Vor 5 Stunden
Zwerge am Svellt #4
Der Morgen des 17. Rahja begann heller als der Tag zuvor.
Über den Wall von Kvirasim fiel bereits früh warmes Licht, und auf dem offenen Platz zwischen den Häusern lag jene stille Klarheit, die nur Stunden kennen, in denen ein Ort noch nicht ganz entschieden hat, wie laut er werden will. Vor der Einkehr war die Erde noch leicht feucht vom Tau, während aus den Küchen bereits Rauchfäden stiegen und irgendwo ein Hund anschlug, ohne dass sich jemand darum kümmerte.
Die Gruppe brach gemeinsam auf, doch wie inzwischen fast selbstverständlich hielt dieses gemeinsame Gehen nicht lange an.
Am Rand des Marktplatzes trennten sich ihre Wege.
Althea schlug mit Archon und Hurdin den Weg hinunter zum Kräuterhändler ein, der nahe dem Fluss seinen festen Stand hatte. Schon auf dem Weg sprachen Althea und Archon halblaut über die Notizen des Vorabends, über Verhältnisse von Auszügen, über die Frage, ob sich bestimmte Wurzeln in frischem oder getrocknetem Zustand besser verarbeiten ließen. Archon sprach präzise, ohne viele Nebensätze; Althea antwortete nachdenklicher, als würde sie Wissen abrufen, das lange geruht hatte.
Hurdin ging etwas hinter ihnen.
Nicht aus Desinteresse, sondern mit jener stillen Geduld, die ihn auszeichnete. Er wusste bereits, dass auf dem Rückweg etwas an ihm hängen bleiben würde.
Währenddessen gingen Furka, Keldi und Tondar über den noch ungewöhnlich offenen Marktplatz.
Dort, wo vor zwei Tagen noch Händler, Stoffe und Stimmen gestanden hatten, lag nun in der Vormittagssonne eine fast leere Fläche. Auch die vereinzelten Spuren vom Vortag verblassten langsam: ein umgeworfener Korb am Rand, dunklere Erde unter einem Baum, wo ein Stand gestanden hatte, ein vergessenes Stück Bindfaden im Staub.
„Das sah schon einmal größer aus“, murmelte Furka.
Keldi antwortete nicht. Sein Blick ging langsam über die freien Flächen, als messe er den Ort neu, jetzt, da er ohne Bewegung sichtbar wurde.
Sie gingen hinüber zum kleinen Handelsgeschäft südlich des Platzes, dem einzigen Laden in dieser Richtung, dessen hölzerne Front mit einfachen Brettern verkleidet war. Im Halbschatten des Eingangs stand die Händlerin, eine kräftige Frau mit hochgebundenem Haar, die sie musterte, ohne überrascht zu wirken.
„Na endlich mal Menschen“, sagte Furka so leise, dass nur Tondar es hörte.
Die Unterhaltung entwickelte sich langsam, beinahe widerwillig, wie es in kleinen Orten oft geschieht, wenn niemand sicher ist, ob man überhaupt reden will.
Es ging um Handel, um Lieferungen, um Wege, die schwieriger geworden waren als früher. Die Frau sprach vom Süden, von wenigen Wagen, von Kaufleuten, die kürzer blieben als noch vor einigen Jahren.
Keldi nickte dabei mehrmals bedächtig, stellte knappe Fragen und ließ längere Pausen stehen, in denen die Händlerin selbst weitersprach.
Tondar lehnte mit verschränkten Armen an einem der Balken neben der Tür und beobachtete mehr, als dass er teilnahm.
Furka dagegen betrachtete nebenbei Regale, Nägel, Beutel, Kisten und die Art, wie die Frau Ware stapelte, als würde er daraus etwas über ihren Charakter lesen.
Als sie wieder hinaustraten, hatten sie keinen eigentlichen Grund, wohin als Nächstes.
So streiften sie zunächst durch die inneren Wege des Ortes, vorbei an kleinen Häusern, deren Türen offenstanden, an aufgespannten Fellen, an einem Brunnen, an dessen Rand zwei Kinder saßen und Kiesel ins Wasser warfen.
Inzwischen hatten Althea, Archon und Hurdin den Kräuterstand erreicht.
Der Händler dort hatte seine Ware bereits sorgfältig geordnet: Bündel aus getrocknetem Blattwerk, kleine Schalen mit Samen, dunkle Harze, Fläschchen mit eingedickten Auszügen.
Archon beugte sich beinahe sofort darüber, prüfte Farbe, Geruch, Struktur. Er nahm einzelne Bündel in die Hand, fragte knapp nach Herkunft, Lagerung, Alter.
Währenddessen kam Althea mit dem Elfen ins Gespräch.
Es war kein langes Gespräch, eher eines jener leichten, ruhigen Gespräche, die bei Elfen oft wirken, als würden Worte nur einen Teil dessen tragen, was eigentlich gesagt wird. Es ging um Pflanzen, um die Unterschiede zwischen südlichen Kräutern und dem, was hier am Kvill wuchs, um Blätter, die in warmer Luft anders dufteten als im Norden.
Hurdin wartete daneben.
Als Archon schließlich gefunden hatte, was er suchte, wurde Hurdins Rolle erfüllt: Zwei Beutel, ein Bündel, eine kleine Schachtel und noch ein Tuch wanderten wortlos in seine Arme.
Auf dem Rückweg zum Platz machten sie bei der Händlerin Halt.
Archon ergänzte dort weitere Dinge, die ihm am Kräuterstand gefehlt hatten — Öl, Stoff, einige unscheinbare Zutaten, die man nur dann als wichtig erkannte, wenn man wusste, wofür sie gebraucht wurden.
Auch das landete bei Hurdin.
Dann gingen sie hinüber zum Peraine-Tempel.
Dort war es stiller als draußen. Die Geweihte nahm sich Zeit für sie, wie Menschen es tun, die gelernt haben, Ruhe nicht künstlich zu beschleunigen. Das Gespräch blieb freundlich, schlicht, ohne jede Dringlichkeit. Es ging um den Ort, um Reisende, um das, was Peraine auch an einem kleinen Grenzort zusammenhält: Versorgung, Geduld, Verlässlichkeit.
Erst als draußen erneut jemand Hilfe brauchte, stand sie auf und kehrte in ihre Pflicht zurück.
Da war es bereits Mittag.
Neben dem Tempel kehrten sie in Peraines Tisch ein.
Der Raum war einfacher als die Liebliche Au, niedriger, wärmer, unmittelbarer. Auf dem Herd stand ein großer Kessel, aus dem die Wirtin Gemüseeintopf schöpfte — nicht nur für Gäste, sondern auch für jene, die mit leeren Händen kamen.
Althea beobachtete eine Weile, wie Schalen ausgegeben wurden, ohne dass viel gefragt wurde.
Archon aß langsam. Hurdin mit gewohnter Ruhe.
Ein paar kurze Gespräche ergaben sich, nicht mehr als notwendig, und doch genug, dass der Ort sich weiter öffnete.
Von dort führte der Weg zur Heilerin, die ihnen empfohlen worden war.
Die Elfe empfing sie in einem kleinen, hellen Raum, in dem getrocknete Pflanzen hingen und die Luft nach etwas roch, das Althea nicht sofort benennen konnte.
Archon fand rasch Zugang zu ihr.
Zwischen beiden entspann sich ein Gespräch, das bald so dicht wurde, dass Hurdin kaum noch folgte: Krankheiten, Fieber, Gifte, Gegengifte, Wirkzeiten, seltene Reaktionen des Körpers.
Währenddessen betrachtete Althea die Frau stiller.
Unter halb gesenkten Wimpern ließ sie ihren Blick länger auf ihr ruhen als nötig — nicht offen, aber aufmerksam genug, um die feine magische Schwingung wahrzunehmen, die von ihr ausging.
Beeindruckend, dachte sie, ohne es auszusprechen.
Als sie später zur Einkehr zurückkehrten, stand die Sonne bereits tiefer.
Etwa zur selben Zeit traten Furka, Keldi und Tondar mit knurrenden Mägen in die Liebliche Au.
Der Raum war überraschend leer.
Ein freier Tisch, wenige Gäste, kaum Stimmen.
Furka hatte bereits im Gehen seine neuen Inrah-Karten zwischen den Fingern gemischt, schnell, sicher, mit jener Selbstverständlichkeit, mit der jemand Karten behandelt, der möchte, dass andere ihre Schönheit zuerst sehen und erst später über ihre Ehrlichkeit nachdenken.
Bier kam. Essen kam.
Die Zeit verging.
Dann begann Furka, halb beiläufig, halb hoffnungsvoll, sich umzusehen.
Ein Blick hierhin, ein Satz dorthin, ein angedeutetes Angebot.
Doch die meisten Händler waren bereits weitergezogen, und das wenige Publikum im Raum zeigte weder Geld noch Lust, sich auf ein Spiel einzulassen.
Nach ein paar weiteren Bieren gab selbst Furka es auf.
Als sie wieder hinaustraten, war der Abend schon weich geworden.
„Hier ist eben nichts los“, sagte er trocken.
Keldi zog nur den Mantel zurecht.
Tondar sah kurz zurück zur Tür, dann gingen sie weiter.
Der Morgen des 17. Rahja begann heller als der Tag zuvor.
Über den Wall von Kvirasim fiel bereits früh warmes Licht, und auf dem offenen Platz zwischen den Häusern lag jene stille Klarheit, die nur Stunden kennen, in denen ein Ort noch nicht ganz entschieden hat, wie laut er werden will. Vor der Einkehr war die Erde noch leicht feucht vom Tau, während aus den Küchen bereits Rauchfäden stiegen und irgendwo ein Hund anschlug, ohne dass sich jemand darum kümmerte.
Die Gruppe brach gemeinsam auf, doch wie inzwischen fast selbstverständlich hielt dieses gemeinsame Gehen nicht lange an.
Am Rand des Marktplatzes trennten sich ihre Wege.
Althea schlug mit Archon und Hurdin den Weg hinunter zum Kräuterhändler ein, der nahe dem Fluss seinen festen Stand hatte. Schon auf dem Weg sprachen Althea und Archon halblaut über die Notizen des Vorabends, über Verhältnisse von Auszügen, über die Frage, ob sich bestimmte Wurzeln in frischem oder getrocknetem Zustand besser verarbeiten ließen. Archon sprach präzise, ohne viele Nebensätze; Althea antwortete nachdenklicher, als würde sie Wissen abrufen, das lange geruht hatte.
Hurdin ging etwas hinter ihnen.
Nicht aus Desinteresse, sondern mit jener stillen Geduld, die ihn auszeichnete. Er wusste bereits, dass auf dem Rückweg etwas an ihm hängen bleiben würde.
Währenddessen gingen Furka, Keldi und Tondar über den noch ungewöhnlich offenen Marktplatz.
Dort, wo vor zwei Tagen noch Händler, Stoffe und Stimmen gestanden hatten, lag nun in der Vormittagssonne eine fast leere Fläche. Auch die vereinzelten Spuren vom Vortag verblassten langsam: ein umgeworfener Korb am Rand, dunklere Erde unter einem Baum, wo ein Stand gestanden hatte, ein vergessenes Stück Bindfaden im Staub.
„Das sah schon einmal größer aus“, murmelte Furka.
Keldi antwortete nicht. Sein Blick ging langsam über die freien Flächen, als messe er den Ort neu, jetzt, da er ohne Bewegung sichtbar wurde.
Sie gingen hinüber zum kleinen Handelsgeschäft südlich des Platzes, dem einzigen Laden in dieser Richtung, dessen hölzerne Front mit einfachen Brettern verkleidet war. Im Halbschatten des Eingangs stand die Händlerin, eine kräftige Frau mit hochgebundenem Haar, die sie musterte, ohne überrascht zu wirken.
„Na endlich mal Menschen“, sagte Furka so leise, dass nur Tondar es hörte.
Die Unterhaltung entwickelte sich langsam, beinahe widerwillig, wie es in kleinen Orten oft geschieht, wenn niemand sicher ist, ob man überhaupt reden will.
Es ging um Handel, um Lieferungen, um Wege, die schwieriger geworden waren als früher. Die Frau sprach vom Süden, von wenigen Wagen, von Kaufleuten, die kürzer blieben als noch vor einigen Jahren.
Keldi nickte dabei mehrmals bedächtig, stellte knappe Fragen und ließ längere Pausen stehen, in denen die Händlerin selbst weitersprach.
Tondar lehnte mit verschränkten Armen an einem der Balken neben der Tür und beobachtete mehr, als dass er teilnahm.
Furka dagegen betrachtete nebenbei Regale, Nägel, Beutel, Kisten und die Art, wie die Frau Ware stapelte, als würde er daraus etwas über ihren Charakter lesen.
Als sie wieder hinaustraten, hatten sie keinen eigentlichen Grund, wohin als Nächstes.
So streiften sie zunächst durch die inneren Wege des Ortes, vorbei an kleinen Häusern, deren Türen offenstanden, an aufgespannten Fellen, an einem Brunnen, an dessen Rand zwei Kinder saßen und Kiesel ins Wasser warfen.
Inzwischen hatten Althea, Archon und Hurdin den Kräuterstand erreicht.
Der Händler dort hatte seine Ware bereits sorgfältig geordnet: Bündel aus getrocknetem Blattwerk, kleine Schalen mit Samen, dunkle Harze, Fläschchen mit eingedickten Auszügen.
Archon beugte sich beinahe sofort darüber, prüfte Farbe, Geruch, Struktur. Er nahm einzelne Bündel in die Hand, fragte knapp nach Herkunft, Lagerung, Alter.
Währenddessen kam Althea mit dem Elfen ins Gespräch.
Es war kein langes Gespräch, eher eines jener leichten, ruhigen Gespräche, die bei Elfen oft wirken, als würden Worte nur einen Teil dessen tragen, was eigentlich gesagt wird. Es ging um Pflanzen, um die Unterschiede zwischen südlichen Kräutern und dem, was hier am Kvill wuchs, um Blätter, die in warmer Luft anders dufteten als im Norden.
Hurdin wartete daneben.
Als Archon schließlich gefunden hatte, was er suchte, wurde Hurdins Rolle erfüllt: Zwei Beutel, ein Bündel, eine kleine Schachtel und noch ein Tuch wanderten wortlos in seine Arme.
Auf dem Rückweg zum Platz machten sie bei der Händlerin Halt.
Archon ergänzte dort weitere Dinge, die ihm am Kräuterstand gefehlt hatten — Öl, Stoff, einige unscheinbare Zutaten, die man nur dann als wichtig erkannte, wenn man wusste, wofür sie gebraucht wurden.
Auch das landete bei Hurdin.
Dann gingen sie hinüber zum Peraine-Tempel.
Dort war es stiller als draußen. Die Geweihte nahm sich Zeit für sie, wie Menschen es tun, die gelernt haben, Ruhe nicht künstlich zu beschleunigen. Das Gespräch blieb freundlich, schlicht, ohne jede Dringlichkeit. Es ging um den Ort, um Reisende, um das, was Peraine auch an einem kleinen Grenzort zusammenhält: Versorgung, Geduld, Verlässlichkeit.
Erst als draußen erneut jemand Hilfe brauchte, stand sie auf und kehrte in ihre Pflicht zurück.
Da war es bereits Mittag.
Neben dem Tempel kehrten sie in Peraines Tisch ein.
Der Raum war einfacher als die Liebliche Au, niedriger, wärmer, unmittelbarer. Auf dem Herd stand ein großer Kessel, aus dem die Wirtin Gemüseeintopf schöpfte — nicht nur für Gäste, sondern auch für jene, die mit leeren Händen kamen.
Althea beobachtete eine Weile, wie Schalen ausgegeben wurden, ohne dass viel gefragt wurde.
Archon aß langsam. Hurdin mit gewohnter Ruhe.
Ein paar kurze Gespräche ergaben sich, nicht mehr als notwendig, und doch genug, dass der Ort sich weiter öffnete.
Von dort führte der Weg zur Heilerin, die ihnen empfohlen worden war.
Die Elfe empfing sie in einem kleinen, hellen Raum, in dem getrocknete Pflanzen hingen und die Luft nach etwas roch, das Althea nicht sofort benennen konnte.
Archon fand rasch Zugang zu ihr.
Zwischen beiden entspann sich ein Gespräch, das bald so dicht wurde, dass Hurdin kaum noch folgte: Krankheiten, Fieber, Gifte, Gegengifte, Wirkzeiten, seltene Reaktionen des Körpers.
Währenddessen betrachtete Althea die Frau stiller.
Unter halb gesenkten Wimpern ließ sie ihren Blick länger auf ihr ruhen als nötig — nicht offen, aber aufmerksam genug, um die feine magische Schwingung wahrzunehmen, die von ihr ausging.
Beeindruckend, dachte sie, ohne es auszusprechen.
Als sie später zur Einkehr zurückkehrten, stand die Sonne bereits tiefer.
Etwa zur selben Zeit traten Furka, Keldi und Tondar mit knurrenden Mägen in die Liebliche Au.
Der Raum war überraschend leer.
Ein freier Tisch, wenige Gäste, kaum Stimmen.
Furka hatte bereits im Gehen seine neuen Inrah-Karten zwischen den Fingern gemischt, schnell, sicher, mit jener Selbstverständlichkeit, mit der jemand Karten behandelt, der möchte, dass andere ihre Schönheit zuerst sehen und erst später über ihre Ehrlichkeit nachdenken.
Bier kam. Essen kam.
Die Zeit verging.
Dann begann Furka, halb beiläufig, halb hoffnungsvoll, sich umzusehen.
Ein Blick hierhin, ein Satz dorthin, ein angedeutetes Angebot.
Doch die meisten Händler waren bereits weitergezogen, und das wenige Publikum im Raum zeigte weder Geld noch Lust, sich auf ein Spiel einzulassen.
Nach ein paar weiteren Bieren gab selbst Furka es auf.
Als sie wieder hinaustraten, war der Abend schon weich geworden.
„Hier ist eben nichts los“, sagte er trocken.
Keldi zog nur den Mantel zurecht.
Tondar sah kurz zurück zur Tür, dann gingen sie weiter.

