Vor 3 Stunden
Zwerge am Svellt #42
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Hurdin stand noch immer neben seinem geöffneten Gepäck. Die Kleidungsstücke lagen verstreut auf dem Boden. Er hatte jedes Bündel durchsucht, jede Tasche geöffnet, jeden Winkel des kleinen Fachwerkerkers kontrolliert.
Der Salamanderstein war verschwunden.
Keldi war der Erste, der sich wieder bewegte.
"Tondar. Die Treppe. Furka, sieh dir den Hof an."
Die Zwerge reagierten augenblicklich.
Wenige Augenblicke später war das Haus Brin Vaskendantzs abgesichert. Tondar bezog Stellung an der Freitreppe, während Furka den Hinterhof untersuchte. Archon durchsuchte noch einmal die Schlafplätze. Keldi und Hurdin prüften die Fenster, die Türen und schließlich das Gepäck.
Nichts.
Brins sauertöpfisches Gesicht erschien einmal kurz in einem Türspalt. Doch als ein kettenhemdbewehrter Zwerg mit geschulterter Axt an ihm vorbeimarschierte, verschwand es ebenso schnell wieder.
Die Tür schloss sich.
Althea stand mitten im Zimmer.
Sie blickte auf die Stelle, an der Hurdin den Stein verwahrt hatte.
Noch gestern Abend hatten sie ihn besessen.
Nach all den Gefahren der Finsterkoppbinge. Nach dem glühenden Gang. Nach der Begegnung mit dem göttlichen Schmied. Nach der langen Reise durch das Gebirge.
Und nun war er fort.
Einfach so.
"Gavron", sagte Furka schließlich.
Keldi nickte langsam.
"Gavron."
Sie setzten sich zusammen.
Der Fremde war am vergangenen Abend der Einzige gewesen, der ihre Unterkunft betreten hatte. Er hatte nach seinem Bruder Antharon gefragt, einige Fläschchen Hochprozentigen hervorgezogen und war nach einer Stunde wieder verschwunden.
Ein merkwürdiger Besuch.
Damals hatten sie sich wenig dabei gedacht.
Jetzt erschien er in einem anderen Licht.
"Den müssen wir finden", sagte Hurdin.
Seine Stimme klang ungewöhnlich ruhig.
Althea betrachtete ihn einen Moment.
"Ja."
Doch Gavron war nicht die einzige offene Frage.
Da war Ingramosch. Der Zwerg, dessen Name ihnen inzwischen mehrfach begegnet war. Über den man im Norden Geschichten erzählte, die alles andere als schmeichelhaft klangen.
Da war Sudran Alatzer, dessen Absichten ihnen noch immer undurchsichtig erschienen.
Und da war Vindaria Egelbronn.
Ein Name, der wiederholt gefallen war, ohne dass sie bislang Gelegenheit gehabt hätten, die Frau selbst kennenzulernen.
"Vielleicht", begann Archon nachdenklich, "sollten wir zunächst herausfinden, wer hier eigentlich mit wem zu tun hat."
Furka schnaubte.
"Ich würde lieber herausfinden, wer unseren Stein hat."
"Das eine könnte zum anderen führen", erwiderte Keldi.
Althea schwieg.
Zu viele Namen.
Zu viele Gerüchte.
Zu viele Möglichkeiten.
Sie hatten den Salamanderstein gesucht, seit sie von seiner Existenz erfahren hatten. Hatten Gefahren auf sich genommen, Wege erkundet, Gegner überwunden.
Aber sie hatten sich kaum Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen sollte, wenn sie ihn tatsächlich besaßen.
Wem sollten sie vertrauen?
Wem konnten sie ihn übergeben?
Und wer wusste überhaupt, was dieser Stein wirklich bedeutete?
Sie hatten geglaubt, mit dem Fund in der Binge einen entscheidenden Schritt getan zu haben.
Nun standen sie wieder am Anfang.
Schließlich traf Althea eine Entscheidung.
"Wir suchen nicht blind nach Gavron. Wir finden zuerst heraus, wer ihn kennt. Und was die Leute über die anderen wissen."
Keldi nickte.
"Hurdin und ich bleiben hier. Wir behalten die Unterkunft und das Gepäck im Auge."
"Und falls dieser Gavron zurückkommt", ergänzte Hurdin, "werde ich ein paar Fragen an ihn haben."
Furka grinste freudlos.
Dann machten sich Althea, Furka, Tondar und Archon auf den Weg.
Sie begannen am kleinen Platz im Fuchswinkel.
Die Händler dort kannten sie inzwischen. Manche begrüßten sie mit einem Nicken, andere betrachteten die vier Reisenden zunächst misstrauisch, bevor sie sich an ihre früheren Besuche erinnerten.
Althea stellte ihre Fragen vorsichtig.
Ein Mann namens Gavron.
Ein Zwerg namens Ingramosch.
Eine Frau namens Vindaria Egelbronn.
Die Antworten waren wenig ergiebig.
Gavron schien niemand zu kennen.
Oder niemand wollte ihn kennen.
Sie arbeiteten sich durch das Gassengewirr Altlowangens nach Süden vor, vorbei an kleinen Werkstätten, Krämerläden und engen Hinterhöfen.
Die Stadt war voller Menschen.
Flüchtlinge drängten sich zwischen den Häusern. An manchen Ecken standen Gruppen zusammen und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Händler klagten über fehlende Waren und steigende Preise.
Über allem lag jene eigentümliche Anspannung, die sie bereits bei ihrem ersten Aufenthalt in Lowangen gespürt hatten.
Eine Stadt, die sich auf eine Belagerung vorbereitete.
Und die doch noch immer versuchte, ihrem gewöhnlichen Leben nachzugehen.
Am südlichen Torweg, nahe der Eydaler Brücke, suchten sie eine Waffenhändlerin auf.
Die Frau kannte Ingramosch.
Und hielt offenbar wenig von ihm.
Sie sprach von Gerüchten über einen Verrat der Zwerge im Norden. Von Dingen, die man sich erzählte, wenn der Name Ingramosch fiel.
Archon hörte aufmerksam zu.
Furka verzog das Gesicht.
"Ein Zwerg, der seine eigenen Leute verrät?"
Die Händlerin zuckte mit den Schultern.
"Ich erzähle nur, was man hört."
Auch Vindaria Egelbronn war ihr bekannt.
"Eine Frau mit eigenartigen Ansichten", bemerkte sie.
Mehr wollte sie zunächst nicht sagen.
Althea fragte nach.
Doch die Händlerin blieb zurückhaltend.
Als sie den Laden verließen, hatten sie einige neue Gerüchte gehört, aber noch immer keine Gewissheit gewonnen.
Gegen Mittag kehrten sie in Der Herberge am großen Marktplatz ein.
Sie bestellten verdünnten Wein und etwas zu essen.
Während sie an ihrem Tisch saßen, beobachtete Althea das Treiben auf dem Platz.
Zwischen den Marktständen bewegten sich Händler, Bürger und Flüchtlinge. Manche Menschen trugen Bündel, andere schoben Karren. Hier und da standen bewaffnete Männer und beobachteten die Menge.
Der Krieg war noch nicht in die Straßen eingebrochen.
Aber er stand vor den Toren.
Auch hier erkundigten sie sich nach Ingramosch.
Die Antworten unterschieden sich kaum von denen der Waffenhändlerin.
In der Oberstadt schien der Zwerg keinen guten Ruf zu genießen.
Archon machte sich einige Notizen.
"Gerüchte", murmelte er. "Immer nur Gerüchte."
"Und meistens schlechte", ergänzte Furka.
Althea betrachtete ihre Aufzeichnungen.
"Dann fragen wir jemanden, der die schlechten Geschichten dieser Stadt besser kennt."
Am späten Nachmittag machten sie sich auf den Weg zum Fuchsstübchen.
Als sie dort eintrafen, war die Sonne bereits hinter den Dächern verschwunden.
Albin Laikakis begrüßte sie mit jener Mischung aus Freundlichkeit und vorsichtiger Neugier, die sie inzwischen gut kannten.
Der Wirt war ihnen schon mehrfach eine wertvolle Informationsquelle gewesen.
Besonders dann, wenn es um die weniger ehrbaren Seiten Lowangens ging.
Sie setzten sich und kamen bald auf Gavron zu sprechen.
Albins Gesicht wurde ernst.
Er kannte den Namen.
Und er riet ihnen ausdrücklich davon ab, sich mit dem Mann einzulassen.
"Mit manchen Leuten", sagte er schließlich, "ist es besser, nichts zu tun zu haben."
Althea betrachtete ihn aufmerksam.
"Und wenn man bereits mit ihnen zu tun hatte?"
Der Wirt hob die Augenbrauen.
Dann schüttelte er langsam den Kopf.
"Dann wäre ich vorsichtig."
Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.
Immerhin kannte er auch Vindaria Egelbronn.
Ihr Umfeld, so erklärte er, sei nicht gerade göttergefällig.
Archon blickte auf.
Althea fragte nach Einzelheiten.
Doch auch Albin blieb vorsichtig.
Als sie das Fuchsstübchen verließen, war es dunkel geworden.
Die vier gingen schweigend durch die engen Gassen zurück.
Am Abend dieses ersten Tages war zumindest eines klar geworden.
Sie mussten hinunter nach Eydal.
Am nächsten Morgen brachen sie früh auf.
Keldi und Hurdin blieben erneut bei Brin Vaskendantz zurück, während Althea, Furka, Tondar und Archon den Weg zur Eydaler Brücke einschlugen.
Unter ihnen glitzerte das Wasser des Svelltscheids.
Sie überquerten die Brücke und gelangten nach Vierbrück, jener von den Flussarmen umschlossenen Insel, auf der sich Straßen und Häuser dicht zusammendrängten.
Hier herrschte ein anderes Leben als in Altlowangen.
Händler, Handwerker und Fuhrleute bestimmten das Straßenbild. Überall waren Karren zu sehen, und aus den Werkstätten drangen die Geräusche geschäftiger Arbeit.
Sie erkundeten die Insel, bevor sie weiter in den alten Ortskern Eydals gingen.
Dort wurden die Straßen enger.
Alte Häuser standen dicht beieinander, manche mit vorspringenden Fachwerkgeschossen, andere aus dunklem Stein errichtet. Zwischen ihnen lagen kleine Plätze und verwinkelte Gassen.
Sie suchten die örtlichen Händler auf.
Ein Krämer kannte Vindaria Egelbronn.
"Die wohnt hier irgendwo in Eydal", erklärte er freimütig.
Wo genau, wusste er allerdings nicht.
Ein Schmied wiederum verwies sie wegen Ingramosch an Roglima die Große.
Furka nickte zufrieden.
"Endlich jemand, der weiß, wen man fragen muss."
Althea lächelte.
"Dann werden wir Roglima besuchen."
Doch zunächst setzten sie ihre Erkundung fort.
Sie durchstreiften das alte Herz Eydals, zwischen Svelltscheid und ehemaliger Stadtbefestigung, und kehrten schließlich im Svelltjepalast ein.
Der Wirt erwies sich als ebenso redselig wie bei ihren früheren Besuchen.
Und diesmal hörten sie etwas Neues.
Er hatte einen durchaus positiven Eindruck von Ingramosch.
Der Zwerg sei kein schlechter Kerl gewesen, erklärte er. Jedenfalls nicht nach dem, was er selbst erlebt habe.
Außerdem erinnerte er sich daran, dass Ingramosch enge Beziehungen zu einem Elfen gepflegt hatte.
Ailian Siebenquell.
Archon legte seine Feder nieder.
"Ein Elf?"
Der Wirt nickte.
"So hieß er."
Furka verschränkte die Arme.
"Ein Zwerg und ein Elf."
"Soll vorkommen", bemerkte Althea.
"Soll es", brummte Furka.
Aber die Sache ließ ihn offensichtlich nicht los.
Später bestätigte eine gut informierte zwergische Händlerin am Südtor die Verbindung zwischen Ingramosch und Ailian Siebenquell.
Die beiden hatten miteinander zu tun gehabt.
Und offenbar nicht nur flüchtig.
Langsam begann sich ein anderes Bild abzuzeichnen.
Vielleicht war Ingramosch tatsächlich ein Verräter.
Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht hatten die Leute in Altlowangen nur einen Teil der Geschichte gehört.
Am Nachmittag setzten sie ihre Suche in Neu-Eydal fort.
Hier standen größere Häuser, manche von kleinen Gärten umgeben. Die Straßen waren breiter, die Fassaden gepflegter. Wohlhabende Bürger und Kaufleute schienen diesen Teil der Stadt zu bevorzugen.
Althea betrachtete die Häuser aufmerksam.
Wenn sie sich Vindaria Egelbronn vorstellte, dann hätte sie durchaus hierher gepasst.
Doch niemand konnte ihnen eine genaue Adresse nennen.
Als die Dämmerung hereinbrach, machten sie sich auf den Weg ins Zwergenviertel.
Dort suchten sie Roglima die Große auf.
Die Schmiedin empfing sie an ihrer Esse.
Furka war augenblicklich in seinem Element.
Schon nach wenigen Minuten unterhielten sich die beiden über Metall, Axtklingen und die Vorzüge unterschiedlicher Schmiedeverfahren.
Althea ließ sie gewähren.
Schließlich kam das Gespräch auf Ingramosch.
Roglima kannte den Namen.
Doch auch sie konnte ihnen nicht sagen, wo er sich gegenwärtig aufhielt.
War er nicht in die Blutzinnen aufgebrochen?
Sie glaubte, etwas Derartiges gehört zu haben.
Warum er dorthin gegangen war, wusste sie nicht.
Furka betrachtete nachdenklich die Glut der Esse.
Ein Zwerg, der mit einem Elfen verhandelte.
Ein Zwerg, dem man Verrat vorwarf.
Ein Zwerg, der möglicherweise in die Blutzinnen gezogen war.
Das passte alles nicht recht zusammen.
Sie blieben noch eine Weile bei Roglima, ehe sie sich verabschiedeten.
Als sie spät am Abend zu Brin Vaskendantz zurückkehrten, berichteten sie Keldi und Hurdin von ihren Erkenntnissen.
Danach wurde es still.
Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Der Salamanderstein war noch immer verschwunden.
Gavron blieb unauffindbar.
Ingramosch war offenbar nicht mehr in der Stadt.
Und Vindaria Egelbronn schien überall bekannt zu sein, ohne dass jemand wusste, wo genau sie zu finden war.
Am dritten Morgen wandten sie sich dem Südviertel zu.
Es war jener weitläufige Teil Lowangens, der erst später in die Stadt eingemeindet worden war und einst außerhalb der alten Befestigungen Eydals gelegen hatte.
Hier wirkte alles größer.
Und zugleich unübersichtlicher.
Alte Gehöfte standen zwischen ausgedehnten Gemüsegärten. Fuhrhöfe und Lagerhäuser säumten breite Wege, die sich zwischen Stallungen, Scheunen und Stellmachereien verloren.
Dazwischen lagen weite Plätze, auf denen zu besseren Zeiten Waren umgeschlagen worden waren.
Jetzt standen viele davon leer.
Manche Lagerhäuser waren verschlossen. Andere dienten offenbar als notdürftige Unterkunft für Flüchtlinge.
Die Menschen verteilten sich hier über eine größere Fläche als in Altlowangen.
Das Elend war nicht weniger geworden.
Es fiel nur weniger auf.
Sie gingen von Hof zu Hof, fragten nach Vindaria Egelbronn und versuchten, sich in dem weitläufigen Viertel zurechtzufinden.
Mehr als einmal mussten sie umkehren.
Selbst Tondar verlor zwischen den ähnlich aussehenden Wegen gelegentlich die Orientierung.
"Eine Stadt sollte Straßen haben", brummte Furka.
"Hat sie doch", erwiderte Archon.
"Dann sollte sie welche haben, die irgendwohin führen."
Irgendwann fragten sie bei einer ansässigen Heilerin nach dem Weg.
Die Frau empfing sie freundlich.
Sie kamen ins Gespräch.
Über das Südviertel. Über die Flüchtlinge. Über die zunehmende Not in der Stadt.
Die Heilerin schien die Verhältnisse gut zu kennen.
Als sie erfuhr, dass die Gruppe nach einer Unterkunft suchte, lächelte sie.
"Falls Ihr etwas Brauchbares braucht, fragt doch meine Freundin Zaskia am Svelltjegrund."
Sie zwinkerte Althea zu.
"Die findet meistens noch ein Plätzchen."
Althea bedankte sich.
Den Namen merkte sie sich.
Am Nachmittag erreichten sie erschöpft eine Taverne.
Die Letzte Stund.
Schon der Name gefiel Furka nicht besonders.
Doch die Aussicht auf etwas zu trinken überzeugte ihn schließlich.
Die Wirtin war eine Zwergin.
Und sie erwies sich als die bislang ergiebigste Informationsquelle ihrer gesamten Suche.
Sie kannte Ingramosch.
Sie kannte die Gerüchte.
Und sie wusste mehr darüber, als man ihnen bisher erzählt hatte.
Ingramosch hatte tatsächlich mit einem Elfen verhandelt.
Mit Ailian Siebenquell.
Es war um einen Pakt gegen die Orks gegangen.
Althea hob den Kopf.
"Ein Bündnis?"
Die Wirtin nickte.
"So heißt es."
Archon betrachtete nachdenklich seine Aufzeichnungen.
Ein Zwerg und ein Elf, die gegen die Orks zusammenarbeiten wollten.
Und daraus war in Altlowangen die Geschichte eines Verrats geworden?
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Doch zum ersten Mal ergaben die widersprüchlichen Aussagen einen möglichen Zusammenhang.
Dann fragte Althea nach Vindaria Egelbronn.
Die Wirtin lehnte sich zurück.
Und begann zu erzählen.
Von Vindaria.
Von ihrer Familie.
Von alten Verbindungen und Geschichten, die weit zurückreichten.
Althea hörte aufmerksam zu.
Schließlich fragte sie nach dem Aufenthaltsort der Frau.
Die Wirtin überlegte kurz.
Dann beschrieb sie ein kleines Kontor am Marktzentrum im östlichen Südviertel.
Dort könne man es versuchen.
Althea blickte zu ihren Gefährten.
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Das Beste kommt immer am Schluss."
Furka hob seinen Krug.
"Dann hätten wir uns die letzten beiden Tage sparen können."
"Vielleicht", erwiderte Althea.
Sie bezahlten und machten sich auf den Weg.
Als sie das Marktzentrum erreichten, brach bereits der Abend herein.
Sie betrachteten die Gebäude, die Zugänge und die umliegenden Straßen.
Einige Händler waren noch beschäftigt, ihre Waren einzuräumen. Zwischen den Häusern wurden die ersten Lampen entzündet.
Althea ließ den Blick über den Platz schweifen.
Hier also.
Vielleicht.
Doch sie unternahmen an diesem Abend nichts mehr.
Stattdessen kehrten sie zu Brin Vaskendantz zurück.
Sie saßen erneut zusammen.
Diesmal hatten sie mehr Informationen.
Aber nicht unbedingt mehr Gewissheit.
Gavron.
Irgendwo verborgen in den Gassen Altlowangens. Ein Mann, vor dem selbst Albin Laikakis warnte.
Ingramosch.
Ein Zwerg, dem man Verrat nachsagte, der aber offenbar mit einem Elfen über ein Bündnis gegen die Orks verhandelt hatte. Und der sich möglicherweise längst in den Blutzinnen befand.
Vindaria Egelbronn.
Eine Frau mit eigenartigen Ansichten und zweifelhaftem Umfeld. Aber immerhin eine Frau, deren Aufenthaltsort sie nun eingrenzen konnten.
Und schließlich Sudran Alatzer.
Althea dachte an seine Worte.
An die Verbindung, die er ihnen genannt hatte.
War Vindaria Egelbronn tatsächlich so einflussreich, wie es geklungen hatte?
Oder waren sie dabei, sich in etwas hineinzubegeben, dessen Ausmaß sie noch gar nicht überblickten?
Sie betrachtete die Karte.
Dann hob sie den Kopf.
"Morgen brechen wir hier die Zelte ab und ziehen nach Eydal."
Keldi nickte.
"Dann sind wir näher dran", bemerkte Furka.
"Und wir behalten das Marktzentrum im Blick", fuhr Althea fort. "Vielleicht fällt uns etwas auf."
Tondar lehnte sich zurück.
"Am Ende fallen wir doch sowieso wieder mit der Tür ins Haus."
Furka grinste.
"Wäre nicht das erste Mal."
Althea seufzte.
Die Nacht schien kurz.
Am nächsten Morgen packten sie ihre Sachen zusammen.
Sie verabschiedeten sich von ihrem mürrischen Gastgeber, verließen den kleinen Fachwerkerker und gingen hinauf zum großen Marktplatz.
Dort suchten sie ihr Depot auf.
Im Kellerraum lagerten noch immer Teile ihrer Ausrüstung.
Althea betrachtete ihre Stiefel.
Seit Tagen hatte sie bemerkt, dass etwas mit dem linken nicht stimmte.
Nun zog sie ihn aus.
Sie drehte ihn um.
Betrachtete die Sohle.
Dann steckte sie einen Finger durch ein Loch.
Eine Weile sagte sie nichts.
Schließlich seufzte sie.
"Wunderbar."
Furka blickte auf.
"Was?"
Sie hielt ihm den Stiefel entgegen.
Der Zwerg betrachtete ihn.
"Der ist durch."
"Danke, Furka."
Sie begann in ihrem Bündel nach dem letzten Paar Ersatzschuhe zu suchen.
Währenddessen sortierten die Zwerge ihre Ausrüstung.
Ein Teil des Proviants blieb zurück. Schweres Gepäck wurde verstaut. Einige Waffen und glitzernde Phiolen legten sie beiseite, um sie später bei den örtlichen Händlern zu versilbern.
Doch ihre Rüstungen behielten sie an.
Niemand wusste, wie der neue Besitzer des Salamandersteins überzeugt werden musste.
Hurdin überprüfte seine Waffen.
Keldi tat es ihm gleich.
Furka zog die Riemen seines Kettenhemdes fest.
Tondar betrachtete die Gruppe.
"Unauffällig sind wir jedenfalls."
"Waren wir das jemals?", fragte Althea.
Dann machten sie sich auf den Weg.
Sie verließen Altlowangen, überquerten die Brücken und gelangten erneut nach Eydal.
Einige Zeit später standen sie, den Svelltscheid im Rücken, vor einem sauberen Fachwerkhaus im nördlichen Teil des Viertels.
Das Gebäude wirkte gepflegt.
Nichts deutete darauf hin, dass hier etwas Ungewöhnliches vor sich ging.
Althea betrachtete die Fassade.
Dann die Tür.
Furka trat neben sie.
"Ich klopfe, du redest?"
Althea schüttelte den Kopf.
"Ich übernehme beides."
Sie hob die Hand.
Und klopfte.
Die Begegnung mit Vindaria Egelbronn verlief zunächst beinahe höflich.
Die Frau empfing sie mit jener zurückhaltenden Freundlichkeit, hinter der sich schwer erkennen ließ, was sie tatsächlich dachte.
Althea stellte sich und ihre Gefährten vor.
Sie sprach von Sudran Alatzer.
Von den Verbindungen, die sie nach Eydal geführt hatten.
Und schließlich vom Salamanderstein.
Vindaria hörte zu.
Ihr Gesicht verriet wenig.
Doch Althea bemerkte, wie sich ihre Aufmerksamkeit veränderte, als der Stein zur Sprache kam.
Die Frau stellte Fragen.
Woher sie kämen.
Was sie über den Stein wüssten.
Und weshalb sie ausgerechnet sie aufsuchten.
Althea antwortete vorsichtig.
Nicht ausweichend.
Aber auch nicht vollständig.
Sie hatte inzwischen gelernt, dass manche Informationen kostbarer waren als Gold.
Vindaria betrachtete sie eine Weile.
Dann erhob sie sich.
"Vielleicht", sagte sie schließlich, "sollten wir das an einem anderen Ort besprechen."
Sie wandte sich zur Tür eines angrenzenden Raumes.
Althea folgte ihr.
Die Zwerge kamen hinterher.
Zunächst schien nichts ungewöhnlich.
Dann führte Vindaria sie tiefer in das Haus.
Ein Gang.
Eine weitere Tür.
Und plötzlich standen ihnen mehrere Elfen gegenüber.
Bewaffnet.
Wachsam.
Althea blieb stehen.
Hinter ihr hörte sie Keldis Stimme.
"Nicht weiter."
Vindaria wandte sich um.
Für einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke.
Dann geschah alles sehr schnell.
Aus den Nebenräumen drangen Schritte.
Türen wurden aufgerissen.
Menschen strömten in den Gang.
Bewaffnete Männer.
Mehrere zugleich.
Keldi und Hurdin traten augenblicklich nach vorne.
Die beiden Zwerge bildeten die Speerspitze der Gruppe, ihre Waffen erhoben, die Schilde dicht beieinander.
Tondar sicherte die linke Flanke.
Furka warf sich zwischen Althea und jene Gegner, die von rechts herankamen.
Archon zog seinen Dolch.
Althea hob die Hand.
"Fulmen!"
Der Zauber traf den ersten Elfen mit voller Wucht.
Er taumelte zurück.
Ein zweiter hob seine Waffe.
Althea wandte sich ihm zu.
"Fulmen!"
Magische Kraft entlud sich im engen Gang.
Der Elf brach zusammen.
Gleichzeitig prallten die ersten Angreifer auf Keldi und Hurdin.
Metall schlug auf Metall.
Ein Schwert glitt kreischend über Hurdins Schild. Keldi setzte einen Schritt vor, fing einen Hieb ab und trieb seinen Gegner mit einem wuchtigen Gegenangriff zurück.
Tondar hielt die linke Seite frei.
Seine Axt beschrieb einen kurzen Bogen, zwang einen Angreifer zum Ausweichen und verhinderte, dass dieser an der Gruppe vorbeikam.
Rechts hatte Furka alle Hände voll zu tun.
Zwei Männer versuchten, an ihm vorbeizudrängen.
"Nicht mit mir!"
Er schlug den ersten zurück, drehte sich und fing den Angriff des zweiten ab.
Hinter ihm stand Althea.
Sie hatte den Stab erhoben.
Ein weiterer Elf versuchte, sich zwischen den Kämpfenden hindurchzuschieben.
"Fulmen!"
Wieder entlud sich der Zauber.
Der Elf wurde zurückgerissen.
Archon kämpfte inzwischen unmittelbar neben der Tür eines Seitenraumes.
Ein Mann stürzte aus dem Rahmen hervor.
Der Zwerg wich einen halben Schritt zurück.
Dann stieß er zu.
Sein Dolch traf den Angreifer in den Leib.
Einmal.
Noch einmal.
Und ein drittes Mal.
Die Klinge war vergiftet.
Der Mann taumelte, versuchte sich am Türrahmen festzuhalten und sank schließlich zu Boden.
Archon zog den Dolch zurück.
Für einen Augenblick betrachtete er den Gefallenen.
Dann wandte er sich wieder dem Kampf zu.
Doch der Widerstand begann bereits zu brechen.
Die Angreifer hatten offenbar nicht mit einer derart entschlossenen Gegenwehr gerechnet.
Keldi und Hurdin drängten die Männer vor sich zurück.
Furka setzte nach.
Tondar hielt die Flanke.
Und immer wieder erklang Altheas Stimme.
"Fulmen!"
Die Elfen wichen zurück.
Einer der Menschen ließ seine Waffe fallen.
Ein anderer stolperte über einen umgestürzten Stuhl.
Dann brach Panik aus.
Die Gegner stoben auseinander.
Menschen und Elfen drängten durch die Gänge, flohen aus den Nebenräumen und eilten zur Vordertür hinaus.
Innerhalb kürzester Zeit war der Kampf vorbei.
Zurück blieben umgeworfene Möbel, verstreute Waffen und der Geruch von Schweiß und Blut.
Althea stand mitten im Raum.
Sie atmete schwer.
Ihr Stab ruhte noch immer in ihrer Hand.
Keldi blickte sich um.
"Alle da?"
Einer nach dem anderen antworteten die Zwerge.
Niemand aus der Gruppe war gefallen.
Vindaria Egelbronn war verschwunden.
Althea betrachtete die offene Tür, durch die die Frau zuletzt gegangen war.
Dann schüttelte sie den Kopf.
"Sucht den Stein."
Sie begannen, die Räume zu durchsuchen.
Tondar kontrollierte die Zugänge.
Furka und Archon öffneten Schränke und Truhen.
Keldi und Hurdin untersuchten die angrenzenden Zimmer.
Althea trat an einen Tisch.
Dort stand ein kleines Kästchen.
Es war mit Samt ausgeschlagen.
Und darin lag ein Gegenstand, den sie augenblicklich erkannte.
Ein vielfacettierter Körper.
Von der Größe einer großen Zwergenfaust.
Über seine metallisch schimmernde Oberfläche liefen Schlieren in allen Farben.
Rot.
Blau.
Gold.
Grün.
Und wieder zurück.
Der Salamanderstein.
Althea blieb stehen.
Für einen Moment betrachtete sie ihn schweigend.
Dann streckte sie die Hand aus.
Ihre Finger berührten die Oberfläche.
Das vertraute Kribbeln lief durch ihre Haut.
Starke Magie.
Sehr starke Magie.
Sie hob den Stein aus dem Kästchen.
"Hurdin."
Der Zwerg trat näher.
Althea hielt ihm den Salamanderstein entgegen.
"Da ist er."
Hurdin nahm ihn vorsichtig an sich.
Eine Weile betrachtete er das schillernde Gebilde.
Dann schloss er die Hand darum.
Diesmal würde er ihn nicht mehr aus den Augen lassen.
Althea wollte sich bereits abwenden.
Doch dann hielt sie inne.
Im Kästchen lag noch etwas.
Sie griff hinein.
Zwischen den Samtfalten fand sie einen fein ziselierten silbernen Ring.
Sie betrachtete ihn aufmerksam.
Die Arbeit war außergewöhnlich fein.
Ein unscheinbarer Gegenstand neben dem gewaltigen Geheimnis des Salamandersteins.
Und doch hatte sie das Gefühl, dass er nicht zufällig dort lag.
Sie steckte ihn ein.
Inzwischen hatten die Zwerge weitere Räume geöffnet.
In einem Nebenraum türmten sich Vorräte.
Säcke.
Kisten.
Waffen.
Genug, um eine ganze Truppe auszurüsten.
Keldi betrachtete die Bestände.
"Das ist kein gewöhnliches Kontor."
Archon nickte.
"Nein."
Furka hatte unterdessen einige Truhen geöffnet.
Schmuck.
Edelsteine.
Kostbarkeiten.
Er betrachtete die Ausbeute.
Dann räumte er einige Handvoll davon zusammen.
"Für die Unannehmlichkeiten."
Althea warf ihm einen Blick zu.
Furka zuckte mit den Schultern.
"Was denn?"
Sie sagte nichts.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Tondar trat vorsichtig an die Haustür und blickte hinaus.
Die Straße lag ruhig da.
Keine Stadtgarde.
Keine neugierige Menschenmenge.
Zumindest noch nicht.
"Wir sollten gehen", sagte er.
Keldi nickte.
"Jetzt."
Sie verließen das Haus.
Vorsichtig.
Ohne Aufsehen.
Dann verschwanden sie in den nächtlichen Straßen Eydals.
Sie wählten nicht den direkten Weg.
Zunächst gingen sie durch das Zwergenviertel.
Roglimas Schmiede lag dunkel und still da. Kein Feuer brannte mehr in der Esse, und die Straßen waren nahezu verlassen.
Furka warf einen kurzen Blick auf das Gebäude.
Dann gingen sie weiter.
Durch Neu-Eydal machten sie einen weiten Bogen, bevor sie sich schließlich dem Svelltjegrund näherten.
Die Stadt war inzwischen zur Ruhe gekommen.
Nur vereinzelt begegneten ihnen noch Menschen.
Aus manchen Fenstern fiel schwaches Licht auf das Pflaster.
In der Ferne schlug eine Glocke.
Althea ging zwischen ihren Gefährten.
Sie war erschöpft.
Der Kampf hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie zunächst bemerkt hatte.
Und doch war da eine eigentümliche Erleichterung.
Der Salamanderstein war wieder in ihren Händen.
Sie hatten ihn gefunden.
Wiedergefunden.
Aber was hatten sie eigentlich über Vindaria Egelbronn erfahren?
Weshalb hatte sie den Stein besessen?
Warum hatten Elfen und Menschen ihr Haus bewacht?
Und was hatte es mit den Waffen und Vorräten auf sich?
Althea blickte zu Hurdin.
Der Zwerg ging schweigend neben Keldi.
Der Salamanderstein war sicher verwahrt.
Zumindest für diese Nacht.
Schließlich erreichten sie den Hintereingang ihres neuen Quartiers bei Zaskia Angrond.
Sie traten in den Hof.
Hinter ihnen schloss sich die Tür.
Erst jetzt erlaubten sie sich, etwas langsamer zu werden.
Die Unterkunft war still.
Sie legten ihre Waffen ab, lösten die Riemen der Rüstungen und verstauten das Gepäck.
Hurdin prüfte noch einmal den Salamanderstein.
Dann suchte er einen sicheren Platz dafür.
Keldi betrachtete ihn.
"Diesmal bleibt einer wach."
Hurdin nickte.
"Ich übernehme die erste Wache."
Niemand widersprach.
Althea setzte sich auf die Kante ihres Lagers.
Sie zog den silbernen Ring hervor.
Im schwachen Licht betrachtete sie die feinen Verzierungen.
Dann ließ sie ihn langsam zwischen ihren Fingern kreisen.
Ein Stein.
Ein Ring.
Ein verschwundener Zwerg.
Ein Elf namens Ailian Siebenquell.
Und eine Frau, die offenbar mehr wusste, als sie hatte sagen wollen.
Sie legte den Ring beiseite.
Draußen lag Lowangen im Dunkeln.
Irgendwo jenseits der Mauern warteten die Orks.
Und in der Stadt selbst bewegten sich Kräfte, deren Absichten sie noch immer nicht verstanden.
Althea löschte das Licht.
Der Salamanderstein war zurück.
Doch seine Geheimnisse waren es nicht.
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Hurdin stand noch immer neben seinem geöffneten Gepäck. Die Kleidungsstücke lagen verstreut auf dem Boden. Er hatte jedes Bündel durchsucht, jede Tasche geöffnet, jeden Winkel des kleinen Fachwerkerkers kontrolliert.
Der Salamanderstein war verschwunden.
Keldi war der Erste, der sich wieder bewegte.
"Tondar. Die Treppe. Furka, sieh dir den Hof an."
Die Zwerge reagierten augenblicklich.
Wenige Augenblicke später war das Haus Brin Vaskendantzs abgesichert. Tondar bezog Stellung an der Freitreppe, während Furka den Hinterhof untersuchte. Archon durchsuchte noch einmal die Schlafplätze. Keldi und Hurdin prüften die Fenster, die Türen und schließlich das Gepäck.
Nichts.
Brins sauertöpfisches Gesicht erschien einmal kurz in einem Türspalt. Doch als ein kettenhemdbewehrter Zwerg mit geschulterter Axt an ihm vorbeimarschierte, verschwand es ebenso schnell wieder.
Die Tür schloss sich.
Althea stand mitten im Zimmer.
Sie blickte auf die Stelle, an der Hurdin den Stein verwahrt hatte.
Noch gestern Abend hatten sie ihn besessen.
Nach all den Gefahren der Finsterkoppbinge. Nach dem glühenden Gang. Nach der Begegnung mit dem göttlichen Schmied. Nach der langen Reise durch das Gebirge.
Und nun war er fort.
Einfach so.
"Gavron", sagte Furka schließlich.
Keldi nickte langsam.
"Gavron."
Sie setzten sich zusammen.
Der Fremde war am vergangenen Abend der Einzige gewesen, der ihre Unterkunft betreten hatte. Er hatte nach seinem Bruder Antharon gefragt, einige Fläschchen Hochprozentigen hervorgezogen und war nach einer Stunde wieder verschwunden.
Ein merkwürdiger Besuch.
Damals hatten sie sich wenig dabei gedacht.
Jetzt erschien er in einem anderen Licht.
"Den müssen wir finden", sagte Hurdin.
Seine Stimme klang ungewöhnlich ruhig.
Althea betrachtete ihn einen Moment.
"Ja."
Doch Gavron war nicht die einzige offene Frage.
Da war Ingramosch. Der Zwerg, dessen Name ihnen inzwischen mehrfach begegnet war. Über den man im Norden Geschichten erzählte, die alles andere als schmeichelhaft klangen.
Da war Sudran Alatzer, dessen Absichten ihnen noch immer undurchsichtig erschienen.
Und da war Vindaria Egelbronn.
Ein Name, der wiederholt gefallen war, ohne dass sie bislang Gelegenheit gehabt hätten, die Frau selbst kennenzulernen.
"Vielleicht", begann Archon nachdenklich, "sollten wir zunächst herausfinden, wer hier eigentlich mit wem zu tun hat."
Furka schnaubte.
"Ich würde lieber herausfinden, wer unseren Stein hat."
"Das eine könnte zum anderen führen", erwiderte Keldi.
Althea schwieg.
Zu viele Namen.
Zu viele Gerüchte.
Zu viele Möglichkeiten.
Sie hatten den Salamanderstein gesucht, seit sie von seiner Existenz erfahren hatten. Hatten Gefahren auf sich genommen, Wege erkundet, Gegner überwunden.
Aber sie hatten sich kaum Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen sollte, wenn sie ihn tatsächlich besaßen.
Wem sollten sie vertrauen?
Wem konnten sie ihn übergeben?
Und wer wusste überhaupt, was dieser Stein wirklich bedeutete?
Sie hatten geglaubt, mit dem Fund in der Binge einen entscheidenden Schritt getan zu haben.
Nun standen sie wieder am Anfang.
Schließlich traf Althea eine Entscheidung.
"Wir suchen nicht blind nach Gavron. Wir finden zuerst heraus, wer ihn kennt. Und was die Leute über die anderen wissen."
Keldi nickte.
"Hurdin und ich bleiben hier. Wir behalten die Unterkunft und das Gepäck im Auge."
"Und falls dieser Gavron zurückkommt", ergänzte Hurdin, "werde ich ein paar Fragen an ihn haben."
Furka grinste freudlos.
Dann machten sich Althea, Furka, Tondar und Archon auf den Weg.
Sie begannen am kleinen Platz im Fuchswinkel.
Die Händler dort kannten sie inzwischen. Manche begrüßten sie mit einem Nicken, andere betrachteten die vier Reisenden zunächst misstrauisch, bevor sie sich an ihre früheren Besuche erinnerten.
Althea stellte ihre Fragen vorsichtig.
Ein Mann namens Gavron.
Ein Zwerg namens Ingramosch.
Eine Frau namens Vindaria Egelbronn.
Die Antworten waren wenig ergiebig.
Gavron schien niemand zu kennen.
Oder niemand wollte ihn kennen.
Sie arbeiteten sich durch das Gassengewirr Altlowangens nach Süden vor, vorbei an kleinen Werkstätten, Krämerläden und engen Hinterhöfen.
Die Stadt war voller Menschen.
Flüchtlinge drängten sich zwischen den Häusern. An manchen Ecken standen Gruppen zusammen und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Händler klagten über fehlende Waren und steigende Preise.
Über allem lag jene eigentümliche Anspannung, die sie bereits bei ihrem ersten Aufenthalt in Lowangen gespürt hatten.
Eine Stadt, die sich auf eine Belagerung vorbereitete.
Und die doch noch immer versuchte, ihrem gewöhnlichen Leben nachzugehen.
Am südlichen Torweg, nahe der Eydaler Brücke, suchten sie eine Waffenhändlerin auf.
Die Frau kannte Ingramosch.
Und hielt offenbar wenig von ihm.
Sie sprach von Gerüchten über einen Verrat der Zwerge im Norden. Von Dingen, die man sich erzählte, wenn der Name Ingramosch fiel.
Archon hörte aufmerksam zu.
Furka verzog das Gesicht.
"Ein Zwerg, der seine eigenen Leute verrät?"
Die Händlerin zuckte mit den Schultern.
"Ich erzähle nur, was man hört."
Auch Vindaria Egelbronn war ihr bekannt.
"Eine Frau mit eigenartigen Ansichten", bemerkte sie.
Mehr wollte sie zunächst nicht sagen.
Althea fragte nach.
Doch die Händlerin blieb zurückhaltend.
Als sie den Laden verließen, hatten sie einige neue Gerüchte gehört, aber noch immer keine Gewissheit gewonnen.
Gegen Mittag kehrten sie in Der Herberge am großen Marktplatz ein.
Sie bestellten verdünnten Wein und etwas zu essen.
Während sie an ihrem Tisch saßen, beobachtete Althea das Treiben auf dem Platz.
Zwischen den Marktständen bewegten sich Händler, Bürger und Flüchtlinge. Manche Menschen trugen Bündel, andere schoben Karren. Hier und da standen bewaffnete Männer und beobachteten die Menge.
Der Krieg war noch nicht in die Straßen eingebrochen.
Aber er stand vor den Toren.
Auch hier erkundigten sie sich nach Ingramosch.
Die Antworten unterschieden sich kaum von denen der Waffenhändlerin.
In der Oberstadt schien der Zwerg keinen guten Ruf zu genießen.
Archon machte sich einige Notizen.
"Gerüchte", murmelte er. "Immer nur Gerüchte."
"Und meistens schlechte", ergänzte Furka.
Althea betrachtete ihre Aufzeichnungen.
"Dann fragen wir jemanden, der die schlechten Geschichten dieser Stadt besser kennt."
Am späten Nachmittag machten sie sich auf den Weg zum Fuchsstübchen.
Als sie dort eintrafen, war die Sonne bereits hinter den Dächern verschwunden.
Albin Laikakis begrüßte sie mit jener Mischung aus Freundlichkeit und vorsichtiger Neugier, die sie inzwischen gut kannten.
Der Wirt war ihnen schon mehrfach eine wertvolle Informationsquelle gewesen.
Besonders dann, wenn es um die weniger ehrbaren Seiten Lowangens ging.
Sie setzten sich und kamen bald auf Gavron zu sprechen.
Albins Gesicht wurde ernst.
Er kannte den Namen.
Und er riet ihnen ausdrücklich davon ab, sich mit dem Mann einzulassen.
"Mit manchen Leuten", sagte er schließlich, "ist es besser, nichts zu tun zu haben."
Althea betrachtete ihn aufmerksam.
"Und wenn man bereits mit ihnen zu tun hatte?"
Der Wirt hob die Augenbrauen.
Dann schüttelte er langsam den Kopf.
"Dann wäre ich vorsichtig."
Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.
Immerhin kannte er auch Vindaria Egelbronn.
Ihr Umfeld, so erklärte er, sei nicht gerade göttergefällig.
Archon blickte auf.
Althea fragte nach Einzelheiten.
Doch auch Albin blieb vorsichtig.
Als sie das Fuchsstübchen verließen, war es dunkel geworden.
Die vier gingen schweigend durch die engen Gassen zurück.
Am Abend dieses ersten Tages war zumindest eines klar geworden.
Sie mussten hinunter nach Eydal.
Am nächsten Morgen brachen sie früh auf.
Keldi und Hurdin blieben erneut bei Brin Vaskendantz zurück, während Althea, Furka, Tondar und Archon den Weg zur Eydaler Brücke einschlugen.
Unter ihnen glitzerte das Wasser des Svelltscheids.
Sie überquerten die Brücke und gelangten nach Vierbrück, jener von den Flussarmen umschlossenen Insel, auf der sich Straßen und Häuser dicht zusammendrängten.
Hier herrschte ein anderes Leben als in Altlowangen.
Händler, Handwerker und Fuhrleute bestimmten das Straßenbild. Überall waren Karren zu sehen, und aus den Werkstätten drangen die Geräusche geschäftiger Arbeit.
Sie erkundeten die Insel, bevor sie weiter in den alten Ortskern Eydals gingen.
Dort wurden die Straßen enger.
Alte Häuser standen dicht beieinander, manche mit vorspringenden Fachwerkgeschossen, andere aus dunklem Stein errichtet. Zwischen ihnen lagen kleine Plätze und verwinkelte Gassen.
Sie suchten die örtlichen Händler auf.
Ein Krämer kannte Vindaria Egelbronn.
"Die wohnt hier irgendwo in Eydal", erklärte er freimütig.
Wo genau, wusste er allerdings nicht.
Ein Schmied wiederum verwies sie wegen Ingramosch an Roglima die Große.
Furka nickte zufrieden.
"Endlich jemand, der weiß, wen man fragen muss."
Althea lächelte.
"Dann werden wir Roglima besuchen."
Doch zunächst setzten sie ihre Erkundung fort.
Sie durchstreiften das alte Herz Eydals, zwischen Svelltscheid und ehemaliger Stadtbefestigung, und kehrten schließlich im Svelltjepalast ein.
Der Wirt erwies sich als ebenso redselig wie bei ihren früheren Besuchen.
Und diesmal hörten sie etwas Neues.
Er hatte einen durchaus positiven Eindruck von Ingramosch.
Der Zwerg sei kein schlechter Kerl gewesen, erklärte er. Jedenfalls nicht nach dem, was er selbst erlebt habe.
Außerdem erinnerte er sich daran, dass Ingramosch enge Beziehungen zu einem Elfen gepflegt hatte.
Ailian Siebenquell.
Archon legte seine Feder nieder.
"Ein Elf?"
Der Wirt nickte.
"So hieß er."
Furka verschränkte die Arme.
"Ein Zwerg und ein Elf."
"Soll vorkommen", bemerkte Althea.
"Soll es", brummte Furka.
Aber die Sache ließ ihn offensichtlich nicht los.
Später bestätigte eine gut informierte zwergische Händlerin am Südtor die Verbindung zwischen Ingramosch und Ailian Siebenquell.
Die beiden hatten miteinander zu tun gehabt.
Und offenbar nicht nur flüchtig.
Langsam begann sich ein anderes Bild abzuzeichnen.
Vielleicht war Ingramosch tatsächlich ein Verräter.
Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht hatten die Leute in Altlowangen nur einen Teil der Geschichte gehört.
Am Nachmittag setzten sie ihre Suche in Neu-Eydal fort.
Hier standen größere Häuser, manche von kleinen Gärten umgeben. Die Straßen waren breiter, die Fassaden gepflegter. Wohlhabende Bürger und Kaufleute schienen diesen Teil der Stadt zu bevorzugen.
Althea betrachtete die Häuser aufmerksam.
Wenn sie sich Vindaria Egelbronn vorstellte, dann hätte sie durchaus hierher gepasst.
Doch niemand konnte ihnen eine genaue Adresse nennen.
Als die Dämmerung hereinbrach, machten sie sich auf den Weg ins Zwergenviertel.
Dort suchten sie Roglima die Große auf.
Die Schmiedin empfing sie an ihrer Esse.
Furka war augenblicklich in seinem Element.
Schon nach wenigen Minuten unterhielten sich die beiden über Metall, Axtklingen und die Vorzüge unterschiedlicher Schmiedeverfahren.
Althea ließ sie gewähren.
Schließlich kam das Gespräch auf Ingramosch.
Roglima kannte den Namen.
Doch auch sie konnte ihnen nicht sagen, wo er sich gegenwärtig aufhielt.
War er nicht in die Blutzinnen aufgebrochen?
Sie glaubte, etwas Derartiges gehört zu haben.
Warum er dorthin gegangen war, wusste sie nicht.
Furka betrachtete nachdenklich die Glut der Esse.
Ein Zwerg, der mit einem Elfen verhandelte.
Ein Zwerg, dem man Verrat vorwarf.
Ein Zwerg, der möglicherweise in die Blutzinnen gezogen war.
Das passte alles nicht recht zusammen.
Sie blieben noch eine Weile bei Roglima, ehe sie sich verabschiedeten.
Als sie spät am Abend zu Brin Vaskendantz zurückkehrten, berichteten sie Keldi und Hurdin von ihren Erkenntnissen.
Danach wurde es still.
Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Der Salamanderstein war noch immer verschwunden.
Gavron blieb unauffindbar.
Ingramosch war offenbar nicht mehr in der Stadt.
Und Vindaria Egelbronn schien überall bekannt zu sein, ohne dass jemand wusste, wo genau sie zu finden war.
Am dritten Morgen wandten sie sich dem Südviertel zu.
Es war jener weitläufige Teil Lowangens, der erst später in die Stadt eingemeindet worden war und einst außerhalb der alten Befestigungen Eydals gelegen hatte.
Hier wirkte alles größer.
Und zugleich unübersichtlicher.
Alte Gehöfte standen zwischen ausgedehnten Gemüsegärten. Fuhrhöfe und Lagerhäuser säumten breite Wege, die sich zwischen Stallungen, Scheunen und Stellmachereien verloren.
Dazwischen lagen weite Plätze, auf denen zu besseren Zeiten Waren umgeschlagen worden waren.
Jetzt standen viele davon leer.
Manche Lagerhäuser waren verschlossen. Andere dienten offenbar als notdürftige Unterkunft für Flüchtlinge.
Die Menschen verteilten sich hier über eine größere Fläche als in Altlowangen.
Das Elend war nicht weniger geworden.
Es fiel nur weniger auf.
Sie gingen von Hof zu Hof, fragten nach Vindaria Egelbronn und versuchten, sich in dem weitläufigen Viertel zurechtzufinden.
Mehr als einmal mussten sie umkehren.
Selbst Tondar verlor zwischen den ähnlich aussehenden Wegen gelegentlich die Orientierung.
"Eine Stadt sollte Straßen haben", brummte Furka.
"Hat sie doch", erwiderte Archon.
"Dann sollte sie welche haben, die irgendwohin führen."
Irgendwann fragten sie bei einer ansässigen Heilerin nach dem Weg.
Die Frau empfing sie freundlich.
Sie kamen ins Gespräch.
Über das Südviertel. Über die Flüchtlinge. Über die zunehmende Not in der Stadt.
Die Heilerin schien die Verhältnisse gut zu kennen.
Als sie erfuhr, dass die Gruppe nach einer Unterkunft suchte, lächelte sie.
"Falls Ihr etwas Brauchbares braucht, fragt doch meine Freundin Zaskia am Svelltjegrund."
Sie zwinkerte Althea zu.
"Die findet meistens noch ein Plätzchen."
Althea bedankte sich.
Den Namen merkte sie sich.
Am Nachmittag erreichten sie erschöpft eine Taverne.
Die Letzte Stund.
Schon der Name gefiel Furka nicht besonders.
Doch die Aussicht auf etwas zu trinken überzeugte ihn schließlich.
Die Wirtin war eine Zwergin.
Und sie erwies sich als die bislang ergiebigste Informationsquelle ihrer gesamten Suche.
Sie kannte Ingramosch.
Sie kannte die Gerüchte.
Und sie wusste mehr darüber, als man ihnen bisher erzählt hatte.
Ingramosch hatte tatsächlich mit einem Elfen verhandelt.
Mit Ailian Siebenquell.
Es war um einen Pakt gegen die Orks gegangen.
Althea hob den Kopf.
"Ein Bündnis?"
Die Wirtin nickte.
"So heißt es."
Archon betrachtete nachdenklich seine Aufzeichnungen.
Ein Zwerg und ein Elf, die gegen die Orks zusammenarbeiten wollten.
Und daraus war in Altlowangen die Geschichte eines Verrats geworden?
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Doch zum ersten Mal ergaben die widersprüchlichen Aussagen einen möglichen Zusammenhang.
Dann fragte Althea nach Vindaria Egelbronn.
Die Wirtin lehnte sich zurück.
Und begann zu erzählen.
Von Vindaria.
Von ihrer Familie.
Von alten Verbindungen und Geschichten, die weit zurückreichten.
Althea hörte aufmerksam zu.
Schließlich fragte sie nach dem Aufenthaltsort der Frau.
Die Wirtin überlegte kurz.
Dann beschrieb sie ein kleines Kontor am Marktzentrum im östlichen Südviertel.
Dort könne man es versuchen.
Althea blickte zu ihren Gefährten.
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Das Beste kommt immer am Schluss."
Furka hob seinen Krug.
"Dann hätten wir uns die letzten beiden Tage sparen können."
"Vielleicht", erwiderte Althea.
Sie bezahlten und machten sich auf den Weg.
Als sie das Marktzentrum erreichten, brach bereits der Abend herein.
Sie betrachteten die Gebäude, die Zugänge und die umliegenden Straßen.
Einige Händler waren noch beschäftigt, ihre Waren einzuräumen. Zwischen den Häusern wurden die ersten Lampen entzündet.
Althea ließ den Blick über den Platz schweifen.
Hier also.
Vielleicht.
Doch sie unternahmen an diesem Abend nichts mehr.
Stattdessen kehrten sie zu Brin Vaskendantz zurück.
Sie saßen erneut zusammen.
Diesmal hatten sie mehr Informationen.
Aber nicht unbedingt mehr Gewissheit.
Gavron.
Irgendwo verborgen in den Gassen Altlowangens. Ein Mann, vor dem selbst Albin Laikakis warnte.
Ingramosch.
Ein Zwerg, dem man Verrat nachsagte, der aber offenbar mit einem Elfen über ein Bündnis gegen die Orks verhandelt hatte. Und der sich möglicherweise längst in den Blutzinnen befand.
Vindaria Egelbronn.
Eine Frau mit eigenartigen Ansichten und zweifelhaftem Umfeld. Aber immerhin eine Frau, deren Aufenthaltsort sie nun eingrenzen konnten.
Und schließlich Sudran Alatzer.
Althea dachte an seine Worte.
An die Verbindung, die er ihnen genannt hatte.
War Vindaria Egelbronn tatsächlich so einflussreich, wie es geklungen hatte?
Oder waren sie dabei, sich in etwas hineinzubegeben, dessen Ausmaß sie noch gar nicht überblickten?
Sie betrachtete die Karte.
Dann hob sie den Kopf.
"Morgen brechen wir hier die Zelte ab und ziehen nach Eydal."
Keldi nickte.
"Dann sind wir näher dran", bemerkte Furka.
"Und wir behalten das Marktzentrum im Blick", fuhr Althea fort. "Vielleicht fällt uns etwas auf."
Tondar lehnte sich zurück.
"Am Ende fallen wir doch sowieso wieder mit der Tür ins Haus."
Furka grinste.
"Wäre nicht das erste Mal."
Althea seufzte.
Die Nacht schien kurz.
Am nächsten Morgen packten sie ihre Sachen zusammen.
Sie verabschiedeten sich von ihrem mürrischen Gastgeber, verließen den kleinen Fachwerkerker und gingen hinauf zum großen Marktplatz.
Dort suchten sie ihr Depot auf.
Im Kellerraum lagerten noch immer Teile ihrer Ausrüstung.
Althea betrachtete ihre Stiefel.
Seit Tagen hatte sie bemerkt, dass etwas mit dem linken nicht stimmte.
Nun zog sie ihn aus.
Sie drehte ihn um.
Betrachtete die Sohle.
Dann steckte sie einen Finger durch ein Loch.
Eine Weile sagte sie nichts.
Schließlich seufzte sie.
"Wunderbar."
Furka blickte auf.
"Was?"
Sie hielt ihm den Stiefel entgegen.
Der Zwerg betrachtete ihn.
"Der ist durch."
"Danke, Furka."
Sie begann in ihrem Bündel nach dem letzten Paar Ersatzschuhe zu suchen.
Währenddessen sortierten die Zwerge ihre Ausrüstung.
Ein Teil des Proviants blieb zurück. Schweres Gepäck wurde verstaut. Einige Waffen und glitzernde Phiolen legten sie beiseite, um sie später bei den örtlichen Händlern zu versilbern.
Doch ihre Rüstungen behielten sie an.
Niemand wusste, wie der neue Besitzer des Salamandersteins überzeugt werden musste.
Hurdin überprüfte seine Waffen.
Keldi tat es ihm gleich.
Furka zog die Riemen seines Kettenhemdes fest.
Tondar betrachtete die Gruppe.
"Unauffällig sind wir jedenfalls."
"Waren wir das jemals?", fragte Althea.
Dann machten sie sich auf den Weg.
Sie verließen Altlowangen, überquerten die Brücken und gelangten erneut nach Eydal.
Einige Zeit später standen sie, den Svelltscheid im Rücken, vor einem sauberen Fachwerkhaus im nördlichen Teil des Viertels.
Das Gebäude wirkte gepflegt.
Nichts deutete darauf hin, dass hier etwas Ungewöhnliches vor sich ging.
Althea betrachtete die Fassade.
Dann die Tür.
Furka trat neben sie.
"Ich klopfe, du redest?"
Althea schüttelte den Kopf.
"Ich übernehme beides."
Sie hob die Hand.
Und klopfte.
Die Begegnung mit Vindaria Egelbronn verlief zunächst beinahe höflich.
Die Frau empfing sie mit jener zurückhaltenden Freundlichkeit, hinter der sich schwer erkennen ließ, was sie tatsächlich dachte.
Althea stellte sich und ihre Gefährten vor.
Sie sprach von Sudran Alatzer.
Von den Verbindungen, die sie nach Eydal geführt hatten.
Und schließlich vom Salamanderstein.
Vindaria hörte zu.
Ihr Gesicht verriet wenig.
Doch Althea bemerkte, wie sich ihre Aufmerksamkeit veränderte, als der Stein zur Sprache kam.
Die Frau stellte Fragen.
Woher sie kämen.
Was sie über den Stein wüssten.
Und weshalb sie ausgerechnet sie aufsuchten.
Althea antwortete vorsichtig.
Nicht ausweichend.
Aber auch nicht vollständig.
Sie hatte inzwischen gelernt, dass manche Informationen kostbarer waren als Gold.
Vindaria betrachtete sie eine Weile.
Dann erhob sie sich.
"Vielleicht", sagte sie schließlich, "sollten wir das an einem anderen Ort besprechen."
Sie wandte sich zur Tür eines angrenzenden Raumes.
Althea folgte ihr.
Die Zwerge kamen hinterher.
Zunächst schien nichts ungewöhnlich.
Dann führte Vindaria sie tiefer in das Haus.
Ein Gang.
Eine weitere Tür.
Und plötzlich standen ihnen mehrere Elfen gegenüber.
Bewaffnet.
Wachsam.
Althea blieb stehen.
Hinter ihr hörte sie Keldis Stimme.
"Nicht weiter."
Vindaria wandte sich um.
Für einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke.
Dann geschah alles sehr schnell.
Aus den Nebenräumen drangen Schritte.
Türen wurden aufgerissen.
Menschen strömten in den Gang.
Bewaffnete Männer.
Mehrere zugleich.
Keldi und Hurdin traten augenblicklich nach vorne.
Die beiden Zwerge bildeten die Speerspitze der Gruppe, ihre Waffen erhoben, die Schilde dicht beieinander.
Tondar sicherte die linke Flanke.
Furka warf sich zwischen Althea und jene Gegner, die von rechts herankamen.
Archon zog seinen Dolch.
Althea hob die Hand.
"Fulmen!"
Der Zauber traf den ersten Elfen mit voller Wucht.
Er taumelte zurück.
Ein zweiter hob seine Waffe.
Althea wandte sich ihm zu.
"Fulmen!"
Magische Kraft entlud sich im engen Gang.
Der Elf brach zusammen.
Gleichzeitig prallten die ersten Angreifer auf Keldi und Hurdin.
Metall schlug auf Metall.
Ein Schwert glitt kreischend über Hurdins Schild. Keldi setzte einen Schritt vor, fing einen Hieb ab und trieb seinen Gegner mit einem wuchtigen Gegenangriff zurück.
Tondar hielt die linke Seite frei.
Seine Axt beschrieb einen kurzen Bogen, zwang einen Angreifer zum Ausweichen und verhinderte, dass dieser an der Gruppe vorbeikam.
Rechts hatte Furka alle Hände voll zu tun.
Zwei Männer versuchten, an ihm vorbeizudrängen.
"Nicht mit mir!"
Er schlug den ersten zurück, drehte sich und fing den Angriff des zweiten ab.
Hinter ihm stand Althea.
Sie hatte den Stab erhoben.
Ein weiterer Elf versuchte, sich zwischen den Kämpfenden hindurchzuschieben.
"Fulmen!"
Wieder entlud sich der Zauber.
Der Elf wurde zurückgerissen.
Archon kämpfte inzwischen unmittelbar neben der Tür eines Seitenraumes.
Ein Mann stürzte aus dem Rahmen hervor.
Der Zwerg wich einen halben Schritt zurück.
Dann stieß er zu.
Sein Dolch traf den Angreifer in den Leib.
Einmal.
Noch einmal.
Und ein drittes Mal.
Die Klinge war vergiftet.
Der Mann taumelte, versuchte sich am Türrahmen festzuhalten und sank schließlich zu Boden.
Archon zog den Dolch zurück.
Für einen Augenblick betrachtete er den Gefallenen.
Dann wandte er sich wieder dem Kampf zu.
Doch der Widerstand begann bereits zu brechen.
Die Angreifer hatten offenbar nicht mit einer derart entschlossenen Gegenwehr gerechnet.
Keldi und Hurdin drängten die Männer vor sich zurück.
Furka setzte nach.
Tondar hielt die Flanke.
Und immer wieder erklang Altheas Stimme.
"Fulmen!"
Die Elfen wichen zurück.
Einer der Menschen ließ seine Waffe fallen.
Ein anderer stolperte über einen umgestürzten Stuhl.
Dann brach Panik aus.
Die Gegner stoben auseinander.
Menschen und Elfen drängten durch die Gänge, flohen aus den Nebenräumen und eilten zur Vordertür hinaus.
Innerhalb kürzester Zeit war der Kampf vorbei.
Zurück blieben umgeworfene Möbel, verstreute Waffen und der Geruch von Schweiß und Blut.
Althea stand mitten im Raum.
Sie atmete schwer.
Ihr Stab ruhte noch immer in ihrer Hand.
Keldi blickte sich um.
"Alle da?"
Einer nach dem anderen antworteten die Zwerge.
Niemand aus der Gruppe war gefallen.
Vindaria Egelbronn war verschwunden.
Althea betrachtete die offene Tür, durch die die Frau zuletzt gegangen war.
Dann schüttelte sie den Kopf.
"Sucht den Stein."
Sie begannen, die Räume zu durchsuchen.
Tondar kontrollierte die Zugänge.
Furka und Archon öffneten Schränke und Truhen.
Keldi und Hurdin untersuchten die angrenzenden Zimmer.
Althea trat an einen Tisch.
Dort stand ein kleines Kästchen.
Es war mit Samt ausgeschlagen.
Und darin lag ein Gegenstand, den sie augenblicklich erkannte.
Ein vielfacettierter Körper.
Von der Größe einer großen Zwergenfaust.
Über seine metallisch schimmernde Oberfläche liefen Schlieren in allen Farben.
Rot.
Blau.
Gold.
Grün.
Und wieder zurück.
Der Salamanderstein.
Althea blieb stehen.
Für einen Moment betrachtete sie ihn schweigend.
Dann streckte sie die Hand aus.
Ihre Finger berührten die Oberfläche.
Das vertraute Kribbeln lief durch ihre Haut.
Starke Magie.
Sehr starke Magie.
Sie hob den Stein aus dem Kästchen.
"Hurdin."
Der Zwerg trat näher.
Althea hielt ihm den Salamanderstein entgegen.
"Da ist er."
Hurdin nahm ihn vorsichtig an sich.
Eine Weile betrachtete er das schillernde Gebilde.
Dann schloss er die Hand darum.
Diesmal würde er ihn nicht mehr aus den Augen lassen.
Althea wollte sich bereits abwenden.
Doch dann hielt sie inne.
Im Kästchen lag noch etwas.
Sie griff hinein.
Zwischen den Samtfalten fand sie einen fein ziselierten silbernen Ring.
Sie betrachtete ihn aufmerksam.
Die Arbeit war außergewöhnlich fein.
Ein unscheinbarer Gegenstand neben dem gewaltigen Geheimnis des Salamandersteins.
Und doch hatte sie das Gefühl, dass er nicht zufällig dort lag.
Sie steckte ihn ein.
Inzwischen hatten die Zwerge weitere Räume geöffnet.
In einem Nebenraum türmten sich Vorräte.
Säcke.
Kisten.
Waffen.
Genug, um eine ganze Truppe auszurüsten.
Keldi betrachtete die Bestände.
"Das ist kein gewöhnliches Kontor."
Archon nickte.
"Nein."
Furka hatte unterdessen einige Truhen geöffnet.
Schmuck.
Edelsteine.
Kostbarkeiten.
Er betrachtete die Ausbeute.
Dann räumte er einige Handvoll davon zusammen.
"Für die Unannehmlichkeiten."
Althea warf ihm einen Blick zu.
Furka zuckte mit den Schultern.
"Was denn?"
Sie sagte nichts.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Tondar trat vorsichtig an die Haustür und blickte hinaus.
Die Straße lag ruhig da.
Keine Stadtgarde.
Keine neugierige Menschenmenge.
Zumindest noch nicht.
"Wir sollten gehen", sagte er.
Keldi nickte.
"Jetzt."
Sie verließen das Haus.
Vorsichtig.
Ohne Aufsehen.
Dann verschwanden sie in den nächtlichen Straßen Eydals.
Sie wählten nicht den direkten Weg.
Zunächst gingen sie durch das Zwergenviertel.
Roglimas Schmiede lag dunkel und still da. Kein Feuer brannte mehr in der Esse, und die Straßen waren nahezu verlassen.
Furka warf einen kurzen Blick auf das Gebäude.
Dann gingen sie weiter.
Durch Neu-Eydal machten sie einen weiten Bogen, bevor sie sich schließlich dem Svelltjegrund näherten.
Die Stadt war inzwischen zur Ruhe gekommen.
Nur vereinzelt begegneten ihnen noch Menschen.
Aus manchen Fenstern fiel schwaches Licht auf das Pflaster.
In der Ferne schlug eine Glocke.
Althea ging zwischen ihren Gefährten.
Sie war erschöpft.
Der Kampf hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie zunächst bemerkt hatte.
Und doch war da eine eigentümliche Erleichterung.
Der Salamanderstein war wieder in ihren Händen.
Sie hatten ihn gefunden.
Wiedergefunden.
Aber was hatten sie eigentlich über Vindaria Egelbronn erfahren?
Weshalb hatte sie den Stein besessen?
Warum hatten Elfen und Menschen ihr Haus bewacht?
Und was hatte es mit den Waffen und Vorräten auf sich?
Althea blickte zu Hurdin.
Der Zwerg ging schweigend neben Keldi.
Der Salamanderstein war sicher verwahrt.
Zumindest für diese Nacht.
Schließlich erreichten sie den Hintereingang ihres neuen Quartiers bei Zaskia Angrond.
Sie traten in den Hof.
Hinter ihnen schloss sich die Tür.
Erst jetzt erlaubten sie sich, etwas langsamer zu werden.
Die Unterkunft war still.
Sie legten ihre Waffen ab, lösten die Riemen der Rüstungen und verstauten das Gepäck.
Hurdin prüfte noch einmal den Salamanderstein.
Dann suchte er einen sicheren Platz dafür.
Keldi betrachtete ihn.
"Diesmal bleibt einer wach."
Hurdin nickte.
"Ich übernehme die erste Wache."
Niemand widersprach.
Althea setzte sich auf die Kante ihres Lagers.
Sie zog den silbernen Ring hervor.
Im schwachen Licht betrachtete sie die feinen Verzierungen.
Dann ließ sie ihn langsam zwischen ihren Fingern kreisen.
Ein Stein.
Ein Ring.
Ein verschwundener Zwerg.
Ein Elf namens Ailian Siebenquell.
Und eine Frau, die offenbar mehr wusste, als sie hatte sagen wollen.
Sie legte den Ring beiseite.
Draußen lag Lowangen im Dunkeln.
Irgendwo jenseits der Mauern warteten die Orks.
Und in der Stadt selbst bewegten sich Kräfte, deren Absichten sie noch immer nicht verstanden.
Althea löschte das Licht.
Der Salamanderstein war zurück.
Doch seine Geheimnisse waren es nicht.


