.


Althea wurde später wieder wach — dieses kurze Aufwachen, bei dem man sich gewöhnlich nur umdreht und weiterschläft. Doch diesmal waren Stimmen draußen.

Sie schüttelte den Schlaf aus den Augen und trat ans Fenster. Keldi lag bereits wach, auch Tondar schälte sich aus den Decken. Unten auf dem Marktplatz bewegten sich undeutliche Gestalten in langen Roben, die Köpfe bedeckt. Dann loderte zwischen ihnen plötzlich Feuer auf. Für einen Moment beleuchteten die Flammen das Zeichen des Greifen auf ihren Gewändern.

Althea sog hörbar Luft ein.

„Bannstrahler“, stieß sie hervor.

Die Zwerge blickten sie verständnislos an.

„Ein fanatischer Orden des Praios... Wider Hexen, Druiden. Magie.“

Schon erloschen die Flammen wieder. Die Gestalten verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Was blieb, war feine weiße Asche.


Der erste der Namenlosen Tage empfing sie unter milchig bedecktem Himmel, aus dem die Sonne mit hartem Licht herabfiel. Schon der Blick aus dem Gastraum beim Frühstück zeigte, dass an diesem Tag nur das Nötigste getan wurde. Kaum Menschen waren unterwegs; wer ging, drückte sich an Wänden entlang und hastete von Tür zu Tür.

Sie umrundeten den Marktplatz und kamen zu einem kleinen Zelt unter einigen Bäumen. Die Zeltklappe stand offen. Warmes Dämmerlicht empfing sie im Innern, dazu Kräuterduft und das Blinken kleiner Phiolen auf Truhen und Regalen. Archon war sofort bei der Auslage, während Althea von einer älteren Frau mit blauweißen Haaren begrüßt wurde. Die übrigen Zwerge blieben im Eingang stehen.

Archon zeigte sich sichtlich angetan vom Sortiment und tauschte mit der Alten Wissen über Kräuter, Anwendungen und Tinkturen aus. Dann fragte Althea nach dem Ort.

Die Frau blickte sie einen Augenblick schweigend an.

„Gashok? Haltet Euch vom Marktplatz fern! Nachts — meine ich.“

„Was wisst ihr über die Bannstrahler?“

Wieder Schweigen.

„Es gibt nichts, das ich darüber sagen könnte.“

Nicht unfreundlich.

Althea nickte nur.

Später strichen sie über den Marktplatz und betrachteten die Hausfassaden ringsum. Furka deutete auf eine Taverne im Südwesten des Platzes. Zeit für ein Bier und ein Gespräch.

Doch kaum hatte er die Tür geöffnet, hob sich an der Theke ein missbilligender Blick.

„Hey, die Sorte wird hier nicht bedient.“

„Was?“, kam es von Althea.

„Die Zwerge. Die müssen draußen bleiben. Die sind hier nicht erwünscht.“

Althea starrte. Dann ein Blick zu Keldi.

Wieder nur ein leichtes Schulterzucken.

„Sollten die dort nicht mehr wissen?“

Tondar deutete mit dem Daumen hinüber zu dem weißen Steinbau mit der goldenen Sonne in der Tür.

*Praios? Eine Magierin und fünf Zwerge? Wird bestimmt spannend...*, dachte Althea, als sie hinübergingen.

Doch auch dort blieb die Antwort aus.

„Vorsicht, Fremde. Nicht jeder ist in diesem Städtchen willkommen.“

Die Autorität der Stadt, dachte Althea, als sie den Tempel wieder verließen. Wenigstens hätte er zugeben können, dass Bannstrahler im Ort waren.

Nachdem sie den Marktplatz erneut umrundet hatten, standen sie vor einer anderen Herberge: *Dach und Fach*. Der Gastraum war dunkel getäfelt, an den Wänden standen Schränke mit Glastüren. Der Wirt empfing sie freundlich — bis sie nach dem Ort fragten.

„Gashok? Haltet Euch vom Marktplatz fern! Nachts — meine ich.“

„Die Bannstrahler...“, begann Althea.

Der Mann sah betreten zu Boden und knetete das Tuch in seinen Händen.

„Ich...“

Dann hob er den Blick.

„Wollt ihr euch zum Mittagsmahl niederlassen?“

Das Essen war gut und reichlich, doch wie überall gab es keinen Alkohol. Nach dem Mahl berieten sie sich. Dann trat Keldi an den Wirt und mietete eine Zimmerflucht im Obergeschoss — für fünf Nächte.

*Fünf Tage in diesem einladenden Ort...*

Ihre Blicke sagten genug.

Während Hurdin und Tondar zur ersten Herberge zurückgingen, um das schwere Gepäck zu holen, lehnte Keldi bleich am Tresen. Althea trat auf ihn zu, wollte etwas sagen, doch Archon, der daneben stand und gerade die Pfeife ausklopfte, nickte leicht.

„Wir bleiben hier“, sagte er mit einem feinen Schmunzeln unter dem Bart. „Vielleicht kriegen wir den Wirt doch noch zum Reden.“

Keldi wollte ansetzen, wandte sich dann aber schweigend zur Treppe und verschwand nach oben. Das Wetter des Vortages hatte ihm zugesetzt; er war den ganzen Marsch vorne gegen Wind und Regen gegangen.

Althea sagte nichts. Sie trat mit Furka, Hurdin und Tondar wieder hinaus auf den Marktplatz.


Gashok ist die östlichste Stadt des Svelltschen Städtebundes und steht unmittelbar in Handelsbeziehung zum Mittelreich — über Trallop und Donnerbach. Entsprechend lohnend ist es, sich hier niederzulassen, wenn man Handel treibt oder von ihm lebt. Das Städtchen ist größer als Oberorken und größer als Kvirasim, wenn man dort die unzählbaren Elfen einmal außer Acht lässt.

Am Westrand des Ortes schlängelt sich ein schnell fließender Bach. Entlang ziehen sich kleinere Häuser, davor liegen Baumhaine und Wiesen; weiter südlich befinden sich Schmiede und Mühle. Im Osten, oberhalb des Bachgrundes, ziehen sich die Straßen in Nord-Süd-Richtung. Mittig liegt ein weiter Marktplatz, nördlich davon ein kleineres gefügtes Viertel mit einem Platz zum Nordtor hin. Nach Westen führt eine breite Straße, an der Händler ihre Lager eingerichtet haben. Südlich des Marktplatzes ziehen sich Häuserzeilen bis zum Südtor, wo die Bebauung lockerer wird.

Die Straßen sind sauber, gepflegt, die Häuser solide, und die Gebäude um den großen Marktplatz hoch, kunstvoll bemalt und mit geschnitzten Fassaden geschmückt. Alles in allem ein adrettes Städtchen. Zumindest von außen.

[Bild: Gashok-sinnbildlich.png]

Als sie zurückkehrten, dämmerte es bereits. Keldi schnarchte im Zimmer, und in der Luft hing die frische Schärfe eines Belmart-Aufgusses. Archon saß mit hochgekrempelten Ärmeln im Erker über dem Marktplatz und schrieb wie immer in sein Buch.
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:51
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