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10.05.2026, 13:05
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.05.2026, 13:05 von Althea.)
Zwerge am Svellt #21
Sie hatten Dragans Haus verlassen. Furka gähnte unablässig, während er eine Handvoll Bonbons verteilte, die er irgendwo aufgetrieben hatte - oder eher jemand anderem auf unauffällige Weise abgenommen. Dem 'Vinsalter' hatte er immerhin eine Portion gelassen...
Die Straßen Lowangens lagen noch halb verschlafen da. Dennoch begann sich die Stadt bereits zu regen. Türen wurden geöffnet, Karren über Pflaster gezogen, Rauch stieg aus einzelnen Schornsteinen auf. Wieder nicht mit der Geschäftigkeit einer florierenden Handelsstadt, sondern mit jener angestrengten Betriebsamkeit von Menschen, die sich an ihre Aufgaben klammerten, um nicht an alles andere denken zu müssen.
"Neueydal müsste doch..." begann Althea. "...zwischen Eydal und Bunte Flucht liegen", ergänzte Archon ruhig. "Jenseits der alten Stadtbefestigung. Dort, wo die Gebäude etwas höher werden." "Haben die da ordentliches Bier?" fragte Furka hoffnungsvoll. "Oder eine Hammelkeule?" Sein Magen knurrte hörbar.
Sie schritten über den Marktplatz nach Osten. Vom Hesindetempel klangen Glocken herüber. Vor den Tavernen standen bereits kleine Grüppchen wartender Menschen. Hier und dort wurden dünne Schalen mit Eintopf ausgegeben, um die sich sofort gedrängt wurde. Wirkliche Mahlzeiten gab es nur noch selten. Sie machten einen weiten Bogen um die Markthalle und gingen an einem großen Gebäude entlang, das nach Altheas Vermutung den Magistrat beherbergte. "Das heißt, die haben da zu Essen?" fragte Furka sofort. Archon schnaubte trocken.
Dann erreichten sie eine Brücke, die sich zwischen zwei Torhäusern über einen rasch dahinströmenden Seitenarm des Svellt spannte. Das Geländer bestand aus hellem, kunstvoll geschnitztem Holz. "Die Regenbogenbrücke", sagte Althea leise. "Vom Tsa-Tempel gestiftet." Sie ließ einige Münzen als freiwilligen Brückenzoll zurück.
Als sie durch das Torhaus auf die andere Seite traten, schien es beinahe, als hätten sie eine andere Stadt betreten.
Bunte Flucht.
Die Straßen waren breiter. Die Häuser höher und besser erhalten. Filigrane Geländer liefen an steilen Treppen entlang, gepflegte Fassaden erhoben sich über kleinen Plätzen und in der Mitte eines großen Gevierts stand ein Tempel. Die Menschen hier wirkten ruhiger. Beherrschter. Man nickte ihnen höflich zu. Immer wieder waren Elfen unter den Passanten zu sehen. Flüchtlinge dagegen sah man kaum. Und doch lag auch hier etwas Erschöpftes über allem. Die Fassaden waren noch da, die Ordnung ebenfalls, aber dahinter schien die Kraft langsam zu verschwinden.
Althea steuerte direkt den Tempel an. Weißer Marmor, aber nicht wuchtig. Vier Zierbäume standen vor dem Eingang. "Tsa..." sagte sie leise. Im Inneren war es still. Kühl. Fast friedlich. Althea spendete einige Münzen, dann wandte sich eine Geweihte zu ihr um und erkannte sofort die tsageborene Jugend in ihren Zügen. Die beiden unterhielten sich lange und leise miteinander, während Furka an einer Säule lehnte und Bonbons mampfte.
Sie erfuhren vom Norden der Bunten Flucht, vom Zentrum der Wehranlagen der äußeren Stadtmauer und von einem alten Fluchttunnel, der einst zu einer inzwischen verfallenen Festung außerhalb der Stadt geführt haben sollte. "Gibt es da dann etwas zu Essen?" fragte Furka. Niemand beantwortete die Frage.
Sie zogen weiter nach Osten und schließlich nach Süden, Richtung Neueydal. Irgendwann öffnete sich vor ihnen ein großer Platz, auf dem aus allen Richtungen Straßen zusammenliefen. In seiner Mitte lagen noch immer gepflegte Hecken eines Lustgartens. Dahinter schimmerte rosafarbener Marmor.
Es war kurz vor Mittag.
Die am Platz gelegene Taverne Salamanderstein war ein exquisites Haus. Rosenholz. Blumenbouquets, von denen niemand so recht wusste, woher sie in diesen Zeiten überhaupt kamen. Die Wirtin empfing sie mit einem Zwinkern und jener aufgesetzten Leichtigkeit, die wohl einmal ganz selbstverständlich zu diesem Ort gehört hatte. Was immer ihr Wunsch wäre... Unterkunft? Vielleicht das Wunderland am Nordrand des Platzes. In einer Nische saß eine rothaarige Frau namens Rahjada und machte anzügliche Bemerkungen darüber, was sie sich alles vorstellen könnte.
Nichts davon half ihnen weiter. Und Althea mied den Blick hinüber zum Rahjatempel.
Sie fragten sich weiter durch Tavernen und Herbergen. Von Gespräch zu Gespräch. Von Hoffnung zu Hoffnung. Bis ihnen schließlich die Wirtin des "Wasser und Wein" den entscheidenden Hinweis gab: Die Schwarze Jandora lebe hinter der "Großen Freiheit".
Es war bereits dunkel, als Althea an die Tür klopfte.
Ein kleiner Junge öffnete, dann erschien Jandora selbst. Dunkelhäutig, beleibt, in übertriebene seidene Kleidung des fahrenden Volkes gehüllt. Ihre Erscheinung wirkte beinahe wie eine Karikatur jener farbenfrohen Welt, die Lowangen einmal gewesen sein mochte. Was sie denn wollten? Einen Weg aus der Stadt? Das würde kosten. Ach, Dragan schickt euch?
Althea hatte plötzlich das Gefühl, diese Art von Gespräch schon einmal geführt zu haben.
Zwei schwere Beutel mit hundert Dukaten wechselten den Besitzer. Dafür bekamen sie die Information, sich an der Fluchtburg im Norden nach Meister Eolan zu erkundigen und dort zu sagen, sie kämen um "den Hof zu kehren".
Als sie das Haus wieder verließen, war es spät geworden.
Althea trat unschlüssig auf der Straße auf und ab. "Für das Gold hätten wir bestimmt ein Festmahl bekommen", murmelte Furka. "...wenn wir denn wüssten, wo man in dieser Stadt überhaupt Festmähler bekommt", entgegnete Archon trocken.
Der Tag war lang gewesen.
Sie schleppten sich den Weg zurück. Furka gähnte unablässig. Archon stolperte beinahe über das Pflaster. Als sie den großen Platz am Rahjatempel erreichten, blieb Furka stehen. "Egal, was du da hast - dort ist ein Ort zum Rasten." Er deutete auf den Garten um den Tempel. Althea ließ sich widerwillig hinüberziehen. Sie waren dort nicht die einzigen. Aber hier lagerten keine Flüchtlinge. Eher jene, die versuchten ihre Lage irgendwie zu betäuben. Kleine Gruppen saßen zwischen den Hecken zusammen und ließen Weinflaschen kreisen - offenbar war so etwas in der Bunten Flucht noch möglich. Zwischen Gebüschen und hinter Bäumen bewegten sich Schatten eng umeinander.
Eine künstliche, farblose Normalität.
Althea lehnte sich erschöpft gegen die kühle Marmorfassade des Tempels. Schloss die Augen und versuchte alles um sich herum auszublenden. Furka schnarchte bereits.
Althea fand in dieser Nacht keinen wirklichen Schlaf. Immer wieder schreckte sie hoch und wenn sie doch wieder eindöste, fand sie sich in Träumen wieder, die sie längst vergangen glaubte. Noch bevor die Sonne aufging, weckte sie einen zeternden Furka und Archon. "Frühstück?" fragte Furka hoffnungsvoll.
Sie nahmen den nördlichen Ausgang des Platzes, machten an einem Brunnen Halt und tranken schweigend. "Füllt irgendwie den Magen", stellte Furka fest. Dann bogen sie am Tsa-Tempel ab und gelangten in die nordöstlichste Ecke der Stadt.
Vor ihnen schälte sich die Fluchtburg aus der schwindenden Nacht. Trutzige Türme ragten empor.
"Ordo Defensores Lecturia..." murmelte Althea.
"Wattn?" fragte Furka.
"Der Orden der Grauen Stäbe", übersetzte Archon.
Dann hob Althea ihren Stab und klopfte gegen das Tor...
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Zwerge am Svellt #22
Die Wachen musterten sie misstrauisch durch eine kleine Öffnung, bis Althea die Worte wiederholte, die ihnen die Schwarze Jandora genannt hatte. "Den Hof kehren..." Kurze Blicke wurden gewechselt. Dann öffnete sich das Tor einen Spalt weit und sie wurden in die Festung eingelassen. Die Fluchtburg wirkte nüchtern und funktional. Keine Zierden, keine Banner, keine offenen Feuerstellen, an denen gesprochen oder gelacht wurde. Männer und Frauen in grauen Roben oder einfachen Waffenröcken gingen schweigend ihren Aufgaben nach. Alles wirkte angespannt, aber geordnet. Lowangen hielt noch stand.
Nachdem man ihnen etwas Wasser gereicht hatte, führte man sie über enge Treppen und durch niedrige Gänge zu Meister Eolan. Der Weißhaarige empfing sie in einer kleinen Kammer, in der sich Pergamente und Karten stapelten. Sein Blick war wach und prüfend. Sie erklärten ihr Anliegen. Eolan hörte schweigend zu. Dann eröffnete er ihnen den Preis.
Ein verschollener Mann namens Agdan Dragenfeld müsse aus den Sümpfen zurückgebracht werden. Zwei der Gruppe würden als Pfand in der Fluchtburg verbleiben, bis die anderen mit dem Gesuchten nach Lowangen zurückkehrten. Erst dann könne die gesamte Gruppe die Stadt verlassen.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Furka hob an zu reden, doch Althea hob die Hand. "Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wir haben Gold..."
Meister Eolan schaute sie nur prüfend an.
Sie drehte sich langsam zu ihren Begleitern um. "Ich... Wir..." "Ich könnte das ein oder andere Schläfchen gebrauchen..." meinte Archon und hielt sich die Hand vor den Mund. Furka war rot angelaufen. "Ich... Sie..." platzte es aus ihm heraus. Dann blickte er an Althea vorbei zu Eolan hinüber. "Gibt es hier wenigstens was zu Essen?" Eolan nickte knapp. Furka entspannte sich augenblicklich, wurde dann aber wieder ernst.
"Wirst du das schaffen, Mädchen?" Althea schluckte. "Es ist nur ein Tag bis zu Keldi und den anderen..." sagte Archon ruhig.
"Wenn ihr entschieden seid..." Meister Eolan hielt einen alt wirkenden Schlüssel hoch.
Althea umarmte die beiden Zwerge vielleicht ein wenig zu lange. Dann wandte sie sich gemeinsam mit Meister Eolan einer Treppe zu, die tief unter die Festung führte. Das letzte, was sie hörte, war Furkas Stimme: "Dann aber ein Bier, und zwar sofort!" Dann verschwanden ihre Schritte im Dunkel.
Der Gang unter der Fluchtburg war alt. Sehr alt. Feuchtigkeit rann an den Wänden herab und irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigem Rhythmus. Althea ließ eine kleine Lichtkugel über ihrer Handfläche entstehen und folgte Meister Eolan tiefer in den Stollen hinein. Irgendwann blieb der Weißhaarige stehen, deutete schweigend nach vorne und verschloss hinter ihr die schwere Tür.
Althea blickte nicht zurück.
Sie schritt allein weiter durch den langen Tunnel, bis sie in der Ferne Licht erkannte. Dann brüchiges Mauerwerk zwischen Ranken. Und schließlich den Himmel. Sie trat hinaus in den verfallenen Hof der Ruine Svelltstein, weit vor Lowangen. Die ehemalige Festung lag auf einer Klippe inmitten dichter Wälder südöstlich der Stadt. Mauern und Türme waren von Gestrüpp überwuchert, der hohe Turm wirkte zu brüchig, um ihn noch zu betreten. Zwischen den Steinen wuchsen kleine Bäume.
Althea verweilte nur kurz. Dann verließ sie die Ruine und stieg hinab zu einem alten Waldweg, der kaum noch genutzt aussah und sich durch den Wald zog. Sie wandte sich gen Norden. Erst nach einiger Zeit erkannte sie zwischen den Bäumen die verlassene Straße wieder, auf der sie wenige Tage zuvor nach Lowangen gelangt waren. Eine Weile beobachtete sie schweigend die leere Trasse, dann fasste sie all ihren Mut zusammen und machte sich auf den Weg Richtung Neulowangen. Wenn möglich hielt sie sich abseits der Straße zwischen Feldern und Böschungen. Jeder Schatten ließ sie zusammenzucken.
Doch nichts geschah. Noch vor Sonnenuntergang tauchten vor ihr die Wälder um Neulowangen auf. Dann das kleine Städtchen selbst.
Sie rannte beinahe die letzten Schritte über den zentralen Platz und stolperte durch die Tür der Herberge Sonne. Gespräche verstummten. Der Wirt und einige Gäste starrten sie an — ungewaschen, staubbedeckt und erschöpft. Dann erkannte der Wirt sie. Einen Augenblick später polterten schwere Zwergenstiefel die Treppe hinunter.
"Da seid ihr wieder! Was bei Ingerimm..." Keldi blickte sofort zur Tür, als erwarte er Furka und Archon hinter ihr. Hurdin half Althea wortlos auf einen Stuhl und drückte ihr einen Krug Wasser in die Hand, den sie gierig leerte. "Wo sind die anderen?" fragte Tondar vom Treppenabsatz. "Noch in Lowangen..." antwortete Althea leise.
Dann erzählte sie die Geschichte. Während sie sprach, wurden Keldis Knöchel weiß.
Später wusch Althea sich im Hinterzimmer den Staub der Straße vom Körper und wechselte in frische Kleidung, die Hurdin ihr hinuntergebracht hatte. Als sie wieder in die Gaststube trat, ließ sie gerade den Mondscheibenanhänger unter den Kragen gleiten und warf den Elfenumhang über die Schulter zurück. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich beinahe wieder wie ein Mensch.
Sie besprachen alles bei einem warmen Abendessen, das Althea vorkam wie das beste Mahl ihres Lebens. Danach sichteten sie schweigend ihre Ausrüstung. Keldi hätte ihr gerne einen weiteren Tag Ruhe gegönnt, doch Althea blieb entschlossen. "Wir müssen die beiden dort rausholen."
Am nächsten Morgen saßen die Zwerge bereits bei einem kräftigen Frühstück, als Althea von der Theke zurückkehrte. "Ich habe alles geklärt. Der Wirt verwahrt unser restliches Gepäck im Hinterzimmer. Vierzehn Tage. Bis dahin sollten wir zurück sein..."
Kurze Zeit später verließen sie Neulowangen Richtung Norden. Tondar ging wie immer voran. Keldi und Hurdin hatten Althea zwischen sich genommen. Leder knarzte. Kettenhemden klirrten.
Und während sie der Straße zum Sumpf folgten, dachte Althea: 'Und so sind wir im Krieg...'
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Zwerge am Svellt #23
Sie marschierten schweigend und folgten einem schmalen Pfad, der sie jenseits der Wälder hinunter zum Lowanger Svellt führte. Vor ihnen tauchte ein dunkler Streifen Vegetation auf, feucht und reglos in der Mittagshitze. Schließlich stiegen sie durch ein flaches Kiesbett im Lowanger Svellt. "Da soll ein Drache durchkommen?" brummte Keldi und blickte den trägen Flusslauf entlang. Am westlichen Ufer gingen die flachen Kiesbänke unmittelbar in weite Schilfflächen über. Der Pfad bog ab und verwandelte sich bald in einen schlecht erhaltenen Bohlenweg, kaum breit genug für einen Handkarren.
"Es gilt..." Keldi zurrte sein Gepäck fester. "Das erinnert mich an die Hochebene im Steineichenwald..." meinte Althea leise und nahm ihren Stab in die Armbeuge. "Hoffentlich ist dieser Sumpf nicht gar so hungrig..." Hurdin blickte kurz zu ihr hinüber. 'Small Talk ist wohl aus', dachte Althea. Sie liebte alle Zwerge, aber Furka waren sie nicht.
Die Bohlen unter ihren Stiefeln knarrten und schwankten leicht. Zu beiden Seiten erstreckte sich dunkler Morast, in dem es gelegentlich blubberte oder kleine Luftblasen aufstiegen. Vor ihnen verliefen die Stege scheinbar endlos durch eine karge Moorlandschaft. Nur vereinzelt klammerten sich kleine Sträucher oder verkrüppelte Bäume an aus dem Sumpf ragende Felsen.
Je weiter sie vordrangen, desto stickiger wurde die Luft. Nach kaum einer halben Stunde brach der Sumpf plötzlich los.
Eine Horde affenartiger Wesen sprang kreischend aus dem Morast hervor. Althea, Keldi und Hurdin wurden auf den schmalen Bohlen zusammengedrängt und kämpften Rücken an Rücken, während Tondar einen Teil der heranstürmenden Kreaturen aufhielt, dann zur Seite sprang und begann, den Kampf von außen mit Bolzen einzudecken. Trotz der Bemühungen der beiden Zwerge drangen einige der Wesen bis zu Althea durch. Sie hielt sie mit dem Stab auf Abstand, duckte sich unter schlagenden Armen hinweg und schleuderte Feuer nach links und rechts. Die schwüle Luft erfüllte sich mit Rauch, Kreischen und dem Geruch verbrannten Fells.
Am Ende standen sie keuchend zwischen den schwankenden Bohlen, während Tondars Armbrust noch immer in die Richtung zeigte, in der der letzte der Angreifer im Sumpf verschwunden war.
Nach kurzem Sammeln verloren sie sich erneut zwischen den Bohlenwegen. Ein Weg endete plötzlich vor einem schwarzen Sumpfloch. An anderer Stelle stützte sich Tondar an einem Geländer ab und hielt einen Moment später das morsche Holzstück in der Hand.
Es ging weiter nach rechts. Dann noch einmal nach rechts.
Irgendwann tauchten in der Ferne einige Dächer auf. Der kleine Weiler lag auf einer etwas erhöhten Fläche zwischen Moor und Torfstichen. Stufenartig bearbeitete Abbauflächen zogen sich durch das sumpfige Gelände, doch nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Sie drückten sich gegen die Tür des größten Hauses. "Ist hier jemand?" rief Althea in die Dunkelheit.
Aus den hinteren Räumen antwortete nur ein schleifendes Geräusch. Dann schälten sich einige Zombies aus dem Schatten. Nichts, womit ein paar Zwergenäxte nicht fertig wurden. Doch als aus den Tiefen des Hauses weiteres Rascheln und Schlurfen drang, wichen sie zurück. Hurdin verbarrikadierte die Tür von außen. "Dann können sie da drinnen machen, was sie wollen."
Sie durchsuchten die umliegenden Schuppen und mit Häuten abgedeckten Lager. In einem kleinen Wandschrank fand Althea einige feuchte Pergamente und Zeichnungen. Etwas abseits des Haupthauses rasteten sie kurz. "Die Wesen waren wohl die Sumpfrantzen, von denen der Wirt gesprochen hat..." Althea hielt ein Pergament mit einer kruden Zeichnung empor. "Hier steht, sie seien irgendwie mit dem Sumpf verbunden... und etwas von Heidekraut..." Sie ließ das Blatt wieder sinken.
Die Zwerge schwiegen. Keldi nickte nur knapp.
Danach verloren sich die Stunden endgültig im Sumpf. Allerlei Getier lauerte zwischen den Bohlen und im Schilf. Immer wieder musste Tondar zurückweichen oder den Dolch ziehen, um Schlangen und anderes Gewürm fernzuhalten.
Doch irgendwann erwischte ihn eine Schlange doch.
Das Tier flog zischend zurück ins Wasser, während Tondar zusammengesunken auf den Bohlen kauerte und ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Althea wühlte hektisch in der Kräutertasche herum. Keldi suchte unter seinem Umhang und zog schließlich eine der glitzernden Phiolen hervor, die sie in Gashok erworben hatten. Tondar bekam sichtbar einen kurzen Schub davon, krümmte sich aber kurz darauf erneut zusammen. Erst eine zweite Phiole brachte schließlich Wirkung. Nach einigen Minuten kam Tondar wieder auf die Beine. "Ohne Archon ist das gar nicht so einfach..." murmelte Althea leise.
Der Sumpf zog sich. Die Bohlenwege verliefen mal nach links, mal nach rechts, verschwanden plötzlich im Morast oder führten in Sackgassen. "Ich habe das Gefühl, wir gehen seit Stunden im Kreis..." sagte Althea irgendwann erschöpft. "Ein Bohlenweg sieht aus wie der andere..." Niemand widersprach ihr.
Am späten Nachmittag steuerten sie auf eine kleine Erhebung zu, die mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Der federnde Moorboden ging dort langsam in versandete Anhöhen über. Hinter einer Kuppe fanden sie einen halb versunkenen Karren. Die Vorräte darauf wirkten noch frisch. Doch von den Besitzern fehlte jede Spur. "Der Sumpf schluckt Spuren schneller als sie entstehen..." sagte Tondar nur. Sie wechselten schweigend Blicke.
Als die Sonne den Horizont rot färbte, errichteten sie auf der Anhöhe im Schutz des Gestrüpps ihr Lager. Ringsum zirpten unablässig Insekten. Hin und wieder durchschnitt der Ruf eines Wasservogels die drückende Abendluft. Mit dem Wasser gingen sie inzwischen sparsam um. Trinkbares hatten sie bislang keines gefunden. Tondar übernahm die erste Wache, die Armbrust über der Schulter, während die anderen sich erschöpft niederlegten.
Mitten in der Nacht erwachte Althea plötzlich. Schlaftrunken blickte sie in die völlige Finsternis hinaus. Dann glomm irgendwo in der Ferne ein kleines Licht auf. Es verschwand wieder. Kurz darauf erschienen weiter links zwei weitere. Althea starrte einen Moment in die Dunkelheit.
Dann übermannte sie erneut die Müdigkeit.
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Zwerge am Svellt #25
Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Himmel über den Sümpfen blau färbten, brachen sie wieder auf. Der Sumpf lag still vor ihnen.
Nur wenige Augenblicke später liefen sie einer Horde Zombies in die Arme.
'Zombie am Morgen...' dachte Althea erschöpft, während zwischen Schilf und Bohlen bereits wieder Zwergenäxte niedergingen.
Einige Wegbiegungen später griffen erneut Sumpfrantzen aus dem Morast an.
"Da muss irgendwo ein Nest sein..." murmelte Althea, während Tondar einen weiteren Bolzen einlegte.
Der Sumpf begann sich in ihrem Kopf festzusetzen. Sie ertappte sich dabei, innere Zwiegespräche zu führen, weil Furka nicht da war. Furka hätte längst irgendeine absurde Theorie entwickelt, dass alle Verschollenen des Sumpfes zuerst als Zombies wiederkehrten und sich irgendwann in Sumpfrantzen verwandelten. 'Hmm... Sumpfrantzen? Heidekraut?... Ach egal.' Die Gedanken verliefen irgendwann genauso im Moor wie die Bohlenwege.
Als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte und Althea sich sehnsüchtig nach ihrem Wasserschlauch sehnte, tauchte vor ihnen plötzlich eine grüne Insel mitten im Sumpf auf. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, dass dieser Ort sorgsam vom umliegenden Moor abgegrenzt worden war. Vielleicht lag er höher als der restliche Sumpf, vielleicht hielten niedrige Erdwälle das Wasser fern. Vor ihnen öffnete sich eine weite Wiese voller flacher Bodenblüher. Einige Bäume spendeten Schatten und zwischen ihnen lagen halbkugelförmige Behausungen verstreut. Jenseits des Dorfes glitzerte fließendes Wasser.
Zwischen den Behausungen entstand Bewegung. Humanoide Wesen sammelten sich mit langen Dreizacken in den Händen. Sie wirkten wie aufrecht gehende Salamander mit schuppiger Haut und unbeweglichen Augen.
Ein besonders prächtiges Exemplar trat vor und zischte ihnen etwas entgegen.
Althea drängte sich an Keldi und Hurdin vorbei. Sie erinnerte sich an alte Schriften aus ihrer Zeit in Khunchom — Abhandlungen über Zsahh und die H'Szint aus uralten Zeitaltern. Die kehligen Laute wirkten fremd, aber nicht völlig unbekannt. Zögernd antwortete sie. Das Wesen wechselte daraufhin in ein hart verzerrtes Garethi.
Fremde seien hier nicht willkommen. Niemand, der Unfrieden bringe oder diesen Ort missachte.
Althea versicherte, dass sie in guter Absicht gekommen seien und Hilfe benötigten.
Der Dorfvorsteher antwortete nur, niemand verdiene Hilfe, der nicht selbst helfen würde.
Ein gefräßiges Untier hause in alten Ruinen östlich des Dorfes und bedrohe die Bewohner des Sumpfes. Wenn sie diese Bedrohung beseitigten, könne man weitersehen.
Die Zwerge blickten Althea fragend an, als sie sich wieder zu ihnen umdrehte. "Wir müssen auf die Jagd..." Sie erklärte die Situation. Keldi musterte die Dorfbewohner aufmerksam. "Sie sagten, wir könnten am Rand der Ruinen rasten. Dort wäre es sicher. Aber im Dorf selbst sind wir nicht willkommen." Keldi neigte nur den Kopf. Tondar zuckte leicht mit den Schultern.
Nach einem letzten neugierigen Blick ins Dorf marschierten sie am Rand der Insel nach Osten weiter. 'Furka hätte sich wieder köstlich aufgeregt...' dachte Althea. 'Oder irgendwo eine Flasche Schnaps hervorgezaubert.'
Der Boden wurde wieder sumpfiger, blieb aber fester und sandiger als zuvor. Schon bald tauchten zwischen der Vegetation uralte Mauerreste auf. "Granit", stellte Hurdin mit Kennerblick fest. Vielleicht hatten sie einst zu einem größeren Komplex gehört, doch dahinter begann erneut dichter Sumpf. Sie folgten den Mauern weiter, bis sich südlich wieder offener Morast zeigte.
Es war bereits später Nachmittag. "Eine Jagd beginnt man besser ausgeruht", meinte Althea und legte die Hand über die Augen, um über das Moor zu spähen. Tondar nickte nur. "Wer weiß, wie weit das wieder geht."
Zwischen den alten Mauern fanden sie schließlich einen geschützten Platz für die Nacht. Keldi breitete schweigend die Vorräte aus, während Tondar die Wasserschläuche prüfte und dabei sichtbar unzufriedener wurde. Hurdin setzte sich auf einen Stein und musterte die Schneide seiner Orknase. Er winkte zu Keldi hinüber. Kurz darauf flog ihm ein Schleifstein aus Furkas Gepäck entgegen. Wenig später erklang ein ungewöhnlicher Fluch. Die drei Zwerge beugten sich über den Stein, brummelten leise miteinander und zogen die Augenbrauen hoch. Dann warf Hurdin den unbrauchbar gewordenen Schleifstein wortlos zur Seite und steckte die Axt wieder ein.
Die Nacht an den Ruinen war dunkler als irgendwo zuvor. Keine Irrlichter standen über den Mauern. Kein Laut störte ihre Rast. Noch vor Sonnenaufgang standen sie wieder mit gepackten Bündeln bereit und stiegen hinab ins Moor.
Dort scheuchten sie beinahe sofort eine Horde Sumpfrantzen auf, die offenbar nur wenige Schritte entfernt genächtigt hatte.
Wieder schien der Weg im Sumpf zu enden, bis Tondar einen kaum gangbaren Übergang über kleine Inseln aus Sand und Moorgras fand. Schließlich erreichten sie erneut einen uralten Bohlenweg. Dieser wirkte, als hätte ihn seit Jahren niemand mehr betreten. Also begann wieder das endlose Abschreiten der Bohlen.
Nach Osten.
Nach Norden.
Wenn man wusste, worauf man achten musste, konnte man zwischen Schilf und Nebel immer wieder Granitmauern erkennen. Und langsam wurden sie größer.
Zwischendurch scheuchten sie sogar eine kleine Orkpatrouille auf. "Hier?" fragte Keldi ungläubig. "So tief im Sumpf?"
Gegen Mittag erreichten sie schließlich die eigentlichen Ruinen. Sie ragten deutlich massiver aus dem Moor empor als die Mauerreste bei Ansvell. Ein riesiger Komplex aus zerborstenen Mauern, eingestürzten Hallen und überwucherten Wegen. Althea musste unwillkürlich an einen Tempel denken. Vielleicht nur, weil derartige gewaltige Anlagen häufig Tempel gewesen waren. Durch einen eingefallenen Torbogen spähten sie in das Innere. "Marmor..." murmelte Hurdin.
Vorsichtig folgten sie einem überwucherten Pflasterweg zwischen zerbrochenen Gesteinsblöcken. Nach Tagen dumpfer Moorlandschaft hallten ihre Schritte auf dem Stein seltsam laut. Je tiefer sie in die Ruinen vordrangen, desto stärker wurde der Geruch nach Tier und Blut. Schließlich erreichten sie einen großen Innenhof — oder vielleicht einst eine gewaltige Halle, deren Dach längst eingestürzt war. Zwischen den Marmortrümmern lag ein Haufen aus Ästen, Gestrüpp und Knochen.
"Ein Lager..." hauchte Althea.
Im nächsten Augenblick brach das Untier mit ohrenbetäubendem Gebrüll hervor.
Der Schlinger ragte über ihnen auf.
Gigantische Kiefer voller messerscharfer Zähne schnappten nach Althea, die taumelnd zurückwich, während Keldi und Hurdin herumfuhren und ihre Äxte hochrissen.
Althea fand Halt. Ihre Hand schnellte empor. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle und ein Feuerstrahl nie gesehener Helligkeit brannte sich in die Brust des Ungeheuers.
Der Schlinger bäumte sich auf.
Keldi stürmte vor und grub seine Axt tief in die Flanke des Untiers, während Hurdin sich zwischen die Bestie und Althea warf. Tondar sprang zur Seite und suchte fieberhaft eine Schussbahn.
Der Schlinger drang auf Hurdin ein. Blut spritzte. Althea sank keuchend auf ein Knie.
Keldi und Hurdin schlugen abwechselnd auf die Kreatur ein, während endlich die ersten Armbrustbolzen durch die Halle flogen. Dann verschwanden Zähne, Äxte und Klauen in einem einzigen Wirbel aus Gebrüll und splitterndem Stein.
Schließlich brach der Schlinger zusammen.
Ein Armbrustbolzen ragte aus seinem Auge.
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Zwerge am Svellt #26
Der Rückweg erschien um einiges länger als der Hinweg, aber vielleicht verliefen sie sich auch und liefen wieder im Kreis. Irgendwann erreichten sie wieder die alten Ruinen und sahen dahinter die grüne Insel Ansvells im Moor liegen. Althea ging voran.
Der Häuptling der Echsenwesen empfing sie diesmal in leuchtenden Farben und mit aufgeregten Zischlauten. Offenbar hatte sich die Nachricht vom Tod des Schlingers bereits durch das Dorf verbreitet. Der Dorfvorsteher erklärte ihnen, dass er ihnen nun weiterhelfen wolle. Wenn sie Antworten suchten, müssten sie eine Frau aufsuchen, die in einem Wäldchen im Südosten der Sümpfe lebe.
Dann sprach er von einem zweiten Geheimnis. Von Agdan Dragenfels. Oder von dem, was von ihm übrig geblieben war. Der Mann sei verschwunden und gleichzeitig noch immer dort. Althea runzelte die Stirn. "Methanaturell..." murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen. Der Echsenhäuptling verstand den Begriff offensichtlich nicht, deutete aber nur in Richtung Süden.
Die Frau könne ihnen weiterhelfen.
Danach sammelten sich die Bewohner Ansvells um die Gruppe. Kaltnasse Hände legten sich auf ihre Unterarme. Augen schimmerten begeistert. Sie wurden durch das Dorf geführt, bekamen rohen Fisch angeboten und einen seltsam bitter schmeckenden Salat aus Sumpfgras. Einige junge Echsenweibchen zeigten Althea stolz ihre Eier, die in einem sorgfältig bewachten Gelege lagen. Kleinere Salamanderwesen liefen aufgeregt zwischen den Hütten umher, kletterten auf Hurdins breite Schultern und zogen ihm lachend am Bart, während der Zwerg stoisch sitzen blieb und versuchte seine Rührung zu verbergen...
Irgendwann legte sich der Trubel. Sie nächtigten mitten im Dorf. Es war eine der besten Nächte, die Althea seit langer Zeit erlebt hatte.
Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf.
Sie folgten zunächst denselben Bohlenwegen, die sie nach Ansvell geführt hatten, bogen dann jedoch nach Westen ab und waren bald wieder allein mit dem endlosen Moor und der Sommersonne über ihren Köpfen. Ein paar Zombies trieben sie schweigend zurück in den Sumpf. Noch vor Mittag tauchte vor ihnen ein dunkler Streifen am Horizont auf. "Dunkler Streifen vor dunklem Moor", bemerkte Tondar trocken - Anscheinend wurde es selbst den Zwergen langsam zu still.
Der Boden wurde fester. Schließlich erreichten sie ein dichtes Gehölz niedriger, verkrüppelter Bäume, zwischen denen sich kaum sichtbare Pfade durch dichtes Unterholz zogen. Sie bahnten sich vorsichtig ihren Weg. Die Stille, die bereits über dem Moor gelegen hatte, schien sich hier noch zu verdichten. Die seltsam verdrehten Baumkronen neigten sich über den Pfad und bildeten beinahe Tunnel aus Ästen und Schatten. Schließlich weitete sich das Gehölz zu einer Lichtung. Am anderen Ende stand eine windschiefe Bretterhütte. Das fahle Sonnenlicht verlieh dem Ort etwas Unwirkliches.
Sie blieben unschlüssig stehen und sahen sich an — in jener wortlosen Art von: Ich klopfe und du redest? Da öffnete sich plötzlich mit einem Knarren die Tür.
"Wenn du noch länger so herumstehst, wirst du noch altern und deine ganze Schönheit verlieren, mein Täubchen." Die Alte besaß eine hohe, kratzende Stimme. Keine Hakennase, keine Warzen — nur ein wettergegerbtes Gesicht unter weißem Haar.
Althea fühlte sich sichtbar unwohl, während die Alte sie musterte.
"Deine Schönheit sollte wert sein, entnommen und in Flaschen abgefüllt zu werden..." Die Zwerge rückten unwillkürlich näher an Althea heran.
"Eine Magierin mit fünf Zwergen..." fuhr die Alte fort. "...wie aus den alten Geschichten. Was können sie wohl für mich tun?"
Althea räusperte sich. "Wir... benötigen eure Hilfe."
Die Augen der Alten wurden schmal. Althea fasste sich und erzählte die ganze Geschichte. Lange herrschte Schweigen. Dann nickte die Alte langsam. "Ich kann euch helfen. Aber es wird dich kosten..." Althea erschauderte. "Nicht so, Kleines..." Die Alte erklärte, sie liege in Rivalität mit einem Magier, der am anderen Ende des Sumpfes in einem Turm hausen würde. Wenn sie ihr seine Kristallkugel brächten, würde sie ihnen helfen.
Kurz darauf schloss sich die Tür wieder.
Althea schüttelte sich unwillkürlich.
Sie verließen die Lichtung deutlich schneller, als sie sie betreten hatten. Später, als wieder nur Moor, Bohlenwege und flimmernde Hitze um sie lagen, kreisten Altheas Gedanken immer wieder um dieselbe Frage. 'Der Magier wird seine Kristallkugel sicher nicht freiwillig herausgeben... Aber wir können ihn fragen... Das heißt also gar nichts...' Das Moor zog sich endlos dahin. Steg um Steg. Biegung um Biegung. Nicht einmal Sumpfrantzen ließen sich sehen.
Der Nachmittag verging bleiern. Ein Schritt vor dem anderen. Die Nacht brach herein und noch immer knarrten Bohlen unter ihren Füßen, bis schließlich erneut die verfallenen Hütten der Torfstecher vor ihnen auftauchten. Diese Nacht pfiff ein kalter Wind über das Moor. Sie kauerten sich unter einen Unterstand, in respektvollem Abstand zum Haupthaus. Tondar hielt die erste Wache. Dann Keldi. Es musste gegen Mitternacht gewesen sein, als ein Schlurfen zwischen den Hütten erklang. Keldi griff sofort nach seiner Axt, halb in Erwartung, die Zombies hätten sich doch noch aus dem Haus befreit. Doch aus der Dunkelheit kamen keine Zombies. Es waren Ghule. Keldi stieß einen Warnruf aus und hob die Axt. Zombies, Ghule — was machte es für einen Unterschied, als was die Verschollenen des Sumpfes zurückkehrten...
Kurz vor Morgengrauen wurden sie noch einmal von einigen Zombies aufgeschreckt. Danach verließen sie den ungastlichen Ort endgültig. Es war noch dunkel. Sie orientierten sich am Wasserlauf. Der Turm des Magiers solle sich auf einer Insel befinden. Althea ließ eine kleine Leuchtkugel entstehen, die ihnen notdürftig den Weg über die Bohlen erhellte.
Jemandem jenseits des Moores mochte das Licht wie eines jener Sumpflichter erschienen sein.
Sie querten einen Wasserlauf über eine morsche Bohlenbrücke und gelangten schließlich in immer dichtere Schilfgebiete. Dann öffnete sich vor ihnen eine große Wasserfläche. Still lag der kleine See zwischen sumpfigen Ufern. Über Stunden umrundeten sie ihn. Schwüle Hitze hing über dem Wasser, dazu Wolken aus Insekten. Immer wieder spähten sie hinaus über Schilf und Wasserflächen, bis Tondar plötzlich innehielt.
"Ein dunkler Schatten... dort." Keldi kratzte sich missmutig am Hals. "Bist du sicher, dass das keine besonders dichte Wolke Fliegen ist?" Sie gingen weiter. Und tatsächlich erhob sich dort draußen etwas aus dem Wasser. Die Zwerge sahen sich unbehaglich an. "Nichts, um ein Floß zu bauen." Keldi hob die Hände. "Wenn wir die Bohlen nehmen, verbauen wir uns den Rückweg. Wenn das Holz überhaupt noch schwimmt..." Tondar schabte mit der Stiefelspitze Schleim von den Bohlen. Althea trat an das Geländer und prüfte mit ihrem Stab die Tiefe des Wassers.
"Schwimmen."
Die Zwerge starrten sie entgeistert an. "Da rein?" "Mit dem Kettenhemd?" "Das gibt sofort drei Zombies mehr..."
Am Ende blieb Tondar am Ufer zurück und bewachte die schwere Ausrüstung. Althea watete voran ins Wasser, während Keldi und Hurdin hinter ihr durch den Morast stapften und schließlich schwer atmend Richtung Seemitte hinausschwammen. Am anderen Ufer wartete Althea bereits, als die beiden Zwerge fluchend und Wasser spuckend aus dem See stiegen.
Die Insel war kaum groß genug, um den Turm zu tragen. Althea fühlte sich unwillkürlich an die einsamen Leuchttürme auf vorgelagerten Felsen der thorwalschen Küste erinnert. Vor ihnen erhob sich ein schweres Portal mit reich verzierten Beschlägen. Doch bevor sie eintraten, umrundete Althea den Turm einmal langsam und ließ die Hand über den rauen Stein gleiten. Dann blickten sie sich schweigend an. Keldi und Hurdin legten die Hände gegen die schweren Türflügel.
Mit dumpfem Knarren öffnete sich das Portal.
Und sie traten ein.
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16.05.2026, 09:31
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 16.05.2026, 11:50 von Althea.)
Zwerge am Svellt #27
"ICH HABE AUF EUCH GEWARTET!" hallte es durch die große Halle hinter dem Portal. "HABT IHR GEGLAUBT, DASS DIE AUGEN DES TURMS BLIND SEIEN?"
Am Ende der Halle saß auf einem thronähnlichen Sitz ein Mann in prunkvoller Robe. In seinen Händen glomm eine kristallene Kugel. Althea wollte anheben zu sprechen, da donnerte die Stimme erneut durch den Raum.
"IHR SOLLT DEN ZORN EINES MEINER DIENER SPÜREN!"
Der Boden erbebte. Ein Gluthauch fuhr über sie hinweg, als mitten in der Halle ein grelles Feuer emporschlug und sich zu der grob humanoiden Gestalt eines Djinns formte.
"WER WAGT ES MICH ZU RUFEN?!"
Das Feuer loderte auf. Althea hob instinktiv den Arm vor das Gesicht, um sich gegen die blendende Helligkeit abzuschirmen.
"VERNICHTE DIE EINDRINGLINGE!"
"ALTER NARR, DER DU DENKST MICH ZU BEHERRSCHEN?!"
"Zu Hülf!" schrie Althea und wagte nicht, direkt in die Flammen zu blicken.
"DU WIRST MEINEM WILLEN GEHORCHEN!"
Ein brüllendes Lachen hallte durch die Halle. Das Feuer breitete sich entlang der Decke aus.
"Erbarmen!" Althea und die Zwerge hatten sich bereits zu Boden geworfen, während die Hitze über ihnen anschwoll.
"VERNICHTE SIIIE!"
Das Feuer steigerte sich zu unvorstellbarer Glut.
"Neeeiiin!" Althea kauerte sich zusammen, während sengende Hitze über sie hinwegschoss.
"ZU SPÄT, ALTER MANN!"
Das Feuer fuhr auf den Thron zu. Die Halle wurde von einer Helligkeit erfüllt, die jeden Gedanken auszulöschen schien. Ein gellender Schrei durchschnitt den Raum - und brach plötzlich ab. Als das Licht verging, waren auf dem Thron nur noch verkohlte Überreste zu erkennen. Das Feuer tobte noch einen Moment über die Hallendecke, schoss schließlich durch das geöffnete Portal hinaus in den Himmel und verschwand. Dann stand nur noch Asche in der Luft.
Althea hustete schwer, als die Hitze langsam nachließ. Keldi und Hurdin halfen ihr auf. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum Podest hinauf, in dessen schwelenden Resten die Kristallkugel noch schwach glomm. Althea riss den Umhang von der Schulter, hob die Kugel vorsichtig mit geschützten Händen auf - doch sie war bereits wieder kalt. Sie durchsuchten anschließend den Rest des Turms, fanden jedoch außer einigen Aufzeichnungen nichts von Bedeutung.
Danach traten sie den nassen Rückweg zum Ufer an. Tondar half ihnen aus dem Wasser und lauschte schweigend ihrer Erzählung. Er selbst habe nur ein plötzliches Aufblitzen von Licht gesehen und eine Rauchsäule, die gen Himmel gefahren sei.
Nachdem sie ihre Kleidung notdürftig ausgewrungen und die Ausrüstung wieder aufgenommen hatten, machten sie sich erneut auf den langen Weg durch den Sumpf. Sie umrundeten den kleinen See und marschierten zurück nach Süden, bis sie wieder die endlosen Moorflächen erreichten. Die Sommersonne lag erneut schwer und erbarmungslos über ihnen.
Geradeaus.
Nach links.
Nach rechts.
Die Bohlenwege schienen kein Ende zu nehmen. Als schließlich das letzte Licht des Tages verschwand, rasteten sie notdürftig auf glitschigen Bohlen mitten im Moor. Die Nacht war unerquicklich. Das Moor gluckste neben ihnen - unter ihnen. Die Dunkelheit schien sie einzuhüllen in einer ewigen morastigen Schwärze. Selbst die Sumpflichter wirkten in dieser Nacht seltener. Noch mit dem ersten Licht des neuen Tages packten sie schweigend ihre Bündel und setzten den Weg fort.
Geradeaus.
Nach links.
Nach rechts.
Althea wusste längst nicht mehr, wo sie sich überhaupt befanden. Kurz vor Mittag tauchte schließlich wieder der Verwunschene Wald vor ihnen auf. Sie folgten den kaum sichtbaren Pfaden zwischen den krüppeligen Bäumen und erreichten bald erneut die Lichtung mit der windschiefen Kate. Althea hatte den Ruß so gut es ging von der Kristallkugel entfernt und stand nun unschlüssig vor der Hütte.
Ist das wirklich, was wir wollen?
"Gedanken, mein Täubchen..."
Die Alte war plötzlich in der Tür erschienen. Diesmal wirkte sie finsterer. Bedrohlicher.
"Warum sollten wir euch dies geben?" fragte Althea und hielt die Kugel fest an sich.
"IHR WERDET!"
Die Stimme der Alten schnitt durch die Lichtung.
"FASS!"
Die Zwerge stürmten sofort vor. Im selben Augenblick schoss ein Wolf mit gefletschten Zähnen aus der Hütte hervor und sprang ihnen entgegen.
Ein schrilles Wort der Macht durchschnitt die Luft. Keldi erstarrte mitten in einer Abwehrbewegung.
Hurdin versuchte weiter auf die Hexe vorzudringen - da erklang erneut ein gellender Ruf. Auch er blieb mitten im Schritt reglos stehen.
Dann stand Althea im Eingang der Kate. Ihre Hand zuckte vor. Ein mächtiger Flammenstrahl entlud sich in die Hexe und schleuderte diese zurück. Die Alte hob die Faust - doch noch bevor sie erneut sprechen konnte, traf sie ein zweiter Feuerstrahl. Die Hexe wurde zu einer lodernden Fackel.
Währenddessen rang Tondar mit gezogenem Dolch mit dem Wolf am Boden. Fell und Zähne verschwanden in einem wilden Handgemenge, bis das Tier schließlich zurücksank und sich nicht mehr rührte.
Althea und Tondar schafften die beiden erstarrten Zwerge aus der Hütte, während hinter ihnen bereits Rauch aufzog und das alte Holz zu schwelen begann...
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17.05.2026, 17:02
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.05.2026, 18:10 von Althea.)
Zwerge am Svellt #28
Hätte sie doch nur besser in 'Transformationen' aufgepasst... Sie lagerten abseits des lodernden Hexenhauses. Tondar starrte mit düsterer Miene auf die starr daliegenden Körper Keldis und Hurdins, während Althea daneben kauerte und ihre Finger rang. "Transmutation für Anfänger...", murmelte sie tonlos vor sich hin. "Einfach nur die Hand auflegen... die Formel sprechen... die wissenschaftliche Form... verdammte Hexenmagie... Sollte der Zauber nicht mit dem Tod der Hexe aufhören zu wirken...?"
Sie blickte auf in Tondars sorgenvolles Gesicht. "Behalte die Umgebung im Auge", sagte sie leise und warf einen Blick auf das brennende Haus. "Wir haben uns wieder meilenweit bemerkbar gemacht... Das hier...", sie sah auf die beiden reglosen Zwerge hinab, "...wird eine Weile brauchen."
'Wenn ich es überhaupt schaffe...'
Tondar fasste sich, lud schweigend seine Armbrust durch und lehnte sich gegen einen Baum. Rußstreifen zogen sich noch über sein Gesicht. Währenddessen zog Althea langsam den Elfenumhang von den Schultern und ließ sich im Schneidersitz nieder. Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie in ihrem Gedächtnis grub, nach einer Formel, die sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Eine Ratte zurück in einen Salamander verwandeln... Sie zuckte innerlich zusammen.
Eine halbe Stunde später legte sie vorsichtig die Hand auf Keldis Brust. Ein Murmeln. Ein Kribbeln. Nichts. Die Sonne kroch langsam über den Himmel. Hinter ihnen krachten die brennenden Balken der Hütte in sich zusammen. Einmal glaubte Tondar zwischen den Bäumen Bewegung zu sehen und hob sofort die Armbrust, doch dort war nichts außer Rauch und Stille. Althea arbeitete weiter. Stunde um Stunde. Sie verlor jedes Gefühl für Zeit. Zweimal sackte sie beinahe selbst zur Seite. Einmal glaubte sie kurz wieder die Stimme der Hexe zu hören.
'Gewogen und zu leicht befunden...'
Irgendwann, es war schon Nachmittag, wurden Keldis Glieder plötzlich schlaff. Sein Körper zuckte zusammen, dann blinzelte er verwirrt. Später folgte Hurdin.
"Und ich dachte, mit dem Tod der Hexe hören ihre Zauber auf zu wirken", brummte Keldi schließlich, nachdem er einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch genommen hatte, was Tondar mit tonloser Missbilligung registrierte. Hurdin sagte nichts. Er wirkte noch schweigsamer als sonst.
"Jetzt sind wir zwar wieder zusammen", wechselte Althea das Thema, "aber wo Agdan Dragenfels ist, wissen wir immer noch nicht..." Sie schauten sich an. "Wie sagte der Dorfvorsteher?", murmelte Tondar schließlich. "Er lebt noch... aber es gibt ihn nicht mehr." 'Methanaturell', dachte Althea unwillkürlich zurück an irgendeine staubige Unterrichtsstunde in Khunchom. 'Tot und lebendig zugleich...' Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder.
"Dann durchkämmen wir eben den ganzen Sumpf."
Keldi blickte zu Tondar hinüber. Der nickte nur. Hurdin hob langsam den Kopf und ballte schweigend die Faust.
Sie durchsuchten noch die Umgebung der niedergebrannten Hütte. Hinter einigen Hecken fanden sie einen sorgsam gepflegten Kräutergarten, der selbst einer Ginya Ehre gemacht hätte. Archon fehlte wieder einmal schmerzlich, doch Tondar kannte sich gut genug aus, um die wichtigsten Pflanzen zu bergen.
Dann wandten sie sich wieder dem Moor zu. Seltsamerweise blieb der Sumpf still. Kein Zombie stieg aus dem Morast. Keine Sumpfrantzen lauerten zwischen den Bohlenwegen. Nur das ewige Knarren des Holzes unter ihren Füßen. "Bist du sicher, dass die Moorleiche dort drüben keinen Drachenkopfring getragen hat?", fragte Keldi irgendwann trocken und zeigte schräg in irgendeine Richtung. Niemand antwortete.
Als sich die Dunkelheit senkte, erreichten sie erneut Ansvell, wo man sie inzwischen beinahe wie Heimkehrer empfing. Salamanderwesen traten aus ihren Behausungen, zischten einander aufgeregt etwas zu und führten die Gruppe wieder ins Dorfzentrum. Sie waren inzwischen fast Teil des Ortes geworden.
Am nächsten Morgen machten sie sich erneut auf den Weg. Nördlich Ansvells erhob sich hinter dem Wasserlauf eine eigentümliche Landschaft aus niedrigen Sandhügeln, feuchten Niederungen und nahezu undurchdringlichem Gestrüpp.
Die Sandigen Hecken.
Schon nach kurzer Zeit merkten sie, dass das Vorankommen hier kaum weniger anstrengend war als im Moor selbst. Die Sträucher waren zäh, dornig und so dicht, dass man sich Schritt für Schritt hindurchzwängen musste. Selbst Äxte konnten kaum Schneisen schlagen, und einmal stellte Althea fest, dass die trockenen Zweige nicht einmal richtig Feuer fingen. Also kämpften sie sich weiter. Schritt für Schritt. Schweiß rann unter Kettenhemden und Lederzeug. Sand kroch in Stiefel. Dornen verfingen sich in Kleidung und Bärten. Immer wieder glaubte man, hinter der nächsten Hügelkuppe müsse es leichter werden. Wurde es aber nicht.
Sie arbeiteten sich Richtung Osten vor und stießen schließlich auf ein Lager aus Orks und Goblins, die offenbar Streifzüge durch die Gegend unternahmen. Der Kampf war kurz und brutal. Keldi und Hurdin hielten die eine Flanke, während Althea und Tondar auf der anderen kämpften. Tondar schwang die Skraja zwischen den engen Hecken mit erstaunlicher Geschwindigkeit, während Althea im flimmernden Schimmer eines Armatrutz kleine Flammenlanzen schleuderte. Als der Kampf vorüber war, lagen Tote zwischen zertrampeltem Gestrüpp und Sand. Während Althea Keldis Arm mit Wirselkraut verband, betrachtete Hurdin schweigend den zerbrochenen Stiel seiner Orknase. Gute Arbeit aus Oberorken. Von den Söhnen des Grufalm. Lange sah er auf die Bruchstücke hinab. Dann warf er sie wortlos in die Hecken und zog eine schwere norbardische Ersatzaxt aus dem Gepäck.
Der Sumpf begann Dinge zu fressen. Nicht nur Menschen.
Später stolperten sie tiefer im Heckenlabyrinth in einen Kampf zwischen Orks und Zombies hinein — und waren plötzlich mittendrin. Danach wusste niemand mehr genau, wie lange sie noch marschiert waren. Der Sand wurde genauso unerträglich wie der Schlamm. Die Hecken sahen irgendwann alle gleich aus.
Rechts.
Links.
Geradeaus.
Zurück.
Noch ein Hinterhalt. Noch ein Kampf. Noch mehr Erschöpfung.
Als sie endlich wieder Ansvell erreichten, war bereits erneut Dunkelheit hereingebrochen. Althea rollte sich erschöpft in ihre Decken. "Morgen die Heide der Findlinge...", murmelte sie nur noch.
Und wieder brachen sie mit dem ersten Sonnenlicht auf. Wieder durch das Wasser. Wieder durch die Sandigen Hecken.
Eine Gruppe Echsenwesen winkte ihnen stromaufwärts beim Fischfang mit ihren Dreizacken zu, während die Gefährten schweigend vorbeizogen.
Im äußersten Westen erhob sich schließlich die Heide der Findlinge. Eine seltsame Landschaft. Wogende Heideflächen unter grauem Himmel. Geröll. Riesige Findlinge, die wie uralte Wächter aus dem Boden ragten. Manche überragten Althea um Manneshöhe. Der Wind strich durch das Heidekraut wie durch Wasser. Dann verschluckten die Steine sie. Es wurde ein Labyrinth.
Zwischen den Findlingen verloren sich Wege, entstanden neue, endeten plötzlich wieder. Goblins sprangen von den Felsen herab. Orks lauerten zwischen den Steinen. Und immer wieder marschierten sie weiter.
Weiter.
Weiter.
Tondars Skraja zerbrach während eines Kampfes. Hurdin reichte ihm schweigend seine Seitenwaffe. Niemand kommentierte es mehr. Der Sumpf forderte seinen Tribut.
Später blieb Tondar plötzlich stehen und blickte sich zwischen den Steinen um. "Ich glaube...", murmelte er langsam, "ich habe den Findling dort schon einmal gesehen." "Ich glaube", brummte Hurdin erschöpft, "ich habe inzwischen zu viele Findlinge gesehen." Dann marschierten sie weiter.
Geradeaus.
Links.
Rechts.
Bis sie irgendwann wieder am Flüsschen standen. Die Sonne sank bereits. Tondar trat falsch auf, verlor den Halt und verschwand plötzlich im Wasser. Einen Moment lang glaubte Althea bereits, der Sumpf hätte ihn endgültig geholt, doch Keldi und Hurdin packten ihn noch rechtzeitig und zerrten ihn fluchend ans Ufer zurück. Dann wieder die Hecken. Wieder Dornen. Wieder Sand. Und schließlich wieder Ansvell. In der Dunkelheit.
Nach dem Essen legte Althea kurz die Hand über die Augen und schüttelte leicht den Kopf, als versuche sie einen Schwindel zu vertreiben. "Wir haben jetzt alle Gegenden des Sumpfes durchsucht", sagte sie schließlich müde. "Und noch immer keine Spur von Agdan Dragenfels."
Schweigen.
Wenn Agdan irgendwo im Heckengestrüpp oder zwischen den Findlingen lag, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie ihn längst übersehen hatten. Das dachten sie alle. Aber niemand sprach es aus. "Wenn er lebendig und tot zugleich ist", murmelte Hurdin schließlich, "dann hat der Sumpf ihn vielleicht genommen... und wieder ausgespuckt." Er blickte auf ein kleine Salamanderwesen hinab, das inzwischen zusammengerollt auf seinem Bein eingeschlafen war. "Vielleicht haben wir ihn auch längst erneut zu Boron geschickt."
Unbehagliche Blicke.
Dann richtete Althea sich langsam wieder auf. "Es gibt noch eine Möglichkeit." Die Zwerge sahen sie an. "Der Fluss." Die Gesichter wurden sofort verdrießlich. "Wir kommen nicht überall an die Ufer", brummte Keldi. "Und wer weiß, was sich hinter den Hecken dort verbirgt..." "Unsere Gastgeber werden auch nicht begeistert sein, wenn wir ihre wenigen Bäume für ein Floß fällen", setzte er hinzu. Althea legte leicht den Kopf schief. "Also ohne Floß." Die Zwerge schauten noch verdrießlicher.
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Zwerge am Svellt #29
Ein weiterer früher Morgen... Sie überquerten eine seichte Bucht des Flüsschens seitlich des Dorfes und erforschten eine grüne Lichtung, die beinahe idyllisch hätte wirken können, hätte der von dichtem Grün überwachsene Boden nicht immer wieder mit leisem Gluckern nachgegeben... Dann ging es erneut hinüber in die Sandigen Hecken.
Sie folgten beinahe vertrauten Pfaden hinunter zum Wasserlauf, spähten zwischen Gestrüpp und Schilf hindurch, prüften den Boden mit ihren Waffenstielen, doch weder links noch rechts des Flusses war etwas Auffälliges zu erkennen. Als sie schließlich den Abfluss des kleinen Sees erreichten, blickte Keldi mit düsterer Miene auf die stille Wasserfläche hinaus.
"Wir müssen ja wohl nicht dort hinaus?" "Nein", antwortete Althea und blickte zurück in das Dickicht hinter ihnen, "aber dort drüben gab es kein Durchkommen. Wir sollten dem Flusslauf folgen und sehen, ob man vom Wasser aus näher herankommt." Hurdin blickte missmutig ins Wasser. "Vielleicht wechseln wir uns ab", setzte Althea an. "Lassen die schwere Ausrüstung hier und kommen zurück." Ein Angebot zur Milde.
So waren schließlich sie und Tondar es, die sich erst watend, dann halb schwimmend am Ufer entlangarbeiteten. Das Wasser zog stärker, als es zunächst gewirkt hatte, und mehr als einmal verlor einer von beiden kurz den Halt. Doch tatsächlich waren die Hecken vom Wasser aus weniger dicht. Hie und da konnte man sich sogar auf sandigen Grund ziehen. Sie wrangen notdürftig ihre Kleidung aus und drangen vorsichtig tiefer in das Dickicht ein.
"Achtung", flüsterte Tondar plötzlich. Sie spähten um eine Biegung - und blickten in etwas, das wie ein großes Nest wirkte. Zweige, Ranken und Schilf bildeten eine Art improvisiertes Lager. Davor lag zusammengerollt eine Sumpfrantze. Sie schlief. Der Atem ging rasselnd und schwer. Althea und Tondar blickten sich an. Langsam zog Tondar die kleine Handaxt aus dem Gürtel. "Halt", sagte Althea leise. Sie standen inzwischen dicht über der Kreatur. Tondar folgte ihrem Blick. An der rechten Klaue der Sumpfrantze funkelte etwas im Halbdunkel des Dickichts. Ein goldener Ring.
Die Rantze wirkte mitgenommen. Das Fell war verfilzt und stumpf, die Glieder schienen eingefallen, beinahe ausgemergelt. Langsam öffnete Althea die Hand in Richtung Tondar. Einen Moment verstand er nicht, dann begriff er und zog wortlos das Netz hervor, das sie im verlassenen Torfstecherweiler mitgenommen hatten. Sie mussten sich kaum anstrengen. Die Rantze erwachte nicht einmal, als sie sie einschürten.
Der Rückweg gestaltete sich schwieriger. Mit vereinten Kräften schafften sie das Bündel zurück zum Wasser, doch auf dem Weg gegen die Strömung verlor Tondar beinahe erneut den Halt. Für einen kurzen Augenblick verschwand er halb unter Wasser. Mit einem erschöpften Aufschrei stemmte Althea sich gegen die Strömung, gegen den schweren Körper der Sumpfrantze, packte Tondar am Kragen und hielt ihn fest, bis sie gemeinsam das flache Ufer erreichten.
Keldi und Hurdin zogen sie schließlich aus dem Wasser und blickten verdutzt auf das eingeschnürte Bündel, während Althea und Tondar erst einmal nach Luft schnappten. Eine genauere Untersuchung bestätigte schließlich, dass das Untier - 'Untier?' - tatsächlich den beschriebenen Drachenkopfring an der Klaue trug. Als sie sich wieder gesammelt hatten, hob Hurdin die zusätzliche Last wie selbstverständlich auf die Schulter. Dann ging es wieder zurück.
Durch die Hecken.
Durch Dornen.
Durch Sand.
Hoffentlich zum letzten Mal.
Als sie schließlich mit ihrer Last durch die Furt nach Ansvell stolperten, hoben sich überall Echsenköpfe.
Mehr und mehr Dorfbewohner sammelten sich, als die Gruppe den großen Dorfplatz erreichte und erschöpft im Schatten eines Baumes niedersank. Zischelnde Stimmen wurden laut. Einige Echsenmännchen traten mit Dreizacken näher. Schließlich erschien der Dorfvorsteher, dessen dunkelgrüne Färbung diesmal fast sorgenvoll wirkte.
"Wasss issst diesss...?" Althea erklärte mit ausladender Gestik, so gut sie konnte. Der Dorfvorsteher blickte lange auf die gefesselte Kreatur hinab. "Diesss issst euer... Gefährte...?" "Ja und...", Althea kratzte sich müde am Kopf, "...vielleicht." Die Anspannung ließ langsam nach.
Es gab noch einmal einen kleinen Aufruhr, als Tondar das Netz durchschnitt und die Sumpfrantze vorsichtig gegen den Baum lehnte, doch Hurdins beruhigendes Brummen - die Hand dabei ruhig auf dem Axtblatt - sorgte schnell wieder für Ruhe. Althea untersuchte die Kreatur genauer. Nass. Kalt. 'Eigentlich ein gutes Zeichen?' Das Fell war verfilzt, der Atem rasselte ungesund. Aber was wusste sie schon über Sumpfrantzen?
Einige der Salamanderjungen wurden mutiger und spähten neugierig hinter Hurdins Beinen hervor auf das Wesen. Keldi versuchte sich währenddessen an einer wortlosen Unterhaltung mit dem Dorfältesten, gab am Ende jedoch nur mit einem Schulterheben auf. Echsenweibchen brachten frischen Fisch. Althea saß inzwischen über den Aufzeichnungen aus dem Torfstecherweiler und den Dokumenten des Magiers, runzelte die Stirn und strich immer wieder einzelne Zeilen glatt. Hurdin stand stoisch Wache. Keldi und Tondar hatten es sich derweil etwas abseits bequem gemacht und blickten nur gelegentlich hinüber.
Dann sprang Althea plötzlich auf. "Das war es!" Die anderen schreckten hoch. Die Sonne war inzwischen bereits weit über den Himmel gewandert. "Heidekraut", erklärte sie und hielt ein Dokument hoch, als würde dies alles erklären. Die Zwerge blickten weiterhin fragend. Althea schnippte mit den Fingern. "Tondar! Jenseits der Furt, rechts von den Hecken - dort standen diese Heidesträucher! Ich hätte sofort darauf kommen müssen!" Die Zwerge schauten noch immer fragend.
"Bring uns so viel davon, wie du tragen kannst."
Tondar betrachtete sie einen Moment, erhob sich dann aber wortlos und verschwand Richtung Fluss. Althea breitete währenddessen mehrere Dokumente neben der Sumpfrantze aus. "Das ist keine echte Magie", erklärte sie Keldi, der inzwischen nähergetreten war. "Mehr... ein Naturzauber. Eine Verbundenheit dieses Ortes." Keldi nickte vorsichtig, als verstehe er zumindest die Hälfte davon.
Nach einiger Zeit kehrte Tondar zurück, beide Arme voller Heidekraut, gefolgt von einer Reihe neugieriger halbwüchsiger Echsenwesen. Althea deutete auf die andere Seite der Sumpfrantze. Tondar ließ das Heidekraut fallen. Dann wurde es still.
Die Zwerge umstanden Althea.
Die Echsenmenschen umstanden die Zwerge.
Althea fuhr mit den Fingern eine Zeile auf dem Pergament entlang. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Dann griff sie nach einem einzelnen Heidekrautbüschel, berührte damit die Brust der Sumpfrantze und sprach einige seltsam klingende Worte.
Nichts.
Sie warf das Heidekraut zur Seite.
Nahm das nächste.
Wieder nichts.
Noch einmal.
Diesmal kam Bewegung in die Kreatur. Langsam, mühsam, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, richtete sich die Sumpfrantze auf.
Die Zwerge traten näher.
Die Echsenmenschen wichen zurück.
Ein Zittern durchlief den Körper. Dann begann ein schimmerndes Licht die Kreatur einzuhüllen. Der Körper begann sich langsam um sich selbst zu drehen. Althea hatte sich inzwischen aufgerichtet. Das Licht wurde heller. Dann erblasste es plötzlich wieder. Zum Vorschein kam der Körper eines jungen Mannes. Man sah ihm an, dass er einst kräftig gewesen war, auch wenn die Wangen inzwischen eingefallen waren und der Körper wirkte, als hätte ihn der Sumpf langsam ausgehöhlt.
Einen Moment stand er schwankend da. Dann brach er zusammen. Die Echsen stoben erschrocken auseinander.
Später hatten sie sich wieder zu ihrem gewohnten Lagerplatz zurückgezogen. Hurdin hatte den jungen Mann wie selbstverständlich auf die Arme genommen und hinübergetragen. Althea hüllte ihn in einen überzähligen Mantel, wobei ihr nicht entging, wie stattlich der Fremde trotz seines elenden Zustands noch immer wirkte. Und ohne Fell.
Die Dorfbewohner hatten sich inzwischen wieder beruhigt und blickten nur noch gelegentlich zu ihnen hinüber. Der junge Mann lag da wie tot. Schweißnasses Haar. Eingefallene Wangen. Und ein Bad hätte er ebenfalls dringend nötig. 'Wo ist Archon, wenn man ihn braucht...?'
Sie hielten abwechselnd Wache, bis schließlich einer nach dem anderen in unruhigen Schlaf fiel. Nur Althea lag lange wach. Gegen Mitternacht setzte sie sich schließlich auf, wühlte unter ihrem Umhang und zog eine der glitzernden Phiolen hervor, die sie einst bei Gerlanje erworben hatten. Zögernd setzte sie die Flasche an die Lippen des jungen Mannes.
'Es ist ein Heiltrank, Mädchen. Die einzige Art, wie du ihm damit weh tun könntest, wäre, ihm die Flasche über den Kopf zu schlagen.'
Der Trank zeigte Wirkung. Die spröden Lippen wurden wieder weich und rot. Neue Farbe kehrte langsam in das Gesicht zurück. Der Atem wurde tiefer. Ruhiger. "Na also...", murmelte Althea leise.
Der Rest der Nacht verlief ruhig.
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Zwerge am Svellt #30
Am nächsten Morgen, als Althea erwachte, waren die Zwerge bereits auf den Beinen. Auch Agdan. Er saß einen Schritt vom Feuer entfernt, notdürftig in Ersatzkleidung der Gruppe gehüllt. Der Mantel lag lose um seine Schultern, während die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen fielen und fahles Licht über den Dorfplatz Ansvells warfen. Für einen Moment wirkte er beinahe fehl am Platz zwischen den halbkugelförmigen Hütten, den zischelnden Echsenwesen und dem ewigen Feuchtgrün des Sumpfes.
Als er bemerkte, dass Althea wach war, nickte er ihr ruhig zu. "Es scheint, als verdanke ich Euch mein Leben." Sein Lächeln war schwach, aber aufrichtig. Dann ruhte sein Blick einen Augenblick länger auf ihr. Prüfend. Ruhig. Und mit etwas darin, das Althea unerwartet berührte - vielleicht gerade weil es nicht aufdringlich war. Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, wie kräftig sein Körper unter Fell und Schlamm gewesen war, als sie ihn aus dem Netz geschnitten hatten. Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. Nicht Zeit. Nicht Ort. Und außerdem führten solche Dinge nur zu Komplikationen. Khunchom flackerte kurz in ihren Erinnerungen auf wie Hitze über Wüstenstein. Sie schob den Gedanken endgültig beiseite.
Kurz darauf begann die Gruppe ihre Ausrüstung zusammenzupacken. Hurdin durchsuchte wortlos einige Bündel und zog schließlich ein Paar Stiefel hervor, die Agdan mit etwas Mühe angepasst wurden. Währenddessen brachten einige Echsenweibchen frischen Fisch, begleitet von aufgeregtem Zischeln der kleineren Salamanderwesen, die sich neugierig um die Gruppe drängten. Dann verabschiedeten sie sich von Ansvell. Der Dorfvorsteher hob würdevoll den Dreizack, während die Bewohner ihnen lange nachblickten, als die Gefährten erneut die Bohlenwege des Sumpfes betraten. Hoffentlich zum letzten Mal.
Doch der Sumpf ließ sie noch nicht gehen. Wieder knarrten die Bohlen unter ihren Stiefeln. Wieder zog sich graugrünes Moor bis an den Horizont. Wieder verschwammen Stunden zwischen Sonne, Schilf und fauligem Wasser. Selbst mit Agdan in ihrer Mitte wirkte es manchmal, als bewege sich der Sumpf absichtlich gegen jede Richtung. Am späten Nachmittag tauchten schließlich die ersten Schilfflächen Richtung Neulowangen auf. Doch die letzte Strecke der Bohlenwege war verschwunden. Dort, wo der Steg noch vor Tagen verlaufen war, gähnte nun nur noch schwarzes Wasser zwischen herausragenden Pfählen. "Vor zehn Tagen ging es hier noch entlang", brummte Keldi missmutig. Die Sonne sank bereits, also wandten sie sich nach Osten, dem Flusslauf entgegen. Sie rasteten in Sichtweite des verlassenen Torfstecherweilers, diesmal jedoch in respektvollem Abstand. Niemand verspürte den Wunsch, sich den verfallenen Hütten noch einmal zu nähern.
Noch im Morgengrauen brachen sie wieder auf. Zunächst folgten sie einem Zufluss im Süden, blieben dort jedoch im Schilf stecken. Also zurück. Wieder nach Norden. Wieder Bohlenwege. Wieder Morast unter den Füßen. Bis plötzlich erneut der kleine See vor ihnen lag. Irgendwo dort draußen erhob sich noch immer die Insel des Magiers aus dem Wasser. Sie folgten einer alten Bohlenstrecke durch dichtes Schilf und erreichten schließlich den Zufluss aus Osten - den Finsteren Svellt, der sich irgendwo hinter ihnen im Sumpf mit dem Lowanger Svellt zum großen Svellt vereinte.
Und dann: Fester Boden. Wirklich fester Boden.
Nach zehn Tagen im Sumpf standen sie wieder auf Erde, die nicht nachgab, nicht gluckste und nicht versuchte, sie langsam zu verschlingen. Vor ihnen verlief am östlichen Ufer des Finsteren Svellt ein schmaler Pfad nach Süden, hin zur Straße zwischen Gashok und Lowangen. Mit neuer Kraft setzten sie den Weg fort.
Der Wind strich kühl vom Wasser her über die Niederung und ließ das hohe Gras in langen, dunklen Wellen zittern. Jenseits des Finsteren Svellt lag nur Schwärze. Der breite Fluss zog träge dahin, schwarz wie geschmolzenes Eisen unter dem schmalen Mondlicht. Weiter östlich zeichnete sich der Rand eines Waldes gegen den Nachthimmel ab - eine dunkle, geschlossene Linie, ruhig und fern nach all den Tagen aus Moor, Schilf und verkrüppelten Hecken.
Zwischen einigen flachen Steinen brannte ein kleines Feuer. Nicht groß. Aber trocken. Allein das machte den Unterschied.
Hurdin saß dicht daneben und hielt die Hände in die Wärme, während Keldi schweigend einen Wasserschlauch verschloss. Die Luft roch nach Flusswasser, kalter Erde und Rauch - echter Rauch, nicht jener schwere Moorgeruch, der sich in Kleidung und Gedanken festgesetzt hatte. Althea kniete am Rand des kleinen Rinnsals und ließ noch einmal Wasser über ihre Hände laufen. Klar. Kühl. Kein fauliger Geschmack. Kein dunkles Gluckern unter Bohlen. Nur Wasser. Sie schloss kurz die Augen.
Hinter ihr erklangen Schritte im Gras. Tondar trat aus der Dunkelheit, das Wild über der Schulter. Der Jäger wirkte erschöpft, aber auf eine andere Art als noch im Sumpf. Mehr wie jemand, der wieder Boden unter den Füßen spürte. "Kein Sumpfrantz", stellte Keldi trocken fest, ohne aufzublicken. Tondar schnaubte kaum merklich und ließ das Wild neben dem Feuer ins Gras sinken. "Und kein Zombie." Hurdin hob langsam den Kopf. "Gutes Land." Das war vielleicht der größte Unterschied. Das hier war wieder Land. Keine endlosen Bohlenwege. Keine fauligen Wasserlöcher. Keine verfluchten Pfade zwischen Findlingen. Der Himmel stand wieder offen über ihnen.
Agdan saß etwas abseits auf einem flachen Stein nahe des Wassers. Der Mantel lag schwer um seine Schultern, das goldene Licht des Feuers erreichte ihn kaum. Dennoch wirkte er weniger wie ein Sterbender als noch vor zwei Tagen. Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. Die eingefallenen Züge hatten wieder etwas Festes bekommen. Er beobachtete schweigend den Fluss. Althea trat zurück ans Feuer und blickte für einen Moment einfach hinaus in die Dunkelheit, dorthin, wo der Finstere Svellt zwischen den Ufern verschwand. "So fühlt sich also die Welt an...", murmelte sie leise. Keldi blickte kurz zu ihr hinüber. "Welche Welt?" Althea zog den Umhang enger um die Schultern. "Die, die nicht versucht, einen zu verschlucken."
Das Feuer knackte leise zwischen den Steinen. Fett tropfte aus dem Wildbret in die Glut und ließ kleine Funken aufstieben, die kurz in der Dunkelheit tanzten und dann verschwanden. Über ihnen spannte sich ein klarer Himmel, tief und weit, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte die Nacht nicht wie etwas, das auf sie lauerte. Nur wie Nacht. Tondar arbeitete schweigend mit dem Messer, sauber und routiniert. Hurdin hielt bereits einen flachen Ast über die Glut, auf dem erste Fleischstücke brieten. Der Geruch allein hob die Stimmung merklich. Selbst Keldi entspannte sich ein wenig, auch wenn sein Blick weiterhin gelegentlich automatisch zum dunklen Waldrand glitt. Althea saß inzwischen mit angezogenen Beinen am Feuer. Die Wärme kroch langsam durch ihre Kleidung. Ihre Haare waren noch feucht vom Waschen am Rinnsal, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht mehr wie eine Gestalt aus dem Moor.
Agdan hatte sich irgendwann näher ans Feuer gesetzt. Nicht direkt dazu - eher an den Rand des Kreises. Wie jemand, der noch nicht ganz sicher war, ob er überhaupt wieder zu den Lebenden gehörte. Hurdin reichte ihm wortlos ein Stück Fleisch. Agdan nahm es mit einem kurzen Nicken entgegen. "Mein Dank." Seine Stimme war noch rau. Eine Weile aßen sie schweigend. Man hörte nur das Knacken des Feuers, das leise Strömen des Wassers und gelegentlich das ferne Rufen irgendeines Nachtvogels vom Fluss her. Dann blickte Agdan plötzlich über die Flammen hinweg zu Althea. "Ich erinnere mich an Teile davon", sagte er langsam. "Nicht alles." Niemand unterbrach ihn. "Anfangs wusste ich noch, wer ich war." Er betrachtete einen Moment das Fleischstück in seiner Hand. "Später… wurde es schwieriger." Der Wind fuhr leise durch das Gras der Niederung. "Man beginnt zu vergessen, warum man weitergeht." Ein schwaches, beinahe bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. "Und irgendwann geht man trotzdem weiter." Althea sah ihn lange schweigend an. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen, und für einen kurzen Moment wirkte er tatsächlich wie einer jener Männer aus alten nordischen Liedern - nicht strahlend oder unbesiegbar, sondern getragen von etwas Schwererem als Stolz. Keldi schob einen Ast tiefer in die Glut. "Nun", sagte er schließlich ruhig, "jetzt gehst du erstmal mit uns weiter."
Und irgendwo draußen im Dunkel zog der Finstere Svellt unbeirrt nach Westen.
In den folgenden Tagen entspann sich langsam mehr Gespräch zwischen Agdan und der Gruppe. Nicht viel. Der Thorwaler sprach selten von sich aus, doch man merkte schnell, dass unter seiner ruhigen Zurückhaltung etwas Festes lag. Er half selbstverständlich mit, wo es nötig war, übernahm Lasten, sammelte Feuerholz, stand schweigend Wache oder half Hurdin beim Herrichten des Lagers, ohne je daraus Aufhebens zu machen. Je länger sie mit ihm unterwegs waren, desto deutlicher wurde: Dies war nicht bloß irgendein verschollener Freund der Grauen Stäbe. Agdan Dragenfeld war ein Mann, den der Orden aus gutem Grund ausgesandt hatte.
Sie erreichten schließlich wieder die Straße zwischen Gashok und Lowangen - und die Fähre über den Finsteren Svellt. Diesmal war der Fährmann anwesend. Er musterte die Gruppe lange, sagte jedoch nichts weiter, als er sie schweigend ans andere Ufer setzte. Die Sonne zeigte sich in den folgenden Tagen immer wieder zwischen langen Wolkenstreifen, bis sie am dritten Tag erneut unbarmherzig auf sie herabbrannte. "Es scheint immer so zu sein, wenn wir uns einem Praiostempel nähern...", murmelte Althea trocken. Und tatsächlich erreichten sie zur Mittagsstunde wieder Neulowangen. Die goldene Kuppel des Tempels glänzte grell im Sonnenlicht.
Der Wirt der Herberge Sonne empfing sie sichtbar erleichtert. Nicht alle, die in die Sümpfe gingen, kehrten zurück. Sie wurden verköstigt, badeten und ruhten sich aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit trugen sie wieder ihre vollständige Ausrüstung. Kettenhemdringe klirrten vertraut. Lederzeug wurde geprüft, Waffen gereinigt und neu gegürtet.
Gegen Abend saß Althea lange schweigend im Obergeschoss der Herberge. Vor ihr lagen Artherions Waffen. Der glatte Bogen. Und das prachtvolle Schwert mit der goldenen Klinge. Das Licht der sinkenden Sonne lief warm über das Metall. Schließlich nahm sie den Schwertgürtel an sich und trat hinaus auf die kleine Terrasse hinter dem Haus. Agdan stand dort allein am Geländer und blickte hinaus auf die letzten Lichtstreifen über den Dächern Neulowangens. Althea trat neben ihn. Dann zog sie die Klinge ein Stück aus der Scheide. Golden glitt das Licht der Abendsonne über das Schwert. Agdans Blick blieb einen langen Moment darauf ruhen. "Ihr habt mehr Nutzen dafür als wir, mein Herr", sagte Althea ruhig. Sie sprachen noch eine Weile miteinander. Vertraut. Ruhig. Doch Althea blieb auf jene vorsichtige Art distanziert, die weniger mit Ablehnung zu tun hatte als mit Erfahrung.
Am nächsten Morgen übernahm sie wieder die Führung. Sie folgten zunächst der Straße Richtung Lowangen, bis Althea sie schließlich über eine Böschung hinweg auf einen schmalen Wirtschaftsweg führte, der im nahen Wald südlich der Straße verschwand. Unter dichtem Blätterdach ging es weiter dahin. Es war bereits später Nachmittag, als rechts oberhalb des Weges die Ruine auftauchte. Svelltstein. Sie stiegen zwischen überwucherten Mauern empor und betraten schließlich den alten Tunnel, der im ehemaligen Hauptturm ins Dunkel führte. Tief unter der Erde erreichten sie erneut die schwere Tür. Der altertümliche Schlüssel passte noch immer. Mit dumpfem Knarren öffnete sich das alte Schloss.
Und eine Weile später traten sie aus den Kellern der Fluchtburg im Norden Lowangens wieder hinauf ins Licht der Ordensburg der Grauen Stäbe.
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Zwerge am Svellt #31
Sie wurden von zwei ernst dreinschauenden Akolythen in Empfang genommen, die mit aufgestellten Stäben Wache standen. Das schwere Tor der Fluchtburg schloss sich hinter ihnen mit dumpfem Nachhall. Für einen Moment blieb die Gruppe einfach stehen und blickte in den dämmrigen Innenhof, in dem Männer und Frauen schweigend ihren Aufgaben nachgingen. Nach all den Tagen im Sumpf wirkte selbst diese nüchterne Ordnung beinahe unwirklich.
Dann trat Meister Eolan aus einem Torbogen hervor. Der Weißhaarige musterte zunächst Althea, dann die Zwerge und schließlich Agdan Dragenfeld. Erst jetzt schien sich etwas von der Anspannung in seinen Zügen zu lösen. Er trat auf den Thorwaler zu und legte ihm beide Hände auf die Schultern. "Willkommen zurück." Agdan nickte nur leicht. Meister Eolans Blick glitt weiter zur Gruppe. Kurz verweilte er auf den schlammverkrusteten Mänteln, den angeschlagenen Waffen und den müden Gesichtern. "Ihr habt getan, worum man euch bat." Seine Stimme blieb ruhig wie immer. "Der Schlüssel bleibt bei euch. Und eure Gefährten sind frei zu gehen."
Furka würde vermutlich enttäuscht sein.
Sie wurden schließlich über schmale Treppen hinunter in die Küchengewölbe der Ordensburg geführt. Dort herrschte überraschend viel Leben. Zwischen dampfenden Kesseln, Mehlsäcken und langen Tischen arbeiteten Köche und Gesinde in jener stillen Geschäftigkeit, die über ganz Lowangen zu liegen schien. In einer Ecke jedoch wurde gelacht. Oder zumindest das, was Furka unter Lachen verstand. Der Zwerg saß mitten zwischen mehreren Küchenknechten an einem schweren Eichentisch, ein Bierkrug in der einen Hand und ein Blatt Inrahkarten in der anderen. Gerade schob ihm ein fluchender Koch widerwillig eine dampfende Fleischpastete zu. Furka nahm einen tiefen Zug aus dem Krug, deckte die letzte Karte auf und blickte dann auf.
"Althea!"
Er sprang so abrupt auf, dass beinahe der halbe Tisch wackelte. Erst breitete sich ein fast kindliches Grinsen über sein Gesicht aus, dann huschte für einen kurzen Augenblick etwas wie Schuld darüber hinweg. Im nächsten Moment schloss er Althea bereits fest in die Arme. "Ihr seid wieder da!" "Ja, wir sind wieder da..." Althea verzog leicht das Gesicht, als Furka sie beinahe zerdrückte. "...Es scheint euch nicht schlecht gegangen zu sein." "Och..." Furka ließ sie wieder los und griff nach seinem Bierkrug. "...wenn man weiß, wie man sich zu benehmen hat..." Keldi schnaubte nur trocken.
Währenddessen war Tondar bereits wortlos weitergegangen. Er klopfte kurz gegen eine schwere Eichentür im oberen Stockwerk, öffnete sie dann vorsichtig und blickte in ein kleines Zimmer, in dem ein beinahe behagliches Feuer flackerte. Archon saß in einem hochlehnigen Stuhl und blickte von einem aufgeschlagenen Buch auf. "Ihr seid wieder da..." Mehr sagte er nicht.
Später saßen sie noch lange zusammen bei einem Mahl, das für Lowanger Verhältnisse beinahe opulent wirkte, für jene jedoch, die gerade aus den Sümpfen gekommen waren, eher bescheiden ausfiel. Dennoch gab es warmes Brot, Fleisch, dünnes Bier und sogar etwas Gemüse.
Und vor allem:
keinen Morast.
Sie erzählten.
Vom Sumpf.
Von Moorleichen.
Von Bohlenwegen.
Von Ansvell.
Von Echsenmenschen.
Von Schlingern.
Von Feuerelementaren und dem Turm des Magiers.
Von der Hexe.
Furka hatte sich bereits nach kurzer Zeit gelangweilt und begann stattdessen die Gesindequartiere der Ordensburg unsicher zu machen. Immer wieder tauchte er kurz irgendwo auf, schnappte sich etwas Essbares oder einen Bierkrug und verschwand dann wieder. Archon dagegen hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich eine präzise Frage und schien sich besonders für die Pflanzen und seltsamen Naturphänomene des Sumpfes zu interessieren. Die zwei Wochen in der Bibliothek der Grauen Stäbe hatten ihm sichtbar gut getan.
Es war bereits spät in der Nacht, als Furka und Archon schließlich ihre Ausrüstung wieder aufnahmen. Furka begutachtete mit wachsender Begeisterung die Waffen der Gruppe, während Hurdin schweigend seine Ersatzwaffe zurückforderte. Archon hingegen kniete bereits neben der prall gefüllten Kräutertasche aus dem Sumpf und sortierte vorsichtig einzelne Pflanzenbündel.
Dann legten sie sich endlich zur Ruhe. Agdan Dragenfeld sahen sie nicht wieder. Doch erlaubte man ihnen noch, diese eine Nacht in der Ordensburg zu verbringen.
Am nächsten Morgen überquerten sie im Licht der frühen Sonne den mit Mauern bewehrten Übergang hinüber in die Stadt und standen schließlich auf dem kleinen Platz im Nordosten der Bunten Flucht. Keldi blickte sich um. 'Eigentlich gar nicht so schlimm wie gedacht', dachte er. Doch auf den zweiten Blick lag über allem dieser feine Schmutz. Nicht nur auf dem Pflaster, sondern auf den Menschen selbst. Die Elfen und Bürger, denen sie begegneten, wirkten geschniegelt, höflich und beherrscht — und gleichzeitig seltsam farblos. Als würde die Belagerung ihnen langsam jede Kraft entziehen, während sie verzweifelt versuchten, Haltung zu bewahren.
Die Gruppe selbst bewegte sich anders als noch vor zwei Wochen. Vor allem die drei Neuankömmlinge. Keldi, Hurdin und Tondar schritten mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit durch die Straßen, die Menschen instinktiv Platz machen ließ. Köpfe wurden zusammengesteckt. Tuscheln folgte ihnen. Eine menschliche Magierin mit fünf schwer gerüsteten Zwergen zog Aufmerksamkeit auf sich.
Sie hielten kurz am Tsa-Tempel. Althea legte schweigend einen Geldbeutel am Altar nieder und verharrte einen Moment in stiller Andacht. Danach wandten sie sich zur Regenbogenbrücke. Als sie jedoch durch den Mauerdurchgang nach Altlowangen traten, schien es beinahe, als hätten sie erneut eine andere Welt betreten.
Der Brunnen hinter dem Magistratsgebäude war von Flüchtlingen umlagert. Menschen lagen noch in Hauseingängen und an den Rändern der Gassen zusammengerollt auf dem Pflaster. Kinder schliefen zwischen Bündeln und Karrenrädern. Ein paar müde Augen folgten der Gruppe. Dann begann wieder dieses Tuscheln. Keldi, Hurdin und Tondar bewegten sich augenblicklich anders. Aufmerksamer. Angespannter. Sie blickten in Gassen, über Dächer und zu Hauseingängen, während sie die Straße überquerten wie ein Schlachtfeld.
Hurdins Stirn legte sich in tiefe Falten, als er ganze Familien sah, die erschöpft und ausgezehrt zwischen Mauern kauerten. "Zu Dragan Escht geht es über den großen Marktplatz und dann in die westlichste Ecke der Altstadt..." wiederholte Althea leise, was sie bereits am Morgen besprochen hatten. "Nach allem, was er uns erzählt hat, wird er uns eine Unterkunft in dieser Stadt besorgen können... wenn wir bereit sind, den Preis dafür zu zahlen..." Sie schritt um eine Gruppe Bettler herum, als sie in die Straße zum Magistrat einbogen.
Doch sie hatten kaum den kleinen Platz am Brunnen überquert, als plötzlich eine Gruppe schrecklich zerlumpter Flüchtlinge auf sie zustürzte. Hände wurden erhoben. Stimmen flehten durcheinander. Hurdin hielt sofort inne. Wortlos setzte er seinen Packen ab und begann, Wegebrot und Wildbret zu verteilen. Die Menge drängte näher. Furka schob sich augenblicklich zwischen einen Mann und Althea. "Heda!" Keldi drängelte sich voran, während Tondar bereits die Umgebung absuchte. Irgendwo begann ein kleines Handgemenge aus Knuffen, Geschubse und erhobenen Stimmen. Eine Weile dauerte es, bis die Gruppe sich schließlich wieder aus der Menge lösen und in eine Seitengasse entkommen konnte. Erst als sie den großen Marktplatz erreichten, atmeten sie auf.
"Das ist ja schrecklich..." murmelte Keldi. Tondar blickte noch einmal zurück, doch niemand war ihnen gefolgt. Hurdins Miene blieb düster. Der weite Platz lag offen vor ihnen. Rechts erhoben sich die prächtigen Gebäude des Hesindetempels und der Akademie, doch diesmal nahmen sie deren Schönheit kaum wahr. Überall saßen Flüchtlinge auf dem Pflaster. Einzelne Gestalten. Kleine Gruppen. Menschen, die warteten, ohne noch zu wissen worauf. "Da muss man was machen, kommt..." sagte Keldi schließlich, als das etwas geordnetere Lager vor dem Travia-Tempel in Sicht kam. Hurdin nickte sofort. Sie bahnten sich einen Weg zwischen den Menschen hindurch. Althea winkte einen Geweihten heran, der gerade mit einem Wassereimer seine Runde machte. Flüchtlinge blickten mit großen Augen auf, als Hurdin erneut seinen Packen öffnete und Proviant verteilte. Der Geweihte rief Helfer herbei.
Noch als die Gruppe sich wieder Richtung Svelltscheid wandte, erklang hinter ihnen der Segen Travias.
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24.05.2026, 07:38
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 25.05.2026, 12:04 von Althea.)
Zwerge am Svellt #32
Althea klopfte mit der Spitze ihres Stabes gegen die Tür des Hauses von Dragan Escht. Einen Moment geschah nichts. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein einzelnes Auge musterte die Gruppe aufmerksam. Kurz darauf erschien Dragan selbst im Türrahmen und ließ den Blick langsam über die schwer gerüsteten Zwerge, die verschlissenen Elfenmäntel und schließlich zu Althea wandern.
"Eine Horde schwer gerüsteter Zwerge und eine Magierin mit tödlichem Augenaufschlag stehen vor meiner Tür..." Seine Lippen verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. "...Wollen die zu mir?"
Er hielt sich dabei auffällig so, dass er die Tür jederzeit hätte zuschlagen können.
Althea spazierte einfach an ihm vorbei.
"Geschäfte." Sie blickte über die Schulter zurück. "Kommt ihr?"
Dragan hob leicht die Brauen.
"Wie kann ich der Heldin von Thorwal einen Wunsch abschlagen..."
Er deutete eine kleine Verbeugung an und komplimentierte die Zwerge hinein, bevor er noch einmal prüfend die Straße hinunterblickte und die Tür hinter ihnen schloss.
Das Gespräch verlief anders als noch bei ihrer ersten Begegnung. Nicht freundlich. Nicht vertraut. Aber auf Augenhöhe. Althea schilderte knapp ihre Lage. Dass sie eine sichere Unterkunft in Lowangen benötigten. Dass sie sich frei in der Stadt bewegen mussten. Dass sie nicht vorhatten, die nächsten Wochen in irgendeinem Flüchtlingslager zu schlafen. Dragan hörte schweigend zu, die Fingerspitzen gegeneinandergelegt. Dann stellte er seine Bedingungen. Eine Brosche.
Selbstverständlich seine Brosche. Und selbstverständlich befand sie sich am anderen Ende der Stadt in einem verschlossenen Schauhaus in der Bunten Flucht.
Althea sah ihn einen langen Moment an. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Also gut." Dragan lächelte nur leicht. "Ich hatte gehofft, dass ihr vernünftige Leute seid."
"DAS wird einfach..." verkündete Furka wenig später mit breiter Brust, als sie das Haus wieder verließen. "Seltsame Bekanntschaften machen wir..." murmelte Archon leise am Ende der Gruppe. Keldi, Hurdin und Tondar zuckten nur mit den Schultern.
Sie machten sich wieder auf den Weg durch die engeren und leereren Gassen Svelltscheids, über den großen Marktplatz, vorbei an Magistrat und Markthalle und schließlich erneut über die Regenbogenbrücke zurück in die Bunte Flucht. Tondar ließ dabei keinen einzigen Gasseneingang unbeobachtet. Am Tsa-Tempel hielten sie kurz inne. Sie blickten die Straßen entlang. Nach links. Nach rechts. "Ich glaube dort..." sagte Archon schließlich und deutete auf ein höheres Gebäude einige Straßenzüge weiter. Das Schauhaus wirkte verlassen. Althea drückte die Klinke herunter. Nichts. Archon deutete wortlos auf ein kleines Schild hinter einer Fensterscheibe. 'Schauhaus bis auf weiteres geschlossen.' "Und nu?" fragte Furka. Die Gruppe sah sich an. "Naja..." meinte Althea schließlich trocken. "...ob wir jetzt stehlen oder einbrechen und stehlen, macht auch keinen Unterschied mehr."
Sie blickte den kleinen Platz entlang. "Vielleicht warten wir besser bis zur Dunkelheit." Also beobachteten sie zunächst die Umgebung. Sie prägten sich Wege ein, mögliche Fluchtrouten, Nebengassen und Hauseingänge. Danach zogen sie erneut durch die Bunte Flucht. Althea holte beim Tsa Tempel Erkundigungen ein. Sie besuchten Herbergen, schauten sich das Angebot des elfischen Kräuterhändlers nahe der Regenbogenbrücke an und wanderten scheinbar ziellos durch die Straßen. Doch überall hörten sie dieselben Gespräche.
Die Stadt ist belagert.
Niemand kommt hinaus.
Das Svellttal gehört den Orken.
Gegen Nachmittag kehrten sie nahe der Grenze zwischen Bunter Flucht und Neueydal im Svelltjepalast ein. "Den verdünnten Wein hier muss man einmal erlebt haben..." knurrte Furka und verzog angewidert das Gesicht nach dem ersten Schluck. Weitere Informationen erhielten sie jedoch auch dort nicht. Nur dieselbe Warnung wie überall: Man solle nicht in die Svelltsümpfe reisen. Ach ja.
Als die Sonne langsam tiefer sank, hielten sie sich betont unauffällig auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes vor dem Schauhaus auf. Furka tigerte ungeduldig auf und ab. Keldi, Hurdin und Tondar beobachteten schweigend die Zugänge des Platzes. Althea lehnte im Schatten an einer Wand und ließ den Blick immer wieder über Fenster, Dächer und Gassen gleiten. Dann wurde es dunkel.
Sie überquerten den Platz. Furka drängte sofort nach vorne, öffnete geschickt die seitlichen Fensterläden und schwang sich hinein. Einer nach dem anderen folgte ihm. Der Innenraum bestand aus einem einzigen großen Saal voller Staub, leerer Sockel und verblichener Stoffbahnen. Offenbar hatten hier einst Ausstellungsstücke gestanden. Sie begannen den Raum systematisch zu durchsuchen. Bis Keldi und Hurdin beinahe gleichzeitig gegen zwei Sockel stießen. Mit ohrenbetäubendem Krachen stürzten beide zu Boden. Die Gruppe erstarrte. Dann erklangen draußen Stimmen. Laternenlicht fiel durch die Fenster. Rüstungen klirrten. Und schließlich hallte eine Stimme durch die Nacht: "Wir wissen, dass ihr da drin seid! Kommt hinaus und stellt euch!" "Stadtgarde..." formten Furkas Lippen lautlos. "Fenster oder Tür?" flüsterte Keldi. Dann entschieden sie sich gleichzeitig.
Die Tür flog auf. Und sie liefen direkt in ein gutes Dutzend Gardisten hinein. Hurdin brach wie ein Rammbock durch die erste Reihe. Keldi und Furka wurden kurzzeitig festgehalten, während Althea und Tondar sich seitlich durch die Menge drängten. Das Ganze verwandelte sich augenblicklich in ein gewaltiges Handgemenge aus Flüchen, Schlägen, schrammenden Stiefeln und splitterndem Holz. Eine Zeitlang hielten die Gardisten tatsächlich dagegen. Dann löste sich die Gruppe plötzlich aus dem Gedränge und rannte. Um eine Ecke. Noch eine Ecke. Tondar entdeckte eine Tür an der Rückseite eines Gebäudes, riss sie auf und stürmte hindurch. Die anderen folgten sofort. Hurdin warf sich als letzter hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Dann drehten sie sich um. Und blickten in die Gesichter eines halben Dutzends ausnehmend attraktiver Damen.
Stille.
"Wer wird denn mit der Hintertür ins Haus fallen?" fragte schließlich eine große schwarzhaarige Frau, die sich als erste wieder fasste. Sie musterte die Gruppe aufmerksam. "Wir..." Althea rang noch nach Luft. "Aber das ist nicht, wofür ihr hier seid...", ergänzte die Schwarzhaarige. "Wir sind aus Versehen hier und wollten gerade wieder gehen..." setzte Althea erneut an. Draußen erklangen bereits wieder Stimmen und das Klirren von Waffen. Althea verstummte. Die Schwarzhaarige blickte erst zur Tür und dann wieder zur Gruppe, als ein schweres Pochen erschallte. "Also..." hauchte Althea und hob vorsichtig den Zeigefinger. Die Frau schob sie wortlos beiseite und öffnete die Tür. "Aber Herr Hauptmann..." schnurrte sie mit unschuldigem Lächeln. "...seid ihr nicht noch im Dienst?" Gedämpfte Stimmen. "Eine Gruppe Zwerge? Hier in der Bunten Flucht?" Sie lachte leise. "Nein, da müsst ihr sicher woanders suchen..." Kurzes Schweigen. "Wollt ihr nicht einen Moment verweilen?" Wenig später schloss sie die Tür wieder und stemmte die Hände in die Hüften. "So..." Ihr Blick glitt zu Furka, dessen Aufmerksamkeit inzwischen völlig woanders lag. "...wo ihr schon bleibt, ist das nicht umsonst." Ihre Lippen verzogen sich leicht. "Dafür ist der Wein hier nicht verdünnt." Sie verbrachten den Rest des Abends auf samtenen Sofas und bekamen ein Mahl serviert, wie sie es in Lowangen bislang noch nicht erlebt hatten.
Es war längst nach Mitternacht, als Althea schließlich einen schnarchenden Furka wachrüttelte. Eine leere Weinflasche fiel klirrend zu Boden. "Aufstehen." Furka murrte irgendetwas Unverständliches, ließ sich aber schließlich von ihr zur Hintertür zerren. Hurdin beobachtete das Ganze schweigend und schüttelte kaum merklich den Kopf. "Da gibt es EINMAL etwas Gutes..." brummte Furka beleidigt. Draußen war die Straße still. Sie spähten vorsichtig um die Ecke. Nichts. Dann schlichen sie erneut über den Platz. "Jetzt", hauchte Althea. Wieder stiegen sie durch dasselbe Fenster.
Das Erdgeschoss enthielt tatsächlich nichts von Wert. Also fanden sie schließlich eine schmale Treppe in einem Hinterzimmer und arbeiteten sich vorsichtig ins Obergeschoss vor. Dort durchsuchten sie mehrere Räume, bis sie schließlich einen Lagerraum voller Kisten und Kästen erreichten. Furka öffnete eine kleine Schatulle. Und grinste. In seiner Hand funkelte die Brosche. Dann machte er Anstalten sich sich weiter umzusehen.
"Könnten wir nicht einfach..." begann Furka.
"Nein."
Eine halbe Stunde später waren sie zurück bei den anderen und betrachteten gemeinsam das Schmuckstück im Schein einer einzelnen Lampe. Dann sank einer nach dem anderen in Schlaf. Am nächsten Morgen wurden sie früh und bestimmt hinauskomplimentiert. Furka gähnte noch immer, während Althea im Kopf bereits überschlug, wie schwer der Geldbeutel gewesen war, den sie am Vorabend zurückgelassen hatte.
Sie nahmen diesmal den Weg entlang des Svelltdurchflusses und mieden das Schauhaus weiträumig. Danach überquerten sie erneut die Regenbogenbrücke und wandten sich Richtung Altlowangen. Keldi, Hurdin und Tondar nahmen Althea dabei beinahe automatisch in die Mitte. Die Morgensonne lag breit über dem großen Marktplatz. Diesmal hatten sie die Ruhe, die umliegenden Gebäude genauer zu betrachten. Die hohen Bürgerhäuser. Die Akademie. Den Hesindetempel am Nordrand des Platzes. Darüber die Feste, die sich über die Stadt erhob.
Dann verschwanden sie erneut in den Gassen Svelltscheids. Und standen kurz darauf wieder vor Dragans Haus.
"Pünktlich..." bemerkte Dragan trocken. "Ich habe gehört, in der Bunten Flucht habe es letzte Nacht eine Art Aufruhr gegeben?"
"Weiß nicht, wovon ihr redet." Althea legte das in Stoff gewickelte Päckchen auf den Tisch. "...in der Bunten Flucht gibt es ja gar keine Zwerge."
Dragan packte die Brosche gar nicht erst aus. Er blickte sie nur lange an.
Dann nickte er langsam.
"Geht in den Fuchswinkel. Zu Brin Vaskendantz. Der hat immer Raum frei für besondere Gäste."
"Wir machen wirklich seltsame Bekanntschaften..." murmelte Archon später erneut, als sie sich durch die südliche Altstadt fragten. Schließlich fanden sie das Haus. Brin Vaskendantz wirkte auf Anhieb unsympathisch. Tatsächlich wollte er ihnen die Tür bereits wieder vor der Nase zuschlagen, bis Althea Dragans Namen erwähnte. Die Tür blieb einen Spalt offen. "Lass mal sehen..." Er schloss die Haustür hinter sich ab und führte sie durch einen schmalen Gang in einen kleinen Hinterhof. Dort deutete er auf eine hölzerne Außentreppe, die zu einem auskragenden Erker hinaufführte. "Dort." Er zog einen eisernen Schlüssel hervor. "Was anderes ist nicht frei." Dann drückte er Althea den Schlüssel in die Hand. "Immer abschließen."
Sie stiegen die knarrende Treppe hinauf und erreichten ein kleines Zimmer unter schiefem Fachwerk. Die Fensterscheiben waren blind vor Alter und Staub, doch der Raum war ausgefegt und trocken. Vielleicht gerade groß genug für einen Menschen und fünf Zwerge. Althea öffnete das Fenster und blickte prüfend hinunter in den Hof. "Nunja..." sagte sie schließlich leise.
"Willkommen in Lowangen."
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Zwerge am Svellt #33
Sie ließen den schweren Teil ihres Gepäcks im kleinen Zimmer über dem Hof zurück, verriegelten sorgfältig die Tür und machten sich wieder auf den Weg hinauf zum Marktplatz. Die Gassen der südlichen Altstadt waren enger als in Thorwal oder vielleicht Beilunk oder Festum, verwinkelt zwischen schiefen Fachwerkhäusern und düsteren Innenhöfen, und doch öffnete sich Lowangen immer wieder unvermittelt zu weiten Plätzen und prächtigen Fassaden.
So traten sie schließlich gegenüber dem großen Akademiegebäude heraus, dessen helle Mauern und hohen Fenster selbst in diesen bedrückten Tagen noch etwas Stolzes ausstrahlten. Dahinter erhob sich die Festung der Stadt über den Dächern Lowangens, wuchtig und grau. Furka drehte beim Vorübergehen den Kopf. "Die machen Elfenmagie da drin?" "Ja", erwiderte Althea beiläufig. "Verwandlungen... zum Beispiel in Adler, Wölfe... Hammerhaie..." Furka blinzelte. "Wozu das?" "...oder eben Heilzauber." "Aha."
Sie stiegen weiter hinauf bis zum Vorplatz der Festung, bestaunten die gewaltigen Mauern und Türme und wurden schließlich mit knappen Worten vom Fallgatter fortgeschickt. Auch am schwer befestigten Nordtor ließ man sie nur kurz verweilen. Jenseits der Brücke, so berichteten die Wachen, hielten die Orks die dortige Feste besetzt. Die Worte blieben ihnen länger im Gedächtnis als die Mauern selbst. Auf dem Rückweg machten sie Halt im Borontempel. Zwischen dunklem Stein, flackernden Kerzen und dem schweren Duft verbrannter Kräuter ließen sie einige Handvoll Münzen zurück - eingedenk der Hilfe Alara Hilmans und der Toten, denen sie in den Sümpfen begegnet waren.
Dann wanderten sie weiter durch die nördliche Altstadt, blickten bei einem bornländischen Händler hinein und stellten enttäuscht fest, dass die dortige Taverne erst nachmittags öffnen würde. Als sie schließlich wieder nach Süden zogen und den Fuchswinkel umrundeten, blieb Furka mitten auf der Straße stehen. "Warum heißt der Fuchswinkel eigentlich Fuchswinkel?" "Wahrscheinlich weil dort der Phex Tempel ist", meinte Althea und deutete die Straße hinunter.
Sie erreichten schließlich das Gardehaus an der Eydaler Brücke. Dort wurden sie sofort angerufen. Mehr als eine persönliche Waffe müsse abgegeben werden, erklärte die Offizierin knapp. Die Stadtwache brauche Bewaffnung. Außerdem hätten sie sich wegen ihrer auffälligen Proviantvorräte beim Magistrat zu melden. "Die Waffen bitte dort auf den Tisch legen..." Die Frau hatte sich kaum umgedreht, da war die Gruppe bereits verschwunden. Ein paar Gardisten nahmen noch die Verfolgung auf, doch die schwer bepackten Zwerge waren überraschend schnell zwischen den Gassen verschwunden. "Wir fallen auf wie ein Haufen Zwerge in Bunte Flucht", keuchte Althea schließlich, als sie außer Sichtweite hinter einer Ecke standen und vorsichtig zurück spähten. "Gastfreundliche Stadt...", murmelte Keldi.
Später nahmen sie im "Kleinen Fürst" einen verdünnten Wein zu sich. Die Wirtin hatte tatsächlich schon von Ansvell gehört, was Furka sichtbar verblüffte. Danach führte ihr Weg erneut am Haus Dragan Eschts vorbei und schließlich zurück zum großen Marktplatz.
Dort blieb Archon stehen und deutete auf ein großes, massives Gebäude am Rand des Platzes. "Dort, wie ich mir dachte..." Über der Tür hing ein Schild. "La-ger-haus zur Glücklichen Maus", entzifferte Furka mühsam. Die Mauern waren dick, die Fenster vergittert. Im Inneren war es dunkel, kühl und roch nach Staub. Ein älterer Mann hinter einem Tisch musterte sie, verhandelte wortkarg mit Althea und führte sie schließlich mit einem gewaltigen Schlüsselbund klimpernd in ein rückwärtiges Gelass. Ein schmaler Fensterschlitz unter der Decke wurde von einer dicken Eisenstange geteilt.
Althea hinterlegte einige Goldmünzen und erhielt einen Depotschein. "Alles in bester Ordnung." Sie stapelten sorgsam ihre Vorräte in Regalen auf, legten Helme, schwere Waffen und Ausrüstung ab. Die Zwerge behielten lediglich ihre Handäxte. Als sie wieder hinaus auf den Marktplatz traten, stand die Sonne bereits tief. "Schon besser, nicht wahr?", meinte Althea. "Solange er das wieder rausrückt...", brummte Furka. "Natürlich. Dafür haben wir doch den Depotschein." Sie wedelte kurz mit dem Pergament und verstaute es anschließend unter ihrem Waffenrock. Furka schnaubte nur.
Dann deutete Keldi zum Magistratsgebäude hinüber, das sich hinter den Häuserreihen erhob.
"Also, wir müssen was machen..."
Sie studierten lange die Anschläge, die in der roten Abendsonne an den Mauern hingen. Verordnungen über Waffen, Nahrung und Flüchtlinge. Lowangen wirkte plötzlich weniger wie eine bedrängte Stadt als wie eine Stadt, die sich der Bedrohung entgegenstemmte. Schließlich traten sie in die große Marmorhalle des Magistrats. Eine prachtvolle Treppe wand sich hinauf zu einer Balustrade, doch fast alle Türen waren geschlossen, die Hallen leer. "Habt ihr genug Anweisungen?", fragte Furka trocken vom Eingang her. Althea deutete auf eine Seitentür. "Dort müsste es zum Phex Tempel gehen." "Grüßt ihn von mir", gähnte Furka.
Also trennten sie sich. Furka, Hurdin und Tondar machten sich auf den Rückweg zur Unterkunft, während Althea, Keldi und Archon hinter dem Magistrat in die schmalen Gassen zum Phex-Tempel traten.
Dort spendete Althea eine gute Menge gemünzten Silbers, sprach leise mit einer Geweihten im Schatten eines Alkovens und verharrte schließlich - ganz entgegen ihrer sonstigen Art - einen Moment im stillen Gebet zum Gott ihrer Kindheit. Nach Tsa. Vor Hesinde.
Als sie den Tempel durch einen Hinterausgang wieder verließen, war es bereits dunkel geworden. Sie kehrten noch kurz im "Kreuzer und Dukat" ein, einst wohl eine lebhafte Herberge reisender Händler, nun nur noch halb gefüllt und von gedrückter Stimmung erfüllt. Dann kehrten sie in ihr kleines Zimmer im Fuchswinkel zurück.
Sie schliefen besser als erwartet.
Am nächsten Morgen blieb Archon zwischen Gepäck, Büchern und Notizen zurück, während die anderen sich erneut in die Stadt verteilten. Furka, Hurdin und Tondar suchten den thorwalschen Waffenhändler in Svelltscheid auf. "Die einzige Stelle, wo wir vernünftige thorwalsche Äxte bekommen", murmelte Hurdin. Furka feilschte verbissen mit dem Händler und verließ den Laden schließlich mit finsterer Miene. "Dafür hätten wir in Oberorken unsere gesamte Ausrüstung bekommen..."
Währenddessen hatten Althea und Keldi die Kräuterhändlerin im Fuchswinkel aufgesucht. In dem dämmrigen Laden verschwand Althea schließlich mit der Frau im Hinterzimmer und kehrte erst lange Zeit später zurück. Keldi hatte sichtliche Mühe, die schweren Goldbeutel unauffällig zu verstauen. Lowangen wusste exotische Ware zu schätzen.
Danach stiegen sie zum Hesindetempel hinauf. Lange saß Althea dort mit einer Geweihten in einer offenen Schreibstube am Rand des Altarraumes, während Keldi geduldig an einer Säule wartete. Sie übergab das Sumpfrantzen Dokument der Bibliothek und berichtete von ihren Begegnungen im Moor - wenn auch nicht von allen. Dann legte sie die Kristallkugel des Magiers auf den Tisch. Die Geweihte untersuchte sie aufmerksam, und Althe lenkte das Gespräch schließlich auf den Salamanderstein. "Das ist natürlich kein Salamanderstein, aber... "Ein derart urträchtiges Artefakt", meinte die Geweihte schließlich ruhig, "gehört selbstverständlich in die Hände der Hesindekirche." Althea antwortete darauf nicht sofort.
Den Nachmittag verbrachten sie im Fuchsstübchen bei verdünntem Wein und trostlosen Gesprächen über den Niedergang des Svellttals.
Furka, Hurdin und Tondar kehrten erst weit nach Mitternacht von der Taverne im Fuchswinkel zurück. Der verdünnte Wein hatte wenig Wirkung gezeigt, dafür hatte Furka mit seinen Karten einen ganzen Tisch leergeräumt.
Die folgenden Tage verliefen ruhiger.
Sie verließen den Fuchswinkel kaum noch. Ein Besuch bei Desdira Falkenbach brachte lediglich die Erkenntnis, dass selbst Altlowangen keine Zwergenstiefel führte - dafür müssten sie nach Eydal hinunter. Oder eben auch nicht.
Althea versuchte mehrfach, Brin Vaskendantz in längere Gespräche zu verwickeln, erhielt jedoch kaum mehr als kurze, zynische Bemerkungen zurück, bei denen nie ganz klar wurde, ob sie Spott oder Wahrheit waren.
Abends kehrte das Gespräch immer wieder zu derselben Frage zurück.
"Wir machen uns auf den Weg nach Gashok und holen Nahrungsmittel", sagte Keldi.
Hurdin nickte.
"Vier, maximal fünf Tage eine Strecke", ergänzte Tondar.
"Vielleicht können wir Raul Zumendiek dazu bringen, regelmäßige Lieferungen vorzuhalten", überlegte Althea.
"Während wir natürlich alles bezahlen", brummte Furka.
Archon schwieg.
Am nächsten Morgen nahm Brin Vaskendantz den Schlüssel mit unbewegter Miene entgegen. Sie holten ihre Ausrüstung aus dem Lagerhaus am Marktplatz, rumorten eine ganze Weile in ihrem Gelass und verließen das Gebäude schließlich wieder als vollgerüstete Truppe.
Rasch legten sie den Weg nach Bunte Flucht zurück, wurden inzwischen wohlbekannt in die Fluchtburg eingelassen und betraten unter dem wachsamen Blick der Wachen den feuchten Tunnel unter den Mauern Lowangens.
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Zwerge am Svellt #34
So machten sie sich denn auf den Weg gen Gashok, wo sie die Märkte wohlversorgt wussten. Sie erreichten Neulowangen erst nach Einbruch der Dunkelheit. Uncharakteristisch zwar, doch Althea winkte ab. "Wir gehen ja auch auf die Rückseite des Tempels zu." Vielleicht war es deshalb nicht überraschend, dass der nächste Morgen regnerisch war und der Himmel den ganzen Tag über bedeckt blieb. "Vielleicht zürnt uns Praios und entzieht uns den Schutz seiner strahlenden Sonne..."
In einigen Wochen sollten solche Überlegungen durch Routine ersetzt werden.
Sie erreichten die Fähre am Finsteren Svellt und lagerten ein Stück das andere Ufer hinauf, an den vertrauten Lagerstellen der Reisenden. Danach klarte das Wetter auf, und sie kamen gut voran. Inmitten der Gashoker Steppe schlugen sie ihr Nachtlager auf.
Dort wurden sie von Säbelzahntigern angegriffen.
Die erste Bestie sprang an Keldi vorbei mitten in die Gruppe. Seine Axt fuhr noch im Passierschlag nieder, als Althea bereits aus dem Schlaf gerissen wurde und eine Flammenlohe in die Dunkelheit schleuderte.
Furka fuhr hoch.
"Ich wusste es!"
Er riss am neben ihm liegenden Tondar, der zurückwich und bereits die Armbrust durchlud. Archon schreckte hoch und versuchte Hurdin zu wecken.
Dann brachen die Bestien über sie herein.
Althea wurde von mehreren Säbelzahntigern zugleich bedrängt. Tondars erster Bolzen verschwand im Getümmel. Keldi kämpfte sich zu ihr vor, während Hurdin an Archon vorbei in den Kampf stürmte.
Als Althea reglos unter den Bestien zusammenbrach, warf sich Keldi zwischen sie und die Raubtiere und ließ seine Axt kreisen.
Furka rang mit einem Tiger auf Leben und Tod.
Hurdin stand Seite an Seite mit Keldi.
Dann brach die erste Bestie zusammen, Tondars Bolzen tief im Rücken. Furka erkannte die Lage, riss seine Axt hoch und stürmte zu Althea hinüber.
Keldi fand eine Wunderkur in seinem Gürtelbeutel.
Tondar kniete inzwischen ruhig hinter der Front und schickte Bolzen in die Nacht.
Nach und nach wendete sich das Blatt.
Keldi fällte einen Tiger.
Dann einen zweiten.
Der letzte fiel Tondars Armbrust zum Opfer.
Als die Stille zurückkehrte, lag Althea bewusstlos auf dem Boden. Keldi war schwer mitgenommen. Archon kniete bereits neben der Magierin und suchte fieberhaft in seinem Beutel nach Heilmitteln. Als Althea wieder zu sich kam, blickte sie in fünf bärtige Gesichter, die sie besorgt ansahen.
Am Morgen sah es erneut nach Regen aus, doch der Himmel klarte wieder auf.
Es war über einen Monat her, dass sie Gashok gen Lowangen verlassen hatten, und sie kehrten als andere Personen zurück. Sie hatten Lowangen erlebt. Den Sumpf des Vergessens. Die Flüchtlinge. Den Krieg. Sie kehrten mit einer Warnung auf den Lippen zurück, doch sie blieben stumm. Sie wussten, dass sie in Gashok keine Stimme hatten. Also blieb nur das, was schon Ginya Ingborn gesagt hatte: "Wenn Lowangen fällt, so ist das Svellttal in den Händen der Orks."
Sie mieteten sich wieder im "Dach und Fach" ein, wechselten über einem Mittagessen einige Worte mit Rogullf dem Dicken und suchten anschließend Raul Zumendiek auf. Dieser hörte ihre Berichte über Lowangen mit wachsender Sorge. Danach sprachen sie über Vorräte. Über Korn. Über Mehl. Über alles, was sich beschaffen und transportieren ließ. Raul versprach, am nächsten Tag mit den Händlern des Marktes zu sprechen. Als die Dunkelheit hereinbrach, stattete Althea noch dem Boron- und dem Phextempel einen stillen Besuch ab und hinterließ großzügige Spenden.
Der nächste Tag war Markttag. Der Besucher Lowangens konnte in ein buntes Treiben eintauchen, das zugleich fremd und wohltuend wirkte. Die Gruppe ergänzte ihre Ausrüstung, fand neue Stiefel - sogar in Zwergengrößen - und teilte sich schließlich auf. Furka, Hurdin und Tondar besuchten Rowena Paispiarkens Schmiede. Dort tauschten sie Neuigkeiten aus und erstanden aus ihrer ausgezeichneten Arbeit einen schweren Dolch für Tondar, eine Ersatzaxt und einen neuen Dolch für Althea, deren nivesisches Messer die Strapazen der letzten Wochen schlecht überstanden hatte. Währenddessen trafen sich Althea, Keldi und Archon erneut mit Raul Zumendiek und bereiteten die nächsten Lieferungen vor.
Es war nur ein kurzer Aufenthalt. Dann ging es wieder zurück auf die Straße. Eine angemessene Reise folgte. Nur am letzten Tag gerieten sie vor Lowangen in ein schweres Sommergewitter.
In der Stadt angekommen, begaben sie sich zunächst zum Lagerhaus und begutachteten die gesammelten Vorräte. Einhundertfünf Proviantpakete. Mehr, als sie erwartet hatten. Etwa die Hälfte brachten sie zum Magistrat und erhielten dafür neben einer Belobigung einen schweren Beutel Dukaten, was Furkas Laune augenblicklich verbesserte. Während dieser bereits begann auszurechnen, welchen Gewinn sie erzielt hatten, trugen die anderen weitere Vorräte zum Traviatempel. Dort wurden sie dankbar entgegengenommen.
Und so ging es zwischen Lowangen und Gashok hin und her. Der letzte Sommermonat auf guter Straße. Säcke mit Korn auf den Schultern. Durch das offene Land zwischen Gashok und Neulowangen. Vorsichtiger zwischen Neulowangen und Lowangen, wo der kaum erkennbare Pfad zur Ruine Svelltstein vom Weg abzweigte. Sie kehrten in Neulowangen ein, wenn das Wetter schlecht war. Sie durchquerten Regen und Sonnenschein. Und als sie eines Nachts hinter Neulowangen lagern mussten, schlugen sie eine Bande von Plünderern zurück, die im kriegsversehrten Niemandsland zwischen Lowangen und den Orkstellungen ihr Glück suchte.
Immer wieder brachten sie Nahrung in die Stadt. Zum Magistrat. Zum Flüchtlingslager am Traviatempel.
Und schließlich auch nach Eydal. Denn selbst Furka musste irgendwann eingestehen: "Die Leute dort haben bestimmt auch Hunger."
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Zwerge am Svellt #35
Sie begaben sich zur Eydaler Brücke und überquerten das Geviert, an dessen Rändern der durch die Stadt verlaufende Kanal des Svellt entlangrauschte.
Das Zentrum von Eydal, der ehemalige Ortskern eines Dorfes, das wohl einst vor den Toren Lowangens gelegen hatte, lag jenseits der östlichen Brücke. Sie kamen auf einen Platz, der unter der Sommerhitze still dalag. Eine Brise wehte Staub über den festgetretenen Boden und fuhr durch die Krone einer großen Linde. Um sie herum reihten sich kleine Fachwerkhäuser, denen man ihren ehemals ländlichen Charakter noch ansah. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, als sie sich zum Peraine-Tempel begaben, einem schlichten Bau aus Stein, über dessen Portal geschnitzte Störche wachten. Die Geweihte kümmerte sich gerade um eine Reihe armselig aussehender Gestalten. Als die Zwerge, Furka voran, Proviantpakete und Säcke mit Lebensmitteln abluden, hellte sich ihr Gesicht sichtbar auf. Helfer wurden herbeigerufen, wie sich zeigte allesamt Bewohner der umliegenden Häuser. Während die Vorräte nach strengen Maßgaben verstaut wurden, kümmerte sich Archon mit um die Wartenden, schiente einen verstauchten Arm und ließ Tondar Kräuter gegen allerlei Beschwerden austeilen. Die Travia- und Peraine-Tempel seien die einzigen, die sich noch um die Notleidenden kümmerten, erklärte die Geweihte. Nur wenn alle zusammenhielten, könne Lowangen den Orks trotzen.
Die Gruppe schlenderte anschließend durch den alten Ortskern. Sie betrachteten das armselige Warenangebot eines Händlers, besuchten eine kleine Schmiede, die einst die Dorfschmiede gewesen sein mochte, und gewannen einen Eindruck von Eydal. Flüchtlinge und Elend gab es auch hier, doch verliefen sie sich in den weitläufigen Straßen nach Süden und Westen.
So vergingen die Tage.
Lowangen. Gashok. Lowangen.
Die Wochen. Der Rest des Sommers. Und irgendwie war es Herbst geworden.
Sie kamen gerade vom Lagerhaus am großen Marktplatz, wo sie wie gewöhnlich ihre schwere Ausrüstung untergebracht hatten. Die Mittagssonne schien noch immer warm hernieder. Althea schaute etwas unschlüssig. Furka fuhr nachdenklich über die Schneide seiner Axt. Hurdin rieb sich die großen Hände. Sie ließen sich im Schatten des Traviatempels nieder, wo man sie inzwischen kannte und ihnen ehrerbietig Platz machte. Hurdin beobachtete zufrieden einige Kinder, denen Helfer Brot reichten.
"Der Salamanderstein ...", begann Althea. Keldi kratzte sich im Bart. "Wir wissen immer noch nicht, wo wir suchen sollen." Tondar deutete nach Osten. "Natürlich in den Bergen", fuhr Althea fort. "Aber wo?" Sie schwieg einen Moment. "Und Lowangen mit Nahrung zu versorgen ist schön und gut. Aber wenn wir das hier wirklich beenden wollen, müssen wir uns dem Hauptproblem zuwenden." Archon nickte bedächtig.
Der Traviageweihte bestätigte ihnen schließlich, was sie bereits mehrfach gehört hatten: In Eydal hatte sich eine größere Gemeinschaft von Zwergen angesiedelt. So führte sie ihr Weg erneut über die Eydaler Brücke. Die Waffenhändlerin Duridanya Zornbrecht verwies sie an den Schmied Thorin Bromkop, dieser wiederum an eine Zwergenschmiedin namens Roglima.
Am Ingerimm-Tempel fanden sie weitere Hinweise. Der Tempel war ein wuchtiger Bau aus scharf behauenen Steinquadern. Gegenüber rauchte eine große Schmiede, deren Essen Tag und Nacht brannten. Die Gruppe betrat den Tempel ehrfürchtig. Althea blieb am äußeren Säulengang zurück, während die fünf Zwerge vor den Altar traten. Goldstücke klirrten in die umlaufende Rinne, und lange verharrten sie schweigend in Andacht vor Angrosch. Der Tempelvorsteher berichtete ihnen von den Anstrengungen, Waffen für die Verteidigung Lowangens zu schmieden, und verwies sie schließlich an Roglima, die südlich des alten Grabens wohne.
Dort fanden sie ein ganzes Viertel gedrungener Häuser aus Feldstein. Zwerge blickten kurz auf, grüßten mit einem knappen Kratzfuß und gingen ihren Geschäften nach. Nahe der Außenmauer erreichten sie schließlich eine weitere Schmiede. Die stämmige Roglima begrüßte die Angehörigen ihres Volkes, und für einige Zeit war nur noch Rogolan zu hören. Sie begutachtete Furkas Axt, sprach über die Zwergenstämme des Svellttals und berichtete vom Niedergang der Minen im Thasch. "Dies hier", erklärte sie schließlich und ließ Furkas Axt durch die Luft sausen, "kann ich bis morgen wieder in Ordnung bringen." Sie kehrten erst nach Einbruch der Dunkelheit in die Oberstadt zurück.
Am nächsten Morgen standen sie erneut bei Roglima. Während sie nun Hurdins Axt bearbeitete, kamen Furka und Hurdin mit ihr über Schmiedekunst, Zwergenvölker und die alten Reiche des Nordens ins Gespräch. Und langsam begann sich ein Bild zu formen. Von den Zwergen des Thasch. Von den Blutzinnen. Und vor allem vom Finsterkamm. Dort, unter den höchsten Gipfeln, liege eine bedeutende Binge, dem Ingerimm geweiht. Unter einer Stadt namens Finsterkoppen.
Zum ersten Mal hatten sie mehr als nur Gerüchte. Zum ersten Mal hatten sie eine Richtung.
Sie überließen Roglima ihrer Arbeit, erledigten einige Besorgungen und verbrachten den Nachmittag in der zwergischen Taverne neben der Ingerimmsschmiede. Regelmäßig klang das Schlagen von Hammer auf Amboss herüber.
Und während der Herbst langsam Einzug hielt, begann für Althea und die Zwerge eine neue Suche.
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Zwerge am Svellt #36
Am nächsten Morgen standen sie, wieder vollständig bewaffnet, auf dem Platz vor der Ordensburg. Sie wurden eingelassen, legten den langen Gang zurück und erreichten den Innenhof des verfallenen Svelltsteins. Altheas Blick fiel auf ein braunes, verschrumpeltes Blatt, das der Wind in eine Ecke geweht hatte.
Es wurde Zeit.
Eine leichte Brise strich durch die umgebenden Bäume. Noch lag ein Hauch Sommer über dem Land, doch der Himmel war von langen Wolkenstreifen durchzogen. Ihr Ziel lag im Osten. Der Finsterkamm.
Sie nahmen den Weg nach Norden, durch die inzwischen wohlbekannten verlassenen Weiler und zerstörten Gehöfte, und erreichten Neulowangen, als die Dunkelheit fiel. Sie übernachteten in der "Sonne" und kamen mit dem Wirt ins Gespräch. Ja, der Weg nach Osten führe zunächst nach Hiltorp, einem Zwergenstädtchen am Fuß des Gebirges. Und ja, dort oben in den Bergen gäbe es noch eine weitere Zwergenstadt. Finsterkoppen.
Nach einer letzten Nacht unter Dach und Fach brachen sie auf.
Ein gut erhaltener Karrenpfad führte sie durch Felder und später durch die Wälder, die Neulowangen umgaben. Der Wind raschelte durch die Blätter, ihre Umhänge bauschten sich in der Brise, und die Straße glitt fort und fort. Am zweiten Tag ihrer Reise lagen die Wälder hinter ihnen. Vor ihnen erschien am Horizont zunächst ein dunkler Streifen. Dann wurden daraus Berge. Dann ein Gebirge.
Der Finsterkamm war weniger massiv als die Salamandersteine, erschien aber höher, schroffer und abweisender. Wo die Salamandersteine von Wäldern bedeckt waren, erhoben sich hier kahle Hänge und scharfkantige Gipfel. Als sie am Abend lagerten und die Sonne hinter den Bergen versank, fielen tiefe Schatten zwischen die Felsen. Und in der beginnenden Dämmerung wurde deutlich, wie der Finsterkamm zu seinem Namen gekommen war.
Am folgenden Tag führte der Weg am Fuß des Gebirges entlang. Zu ihrer Rechten zog sich der Finsterkamm scheinbar endlos durch das Land. Das Wetter hielt. Fast noch spätsommerliche Wärme lag über den Hügeln, die sich erst gegen Abend einer herbstlichen Kühle beugte. Am dritten Tag führte der Weg über einen Ausläufer der Berge. Jenseits lag wieder Wald. Und als die Sonne sich senkte, erreichten sie Hiltorp.
Das kleine Zwergenstädtchen war in die Hügel gebaut. Niedrige Steinhäuser lagen halb in der Erde, andere Fassaden waren direkt in die Felsen gearbeitet. Ein Wasserlauf glitzerte tief unten im Tal und wandte sich nach Norden. Tondar erkannte in ihm den Ursprung des Finsteren Svellt. Als sie den Ort betraten, hallte das Schlagen eines Gongs durch die Abendluft. Kurz darauf erschien ein Trupp Zwerge auf einem höher gelegenen Weg und stieg nach vollbrachtem Tagewerk aus den Minen hinab. Sie kehrten in die Herberge ein, das einzige zweistöckige Gebäude des Ortes. Dort hörten sie immer wieder dieselben Geschichten. Von Pässen durch den Finsterkamm. Von Zwergenstädten. Und von Finsterkoppen unter dem höchsten Gipfel.
Am nächsten Morgen begrüßte sie Regen, der an den Bergflanken hinunterlief. Sie besuchten den Ingerimmtempel, dessen gewaltige Esse durch das offene Portal leuchtete, spendeten dem Gott der Schmiede und kamen mit den Bewohnern ins Gespräch. Der Schmied des Ortes kannte sogar Roglima aus Lowangen. Ja, im Finsterkamm dräue Gefahr. Ja, dort oben lägen Zwergenstädte. Und ja, Finsterkoppen existiere. So beschlossen sie, noch einen weiteren Tag in Hiltorp zu verweilen.
Erst als der Himmel wieder klar war, brachen sie auf. Nun begann die eigentliche Suche.
Mehrfach folgten sie Wegen, die sich als falsch erwiesen. Ein Pfad führte zur Südseite des Gebirges. Ein anderer endete in einem Tal, das sie bereits kannten. Ein dritter verlor sich zwischen Felsen. Sie trafen einen Bergbauern, dessen Wagen auf einem steilen Weg ein Rad verloren hatte, richteten ihn gemeinsam wieder auf und wurden dabei von einigen Halunken angegriffen, die im Hinterhalt gelegen hatten. Danach zogen sie weiter.
Das Wetter wechselte zwischen strahlendem Sonnenschein und grauen Wolken, die über die Gipfel zogen. Immer häufiger sahen sie Harpyien über den Klippen kreisen. Die Berge rückten näher. Nach einigen Tagen führte sie der schmale Pfad tief in den Finsterkamm hinein. Unter ihnen lag ein bewaldetes Tal. Tief unten glitzerte ein namenloser Bach.
Schließlich erreichten sie eine gewaltige Klamm, die wie ein Schnitt im Fels direkt auf die höchsten Gipfel zulief. "Hier ist lange Zeit Wasser hinabgeflossen", stellte Hurdin fest. "Und bei Regen tut es das noch immer."
Der Weg wurde beschwerlich. Mehr als einmal mussten sie sich anseilen. Archon betrachtete mit Sorge seine Stiefel, deren Sohlen begonnen hatten, eigene Wege zu gehen. Sie lagerten in einem ausgewaschenen Felskessel.
In der Nacht wurde Keldi während seiner Wache durch ohrenbetäubendes Kreischen aufgeschreckt. Harpyien. Die Kreaturen stürzten auf das Lager nieder. Doch die Äxte der Zwerge und Altheas Flammenstrahlen machten kurzen Prozess. Die letzte Harpyie fiel den Schneidzähnen Furkas und Keldis zum Opfer. Lediglich Tondar, der aus dem Schlaf gerissen worden war und sich mit seinem Dolch hatte verteidigen müssen, benötigte anschließend einen Verband aus Wirselkraut.
Am nächsten Tag erreichten sie das Ende der Schlucht. Vor ihnen lag ein tiefer Riss im Fels, dessen Wände schier unerklimmbar erschienen. Keldi und Hurdin wechselten einen Blick. Von wegen von Norden erklimmbar.
Doch weit hinten setzte sich ein schmaler Spalt in die Tiefe fort, halb von Geröll verschüttet. Hurdin kniete nieder und betrachtete die Öffnung. "Hier hat einst Wasser den Berg verlassen." "Und da geht es weiter?" fragte Furka. "Vielleicht."
Wenig später standen sie in einer gewundenen Röhre tief im Berg. "Hier hat sich das Wasser seinen Weg gebahnt. Hier geht es—"
Die Welt ging in einem ohrenbetäubenden Krachen unter.
Althea spürte, wie starke Arme sie nach vorne warfen.
Staub füllte die Luft.
Das Licht ihres Stabes leuchtete nur noch diffus durch die graue Wolke. Langsam legte sich der Staub. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf Zwerge. Alle vollständig.
"Der Eingang ist verschüttet!"
Furka blickte den Gang entlang, der sich vor ihnen durch den Fels wand.
"Wir sind im Berg eingesperrt!"
Diesmal klang Altheas Stimme deutlich schriller.
Die Zwerge nickten. Und ihre Augen glänzten.
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Zwerge am Svellt #37
Furka spähte die Röhre hinauf. Hurdin stand an seiner Seite, Keldi hinter ihnen. Althea reckte das Licht ihres Stabes in die Dunkelheit und wusste Tondars beruhigende Präsenz unmittelbar hinter sich. Archon bildete wie so oft das Ende der Gruppe. Der Gang wand sich stetig durch das Gestein. An manchen Stellen glänzten die Wände noch feucht vom letzten Wetter.
"Vielleicht Teil der natürlichen Entwässerung", bemerkte Hurdin und strich mit den Fingern über den Fels. "Es würde mich aber nicht wundern, wenn wir bald auf einen Kamin stoßen." Althea antwortete nicht. Sie dachte noch immer an den verschütteten Eingang hinter ihnen. An das Krachen. An die Staubwolke. An mehrere Tonnen Berg, die nun zwischen ihnen und der Oberfläche lagen.
Einige Gangwindungen später blieb Furka stehen. Vor ihnen endete die natürliche Röhre abrupt an einer sauber gearbeiteten Steinwand. In deren Mitte lag ein quadratischer Durchgang. Dahinter verlor sich ein Schacht in die Dunkelheit. Und links und rechts steckten eiserne Steigeisen im Fels. "Wusst ich es doch!" Furka grinste.
Der Schacht verschwand sowohl nach oben als auch nach unten in der Schwärze. Nur unterhalb der Öffnung fehlten die Steigeisen. "Natürlicher Kamin", urteilte Hurdin. "Aber ausgebaut. Und offenbar nur nach oben nutzbar." Sie seilten Furka an den Hüften an und ließen ihn einige Schritt hinab. Eine Weile hörten sie nur das Scharren seiner Stiefel. Dann erklang seine Stimme: "Hier ist nur Dunkelheit!" "Das hilft ungemein", bemerkte Archon trocken. Kurz darauf zog man Furka wieder nach oben.
Sie überprüften ihre Ausrüstung, zogen die Gurte fest und begannen den Aufstieg. Die Steigeisen waren alt, aber stabil. Schritt um Schritt arbeiteten sie sich empor. Der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Als letzter stieg Archon. Irgendwann hielt er inne und blickte in die Tiefe unter sich. Das Licht Altheas war längst nur noch ein schwacher Schimmer. Darunter lag nichts als Schwärze. Wie ein Blick in die Unterwelt einer pailischen Tragödie, dachte er. Dann kletterte auch er weiter.
Nach einiger Zeit erreichten sie einen weiteren Durchgang. Dahinter lag ein gemauerter Gang. Hurdin kniete sich nieder und klopfte mit dem Axtstiel auf den Boden. "Gebrannte Ziegel." Keldi zog die Nase kraus. "Und Staub." Furka hatte den Kopf bereits wieder in den Schacht gesteckt. "Es geht weiter nach oben." Sie standen einen Moment schweigend da. "Höflich wäre es, durch die Vordertür zu kommen", meinte Keldi schließlich. "Riecht hier jemand Gold?" Furka blickte hoffnungsvoll in die Runde. Niemand antwortete.
Also kletterten sie weiter. Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich ein weiterer Ausgang. Diesmal führte er in einen grob behauenen Stollen. Schwere Bohlen stützten das Gestein. Im Licht des Stabes waren links und rechts weitere Gänge zu erkennen. Hurdin sog die Luft ein. "Eisenerz." Er runzelte die Stirn. "Und Kohle." Furka schnupperte ebenfalls. "Silber?" Er klang beinahe enttäuscht. "Es geht noch weiter nach oben."
Also ging es weiter nach oben. Später erreichten sie einen Gang aus sauber behauenem Granit. Dann einen weiteren. Immer wieder verschwand der Kamin in der Dunkelheit über ihnen. Immer wieder entschieden sie sich für den Aufstieg. Schließlich verschwand Furka erneut nach oben. "Da ist ..." Er winkte. Althea streckte den Stab in den Schacht. "Eine Platte?" "Moment." Furka verschwand außer Sicht. Althea trat unwillkürlich näher an den Schacht. "Sei vorsichtig." Keine Antwort. Nur Geräusche. Dann erschien Furkas Kopf wieder. Mit einem breiten Grinsen. Und einem Schlüssel in der Hand. "Der hing da oben an einem Haken." Er hielt ihn hoch. "Klassiker."
Eine Weile sagte niemand etwas. Dann räusperte sich Keldi. "Nun ja." Er blickte den Granitgang hinunter. "Jetzt wo wir schon hier sind ..." Althea schnippte mit den Fingern. Über ihrer Hand entstand eine Lichtkugel. Langsam glitt sie den Gang entlang. Fort. Fort. Weiter in die Dunkelheit. In die Tiefe der Binge.
Die vor ihnen liegenden Gänge waren sauber mit granitenen Steinblöcken verkleidet. Ein langer Gang. Eine Tür. Eine weitere Abzweigung. Dahinter wieder Dunkelheit. Das Licht der Kugel glitt lautlos voraus und verschwand Stück für Stück in der Ferne. Sie folgten ihr. Die Luft war trocken. Staub lag auf den Böden. Nicht der Staub von Jahren. Der Staub von Jahrhunderten. Bald erreichten sie eine große Halle. An deren Ende stand ein gewaltiges Portal. Die Torflügel waren geschlossen. Hurdin prüfte die Angeln. Furka das Schloss. Althea versuchte sich an einigen Zaubern.
Nichts. Das Tor blieb unbewegt. "Wir kommen hier nicht mehr raus." Althea betrachtete die mächtigen Steinflügel mit wachsendem Misstrauen. Die Zwerge zuckten die Schultern. Die Feststellung schien sie weit weniger zu beunruhigen als sie.
Sie wandten sich ab und erkundeten weitere Gänge. Wenig später fiel das Licht auf etwas Helles. Ein Skelett. Es saß an einer Wand. Die Knochen halb von Staub bedeckt. Die leeren Augenhöhlen blickten in die Dunkelheit. Althea blieb stehen. "Dem ging es genauso wie uns." Niemand widersprach. Sie ließen die Gebeine zurück.
Der nächste Raum erwies sich als kleiner Kultraum. In der Mitte standen mehrere Feuerbecken. In einem davon glomm noch immer rote Kohle. Furka blinzelte. Dann blinzelte er noch einmal.
"Da liegt etwas." "Furka." "Da liegt wirklich etwas!" Schon kniete er am Beckenrand. "Furka." Zu spät. Mit einem triumphierenden Laut griff er in die Glut. Und stieß unmittelbar darauf einen Schrei aus, der vermutlich bis nach Hiltorp zu hören gewesen wäre. Er sprang zurück. Wedelte mit beiden Händen. Fluchte. Fluchte noch etwas mehr.
Während Archon mit erstaunlicher Gelassenheit Verbände auspackte, trat Hurdin an das Becken. Er griff in die Kohlen. Und zog einen Ring heraus. "Er ist ganz kühl." Furka starrte ihn an. "Das ist mein Ring." "Dein Ring?" "Ich habe ihn gefunden!" "Mit den Händen." "Das war der Plan!"
Archon wickelte schweigend einen weiteren Verband um Furkas Finger. Die Diskussion war damit beendet. Vorläufig.
Da Furka nun mit eingepackten Händen herumlief und seine Dietriche nicht mehr vernünftig benutzen konnte, übernahm Hurdin notgedrungen die Führung. Keldi neben ihm. Althea dahinter. Furka unmittelbar hinter Althea, wo er jedem ungefragt erklärte, dass der Ring eigentlich ihm gehöre.
Die Binge zeigte sich wenig beeindruckt.
Sie fanden eine verschiebbare Wand. Dahinter eine Nische. Nichts weiter. Weitere Türen. Weitere Gänge. Weitere Kammern. Dann ein Schloss. Furka schob Hurdin mit einer vielsagenden Grimasse Dietriche und Schlüsselbund zu. Hurdin knurrte etwas. Dann öffnete sich das Schloss beim ersten Versuch.
Dahinter lag eine große Säulenhalle. Ein Altar erhob sich im Zentrum. Sie umrundeten die Säulen. Betrachteten die Wände. Die Verzierungen. Die Steinmetzarbeiten. Und standen schließlich wieder vor dem Altar.
Hurdin blieb stehen. Reglos. Keldi trat neben ihn. Sagte nichts. Auch die anderen verstummten nach und nach. Etwas lag über diesem Ort. Etwas Schweres. Etwas Altes. Etwas Ehrwürdiges. Die Zwerge traten vor und legten Opfergaben nieder. Selbst Althea zog schließlich einige Münzen hervor. Hurdin bewegte sich nicht. Die Zeit verstrich. Dann legte Keldi ihm die Hand auf die Schulter. Hurdin blinzelte. Als würde er aus einem Traum erwachen.
"Nun?" Einen Moment schwieg er. "Ich war in einer Halle." "Was für einer Halle?" Hurdin sah auf den Ring an seiner Hand. "Tief unter dem Berg." Er suchte nach Worten. "Dort war jemand." "Jemand?" "Ein Diener Angroschs." Seine Stimme wurde leiser. "Wir haben geschmiedet." Furka runzelte die Stirn. "Was?" "Ein Schwert." Hurdin blickte auf den Altar. "Immer wieder dasselbe Schwert."
Niemand sagte etwas. Der Ring blieb an seinem Finger. Und als sie den Altarraum verließen, nahm Hurdin ihn nicht mehr ab.
Wenig später erreichten sie ein Relief Ingerimms. So kunstvoll gearbeitet, dass selbst die Zwerge innehielten. Vor dem Relief steckte eine Fackelhalterung. Althea entzündete die Fackel. Einen Augenblick geschah nichts. Dann. Plötzlich. Erwachten überall auf der Ebene Feuer. Links. Rechts. In den Gängen. In den Hallen. An den Wänden. Dutzende Fackeln begannen gleichzeitig zu brennen. Flammen, die sich nicht verzehrten. Flammen, die offenbar seit Jahrhunderten auf diesen Moment gewartet hatten. Und irgendwo. Tief im Berg. Schlug ein gewaltiger Hammer auf einen Amboss. Ein einziges Mal. Der Klang rollte durch die Hallen. Durch die Gänge. Durch den Fels. Dann wurde es wieder still.
Niemand sprach. Eine Weile hörten sie nur ihr eigenes Atmen. Und das Knistern der ewigen Flammen. Sie folgten den nun erleuchteten Gängen weiter. Die Fackeln warfen warmes Licht auf den Granit und vertrieben einen Teil der Finsternis, die bis dahin über der Binge gelegen hatte. Doch die Hallen blieben verlassen. Kein Schritt. Keine Stimme. Kein Schlagen von Werkzeug. Nur ihre eigenen Geräusche begleiteten sie. Bald erreichten sie ein großes Werkzeuglager. Regale zogen sich an den Wänden entlang. Haken. Kisten. Werkbänke. Alles ordentlich. Alles verlassen. Und alles so, als hätten die Bewohner ihre Arbeit erst vor wenigen Tagen niedergelegt.
Hurdin entschied sich für eine schwere Eisenkette. Keldi nahm eine Schaufel. Althea ein Zunderkästchen und einige Fackeln. Tondar legte sich ein neues Seil über die Schulter. Archon steckte mit einem Blick auf Furka ein weiteres Set Dietriche ein. "Auf alle Fälle." Furka nickte anerkennend. Selbst mit verbundenen Händen hielt er an seinem Grundsatz fest: "Wenn es keinen Schlüssel gibt, helfen Dietriche. Und wenn die nicht helfen, hilft ein Brecheisen." Kurz darauf hatte er auch eines gefunden.
Die weitere Erkundung bestätigte ihren bisherigen Eindruck. Dies schien der obere Bereich einer großen Binge gewesen zu sein. Ein Schrein Ingerimms. Werkzeuglager. Ausrüstungskammern. Arbeitsräume. Alles deutete auf eine Bergwerksanlage hin. Die Schlösser wurden allerdings zunehmend widerspenstig. Mehr als einmal rutschte Hurdin mit den Dietrichen ab. Einige Truhen öffneten sich erst nach mehreren Versuchen.
Vor einer besonders verrosteten Truhe blieb er schließlich stehen. Betrachtete das Schloss. Betrachtete die Truhe. Betrachtete den Kraftgürtel an seiner Hüfte. Dann trat er den Deckel ein. "Auch eine Methode", bemerkte Archon. "Hat funktioniert." "Das Schloss ist jetzt jedenfalls offen." "Siehst du." Im Inneren fanden sie Vorräte. Alchimistische Zutaten. Dokumente. Werkzeuge. Und Ausrüstung von erstaunlicher Qualität. Während Archon bereits begann, Pergamente und Aufzeichnungen zu sichten, durchstöberten die anderen die verbliebenen Truhen.
Ganz unten, sorgsam in Öltuch eingeschlagen, fanden sie schließlich zwei weitere Gürtel. Breite Glieder. Fein gearbeitete Bronze. Goldschimmernd im Licht der ewigen Fackeln. Kraftgürtel. Eine Weile betrachteten sie schweigend die Handwerkskunst. Dann nahm Keldi einen der Gürtel. Zog Furka an sich heran. Und legte ihn ihm um. Furka blinzelte. "Für mich?" "Du würdest ihn sonst sowieso nehmen." "Ein überzeugendes Argument." Den zweiten Gürtel legte Keldi sich selbst an. Althea beobachtete, wie die beiden probeweise einige Kisten anhoben. Dann wieder absetzten. Dann dieselben Kisten noch einmal anhoben. Mit deutlich zufriedeneren Gesichtern.
Währenddessen hatte Archon sich über mehrere Dokumente gebeugt. Die Finger am Kinn. Den Blick konzentriert. Irgendwann winkte er Althea näher. Sie verbrachten eine Weile über den alten Aufzeichnungen. Namen. Lieferlisten. Hinweise auf Werkstätten. Fragmente einer längst vergangenen Ordnung. Als ihre Augen müde wurden, richteten sie in einer kleinen Kammer ihr Lager ein. Sie aßen von ihrem Proviant. Tranken aus ihren Wasserschläuchen. Tondar saß auf einer Truhe und wetzte seinen schweren Dolch. Nach einiger Zeit betrachtete er kritisch die Schneide. Dann den Schleifstein. Dann Furka. Schließlich gab er beides kommentarlos zurück. Furka nestelte inzwischen an seinen Verbänden herum. Immer wieder. Mit wachsender Ungeduld. Hätte Althea nicht mit Archon über den Dokumenten gesessen, hätte er vermutlich einen deutlich strengeren Blick geerntet.
Nach und nach wurde es still. Einer nach dem anderen lehnte sich an die Wände. Schloss die Augen. Nickte ein. Nur Keldi blieb wach. Die Arme vor der Brust verschränkt. Den Blick auf die Tür gerichtet. Irgendwann weckte er die anderen. Wie viel Zeit vergangen war, wusste niemand genau. Furka gähnte gewaltig. Althea rieb sich die Augen. Hurdin überprüfte den Sitz seines Ringes. Dann brachen sie wieder auf.
Ein Stück weiter führte eine Treppe nach unten. Die nächste Ebene empfing sie mit denselben granitverkleideten Wänden. "Nicht edel", stellte Hurdin fest und klopfte mit dem Axtgriff gegen den Stein. "Aber funktional." Lange Gänge erstreckten sich vor ihnen. Weitere Kammern. Weitere Regale. Weitere Truhen. Und Furka begann, sich mit wachsender Begeisterung für alles zu interessieren, was man möglicherweise irgendwann einmal gebrauchen konnte. "Jetzt kann ich tragen, soviel ich möchte." Niemand widersprach.
Sie fanden weitere Waffenkammern. Äxte. Schilde. Helme. Zwei weitere Kraftgürtel. Und schließlich etwas, das die Zwerge beinahe noch mehr erfreute. Stiefel. Zwergengröße.
Althea betrachtete die fünf Zwerge. Die breiten Gürtel glänzten im Licht der Fackeln. Die schweren Waffen an ihren Seiten. Die neuen Stiefel. Die wetterfesten Umhänge. Elfenumhänge und Zwergengürtel. Martialisch. Aber nicht ohne Chic. Wie man in Vinsalt sagen würde.
Tiefer in der Ebene fanden sie weitere Türen. Weitere Räume. Weitere verschlossene Durchgänge. Und schließlich eine Tür, die sich weder durch Schlüssel noch durch Dietriche noch durch Magie bewegen ließ. Nichts deutete darauf hin, dass hier in jüngerer Zeit jemand gewesen war. Aber ebenso wenig deutete etwas auf Verfall hin. Die Binge wirkte verlassen. Nicht zerstört. Als warte sie.
Am Ende eines langen gewundenen Ganges öffnete sich schließlich eine größere Kammer. Sie traten ein. Und unmittelbar hinter ihnen senkte sich mit einem dumpfen Grollen ein Granitblock. Der Rückweg war versperrt.
Einen Moment herrschte Schweigen. Dann begann Furka zu grinsen. "Jetzt wird es interessant." Furka behielt recht. Während die anderen bereits begonnen hatten, den Raum genauer zu untersuchen, hatte er sich vor einem seltsamen Konstrukt an der Ostwand niedergelassen. Hebel. Lager. Zahnräder. Verrostete Achsen. Ein Mechanismus. Und damit etwas, das Furka für gewöhnlich als persönliche Einladung verstand. "Das bewegt etwas", verkündete er nach wenigen Augenblicken. "Sehr gut", sagte Archon. "Was?" "Dass es etwas bewegt." "Woher weißt du das?" "Weil du sonst nicht so aussiehst." Furka schien darüber einen Moment nachzudenken. Dann nickte er. "Stimmt." Während die übrigen sich an den Wänden niederließen, begann Furka damit, seine Taschen auszuräumen. Mit jeder Minute kamen mehr Gegenstände zum Vorschein. Schrauben. Stifte. Haken. Drahtstücke. Ein kleiner Hammer. Eine Zange. Ein halbes Dutzend Dinge, deren Zweck vermutlich nur ihm bekannt war.
"Du schleppst wirklich alles mit." "Man weiß nie." Nach kurzer Zeit hatte er bereits eine improvisierte Kurbel gefertigt. Wenig später arbeitete er zusammen mit Archon an einem freigelegten Getriebe. Flüche hallten durch die Kammer. Metall klirrte. Einmal verschwand Furka beinahe vollständig im Inneren des Mechanismus. Dann trat plötzlich Ruhe ein. Die anderen hatten inzwischen gegessen. Geruht. Und waren teilweise wieder eingenickt.
Da ertönte ein triumphierender Ruf. "Geschafft!" Alle fuhren hoch. Furka stand vor dem Mechanismus. Die verbundenen Hände erhoben. Das Gesicht voller Ruß. Und so zufrieden wie ein Zwerg nur sein konnte. Hurdin trat vor. Packte die Kurbel. Und begann zu drehen. Zunächst geschah nichts. Dann ein Knirschen. Ein Quietschen. Irgendwo im Berg setzte sich etwas in Bewegung. Die Wände zitterten leicht. Von fern war das Rollen schwerer Gegengewichte zu hören. Langsam hob sich ein Teil der gegenüberliegenden Wand.
Dahinter lag ein weiterer Gang. "Ich mag diese Binge", stellte Furka fest. Sie folgten dem neuen Weg. Bald erreichten sie Räume, die sich deutlich von allem unterschieden, was sie bisher gesehen hatten. Betten. Schränke. Truhen. Wandteppiche, die längst zu Staub zerfallen waren. Hier hatten einst wichtige Bewohner gelebt. Vielleicht Vorsteher. Vielleicht Meister. Vielleicht sogar Angehörige des Herrscherhauses. Doch nun war alles verlassen. Die Betten leer. Die Truhen geplündert oder verfallen. Nur Staub war geblieben.
Und ein Kobold.
Er saß plötzlich auf einem Schrank. Niemand hatte ihn kommen sehen. Niemand hatte ihn kommen hören. Er war einfach da. Und betrachtete die Gruppe mit sichtlichem Misstrauen. "Du bist kein Zwerg", stellte Furka fest. Der Kobold schien diese Beobachtung wenig hilfreich zu finden. Es folgte ein Gespräch, das Althea später nur noch bruchstückhaft wiedergeben konnte. Der Kobold war launisch. Sprunghaft. Und von einem Rätselspiel besessen, das offenbar weit älter war als die meisten Reiche Aventuriens. Das Rätselspiel war heilig. Das Rätselspiel war wichtig. Das Rätselspiel hatte Regeln. Und zu ihrem eigenen Erstaunen gewannen sie.
Daraufhin überreichte der Kobold ihnen einen großen verzierten Silberschlüssel. Dann verlor er schlagartig jedes Interesse an ihnen. Furka betrachtete den Schlüssel. "Praktisch." "Für was?" "Das werden wir herausfinden."
Tiefer in der Ebene veränderte sich der Charakter der Räume erneut. Werkstätten wichen Wohnquartieren. Lagerräume reihten sich an Schlafsäle. Vorräte standen noch immer in Regalen. Kisten waren aufgestapelt. Als hätten die Bewohner ihre Arbeit beendet und wollten jeden Moment zurückkehren. Tondar nahm einen der eingelagerten Kuchen auf. Betrachtete ihn skeptisch. Brach eine Ecke ab. Probierte. Dann verzog er das Gesicht. "Cram." Die anderen blickten auf. "Hält ewig", urteilte er. Er betrachtete das Gebäckstück erneut. "Schmeckt aber auch so." Selbst Furka verzichtete darauf, den Rest einzustecken.
Sie zogen weiter. Die Wohnräume wurden zahlreicher. Die Gänge enger. Die Decken niedriger. Und schließlich begegneten sie den ehemaligen Bewohnern. Zunächst hörten sie nur ein Scharren. Dann ein Knarren. Dann bewegte sich eine Gestalt auf einem Bett. Eine zweite richtete sich auf. Eine dritte. Untote Augen öffneten sich. Verrostete Äxte wurden erhoben.
Einen Augenblick lang schauten sich beide Seiten an. Dann brach das Handgemenge los. Der Kampf war kurz. Aber heftig. Als schließlich wieder Ruhe einkehrte, standen sie zwischen umgestürzten Betten und reglosen Leibern. Niemand sagte zunächst etwas. Hurdin betrachtete einen der Toten. Ein Zwerg. Ohne Zweifel. "Untote Zwerge." Niemand wusste, was man darauf antworten sollte.
Später. Viel später. Als sie bereits glaubten, auf dieser Ebene nichts Überraschendes mehr finden zu können, hallte plötzlich ein Geräusch durch die Gänge. Ein Hammerschlag. Dann ein weiterer. Und noch einer. Die Geräusche einer großen Schmiede. Sie kamen aus der Tiefe des Berges. Rollten durch die Hallen. Verstummten wieder. Und hinterließen eine eigentümliche Stille. Wie einen Nachhall. Wie eine Erinnerung. Die Gruppe lauschte noch eine Weile. Dann blickten sie einander an. Und gingen weiter. Denn irgendwo vor ihnen wartete die nächste Treppe. Und die nächste Ebene der Binge.
Als sie sie schließlich erreichten, führte sie hinab in die Dunkelheit. Noch tiefer unter den Finsterkamm. Noch weiter fort von der Welt der Lebenden. Und ohne zu zögern stiegen sie hinunter. Sie kamen unvermittelt auf eine Galerie hinaus. Vor ihnen erstreckten sich auf rohen Bohlen befestigte Eisenschienen. Und dahinter nichts. Die Halle verlor sich in die Tiefe. Althea ließ eine Lichtkugel entstehen und schickte sie vorsichtig über den Abgrund hinaus. Das Licht sank. Und sank weiter. Und verschwand schließlich. Die Tiefe verschluckte es. Niemand sagte etwas. Vor ihnen lag eine gewaltige Klamm im Inneren des Berges. Auf ihrer Seite zog sich ein hölzernes Gerüst an der Felswand entlang. Gegenüber erhob sich natürlicher Stein, durchzogen von Stollen und Eingängen, die von schweren Balken gestützt wurden. Hurdin sog hörbar die Luft ein.
Das Gerüst knarrte unter ihrem Gewicht. Furka trat bis an den Rand. Tondar stellte sich unmittelbar neben ihn. Mit genau jenem Blick, der deutlich machte, dass Furka besser keine Dummheiten machen sollte. Archon betrachtete derweil die Runen, die neben einigen der Stolleneingänge eingemeißelt waren. Jahrhundertealte Markierungen. Förderstollen. Belüftungsschächte. Lagerbereiche. Eine Sprache aus Symbolen und Stein. Sie folgten der Galerie zunächst nach links. Treppen führten hinunter. Andere wieder hinauf. Die Schienen begleiteten sie wie ein roter Faden. Nach einiger Zeit kehrten sie um und gingen in die andere Richtung.
Dort weitete sich die Galerie. Und schließlich erreichten sie eine Stelle, an der mehrere gewaltige Erzrutschen in die Tiefe führten. Althea trat vor. Sie hob den Stab. Leuchtete in die Dunkelheit. Ein Kiesel geriet unter ihren Fuß. Dann noch einer. "Althea—" Zu spät. Mit einem überraschten Laut verschwand sie. Geröll setzte sich in Bewegung. Steine polterten in die Tiefe. Hurdin versuchte noch nach ihr zu greifen. Verfehlte sie. Stieß eine sehr zwergische Bemerkung aus. Und sprang hinterher. Keldi breitete die Arme aus. "Nein." Die anderen hielten inne. Aus der Tiefe drangen Stimmen. Unverständliche Laute. Keine Schmerzensschreie. Kein Hilferuf. Das genügte. Sie orientierten sich kurz.
Dann liefen sie die Galerie entlang. Vorbei an den Schienen. Vorbei an einem Stollen. Bis sie eine Tür erreichten, die tiefer in den Berg führte. Kurz darauf fanden sie Althea. Sie stand in einer Halle. Und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Als wäre nichts geschehen. Hurdin kniete wenige Schritt entfernt vor einem Erzbrocken. "Eisenerz." Er drehte das Gestein in den Händen. "Reichhaltig." Furka warf einen Blick darauf. Zuckte die Schultern. Und verlor augenblicklich jedes Interesse.
Die Halle war mit grob gebrannten Ziegeln ausgekleidet. An der Rückwand reihten sich mehrere Türen aneinander. Sie wählten eine davon. Dahinter fanden sie große Essen. Schmieden. Werkbänke. Werkzeuglager. Eine ganze Verhüttungsanlage. Verlassen. Still. Staub bedeckte die Böden. Althea kratzte etwas Ruß aus einem Kamin. Hurdin betrachtete ihn. "Lang verlassen." Furka hob ein Werkzeug auf. Betrachtete den Rost. Legte es wieder zurück. "Nichts mehr wert." "Dennoch wurde hier viel gearbeitet", stellte Archon fest. Sein Blick glitt über die Hallen. "Sehr viel."
Sie verbrachten einige Zeit mit der Erkundung. Dann kehrten sie zur Galerie zurück. Diesmal folgten sie ihr weiter nach Westen. Der Weg führte auf und ab. Über Treppen. An Stollen vorbei. Immer tiefer in den Berg hinein. Schließlich entschieden sie sich, einen der Minengänge näher zu untersuchen. Hier war nichts mehr verkleidet. Keine Ziegel. Kein Granit. Nur roher Fels. Gewaltige Balken stützten die Decke.
Hurdin blickte einen Moment umher. Dann zeigte er schräg nach links. "Der Kamin müsste dort liegen." Althea blinzelte. Sie hatte längst vergessen, dass sie überhaupt einen Kamin hinter sich gelassen hatten. Die Zwerge offenbar nicht. Sie folgten den Stollen. Links. Rechts. Wieder rechts. Schutthaufen. Eingestürzte Gänge. Verlassene Förderstrecken. Und tatsächlich. Irgendwann erreichten sie den Kamin wieder. Hurdin nickte nur kurz. Als hätte er nie daran gezweifelt. Sie untersuchten einige Einsturzstellen. Packten Schaufeln aus. Räumten Geröll beiseite. Doch hinter jedem freigelegten Abschnitt zeigte sich nur mehr Dunkelheit. Mehr Stollen. Mehr eingestürzte Bereiche. Mehr Arbeit. Keine Antworten. Schließlich gaben sie auf.
Der Nachmittag war vergangen. Oder das, was Althea inzwischen für einen Nachmittag hielt. Unter Tage war die Zeit zu etwas Seltsamem geworden. Es gab keine Sonne. Keine Schatten. Keine Wolken. Nur Müdigkeit. Und Hunger. Und die Frage, wann man zuletzt geschlafen hatte. Als sie zur Galerie zurückkehrten, ließen sie sich am Eingang eines Stollens nieder.
Tondar runzelte die Stirn, als er den letzten Schluck aus seinem Wasserschlauch nahm. Keldi lehnte sich gegen die Wand. Archon notierte noch einige Beobachtungen. Althea streckte die Beine aus. Und Furka setzte sich an den Rand. Die Beine über dem Abgrund baumelnd. Er blickte in die Tiefe. Irgendwo tropfte Wasser. Irgendwo knarrte altes Holz. Die Schienen verschwanden in der Dunkelheit. Und weit unter ihnen lag noch immer der Grund der Klamm verborgen. Einer nach dem anderen schloss die Augen. Döste. Schlief. Tief unter dem Finsterkamm war die Zeit zu etwas Eigenem geworden.
Und noch immer führte der Weg weiter nach unten.
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Zwerge am Svellt #38
Als sie erwachten, war die Galerie unverändert. Die Schienen verliefen noch immer über den Bohlenweg entlang der Klamm. Gegenüber zeichneten sich die dunklen Eingänge der alten Minenschächte ab. Irgendwo tropfte Wasser. Das Holz knarrte leise im Bergwind, der aus den Tiefen aufstieg. Furka war als erster auf den Beinen.
Während die anderen noch ihre Ausrüstung richteten und Wasserschläuche herumreichten, war er bereits den Schienen gefolgt. Ganz am oberen Ende der Galerie standen mehrere Loren. Das Holz war vom tropfenden Wasser aufgequollen, die Eisenbeschläge von Rost überzogen.
"Lasst mich mal sehen..." Er kniete sich neben eines der Räder, rieb sich nachdenklich den Bart und begann in seinen Taschen zu kramen. "Wenn ich..." Ein kleiner Tiegel kam zum Vorschein. Wenig später verteilte er eine zähe schwarze Schmiere auf den Achsen. Seine Verbände färbten sich dabei dunkel, doch das schien ihn wenig zu kümmern. Schließlich stemmte er sich gegen die Lore.
Zunächst geschah nichts. Dann ertönte ein langgezogenes Ächzen. Langsam setzte sich das Gefährt in Bewegung. "Ha!" Furka grinste zufrieden, kletterte auf die Lore und beugte sich zur Felswand hinüber, um die gegenüberliegende Seite ebenfalls zu behandeln. "Bewegt ... mal ... etwas", drang seine Stimme dumpf aus dem Inneren. Hurdin und Keldi wechselten einen Blick. Keldi hob die Augenbrauen. Dann stellten sich beide gegen die Lore und begannen zu schieben. Die Räder bewegten sich. Zunächst langsam. Dann leichter. "Genau ... so", erklang Furkas Stimme.
Im selben Augenblick krachte etwas. Hurdin verlor den Halt. Die Lore rollte plötzlich von selbst. Er machte noch einen Schritt hinterher. Dann zwei. Dann war sie bereits außer Reichweite. Die Räder ratterten über die Schienen. Das Gefährt wurde schneller. "Heya!" Für einen Augenblick tauchte Furkas Helm über dem Lorenrand auf. Dann verschwand die Lore in der Dunkelheit. Das Rattern entfernte sich. Wurde leiser. Wurde wieder lauter, als es von den Felswänden zurückgeworfen wurde.
Einen Moment standen sie einfach nur da. Dann setzte Tondar sich in Bewegung. Die anderen folgten. Über Bohlen. An Geländern vorbei. Die Galerie entlang. Das Gleis führte leicht abschüssig an der Felswand entlang. Althea spürte bald, wie ihr der Atem knapp wurde. Vor ihnen verlor sich das Gleis in der Dunkelheit. Dann hallte ein dumpfes Krachen durch die Klamm.
Stille. Althea war inzwischen vorne.
Die Gruppe erreichte den Bereich der Erzrutschen und lief weiter bis zu einem Poller, den sie am Vortag kaum beachtet hatten. Zwischen den Schienen lagen Trümmer. Eine verbogene Achse. Zersplittertes Holz. Aber kein Zwerg.
Althea hob den Stab. Licht fiel über die Bohlen. Hurdin riss einige Bretter zur Seite. Zunächst nichts. Dann ein leises Wimmern. Furka lag zwischen Geröll und Holzsplittern, nur wenige Schritt vom Rand des Abgrunds entfernt. Seine Ausrüstung war über den ganzen Bereich verstreut. Althea kniete sich neben ihn. Sein Blick wirkte glasig. Orientierungslos. Ihre Hand verschwand unter dem Umhang. Kurz darauf hielt sie eine kleine schimmernde Phiole in den Fingern. Vorsichtig flößte sie ihm den Inhalt ein.
Für einen Augenblick geschah nichts. Dann klärte sich sein Blick. Furka setzte sich auf. Schaute nach links. Nach rechts. Als hätte er keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Dann grinste er.
Das Grinsen hielt genau so lange an, bis ihm bewusst wurde, dass vier Gesichter auf ihn hinunterblickten. Vier sehr unterschiedliche Gesichtsausdrücke. Er räusperte sich. "Also." Niemand antwortete.
In diesem Moment bog Archon keuchend um die Ecke. Er blieb stehen. Sah die Trümmer. Sah Furka. Sah die Lore. "Natürlich", sagte er nur. Althea holte tief Luft. Sehr tief. Dann nahm sie Furka an der Hand. Und hielt ihn den Rest des Weges bemerkenswert nah bei sich.
Am Ende der Erzhalle entdeckten sie noch eine weitere Tür. Dahinter führte ein Gang einige Schritt weit geradeaus und endete abrupt. Ein sauber gemauertes Loch durchschnitt den Boden. Jenseits der Grube war eine weitere Tür zu erkennen. Furka beugte sich bereits vor. Hurdin packte ihn wortlos am Gürtel. "Nein."
Tondar trat an den Rand. Maß die Entfernung mit den Augen. Dann noch einmal. Keldi nickte. Hurdin legte ihm ein Seil um die Hüfte, während Keldi und Hurdin selbst festen Stand suchten. Tondar trat einige Schritt zurück. Nahm Anlauf. Und sprang. Für einen Herzschlag schien er über dem Nichts zu hängen. Dann landete er sauber auf der anderen Seite. "Natürlich", murmelte Archon.
Tondar befestigte das Seil am Türgriff. Rüttelte daran. Hurdin zog auf seiner Seite kräftig daran. Das Seil hielt. Einer nach dem anderen hangelten sie sich hinüber. Althea war nicht begeistert. Als sie mittig über dem Abgrund hing, hatte sie das Gefühl, als würde die Tiefe unter ihr die Luft einsaugen. Sie vermied es konsequent nach unten zu schauen. Als schließlich alle auf der anderen Seite standen, atmete sie hörbar aus.
Dahinter setzte sich das Labyrinth fort. Die Gänge wurden enger. Verwinkelter. Mehrfach stießen sie auf kleine Lagerräume, in denen fertige Eisenwaren auf Regalen lagen. Werkzeuge. Beschläge. Klingenrohlinge. An einer Wand ragte ein Hebel aus dem Mauerwerk.
Furka streckte bereits die Hand danach aus. Hurdin schob sie beiseite. "Nein." "Woher weißt du das?" "Weil du ihn betätigen willst." "Das ist kein Argument." "Doch." Sie gingen weiter.
Zwischen verrosteten Werkzeugen fanden sie einige Münzen. Das Metall war jenes eigentümliche rötliche Material, das ihnen bereits mehrfach begegnet war. Furka ließ die Münzen durch die Finger gleiten. "Seltsam." Archon nickte. "Und vermutlich alt." "Alt ist gut." "Das sagen immer nur Schatzsucher." "Weil es stimmt."
Schließlich gelangten sie zu einem Altar. Die Schriftzeichen darauf waren alt. Sehr alt. Althea und Archon beugten sich gemeinsam über die Inschriften. Mehrfach mussten sie einzelne Zeichen vergleichen. Vermutungen anstellen. Neu beginnen. Langsam ergaben die Fragmente einen Sinn. "Roglima hatte recht", murmelte Archon schließlich. "Das hier erwähnt tatsächlich den alten Zwergenkönig." Hinter dem Altar fanden sie eine kleine Krypta. Mehrere Steinsarkophage standen dort in stillen Reihen. Keiner von ihnen sprach laut. Die Zwerge schlugen Zeichen Angroschs. Althea jene Borons. Dann ließen sie die Toten wieder allein.
Am Ende eines langen Ganges erreichten sie schließlich eine weitere Treppe. Sie führte erneut nach unten. Noch tiefer in den Berg. Die vierte Ebene empfing sie mit Dunkelheit. Hier brannten keine ewigen Fackeln mehr. Althea beschwor eine Lichtkugel und ließ sie einige Schritt vor der Gruppe schweben. Langsam glitt der Schein durch die Schwärze. Die Wände hatten sich verändert. Die roten Ziegel kannten sie bereits von den oberen Bereichen der Binge. Doch hier wirkten sie anders. Sorgfältiger. Kunstvoller. Die Fliesen glänzten selbst nach Jahrhunderten noch schwach im Licht.
Keldi deutete auf Symbole, die in regelmäßigen Abständen in die Wände eingelassen waren. Angroschs Zeichen. Immer wieder. Archon betrachtete die Markierungen nachdenklich. "Wenn es hier tatsächlich ein Heiligtum geben sollte", sagte er schließlich, "dann kommen wir ihm näher." Niemand widersprach.
Die Luft schien wärmer geworden zu sein. Nicht viel. Aber genug, um aufzufallen. Sie folgten den Zeichen einen langen Gang hinab. Und gelangten schließlich in eine große Halle. In ihrer Mitte befand sich ein großes Wasserbecken. Darüber erhob sich ein kunstvoll gearbeitetes Pavillondach. Für einige Augenblicke standen sie einfach da und betrachteten den Ort. Dann runzelte Hurdin die Stirn. Zwischen den steinernen Verzierungen hatte er etwas gesehen. Ein Gesicht. Verzerrt. Grotesk. Nicht das Gesicht einer Statue. Das Gesicht eines Wasserspeiers. Im selben Augenblick löste sich die Kreatur mit einem Krachen aus dem Stein.
Sie sprang. Direkt auf Hurdin zu. Der Aufprall warf ihn beinahe zu Boden. Die anderen wollten ihm zu Hilfe eilen. Doch links und rechts des Beckens lösten sich weitere Gestalten aus dem Mauerwerk. Stein splitterte. Flügel entfalteten sich. Krallen scharrten über die Fliesen. Der Kampf war zäh. Mehr als einmal mussten die Zwerge ihre Stellung wechseln. Althea schleuderte Feuer. Tondar fluchte. Furka schlug mit bemerkenswerter Begeisterung auf alles ein, was Flügel hatte. Als schließlich wieder Ruhe einkehrte, lagen die Wasserspeier zerbrochen zwischen den Trümmern ihrer eigenen Verkleidungen.
Nur Hurdin hatte einige Blessuren davongetragen. Archon versorgte schweigend die Wunden. Währenddessen betrachtete Althea das dunkle Wasser hinter dem Beckenrand. Das Licht ihrer Kugel spiegelte sich auf der Oberfläche. "Ein Ort für rituelle Waschungen", mutmaßte Archon. Die Zwerge wechselten Blicke. Dann sahen sie wieder zu den zerstörten Wasserspeiern. Niemand sprach den Gedanken aus. Aber offenbar hatten die Erbauer dieses Ortes ihre Waschungen sehr ernst genommen.
Hinter der Halle setzte sich der Weg fort. Ein schmaler Kanal begleitete den Gang. In seinem Bett glitzerten kleine Rinnsale, die zwischen den roten Ziegeln hindurch ihren Weg suchten. Das Wasser war klar. Und kalt. Sie folgten dem Kanal tiefer in die Ebene. Die Zeichen Angroschs begegneten ihnen weiterhin in regelmäßigen Abständen. Mal kunstvoll in die Wände eingearbeitet. Mal nur als schlichte Reliefs.
Die Luft wurde wärmer. Nicht unangenehm. Aber merklich. Nach einiger Zeit weitete sich der Gang erneut. Vor ihnen lag ein rundes Loch, das von einer fein gemeißelten Brüstung eingefasst war. Vorsichtig traten sie näher. Althea ließ ihre Lichtkugel hinabgleiten. Tief unter ihnen glomm Gestein. Rot. Orange. Gelb. Wie die Glut einer gigantischen Esse. Die Wärme stieg ihnen entgegen.
Archon zog sein Notizbuch hervor. "Wasser und Feuer", murmelte er. "Was?", fragte Furka. "Wasserbecken. Kanäle. Jetzt das." Er deutete in die Tiefe. "Ein Kultort." Die Feder kratzte über das Pergament. "Wasser und Feuer." "Du schreibst wirklich alles auf." "Jemand muss es tun." Furka dachte kurz darüber nach. "Gut, dass ich das nicht bin." Sie zogen weiter.
Und schließlich erreichten sie die große Halle. Zunächst bemerkten sie nur die Größe des Raumes. Dann die Gestalten. Körper. Dutzende. Durcheinanderliegend. Über den Boden verstreut. Einige in Rüstungen. Andere nur in Lumpen. Althea verlangsamte ihre Schritte. Hurdin ebenfalls. Die Gruppe bewegte sich vorsichtig weiter. Zwischen den Leibern hindurch. Keiner sprach. Niemand berührte etwas. Dann öffnete sich ein Auge. Ein zweites. Ein drittes. Ein knochiger Arm stemmte sich vom Boden hoch. Metall schabte über Stein. Ein Zwerg erhob sich. Dann noch einer. Und noch einer. Zwischen ihnen richteten sich andere Gestalten auf. Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Untote Zwerge. Untote Krieger. Ehemalige Feinde. Jetzt vereint. Gegen die Lebenden.
"Bei Angrosch", murmelte Keldi.
Dann war keine Zeit mehr zum Reden. Der erste Untote erreichte sie. Die Gruppe versuchte ein Karree zu bilden. Doch der Angriff kam von allen Seiten. Althea wurde zurückgedrängt. Ein Schwert fuhr an ihr vorbei. Sie hob die Hand. Feuer brach aus ihren Fingern hervor. Der erste Untote ging brennend zu Boden. Ein zweiter trat über ihn hinweg. Hurdin kämpfte Schulter an Schulter mit Keldi. Tondars Axt beschrieb kurze, harte Bögen. Furka verschwand beinahe vollständig zwischen den Gegnern und tauchte immer wieder dort auf, wo ihn niemand erwartet hätte. Archon hielt sich zurück. Schleuderte einen Wurfdolch. Versuchte vor allem nicht erschlagen zu werden.
Der Kampf zog sich. Länger als ihnen lieb war. Schließlich fiel der letzte Untote. Die Halle wurde still. Wieder. Die Toten lagen dort, wo sie gefallen waren. Zwergenknochen neben menschlichen Gebeinen. Feinde im Leben. Verbündete im Tod. Althea lehnte sich schwer atmend gegen eine Wand. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Mit leicht zitternden Fingern zog sie eine Phiole hervor. Der Inhalt leuchtete kurz auf, als sie ihn trank.
Archon kniete bereits neben Hurdin. Dann bei Tondar. Dann bei Keldi. Wirselkraut wechselte den Besitzer. Verbände wurden angelegt.
Währenddessen wanderte Furka durch die Halle. Neugierig wie immer. Er hob einen Zweihänder auf. Die Klinge war schwer. Gut gearbeitet. Er wog sie in den Händen. "Mittelreichische Arbeit." Die anderen blickten auf. "Das ist nicht von hier." Er legte das Schwert wieder beiseite. Dann blieb er plötzlich stehen. "Althea." Sie trat zu ihm.
Zwischen den Gefallenen lag eine weitere Gestalt. Die Reste eines ledernen Ornats waren noch erkennbar. Ein Angroschpriester. Althea schlug schweigend ein Boronsrad. Währenddessen betrachtete Furka etwas, das die Leiche um den Hals getragen hatte. Ein steinernes Medaillon. Er drehte es im Licht. Hammer und Amboss. Schlicht. Aber kunstvoll gearbeitet. "Hammer und Amboss", sagte er leise. Fast zu sich selbst. Dann blickte er zu Hurdin. "Ich glaube, du solltest das nehmen." Hurdin sah überrascht auf. Nahm das Medaillon. Betrachtete es einen Moment. Dann legte er es sich um den Hals. Niemand kommentierte die Entscheidung. Aber irgendwie wirkte sie richtig.
Während die anderen ihre Ausrüstung sammelten, blieb Furka noch vor einem großen Rad stehen. Nachdenklich. Fast misstrauisch. Hurdin bemerkte den Blick. Und behielt ihn vorsichtshalber im Auge. Für alle Fälle.
Sie fanden den Ausstieg zum Kamin. Für einen Moment standen sie vor dem Schacht und blickten hinauf. Das Dunkel verlor sich irgendwo weit über ihnen.
Dann wandten sie sich wieder dem Kanal zu. Das Wasser glitzerte im Licht der Kugel. Die roten Ziegel reflektierten den Schein matt. Und irgendwo vor ihnen wartete die nächste Ebene.
Der Gang führte sie tiefer in die Dunkelheit. Dann stiegen sie eine weitere Treppe empor. Vor ihnen öffnete sich eine Halle von solcher Größe, dass selbst die Zwerge zunächst verstummten. Dunkles Wasser erstreckte sich über weite Teile des Raumes. Die Lichtkugel glitt hinaus. Immer weiter. Und zeigte doch nie das Ende der Halle. Zwischen ihnen und dem Wasser verlief ein fein gearbeitetes Eisengitter. Die Gruppe folgte dem Rand. Vorbei an mächtigen Säulen. Vorbei an Treppen, die ins Wasser hinabführten. Vorbei an endlosen Spiegelungen. Die Halle schien kein Ende nehmen zu wollen. Schließlich erreichten sie eine gegenüberliegende Treppe. Die Zwerge blickten auf die schwarze Wasserfläche hinaus. Niemand wirkte begeistert.
Althea trat näher. Murmelte einige Worte. Ihre Augen verengten sich. "Moment." Sie blickte ins Wasser. "Da." Niemand erkannte etwas. Althea schulterte ihr Gepäck ab und drückte es Furka in die Arme. "Pass darauf auf." Dann stieg sie die Treppe hinunter. Und watete ins Wasser. Zunächst reichte es ihr bis zu den Knöcheln. Dann bis zu den Knien. Dann bis zur Hüfte. Schließlich stand sie so tief, dass jedem der Zwerge das Wasser längst über den Kopf gegangen wäre.
Keldi verschränkte die Arme. Tondar blickte auf die Wasseroberfläche. Hurdin versuchte zu erkennen, wonach sie suchte. Furka schaute ihr einen Moment nach. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Eine Erkenntnis. Ein Gedanke. Eine Idee. Was bei Furka meist dasselbe war.
Er drückte Hurdin Altheas Gepäck in die Arme. Nahm Keldis Fackel. "Archon, komm." "Warum?" "Weil ich recht habe." "Das beantwortet die Frage nicht." Doch Furka war bereits unterwegs. Archon seufzte. Und folgte.
Althea bemerkte davon nichts. Sie bewegte sich langsam durch das Wasser. Blieb stehen. Tauchte unter. Kam wieder hoch. Schüttelte die nassen Haare aus dem Gesicht. Tauchte erneut. Umrundete den Bereich zwischen den Treppen. Keldi und Hurdin wechselten Blicke. Tondar kratzte sich am Bart. Nichts geschah. Dann erklang ein Ruf.
Althea tauchte auf. In ihrer Hand hielt sie etwas. Ein altes ledernes Bündel. Wasser tropfte davon herab. "Was zum..." Sie watete zurück. Die anderen beugten sich vor. Es war ein Wasserschlauch. Ein gewöhnlicher Wasserschlauch. Zumindest auf den ersten Blick. Althea schüttelte den Schlauch. Wasser ergoss sich heraus. Und floss. Und floss weiter. Und hörte nicht auf. Die Gruppe starrte auf den Schlauch. Das Wasser plätscherte auf die Oberfläche. Noch immer. Und noch immer.
Althea hob die Augenbrauen. Dann verschloss sie den Schlauch wieder.
Im selben Augenblick geschah etwas. Ein tiefes Gurgeln erfüllte die Halle. Die Wasseroberfläche begann sich zu bewegen. Dann sank der Wasserspiegel. Langsam. Aber unübersehbar. Strudel bildeten sich. Wasser floss ab. Die Halle begann sich zu leeren. Althea starrte auf den Schlauch in ihrer Hand. Dann auf das verschwindende Wasser. Dann wieder auf den Schlauch. "Nenn mich Latte, aber..." Sie hob ihn gegen das Licht. Der Schlauch war wieder prall gefüllt. Als hätte sie niemals einen Tropfen daraus gegossen.
Hurdin und Keldi blickten auf die sinkende Wasserfläche. Tondar blickte auf den Schlauch. Niemand sagte etwas.
In diesem Moment erschien Furka wieder auf der Balustrade. Archon hinter ihm. Etwas verschwitzt. Etwas staubig. Und deutlich weniger begeistert. "Wusst ich's doch", brummte Furka zufrieden. "Was?", fragte Althea. "Dass da ein Mechanismus sein muss." Er nickte in Richtung der unteren Ebene. "Großes Rad. Schöne Konstruktion. Hat sich kaum bewegt. Jetzt schon." Archon zog sein Notizbuch hervor. "Furka hat tatsächlich ein funktionierendes Entwässerungssystem gefunden." "Natürlich habe ich das."
Althea blickte auf den Wasserschlauch. Dann auf die sinkende Wasserfläche. Dann wieder auf den Wasserschlauch. Der Schlauch fühlte sich schwer an. Magisch. Mächtig. Und ausgesprochen verdächtig. Furka pfiff leise vor sich hin. Archon schrieb. Der Wasserspiegel sank weiter. Und irgendwo zwischen beiden Erklärungen blieb die Wahrheit angenehm unentschlossen.
Als Althea schließlich die Treppe wieder hinaufstieg, hielt sie den Schlauch noch immer in den Händen. Nachdenklich. Sehr nachdenklich. Sie betraten die freigelegte Halle. Die Fliesen glänzten feucht. Zwischen den gewaltigen Säulen suchten sie nach einem Weg. Zunächst fanden sie nichts. Dann umrundeten sie einen der Pfeiler. Und entdeckten eine massive eiserne Platte im Boden. "Eine Luke?" Hurdin kniete sich nieder.
Die Platte bewegte sich keinen Fingerbreit. Furka grinste. Und zog sein Brecheisen hervor. "Jetzt wird's interessant. "Mit vereinten Kräften stemmten sie die Platte auf. Darunter führte eine steinerne Treppe nach unten. Noch tiefer. Zur letzten Ebene der Binge.
Und als sie die ersten Stufen hinabstiegen, begann das Licht ihrer Kugel sich tausendfach in etwas zu spiegeln, das weit unten in der Dunkelheit wartete.
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Zwerge am Svellt #39
Am Fuße der Treppe angekommen, hielten sie unwillkürlich inne. Wände und Boden gleißten im Licht von Altheas Stab. Soweit das Auge reichte, war alles mit fein ziselierten goldenen Platten verkleidet. Der Schein ihrer Lichtkugel brach sich tausendfach auf den Oberflächen und warf rotgoldene Schatten durch die Gänge.
Für einen Moment sagte niemand etwas. Selbst Furka schwieg. Nicht Gier lag auf den Gesichtern der Zwerge. Sondern Ehrfurcht. Die Handwerker unter ihnen erkannten augenblicklich, was sie vor sich hatten. Jede einzelne Platte war bearbeitet. Jede einzelne war Teil eines größeren Musters. Jahrhundertealte Arbeit. Vielleicht Jahrtausende. Sie wandten sich nach rechts. Der Gang führte an einer Nische vorbei, in deren steinernen Regalen Schriftrollen und Pergamente lagerten. Staub bedeckte die oberen Fächer, doch weiter unten waren mehrere Bündel sorgfältig in weiße Tücher eingeschlagen.
Keldi öffnete eines davon. Zum Vorschein kam ein Gürtel. Die Glieder erinnerten an die Kraftgürtel, die sie weiter oben gefunden hatten, doch dieses Stück wirkte anders. Feiner. Eleganter. Die goldenen Glieder funkelten im Licht. Eine Weile betrachteten sie das Kunstwerk. Dann reichte Keldi ihn an Althea weiter. "Ein Geschenk, einer Prinzessin würdig." Althea lächelte nur leicht.
Archon hatte sich bereits den Pergamenten zugewandt. "Hier wird über Ornate geschrieben." Er blätterte durch mehrere Seiten. Dann trat er zu Hurdin. Zog das steinerne Medaillon hervor und hielt es neben eine Zeichnung. Zwei gekreuzte Hämmer. Dasselbe Symbol. "Interessant." "Sieht wie die Montur eines Schmieds aus", bemerkte Furka. Archon murmelte etwas Unverständliches. Doch seine Stirn legte sich in Falten. Während die anderen bereits weitergingen, blieb er noch einen Moment zurück und studierte die Dokumente.
Die Gänge führten sie an prächtigen Wohngemächern vorbei. Schränke voller fein gearbeiteter Kleidung. Truhen. Verzierungen. Eine große rituelle Axt. Nichts wirkte wie die Unterkunft eines gewöhnlichen Bergmanns. Dies war das Herz der Binge gewesen. Der Bereich ihrer Priester. Vielleicht sogar ihrer Herrscher. Schließlich gelangten sie in einen kleinen Wirtschaftstrakt. Und dahinter zu einem gewaltigen doppelflügeligen Tor.
Hurdin betrachtete das Schloss. Furka steckte die Nase dazu. Dann zog er grinsend den Schlüssel hervor, den er ganz oben am Kamin gefunden hatte. "Klassiker." Der Schlüssel drehte sich nur widerwillig. Dann begann der Boden zu zittern. Tief im Mauerwerk erklang ein langgezogenes Scharren. Stein auf Stein. Jahrhundertealte Mechanismen erwachten. Langsam schwang das Tor auf. Dahinter wurden die Gänge breiter.
Fast wirkte es, als würden sie eine Allee entlanggehen. In einer Nische standen steinerne Regale. Darin hingen lederne Schürzen. Hosen. Stiefel. Alles mit den gekreuzten Hämmern versehen. Archon zog eines der Pergamente hervor. Verglich Zeichnung und Ausrüstung. Dann nickte er langsam. "Die Ornate." Niemand sprach weiter. Die Luft war inzwischen wärmer geworden. Deutlich wärmer. Vor ihnen begann der Boden zu glühen. Zunächst rot. Dann heller. Dann weiß. Die Hitze flimmerte bereits sichtbar über den Platten.
Keldi hielt vorsichtig die Hand darüber. Sofort zog er sie zurück. Der Gang setzte sich dahinter fort. Geradeaus. Soweit sie sehen konnten. "Schmiedemonturen", sagte Furka schließlich. Er deutete auf die Kleidung. Zum ersten Mal wirkte selbst er unsicher.
Hurdin stand schweigend vor dem Gang. Langsam wanderte seine Hand zum Medaillon an seinem Hals. Einen Augenblick verharrte er. Dann zog er scharf die Luft ein. Das Medaillon vibrierte. Ganz leicht. Aber deutlich.
"Ich bin ja für alles zu haben", sagte Furka, "aber die Sache hier ist zu heiß." Niemand widersprach.
Hurdin blickte weiter auf die glühenden Platten. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Althea. "Ich komme mit dir." Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke. Dann nickte Hurdin. Und gemeinsam begannen sie, die Schmiedeornate anzulegen. Sie standen schließlich wieder vor dem glühenden Gang.
Hurdin vorne. Althea unmittelbar hinter ihm. Weiter hinten Keldi, Furka, Tondar und Archon. Niemand sprach. Die Hitze allein genügte, um jeden Gedanken auf das Wesentliche zu reduzieren. Hurdin setzte den ersten Schritt. Dann den zweiten. Althea folgte. Zunächst war da nur Wärme. Wie die Nähe einer Esse. Wie ein Sommertag in Khunchom. Dann wurde daraus Hitze. Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. Die Luft wurde schwer. Jeder Atemzug schien mehr Kraft zu kosten als der vorherige. Sie gingen weiter. Der Gang zog sich endlos vor ihnen hin. Das Glühen der Bodenplatten wurde heller. Rot. Orange. Weiß. Althea spürte Schmerz durch die Sohlen ihrer Stiefel dringen. Instinktiv wollte sie stehen bleiben.
Doch Hurdin schritt weiter. Unbeirrt. Als würde ihn etwas voranrufen. Die Luft flimmerte. Der Schweiß lief ihr inzwischen über Schläfen und Nacken. Die Lederkleidung klebte an ihrem Körper. Ein weiterer Schritt. Noch einer. Sie stolperte leicht. Ihre Hand suchte Halt. Fand Hurdins Schulter. Er sagte nichts. Blieb nicht stehen. Ging weiter. Althea biss die Zähne zusammen. Die Hitze wurde unerträglich. Sie hatte das Gefühl, ihre Beine würden brennen. Ihre Gedanken begannen zu verschwimmen. Es gab nur noch den Gang. Die Hitze. Und Hurdins Rücken vor ihr.
Dann. Plötzlich. War es vorbei. Der Boden unter ihren Füßen wurde wieder kühl. Normale Luft strömte ihr entgegen. Althea blieb stehen und rang nach Atem. Vor ihnen setzte sich der goldene Gang noch einige Schritt fort.
An der linken Wand befand sich ein Relief. Gekreuzte Hämmer über einem Amboss. Darüber eine kreisrunde Scheibe aus schimmerndem Metall. Hurdin trat näher. Althea ebenfalls. Beide betrachteten schweigend die Darstellung. Dann zuckte etwas durch Altheas Gedanken. Ein Bild. Ein Pergament. Eine Zeichnung. "Das Dokument..." Im selben Moment hob Hurdin den Kopf. "Die Fackel." Althea zog die Fackel hervor, die sie auf der ersten Ebene eingesteckt hatte. Sie entzündete sie. Die Flamme loderte auf. Dann berührte sie die Metallscheibe. Nichts geschah. Einen Herzschlag lang. Zwei. Dann begann der Berg zu grollen. Tief. Langsam. Die Wand erzitterte. Staub rieselte von der Decke. Mit einem dumpfen Rumpeln hob sich das Mauerwerk vor ihnen. Ein verborgener Eingang wurde sichtbar.
Dahinter lag ein Raum. Erleuchtet von fernem Feuer. Sie traten hindurch. Und fanden sich in einer gewaltigen Halle wieder. Kohlebecken standen in regelmäßigen Abständen entlang der Wände. In jedem glomm rote Glut. Der eigentliche Schein jedoch kam aus dem Zentrum. Dort erhob sich ein Kreis mächtiger Säulen. Zwischen ihnen flackerte orangefarbenes Licht. Es roch nach Kohle. Nach Metall. Nach einer Schmiede. Doch nicht nach einer gewöhnlichen Schmiede. Die unerträgliche Hitze des Ganges war verschwunden. Hier herrschte jene gleichmäßige Wärme, die jeder Zwerg als angenehm empfand. Wie der Atem einer großen Esse. Wie das Herz eines Berges.
Langsam gingen sie voran. Vorsichtig. Ehrfürchtig. Das Licht spiegelte sich auf den goldenen Oberflächen. Schatten wanderten über die Wände. Als sie den Säulenkreis erreichten, sahen sie das Zentrum des Heiligtums. Ein rundes Becken. Gefüllt mit glühendem Metall. Zur rechten ein Amboss. So groß, dass selbst Hurdin davor klein wirkte. Althea streckte unwillkürlich die Hand danach aus. Dann hielt sie inne.
Im selben Augenblick erklang ein Hammerschlag. Metall auf Metall. Tief. Gewaltig. Der Klang hallte durch die Halle. Aus dem Rauch hinter dem Amboss trat eine Gestalt hervor. Breit. Mächtig. Fast riesenhaft. Ihre Haut erinnerte an Lehm und Stein. Graublau. Die Gesichtszüge wirkten nicht geformt. Sondern gemeißelt. Wie die Statue eines Gottes.
Die Gestalt trat an den Amboss. Stützte beide Hände auf den Hammer. Und blickte Hurdin an. "Habt ihr das Pfand?" Hurdin löste langsam das Medaillon von seinem Hals. Das steinerne Zeichen von Hammer und Amboss. Er trat vor. Und legte es in die ausgestreckte Hand der Gestalt. Das Wesen betrachtete es einen Moment. Dann wandte es sich wortlos ab. Es trat zur Esse. Legte Kohlen nach. Dann Erz. Die Glut wurde heller. Weißer. Nach einer Weile zog die Gestalt einen weißglühenden Metallstab aus dem Becken. Begab sich zum Amboss. Und hob den Hammer. Der erste Schlag hallte durch die Halle. Dann der zweite. Dann der dritte. Regelmäßig. Unaufhaltsam. Wie der Herzschlag des Berges selbst.
Hurdin stand reglos. Gebannt. Althea trat einige Schritte zurück. Betrachtete die Esse. Das geschmolzene Metall. Die goldenen Säulen. Den Rauch. Den Feuerschein. Langsam umrundete sie den Säulenkreis. Während hinter ihr die Hammerschläge weiterfielen. Schlag um Schlag. Unverändert. Unermüdlich. Als sie schließlich wieder zum Amboss zurückkehrte, war aus dem Metallstab eine Klinge geworden. Lang. Schlank. Rot schimmernd. Die Hammerschläge fielen weiter.
Und Althea hatte den Eindruck, als hätte sie einen Ort betreten, an dem Zeit keine Bedeutung mehr besaß. Als Althea erneut am Amboss ankam, waren die Hammerschläge verstummt. Die plötzliche Stille wirkte beinahe fremd.
Das Wesen stand noch immer vor der Esse. In seinen Händen hielt es nun ein Schwert. Die Klinge war lang. Rot wie glühendes Eisen kurz vor dem Erkalten. Feine Muster liefen über das Metall, als würden darin Flammen erstarren und wieder aufleben. Der Schmied hob die Waffe vor sich. Betrachtete sie. Prüfte ihr Gleichgewicht. Dann wandte er sich Hurdin zu. "Nehmt." Hurdin trat vor. Das Schwert wirkte überraschend leicht, als er es entgegennahm. "Und tauscht es gegen das, wofür ihr gekommen seid." Mehr sagte das Wesen nicht. Es drehte sich um. Trat zurück in den Rauch. Und verschwand. Einfach so. Als wäre seine Aufgabe erfüllt.
Hurdin blickte auf die Klinge. Althea beobachtete ihn einen Moment. Dann fing sie seinen Blick auf. Und deutete auf einen Gang, der sich hinter den Säulen fortsetzte. "Ich glaube, es geht dort entlang." Fast ein Flüstern. Hurdin nickte. Gemeinsam betraten sie den Gang. Schon nach wenigen Schritten begann das Schwert in seinen Händen zu vibrieren. Ganz leicht. Dann stärker. Die Spitze zog in eine bestimmte Richtung. Als würde die Waffe selbst den Weg kennen. Althea spürte gleichzeitig etwas anderes. Schwere. Nicht körperlich. Etwas Unsichtbares. Jeder Schritt fiel ihr schwerer. Die Luft schien dichter zu werden. Die Entfernung zwischen den Säulen und dem Ausgang des Heiligtums größer. Sie blieb stehen.
Hurdin bemerkte es erst einige Schritte später. Er drehte sich um. "Alles in Ordnung?" Althea schwieg einen Moment. Dann lächelte sie schwach. "Ich glaube..." Sie holte Luft. "Ich glaube, das ist dein Weg." Hurdin musterte sie. Fragte nicht weiter. Er nickte nur. Dann wandte er sich wieder um. Und ging weiter.
Althea sah ihm nach. Bis er hinter den nächsten Kohlebecken verschwand. Dann kehrte sie langsam zum Eingang des Heiligtums zurück. Das Licht ihres Stabes entfernte sich mit ihr. Und nach und nach blieb nur noch der rote Schein der Glut zurück.
Hurdin ging allein weiter. Der goldene Gang wurde von Kohlebecken gesäumt. Ihr Licht flackerte auf den Wänden. Das Schwert zog ihn voran. Schritt für Schritt. Ohne Zögern. Am Ende des Ganges öffnete sich ein weiterer Raum. Dort standen Truhen. Dutzende. Manche offen. Manche geschlossen. In einigen lagen Goldmünzen. In anderen Edelsteine. Geschmeide. Armbänder. Kelche. Reichtümer, die ausgereicht hätten, um kleine Königreiche zu kaufen.
Hurdin blieb stehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Er ließ den Blick schweifen. Von links nach rechts. Über die Schätze Angroschs. Über Gold. Über Edelsteine. Über Dinge, deren Wert sich kaum beziffern ließ. Das Gefühl war überwältigend. Ein Zwerg. Allein. Vor einem Hort von unvorstellbarem Reichtum. Warum nicht? Warum nicht eine Truhe? Nur eine? Oder einen Arm voller Edelsteine? Niemand würde es erfahren. Das Schwert ruhte schwer in seiner Hand.
Dann schloss Hurdin die Augen. Und vor seinem inneren Auge erschien ein Gesicht. Rotgoldene Locken. Graublaue Augen. Ein leichtes Kopfschütteln. Nicht vorwurfsvoll. Nur bestimmt. Althea.
Hurdin öffnete die Augen wieder. Im selben Moment schwang das Schwert herum. Die Spitze zeigte nach rechts. Nicht auf Gold. Nicht auf Edelsteine. Auf eine einzelne Truhe. Weit am Rand. Hurdin folgte. Dort lag auf einem samtenen Kissen ein Stein. Oder etwas, das wie ein Stein aussah. Von der Größe einer großen Zwergenfaust. Metallisch. Vielfacettiert. Schillernd. Farben liefen über seine Oberfläche. Rot. Blau. Gold. Grün. Und wieder zurück.
Hurdin hob ihn vorsichtig auf. Der Stein war leichter als erwartet. Und dennoch schien etwas in seinem Inneren zu leben.
Der Salamanderstein.
Er stand einen Moment reglos da. Den Stein in der rechten Hand. Das Schwert in der linken. Dann erschrak er beinahe über sich selbst. Langsam legte er das Schwert quer über die geöffnete Truhe. Dort, wo es hingehörte. Der Tausch war vollzogen. Für einen Augenblick blickte er noch einmal durch den Raum. Zu den Schätzen. Zu den weiteren Türen. Zu den Geheimnissen, die tiefer in den Berg geführt hätten. Dann holte er tief Luft. Und machte sich auf den Rückweg.
Althea wartete. Die Zeit tropfte dahin wie Wasser von einem Höhlendach. Irgendwann hatte sie aufgehört abzuschätzen, wie lange Hurdin fort war. Sie blickte immer wieder zu den glühenden Platten zurück. Zu dem Weg, den sie noch einmal würden gehen müssen. Dann hörte sie Schritte. Ruhig. Gleichmäßig. Sie hob den Kopf. Hurdin trat aus dem Halbdunkel des Heiligtums.
Für einen Moment hatte sie den Eindruck, er würde schneller gehen, als er sie erkannte. Nur ein wenig. Fast unmerklich. Dann sah sie den Stein. Das vielfarbige Funkeln in seiner Hand. Und alles andere trat in den Hintergrund. "Du hast es geschafft." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Hurdin antwortete nicht. Er hielt ihr einfach den Stein entgegen. "Darf ich?" Sie nahm ihn vorsichtig. Ein leichtes Kribbeln lief durch ihre Finger. Starke Magie. Sehr starke Magie. Einen Augenblick betrachtete sie das geheimnisvolle Schillern. Dann gab sie ihn zurück.
Hurdin nahm den Salamanderstein wieder an sich. Und gemeinsam wandten sie sich dem glühenden Gang zu. Dem Weg zurück. Der Rückweg war das gewesen, wovor Althea sich gefürchtet hatte. Seit Hurdin im Heiligtum verschwunden war, hatte ihr Blick immer wieder auf den glühenden Bodenplatten geruht. Die Zeit war dahingetropft. Langsam. Unmerklich. Nun standen sie wieder davor.
Hurdin vorne. Der Salamanderstein sicher verwahrt. Althea unmittelbar hinter ihm. Sie setzten sich in Bewegung. Die erste Hitze war noch erträglich. Dann kam die zweite. Und die dritte. Die Luft begann erneut zu flimmern. Althea spürte, wie ihr Schweiß über Stirn und Wangen lief. Jeder Schritt wurde zur Anstrengung. Hurdin schritt weiter. Unbeirrt wie zuvor. Sie legte die Hand auf seine Schulter. Spürte das Leder der Schmiedekleidung. Spürte die Wärme darunter. Und ging weiter. Mehr als einmal musste sie die Zähne zusammenbeißen. Mehr als einmal krallten sich ihre Finger in seine Schulter. Der Schmerz in ihren Füßen wurde beinahe unerträglich. Doch schließlich erreichten sie wieder den goldenen Boden. Die Hitze blieb hinter ihnen zurück.
Hurdin blieb stehen. Sein Gesicht war von Schweiß überströmt. Althea machte noch zwei Schritte. Dann versagten ihr die Beine. Keldi fing sie auf. "Langsam." Sie nickte nur. Während sie wieder zu Atem kam, betrachteten die anderen schweigend den Salamanderstein. Selbst Furka sagte für einige Augenblicke nichts. Dann reichte Hurdin den Stein vorsichtig weiter. Von Hand zu Hand. Jeder betrachtete das geheimnisvolle Schillern. Jeder spürte das leichte Kribbeln der Magie. Und jeder gab ihn schließlich wieder zurück.
Danach tranken sie aus dem immerwährenden Wasserschlauch. Das Wasser war kühl. Frisch. Belebend. Fast unwirklich nach der Hitze des Heiligtums. "Angrosch", murmelte Tondar. Hurdin nickte. Keldi ebenfalls. Dann wandten sie sich endgültig vom Heiligtum ab.
Als sie die Garderobe der Schmiedeornate erreichten, legten Hurdin und Althea die besondere Kleidung wieder ab. Die Lederstücke wirkten schwer. Alt. Von zahllosen Trägern benutzt.
Althea nahm gerade das Wams von den Schultern.
Da verschwamm die Welt.
Für einen Herzschlag.
Vielleicht zwei.
Plötzlich spürte sie das Gewicht wieder.
Nicht in ihren Händen.
Auf ihren Schultern.
Als hätte jemand die Kleidung erneut um sie gelegt.
Als hätten sich zwei große Hände auf sie gesenkt.
Nicht drohend.
Nicht feindselig.
Warm.
Bestimmt.
Wie die Hand eines alten Gottes.
Die Last drückte sie leicht nieder.
Dann war der Moment vorbei. Althea blinzelte. Stand wieder in der Garderobe. Das Wams lag zusammengefaltet in ihren Armen. Nichts hatte sich verändert. Und doch hatte sich etwas verändert. Langsam legte sie das Leder beiseite. Nahm ihren Umhang. Und hüllte sich darin ein. Sie sprach mit niemandem darüber.
Die Erschöpfung der letzten Tage holte sie nun endgültig ein. Sie rasteten hinter dem Tor des Heiligtums. Dort unten schien nichts zu leben. Keine Schleifspuren. Keine kratzenden Geräusche. Kein Rascheln im Dunkel. Nur die uralten Hallen. Der Schlaf kam schnell. Und blieb unruhig. Träume von Gold. Von Feuer. Von Hammerschlägen. Von Dingen, die älter waren als jede Zwergenstadt.
Als sie erwachten, machten sie sich an den Aufstieg.Den langen Weg zurück.
Durch die Halle mit dem ehemals gefluteten Becken.
Den Kanal entlang.
Vorbei am Brunnen der Wasserspeier.
Durch Werkstätten.
Durch Lagerhallen.
Durch die Galerie über der Klamm.
Durch die verlassenen Wohnräume.
Durch die alten Werkzeugkammern.
Ebene um Ebene.
Stunde um Stunde.
Bis sie schließlich wieder vor dem großen Portal standen.
Dort saß noch immer das Skelett. Unverändert. Die leeren Augenhöhlen auf die Dunkelheit gerichtet. Als hätte es die ganze Zeit auf sie gewartet. Althea wurde erneut unbehaglich zumute. Keldi zog den großen Silberschlüssel hervor. Den Preis des Kobolds. Den Schlüssel der alten Regeln.
Er trat an das Tor. Legte die Hand auf den Flügel. Und steckte den Schlüssel ins Schloss. Einen Moment geschah nichts. Dann ging ein leises Raunen durch den Stein. Der Mechanismus erwachte. Langsam. Würdevoll. Die Torflügel begannen sich zu öffnen.
Die Gruppe trat hindurch. In einen Vorraum. Kalte Kohlebecken standen entlang der Wände. Niemand sprach. Sie gingen weiter. Vor ihnen erhob sich eine Treppe. Hoch. Sehr hoch. Und sie stiegen. Stufe um Stufe. Bis ihre Beine schwer wurden. Bis Althea glaubte, die Treppe müsse den ganzen Berg durchqueren.
Dann wurde die Luft anders. Frischer. Kühler. Und schließlich erreichten sie den oberen Ausgang. Vor ihnen lag der freie Raum einer gewaltigen Höhle. Nicht mehr die Enge der Binge. Nicht mehr ihre Dunkelheit. Sondern Weite. Lampenlicht. Straßen. Steinerne Häuser.
Und die Zwergenstadt Finsterkoppen.
Tief im Berg hatten sie den Salamanderstein gefunden.Nun standen sie wieder unter den Lebenden.
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