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Zwerge am Svellt
#5
Zwerge am Svellt #5

Als sie an diesem Abend in die Einkehr zurückkehrten, hatte Archon sich bereits in das kleine Hinterzimmer zurückgezogen, das die Wirtin nach einigem Zögern überhaupt erst freigegeben hatte. Ihr Blick folgte ihm noch eine Weile, als könne sie allein am Gang eines Zwerges erkennen, ob dort hinten etwas Unvernünftiges geschehen würde.

Es dauerte nicht lange, bis erste Gerüche durch den Flur zogen.

Nicht unangenehm, aber fremd genug, um Aufmerksamkeit zu binden: bittere Kräuter, erhitzte Flüssigkeit, ein Hauch von Harz, dazu etwas Metallisches, das im warmen Holz des Hauses fehl am Platz wirkte.

Archon arbeitete bereits, bevor die übrigen ganz zur Ruhe gekommen waren.

Hurdin wurde bald zum stillen Mittler zwischen Zimmern und Hinterraum. Immer wieder ging er die schmale Treppe hinauf und hinunter, trug Beutel, Tücher, Wasser, dann wieder etwas zurück, ohne viele Fragen zu stellen. Seine schweren Schritte gehörten bald ebenso zum Abend wie das gedämpfte Knistern hinter der Tür.

Von Althea war zunächst nichts zu sehen.

Die Zwerge nahmen ihr Abendbrot schweigsamer als an den Tagen zuvor ein, und nach und nach zog sich jeder in seine eigene Müdigkeit zurück.

Während hinter der Tür im Hinterzimmer leises Klirren, gedämpftes Blubbern und das gelegentliche Verschieben von Glas zu hören war, begann aus den oberen Zimmern bald das erste Schnarchen.

Furka zuerst, unüberhörbar.

Später tiefer und regelmäßiger Hurdin.

Dann jene schwere Ruhe, in die Häuser sinken, wenn die Nacht nicht mehr fragt, ob noch jemand wach ist.

Nur Archon machte die Nacht zum Tag.

Als am Morgen der nächste Tag begann, erschien er nicht zum Frühstück.

Überhaupt schien es, als habe er das Hinterzimmer nicht verlassen.

Die Wirtin stand mehrfach in der Nähe der Tür, als müsse sie sich vergewissern, dass ihr Haus noch stand.

Keldi, der ihren Blick bemerkte, schob ihr wortlos einige zusätzliche Münzen zu.

Das genügte.

Der Vormittag verstrich langsam.

Die Stunden tropften dahin, warm und beinahe unbewegt, als hätte auch Kvirasim beschlossen, für einen Tag nichts Dringendes mehr zu verlangen.

Erst gegen Mittag, als alle bereits beim Essen saßen, öffnete sich die Tür.

Archon trat heraus.

Er wirkte müde, aber auf jene stille Weise zufrieden, die ihn selten sichtbar machte. In den Händen trug er zwei in Tuch eingeschlagene Dolche, die er mit fast feierlicher Schlichtheit neben seinen Teller legte, bevor er sich setzte und mit bemerkenswertem Appetit zu essen begann.

Niemand fragte sofort.

Das war nicht nötig.

Die zwei sorgfältig abgelegten Klingen sagten genug.

Nach dem Essen stand er wieder auf, beinahe schwerfällig, und schlurfte Richtung Treppe, als fordere die Nacht nun ihren Tribut.

Hurdin blieb kurz zurück, trat an die Tür des Hinterzimmers und steckte den Kopf hinein.

Was immer er dort sah, ließ ihn nur kurz die Brauen heben.

Ein paar umgestellte Gefäße, verstreute Kräuterreste, Tücher, Schalen, eine Unordnung, die nur Archon selbst vermutlich wieder verstand.

Dann zog er die Tür wieder an.

Während das Haus langsam in die Wärme des Nachmittags sank, hatte Althea ihren Platz im Erker der Zimmerflucht gefunden.

Sie legte das Pergament beiseite, das bis eben über ihre Knie gespannt gewesen war. Die Zeilen verschwammen ohnehin schon vor ihren Augen — nicht aus Müdigkeit, sondern weil die Nachmittagssonne den Raum mit jener flirrenden, goldenen Wärme füllte, die jedes Nachdenken weich werden ließ.

Sie lehnte sich zurück, die Schulter gegen das Holz der Wand, und ließ den Blick hinausgleiten.

Unter ihr breitete sich Kvirasim aus wie ein lebendiger Teppich: das helle Grün der Baumkronen, die sich zwischen Dächer und Wege schoben, das flackernde Spiel der Schatten über dem Marktplatz. Menschen bewegten sich zwischen wenigen Ständen, Händler riefen halblaut ihre Ware aus, ein Kind huschte zwischen Erwachsenen hindurch, wurde kurz eingefangen und gleich wieder freigelassen.

Nicht das dichte, lärmende Treiben von Prem oder die rauere Unruhe von Thorwal.

Hier schien alles gemessener, eingebettet, fast freundlich.

Weiter hinten glitzerte der Fluss im Licht. Dahinter lagen die schlankeren Pfahlbauten der Auelfen, still und beinahe schwerelos zwischen Wasser und Grün.

Ein unwillkürliches Lächeln legte sich auf ihre Lippen.

„Nurti“, murmelte sie halblaut, ohne ganz zu wissen, ob sie damit die Göttin meinte oder nur jenen stillen Atem, der über allem lag.

Hinter ihr war das Haus nie ganz still.

Von irgendwoher drang Furkas Stimme, gedämpft durch Holz und Türen, dann wieder ein kurzes Schnauben. Ein tieferes Brummen der Zwerge. Irgendwo Archons leises Rascheln, vielleicht noch einmal Papier oder Stoff.

Doch hier im Erker, im warmen Licht, im Spiel von Luft und Sonne, war für einen Moment nichts davon wichtig.

Für einen Moment vergaß Althea Orks, Fragmente, Aufträge und Namen.

Für einen Moment war sie nur eine junge Frau, die über eine friedliche Stadt blickte und still atmete.

Gegen Abend saßen sie schließlich zusammen.

Archon fehlte; er schlief nun, wo andere wach waren.

Die übrigen saßen im Gastzimmer beisammen, zwischen Bechern, Kartenrest, Gürtelzeug und der Wärme eines Tages, der fast ohne Ereignis vergangen war.

Die Frage lag schon eine Weile im Raum, bevor sie ausgesprochen wurde.

Morgen war der 19. Rahja.

In zwölf Tagen würde das Jahr enden, und mit ihm näherten sich die Namenlose Tage.

Die nächste größere Ansiedlung, Gashok, sollte auf der Straße in gut zehn Tagen erreichbar sein.

Bleiben oder aufbrechen.

Furka hatte dazu eine deutliche Meinung.

Zu lange stillzustehen war ohnehin nie seine Stärke, und Kvirasim hatte ihm spätestens seit dem leeren Abend in der Liebliche Au wenig Anlass gegeben, noch länger zu hoffen, dass plötzlich mehr daraus würde.

Keldi sah es nüchterner: Bei der Sommerlage sprach nichts gegen den Weg.

Tondar nickte nur. Die Strecke sei machbar.

Hurdin sagte wenig, aber auch sein Schweigen stand nicht gegen den Aufbruch.

So fiel die Entscheidung fast ohne Gewicht:

Morgen würde man gehen.

Am nächsten Morgen standen die Bündel bereit.

Archon war wieder wach, bleich, aber gesammelt.

Nach einem guten Frühstück gingen sie noch einmal zum Peraine-Tempel.

Dort fiel eine erkleckliche Summe in den Opferstock.

„Körperliche Unversehrtheit ist das höchste Gut“, sagte die Geweihte mit zustimmendem Nicken.

Dann verließen sie Kvirasim.

Tondar ging voran.

Südwärts.

Hinter ihnen blieb der Wall, der Platz, die Dächer, das ruhige Licht über dem Fluss.

Und bald nur noch der Weg.
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Zwerge am Svellt - von Althea - Gestern, 08:26
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - Gestern, 08:51
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - Gestern, 09:22
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - Vor 10 Stunden
RE: Zwerge am Svellt - von Althea - Vor 5 Stunden



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