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Zwerge am Svellt
#6
Zwerge am Svellt #6

Als sie Kvirasim verließen und der Wall hinter ihnen zurückblieb, führte die Straße ohne Umwege nach Süden. Sie war grob gepflastert, alt genug, um nicht mehr sauber zu wirken, aber deutlich als Überlandverbindung erkennbar — jener Weg, der weiter bis Riva führte und seit Jahren Wagen, Händler, Boten und alles trug, was zwischen Nord und Süden unterwegs war. Vor ihnen lagen die bewaldeten Hänge der Salamandersteine am Horizont, dunkelgrün und fern, während rechts und links dichter Wald an die Straße rückte, nur gelegentlich geöffnet von Heideflächen oder schmalen Lichtungen.

Es war ein anderer Tross als damals, als sie zum ersten Mal im Norden unterwegs gewesen waren. Die Zwerge gingen nun schwer gerüstet, beladen, langsamer als früher, aber mit jener stetigen Sicherheit, die aus Gewohnheit geworden war. Tondar führte den Zug an, Keldi an seiner Seite, beide mit jenem Blick auf Weg und Umgebung, der längst ohne Worte funktionierte. Dahinter gingen Althea und Furka, zunächst noch im Gespräch, während die frische Morgenluft Worte trug, bis die zunehmende Wärme des Tages selbst Furka sparsamer werden ließ. Den Abschluss bildete wie immer Hurdin, der mit dem Kraftgürtel den größten Teil des Gepäcks trug, unbeirrt und gleichmäßig, und dahinter, mit etwas Abstand, Archon, dessen Schritte leiser blieben als die der anderen, obwohl auch er beladen war.

Nach Mittag bog sich die Straße leicht nach Südosten. Immer wieder blitzte zwischen Bäumen Sonnenlicht auf Wasser auf; ein Zufluss des Kvill begleitete sie über längere Strecken am Fuß des Vorgebirges, mal sichtbar, mal nur als silberner Schimmer durch Lücken im Grün. Die Landschaft blieb ruhig, aber nicht leer — sie hatte jene nordische Weite, in der selbst Stille nie ganz still ist.

Als die Sonne sich zur Rechten hinter den Baumwipfeln zu senken begann, suchten sie sich am Rand einer Heidefläche einen Platz unter einigen Bäumen. Tondar legte ohne viele Worte die schwere Rüstung ab, nahm die Armbrust über die Schulter und verschwand zunächst am Waldrand entlang, während Furka und Hurdin das Gepäck abluden, Bündel stapelten und aus trockenen Zweigen ein Feuer schichteten. Althea hatte sich an einen Baum gesetzt, die Beine ausgestreckt, den Rücken gegen die Rinde gelehnt. Müdigkeit lag ihr deutlicher im Gesicht als sie zugeben wollte.

„Oh Tsa“, murmelte sie schließlich halblaut, mehr zu sich selbst als zu den anderen, „so lange war es doch gar nicht her, dass ich durch das Orkland gewandert bin…“

Doch die Strecken im Land des Svellt schienen länger, als Erinnerung sie trug.

Archon hatte inzwischen die Sichel hervorgeholt, die sie einst in Daspota gefunden hatten, und bewegte sich langsam über die Heide, blieb bei Sträuchern stehen, prüfte Blätter, schnitt kleine Zweige ab und verlor dabei nie die Sichtweite zu Furka, der wie fast immer die erste Wache übernahm. Tondar kehrte wenig später mit einigen Karnickeln zurück, die lose am Gürtel hingen, und wies Hurdin mit knapper Handbewegung zu einer kleinen Senke, in der frisches Quellwasser aus dem Boden trat.

Als gegessen war und die letzten Worte des Tages versiegten, lag Althea bald auf ihrer Decke, in den Umhang gewickelt, den Blick zum Himmel gerichtet. Über ihr standen die Sterne klar, scharf und unbewegt, bis ihre Linien langsam ineinander verschwammen.

Am nächsten Morgen gingen sie früh weiter. Der Himmel war klar, und das Licht versprach bereits den nahen Sommer. Pflastersteine unter den Füßen, Wald zur Rechten, die Salamandersteine zur Linken — stundenlang änderte sich daran wenig, und gerade diese Gleichmäßigkeit ließ die Straße beinahe schwerelos werden.

Am Nachmittag begegneten sie einem einzelnen Reisenden, der ihnen entgegenkam und wirkte, als gehöre er eher in ein anderes Jahrzehnt als auf diese Straße: ein Hüne von einem Mann, schwer bewaffnet, mit einem Gesicht, das vom Wetter gegerbt war, und Augen, die jenen Ausdruck trugen, den nur Menschen haben, die mehr gesehen haben, als sie erzählen wollen.

Man wechselte zunächst nur wenige Worte über den Weg, über Wetter und über die Gefahren, die Orks inzwischen wieder auf manchen Strecken bedeuteten. Dann fragte Althea, beinahe beiläufig, nach dem Salamanderstein.

Nichts.

Der Name löste keine erkennbare Reaktion aus.

Als sie jedoch nach Sternenschweif fragte, veränderte sich der Mann augenblicklich. Was eben noch knappe Reiseantwort gewesen war, brach in einen langen, ungeordneten Redestrom aus: ein unmögliches Abenteuer, irgendwo im Orkland, ein Debakel, und überhaupt — bei allen Göttern — was damals in Grangor geschehen sei, unmöglich, einfach unmöglich.

Er sprach so lange, dass selbst Furka irgendwann schwieg.

Als er schließlich weiterzog, fragte Althea nicht nach.

Vielleicht weil sie spürte, dass in solchen Stimmen mehr Vergangenheit lag, als sich auf offener Straße ordnen ließ.

Am Abend wich der Wald zur linken Seite etwas zurück, und erstmals war das breite Band des Flusses deutlicher in der Entfernung zu erkennen. Sie lagerten unter einem kleinen Überhang, die Nacht blieb klar, kühl und still.

Kurz nach Sonnenaufgang des nächsten Tages begegneten sie einem reisenden Kesselflicker, der mit schief hängendem Gepäck und erstaunlich guter Laune die Straße heraufkam. Man blieb stehen, teilte Wasser aus den Schläuchen und schließlich auch einen Schluck Schnaps, den Furka mit sichtbarem Stolz unter seinem Umhang hervorzog.

Der Mann wusste einiges über die Zwergenstädte weiter südlich im Finsterkamm, sprach mit jener Sicherheit kleiner Handwerker, die von jedem Weg etwas gehört haben, aber über eine Binge wusste auch er nichts Verlässliches zu sagen.

Als sie weiterzogen, hatten sie sich dennoch einen Kupferkessel aufschwatzen lassen — einen hervorragenden, wie der Mann mehrfach betonte. Hurdin hängte ihn wortlos oben an sein Bündel, als gehöre er seit jeher dorthin.

Nach einem weiteren Tag unter der Sonne erreichten sie am Nachmittag schließlich Hillhaus.

Der Weiler lag schlicht entlang der Straße: einige wenige Häuser, mittig die Wegsherberge **Wegrast**. Westlich davon lagen kleine Gärten und Felder, während östlich der Wald bereits wieder anstieg und sich gegen die Salamandersteine hob.

Der Ort wirkte ruhig. Einige wenige Reisende waren gleichzeitig mit ihnen eingetroffen, dazu ein langsamer Ochsenkarren, dessen Fahrer sichtlich froh war, für heute nicht weiterzumüssen.

Sie kehrten ein, aßen warm und lange genug, um die Müdigkeit der Straße aus den Schultern sinken zu lassen. Das Gespräch mit der Wirtin drehte sich bald um die schwierigen Jahre seit der Orkinvasion, um ausgebliebene Händler, unsichere Wege und jene langsame Vorsicht, die sich in kleinen Orten festsetzt, wenn Bedrohung einmal nahe war.

Erst als Althea durch die geöffnete Wand hinaus auf die Salamandersteine deutete, glitt das Gespräch zu den Elfen.

Später, als der Abend tiefer wurde, stand Althea auf dem kleinen Balkon am Treppenabsatz des Obergeschosses, die Arme auf das Geländer gelegt, und sah hinaus. Langsam wanderten die Schatten der Bäume den Hang empor, während hinter ihr die Sonne sank. Zum Schluss glühten die Gipfel der Salamandersteine im Abendrot auf, als würden sie für wenige Augenblicke eigenes Licht tragen.

[Bild: Althea-in-Hillhaus.png]

Am nächsten Morgen lag der Himmel grau über dem Land.

Die Luft war schwerer.

Das Wetter drückte.
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Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 08:51
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 09:22
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - 19.04.2026, 16:31
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RE: Zwerge am Svellt - von Althea - Vor 3 Stunden



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