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Zwerge am Svellt
#21
Zwerge am Svellt #21

Sie hatten Dragans Haus verlassen. Furka gähnte unablässig, während er eine Handvoll Bonbons verteilte, die er irgendwo aufgetrieben hatte - oder eher jemand anderem auf unauffällige Weise abgenommen. Dem 'Vinsalter' hatte er immerhin eine Portion gelassen...

Die Straßen Lowangens lagen noch halb verschlafen da. Dennoch begann sich die Stadt bereits zu regen. Türen wurden geöffnet, Karren über Pflaster gezogen, Rauch stieg aus einzelnen Schornsteinen auf. Wieder nicht mit der Geschäftigkeit einer florierenden Handelsstadt, sondern mit jener angestrengten Betriebsamkeit von Menschen, die sich an ihre Aufgaben klammerten, um nicht an alles andere denken zu müssen.

"Neueydal müsste doch..." begann Althea. "...zwischen Eydal und Bunte Flucht liegen", ergänzte Archon ruhig. "Jenseits der alten Stadtbefestigung. Dort, wo die Gebäude etwas höher werden." "Haben die da ordentliches Bier?" fragte Furka hoffnungsvoll. "Oder eine Hammelkeule?" Sein Magen knurrte hörbar.

Sie schritten über den Marktplatz nach Osten. Vom Hesindetempel klangen Glocken herüber. Vor den Tavernen standen bereits kleine Grüppchen wartender Menschen. Hier und dort wurden dünne Schalen mit Eintopf ausgegeben, um die sich sofort gedrängt wurde. Wirkliche Mahlzeiten gab es nur noch selten. Sie machten einen weiten Bogen um die Markthalle und gingen an einem großen Gebäude entlang, das nach Altheas Vermutung den Magistrat beherbergte. "Das heißt, die haben da zu Essen?" fragte Furka sofort. Archon schnaubte trocken.

Dann erreichten sie eine Brücke, die sich zwischen zwei Torhäusern über einen rasch dahinströmenden Seitenarm des Svellt spannte. Das Geländer bestand aus hellem, kunstvoll geschnitztem Holz. "Die Regenbogenbrücke", sagte Althea leise. "Vom Tsa-Tempel gestiftet." Sie ließ einige Münzen als freiwilligen Brückenzoll zurück.

Als sie durch das Torhaus auf die andere Seite traten, schien es beinahe, als hätten sie eine andere Stadt betreten.

Bunte Flucht.

Die Straßen waren breiter. Die Häuser höher und besser erhalten. Filigrane Geländer liefen an steilen Treppen entlang, gepflegte Fassaden erhoben sich über kleinen Plätzen und in der Mitte eines großen Gevierts stand ein Tempel. Die Menschen hier wirkten ruhiger. Beherrschter. Man nickte ihnen höflich zu. Immer wieder waren Elfen unter den Passanten zu sehen. Flüchtlinge dagegen sah man kaum. Und doch lag auch hier etwas Erschöpftes über allem. Die Fassaden waren noch da, die Ordnung ebenfalls, aber dahinter schien die Kraft langsam zu verschwinden.

Althea steuerte direkt den Tempel an. Weißer Marmor, aber nicht wuchtig. Vier Zierbäume standen vor dem Eingang. "Tsa..." sagte sie leise. Im Inneren war es still. Kühl. Fast friedlich. Althea spendete einige Münzen, dann wandte sich eine Geweihte zu ihr um und erkannte sofort die tsageborene Jugend in ihren Zügen. Die beiden unterhielten sich lange und leise miteinander, während Furka an einer Säule lehnte und Bonbons mampfte.

Sie erfuhren vom Norden der Bunten Flucht, vom Zentrum der Wehranlagen der äußeren Stadtmauer und von einem alten Fluchttunnel, der einst zu einer inzwischen verfallenen Festung außerhalb der Stadt geführt haben sollte. "Gibt es da dann etwas zu Essen?" fragte Furka. Niemand beantwortete die Frage.

Sie zogen weiter nach Osten und schließlich nach Süden, Richtung Neueydal. Irgendwann öffnete sich vor ihnen ein großer Platz, auf dem aus allen Richtungen Straßen zusammenliefen. In seiner Mitte lagen noch immer gepflegte Hecken eines Lustgartens. Dahinter schimmerte rosafarbener Marmor.

Es war kurz vor Mittag.

Die am Platz gelegene Taverne Salamanderstein war ein exquisites Haus. Rosenholz. Blumenbouquets, von denen niemand so recht wusste, woher sie in diesen Zeiten überhaupt kamen. Die Wirtin empfing sie mit einem Zwinkern und jener aufgesetzten Leichtigkeit, die wohl einmal ganz selbstverständlich zu diesem Ort gehört hatte. Was immer ihr Wunsch wäre... Unterkunft? Vielleicht das Wunderland am Nordrand des Platzes. In einer Nische saß eine rothaarige Frau namens Rahjada und machte anzügliche Bemerkungen darüber, was sie sich alles vorstellen könnte.

Nichts davon half ihnen weiter. Und Althea mied den Blick hinüber zum Rahjatempel.

Sie fragten sich weiter durch Tavernen und Herbergen. Von Gespräch zu Gespräch. Von Hoffnung zu Hoffnung. Bis ihnen schließlich die Wirtin des "Wasser und Wein" den entscheidenden Hinweis gab: Die Schwarze Jandora lebe hinter der "Großen Freiheit".

Es war bereits dunkel, als Althea an die Tür klopfte.

Ein kleiner Junge öffnete, dann erschien Jandora selbst. Dunkelhäutig, beleibt, in übertriebene seidene Kleidung des fahrenden Volkes gehüllt. Ihre Erscheinung wirkte beinahe wie eine Karikatur jener farbenfrohen Welt, die Lowangen einmal gewesen sein mochte. Was sie denn wollten? Einen Weg aus der Stadt? Das würde kosten. Ach, Dragan schickt euch?

Althea hatte plötzlich das Gefühl, diese Art von Gespräch schon einmal geführt zu haben.

Zwei schwere Beutel mit hundert Dukaten wechselten den Besitzer. Dafür bekamen sie die Information, sich an der Fluchtburg im Norden nach Meister Eolan zu erkundigen und dort zu sagen, sie kämen um "den Hof zu kehren".

Als sie das Haus wieder verließen, war es spät geworden.

Althea trat unschlüssig auf der Straße auf und ab. "Für das Gold hätten wir bestimmt ein Festmahl bekommen", murmelte Furka. "...wenn wir denn wüssten, wo man in dieser Stadt überhaupt Festmähler bekommt", entgegnete Archon trocken.

Der Tag war lang gewesen.

Sie schleppten sich den Weg zurück. Furka gähnte unablässig. Archon stolperte beinahe über das Pflaster. Als sie den großen Platz am Rahjatempel erreichten, blieb Furka stehen. "Egal, was du da hast - dort ist ein Ort zum Rasten." Er deutete auf den Garten um den Tempel. Althea ließ sich widerwillig hinüberziehen. Sie waren dort nicht die einzigen. Aber hier lagerten keine Flüchtlinge. Eher jene, die versuchten ihre Lage irgendwie zu betäuben. Kleine Gruppen saßen zwischen den Hecken zusammen und ließen Weinflaschen kreisen - offenbar war so etwas in der Bunten Flucht noch möglich. Zwischen Gebüschen und hinter Bäumen bewegten sich Schatten eng umeinander.

Eine künstliche, farblose Normalität.

Althea lehnte sich erschöpft gegen die kühle Marmorfassade des Tempels. Schloss die Augen und versuchte alles um sich herum auszublenden. Furka schnarchte bereits.

Althea fand in dieser Nacht keinen wirklichen Schlaf. Immer wieder schreckte sie hoch und wenn sie doch wieder eindöste, fand sie sich in Träumen wieder, die sie längst vergangen glaubte. Noch bevor die Sonne aufging, weckte sie einen zeternden Furka und Archon. "Frühstück?" fragte Furka hoffnungsvoll.

Sie nahmen den nördlichen Ausgang des Platzes, machten an einem Brunnen Halt und tranken schweigend. "Füllt irgendwie den Magen", stellte Furka fest. Dann bogen sie am Tsa-Tempel ab und gelangten in die nordöstlichste Ecke der Stadt.

Vor ihnen schälte sich die Fluchtburg aus der schwindenden Nacht. Trutzige Türme ragten empor.

"Ordo Defensores Lecturia..." murmelte Althea.
"Wattn?" fragte Furka.
"Der Orden der Grauen Stäbe", übersetzte Archon.

Dann hob Althea ihren Stab und klopfte gegen das Tor...
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#22
Zwerge am Svellt #22

Die Wachen musterten sie misstrauisch durch eine kleine Öffnung, bis Althea die Worte wiederholte, die ihnen die Schwarze Jandora genannt hatte. "Den Hof kehren..." Kurze Blicke wurden gewechselt. Dann öffnete sich das Tor einen Spalt weit und sie wurden in die Festung eingelassen. Die Fluchtburg wirkte nüchtern und funktional. Keine Zierden, keine Banner, keine offenen Feuerstellen, an denen gesprochen oder gelacht wurde. Männer und Frauen in grauen Roben oder einfachen Waffenröcken gingen schweigend ihren Aufgaben nach. Alles wirkte angespannt, aber geordnet. Lowangen hielt noch stand.

Nachdem man ihnen etwas Wasser gereicht hatte, führte man sie über enge Treppen und durch niedrige Gänge zu Meister Eolan. Der Weißhaarige empfing sie in einer kleinen Kammer, in der sich Pergamente und Karten stapelten. Sein Blick war wach und prüfend. Sie erklärten ihr Anliegen. Eolan hörte schweigend zu. Dann eröffnete er ihnen den Preis.

Ein verschollener Mann namens Agdan Dragenfeld müsse aus den Sümpfen zurückgebracht werden. Zwei der Gruppe würden als Pfand in der Fluchtburg verbleiben, bis die anderen mit dem Gesuchten nach Lowangen zurückkehrten. Erst dann könne die gesamte Gruppe die Stadt verlassen.

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Furka hob an zu reden, doch Althea hob die Hand. "Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wir haben Gold..."

Meister Eolan schaute sie nur prüfend an.

Sie drehte sich langsam zu ihren Begleitern um. "Ich... Wir..." "Ich könnte das ein oder andere Schläfchen gebrauchen..." meinte Archon und hielt sich die Hand vor den Mund. Furka war rot angelaufen. "Ich... Sie..." platzte es aus ihm heraus. Dann blickte er an Althea vorbei zu Eolan hinüber. "Gibt es hier wenigstens was zu Essen?" Eolan nickte knapp. Furka entspannte sich augenblicklich, wurde dann aber wieder ernst.

"Wirst du das schaffen, Mädchen?" Althea schluckte. "Es ist nur ein Tag bis zu Keldi und den anderen..." sagte Archon ruhig.

"Wenn ihr entschieden seid..." Meister Eolan hielt einen alt wirkenden Schlüssel hoch.

Althea umarmte die beiden Zwerge vielleicht ein wenig zu lange. Dann wandte sie sich gemeinsam mit Meister Eolan einer Treppe zu, die tief unter die Festung führte. Das letzte, was sie hörte, war Furkas Stimme: "Dann aber ein Bier, und zwar sofort!" Dann verschwanden ihre Schritte im Dunkel.

Der Gang unter der Fluchtburg war alt. Sehr alt. Feuchtigkeit rann an den Wänden herab und irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigem Rhythmus. Althea ließ eine kleine Lichtkugel über ihrer Handfläche entstehen und folgte Meister Eolan tiefer in den Stollen hinein. Irgendwann blieb der Weißhaarige stehen, deutete schweigend nach vorne und verschloss hinter ihr die schwere Tür.

Althea blickte nicht zurück.

Sie schritt allein weiter durch den langen Tunnel, bis sie in der Ferne Licht erkannte. Dann brüchiges Mauerwerk zwischen Ranken. Und schließlich den Himmel. Sie trat hinaus in den verfallenen Hof der Ruine Svelltstein, weit vor Lowangen. Die ehemalige Festung lag auf einer Klippe inmitten dichter Wälder südöstlich der Stadt. Mauern und Türme waren von Gestrüpp überwuchert, der hohe Turm wirkte zu brüchig, um ihn noch zu betreten. Zwischen den Steinen wuchsen kleine Bäume.

Althea verweilte nur kurz. Dann verließ sie die Ruine und stieg hinab zu einem alten Waldweg, der kaum noch genutzt aussah und sich durch den Wald zog. Sie wandte sich gen Norden. Erst nach einiger Zeit erkannte sie zwischen den Bäumen die verlassene Straße wieder, auf der sie wenige Tage zuvor nach Lowangen gelangt waren. Eine Weile beobachtete sie schweigend die leere Trasse, dann fasste sie all ihren Mut zusammen und machte sich auf den Weg Richtung Neulowangen. Wenn möglich hielt sie sich abseits der Straße zwischen Feldern und Böschungen. Jeder Schatten ließ sie zusammenzucken.

Doch nichts geschah. Noch vor Sonnenuntergang tauchten vor ihr die Wälder um Neulowangen auf. Dann das kleine Städtchen selbst.

Sie rannte beinahe die letzten Schritte über den zentralen Platz und stolperte durch die Tür der Herberge Sonne. Gespräche verstummten. Der Wirt und einige Gäste starrten sie an — ungewaschen, staubbedeckt und erschöpft. Dann erkannte der Wirt sie. Einen Augenblick später polterten schwere Zwergenstiefel die Treppe hinunter.

"Da seid ihr wieder! Was bei Ingerimm..." Keldi blickte sofort zur Tür, als erwarte er Furka und Archon hinter ihr. Hurdin half Althea wortlos auf einen Stuhl und drückte ihr einen Krug Wasser in die Hand, den sie gierig leerte. "Wo sind die anderen?" fragte Tondar vom Treppenabsatz. "Noch in Lowangen..." antwortete Althea leise.

Dann erzählte sie die Geschichte. Während sie sprach, wurden Keldis Knöchel weiß.

Später wusch Althea sich im Hinterzimmer den Staub der Straße vom Körper und wechselte in frische Kleidung, die Hurdin ihr hinuntergebracht hatte. Als sie wieder in die Gaststube trat, ließ sie gerade den Mondscheibenanhänger unter den Kragen gleiten und warf den Elfenumhang über die Schulter zurück. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich beinahe wieder wie ein Mensch.

Sie besprachen alles bei einem warmen Abendessen, das Althea vorkam wie das beste Mahl ihres Lebens. Danach sichteten sie schweigend ihre Ausrüstung. Keldi hätte ihr gerne einen weiteren Tag Ruhe gegönnt, doch Althea blieb entschlossen. "Wir müssen die beiden dort rausholen."

Am nächsten Morgen saßen die Zwerge bereits bei einem kräftigen Frühstück, als Althea von der Theke zurückkehrte. "Ich habe alles geklärt. Der Wirt verwahrt unser restliches Gepäck im Hinterzimmer. Vierzehn Tage. Bis dahin sollten wir zurück sein..."

Kurze Zeit später verließen sie Neulowangen Richtung Norden. Tondar ging wie immer voran. Keldi und Hurdin hatten Althea zwischen sich genommen. Leder knarzte. Kettenhemden klirrten.

Und während sie der Straße zum Sumpf folgten, dachte Althea: 'Und so sind wir im Krieg...'
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#23
Zwerge am Svellt #23

Sie marschierten schweigend und folgten einem schmalen Pfad, der sie jenseits der Wälder hinunter zum Lowanger Svellt führte. Vor ihnen tauchte ein dunkler Streifen Vegetation auf, feucht und reglos in der Mittagshitze. Schließlich stiegen sie durch ein flaches Kiesbett im Lowanger Svellt. "Da soll ein Drache durchkommen?" brummte Keldi und blickte den trägen Flusslauf entlang. Am westlichen Ufer gingen die flachen Kiesbänke unmittelbar in weite Schilfflächen über. Der Pfad bog ab und verwandelte sich bald in einen schlecht erhaltenen Bohlenweg, kaum breit genug für einen Handkarren.

"Es gilt..." Keldi zurrte sein Gepäck fester. "Das erinnert mich an die Hochebene im Steineichenwald..." meinte Althea leise und nahm ihren Stab in die Armbeuge. "Hoffentlich ist dieser Sumpf nicht gar so hungrig..." Hurdin blickte kurz zu ihr hinüber. 'Small Talk ist wohl aus', dachte Althea. Sie liebte alle Zwerge, aber Furka waren sie nicht.

Die Bohlen unter ihren Stiefeln knarrten und schwankten leicht. Zu beiden Seiten erstreckte sich dunkler Morast, in dem es gelegentlich blubberte oder kleine Luftblasen aufstiegen. Vor ihnen verliefen die Stege scheinbar endlos durch eine karge Moorlandschaft. Nur vereinzelt klammerten sich kleine Sträucher oder verkrüppelte Bäume an aus dem Sumpf ragende Felsen.

Je weiter sie vordrangen, desto stickiger wurde die Luft. Nach kaum einer halben Stunde brach der Sumpf plötzlich los.

Eine Horde affenartiger Wesen sprang kreischend aus dem Morast hervor. Althea, Keldi und Hurdin wurden auf den schmalen Bohlen zusammengedrängt und kämpften Rücken an Rücken, während Tondar einen Teil der heranstürmenden Kreaturen aufhielt, dann zur Seite sprang und begann, den Kampf von außen mit Bolzen einzudecken. Trotz der Bemühungen der beiden Zwerge drangen einige der Wesen bis zu Althea durch. Sie hielt sie mit dem Stab auf Abstand, duckte sich unter schlagenden Armen hinweg und schleuderte Feuer nach links und rechts. Die schwüle Luft erfüllte sich mit Rauch, Kreischen und dem Geruch verbrannten Fells.

Am Ende standen sie keuchend zwischen den schwankenden Bohlen, während Tondars Armbrust noch immer in die Richtung zeigte, in der der letzte der Angreifer im Sumpf verschwunden war.

Nach kurzem Sammeln verloren sie sich erneut zwischen den Bohlenwegen. Ein Weg endete plötzlich vor einem schwarzen Sumpfloch. An anderer Stelle stützte sich Tondar an einem Geländer ab und hielt einen Moment später das morsche Holzstück in der Hand.

Es ging weiter nach rechts. Dann noch einmal nach rechts.

Irgendwann tauchten in der Ferne einige Dächer auf. Der kleine Weiler lag auf einer etwas erhöhten Fläche zwischen Moor und Torfstichen. Stufenartig bearbeitete Abbauflächen zogen sich durch das sumpfige Gelände, doch nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Sie drückten sich gegen die Tür des größten Hauses. "Ist hier jemand?" rief Althea in die Dunkelheit.

Aus den hinteren Räumen antwortete nur ein schleifendes Geräusch. Dann schälten sich einige Zombies aus dem Schatten. Nichts, womit ein paar Zwergenäxte nicht fertig wurden. Doch als aus den Tiefen des Hauses weiteres Rascheln und Schlurfen drang, wichen sie zurück. Hurdin verbarrikadierte die Tür von außen. "Dann können sie da drinnen machen, was sie wollen."

Sie durchsuchten die umliegenden Schuppen und mit Häuten abgedeckten Lager. In einem kleinen Wandschrank fand Althea einige feuchte Pergamente und Zeichnungen. Etwas abseits des Haupthauses rasteten sie kurz. "Die Wesen waren wohl die Sumpfrantzen, von denen der Wirt gesprochen hat..." Althea hielt ein Pergament mit einer kruden Zeichnung empor. "Hier steht, sie seien irgendwie mit dem Sumpf verbunden... und etwas von Heidekraut..." Sie ließ das Blatt wieder sinken.

Die Zwerge schwiegen. Keldi nickte nur knapp.

Danach verloren sich die Stunden endgültig im Sumpf. Allerlei Getier lauerte zwischen den Bohlen und im Schilf. Immer wieder musste Tondar zurückweichen oder den Dolch ziehen, um Schlangen und anderes Gewürm fernzuhalten.

Doch irgendwann erwischte ihn eine Schlange doch.

Das Tier flog zischend zurück ins Wasser, während Tondar zusammengesunken auf den Bohlen kauerte und ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Althea wühlte hektisch in der Kräutertasche herum. Keldi suchte unter seinem Umhang und zog schließlich eine der glitzernden Phiolen hervor, die sie in Gashok erworben hatten. Tondar bekam sichtbar einen kurzen Schub davon, krümmte sich aber kurz darauf erneut zusammen. Erst eine zweite Phiole brachte schließlich Wirkung. Nach einigen Minuten kam Tondar wieder auf die Beine. "Ohne Archon ist das gar nicht so einfach..." murmelte Althea leise.

Der Sumpf zog sich. Die Bohlenwege verliefen mal nach links, mal nach rechts, verschwanden plötzlich im Morast oder führten in Sackgassen. "Ich habe das Gefühl, wir gehen seit Stunden im Kreis..." sagte Althea irgendwann erschöpft. "Ein Bohlenweg sieht aus wie der andere..." Niemand widersprach ihr.

Am späten Nachmittag steuerten sie auf eine kleine Erhebung zu, die mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Der federnde Moorboden ging dort langsam in versandete Anhöhen über. Hinter einer Kuppe fanden sie einen halb versunkenen Karren. Die Vorräte darauf wirkten noch frisch. Doch von den Besitzern fehlte jede Spur. "Der Sumpf schluckt Spuren schneller als sie entstehen..." sagte Tondar nur. Sie wechselten schweigend Blicke.

Als die Sonne den Horizont rot färbte, errichteten sie auf der Anhöhe im Schutz des Gestrüpps ihr Lager. Ringsum zirpten unablässig Insekten. Hin und wieder durchschnitt der Ruf eines Wasservogels die drückende Abendluft. Mit dem Wasser gingen sie inzwischen sparsam um. Trinkbares hatten sie bislang keines gefunden. Tondar übernahm die erste Wache, die Armbrust über der Schulter, während die anderen sich erschöpft niederlegten.

Mitten in der Nacht erwachte Althea plötzlich. Schlaftrunken blickte sie in die völlige Finsternis hinaus. Dann glomm irgendwo in der Ferne ein kleines Licht auf. Es verschwand wieder. Kurz darauf erschienen weiter links zwei weitere. Althea starrte einen Moment in die Dunkelheit.

Dann übermannte sie erneut die Müdigkeit.
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#24
Zwerge am Svellt #25

Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Himmel über den Sümpfen blau färbten, brachen sie wieder auf. Der Sumpf lag still vor ihnen.

Nur wenige Augenblicke später liefen sie einer Horde Zombies in die Arme.

'Zombie am Morgen...' dachte Althea erschöpft, während zwischen Schilf und Bohlen bereits wieder Zwergenäxte niedergingen.

Einige Wegbiegungen später griffen erneut Sumpfrantzen aus dem Morast an.

"Da muss irgendwo ein Nest sein..." murmelte Althea, während Tondar einen weiteren Bolzen einlegte.

Der Sumpf begann sich in ihrem Kopf festzusetzen. Sie ertappte sich dabei, innere Zwiegespräche zu führen, weil Furka nicht da war. Furka hätte längst irgendeine absurde Theorie entwickelt, dass alle Verschollenen des Sumpfes zuerst als Zombies wiederkehrten und sich irgendwann in Sumpfrantzen verwandelten. 'Hmm... Sumpfrantzen? Heidekraut?... Ach egal.' Die Gedanken verliefen irgendwann genauso im Moor wie die Bohlenwege.

Als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte und Althea sich sehnsüchtig nach ihrem Wasserschlauch sehnte, tauchte vor ihnen plötzlich eine grüne Insel mitten im Sumpf auf. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, dass dieser Ort sorgsam vom umliegenden Moor abgegrenzt worden war. Vielleicht lag er höher als der restliche Sumpf, vielleicht hielten niedrige Erdwälle das Wasser fern. Vor ihnen öffnete sich eine weite Wiese voller flacher Bodenblüher. Einige Bäume spendeten Schatten und zwischen ihnen lagen halbkugelförmige Behausungen verstreut. Jenseits des Dorfes glitzerte fließendes Wasser.

Zwischen den Behausungen entstand Bewegung. Humanoide Wesen sammelten sich mit langen Dreizacken in den Händen. Sie wirkten wie aufrecht gehende Salamander mit schuppiger Haut und unbeweglichen Augen.

Ein besonders prächtiges Exemplar trat vor und zischte ihnen etwas entgegen.

Althea drängte sich an Keldi und Hurdin vorbei. Sie erinnerte sich an alte Schriften aus ihrer Zeit in Khunchom — Abhandlungen über Zsahh und die H'Szint aus uralten Zeitaltern. Die kehligen Laute wirkten fremd, aber nicht völlig unbekannt. Zögernd antwortete sie. Das Wesen wechselte daraufhin in ein hart verzerrtes Garethi.

Fremde seien hier nicht willkommen. Niemand, der Unfrieden bringe oder diesen Ort missachte.

Althea versicherte, dass sie in guter Absicht gekommen seien und Hilfe benötigten.

Der Dorfvorsteher antwortete nur, niemand verdiene Hilfe, der nicht selbst helfen würde.

Ein gefräßiges Untier hause in alten Ruinen östlich des Dorfes und bedrohe die Bewohner des Sumpfes. Wenn sie diese Bedrohung beseitigten, könne man weitersehen.

Die Zwerge blickten Althea fragend an, als sie sich wieder zu ihnen umdrehte. "Wir müssen auf die Jagd..." Sie erklärte die Situation. Keldi musterte die Dorfbewohner aufmerksam. "Sie sagten, wir könnten am Rand der Ruinen rasten. Dort wäre es sicher. Aber im Dorf selbst sind wir nicht willkommen." Keldi neigte nur den Kopf. Tondar zuckte leicht mit den Schultern.

Nach einem letzten neugierigen Blick ins Dorf marschierten sie am Rand der Insel nach Osten weiter. 'Furka hätte sich wieder köstlich aufgeregt...' dachte Althea. 'Oder irgendwo eine Flasche Schnaps hervorgezaubert.'

Der Boden wurde wieder sumpfiger, blieb aber fester und sandiger als zuvor. Schon bald tauchten zwischen der Vegetation uralte Mauerreste auf. "Granit", stellte Hurdin mit Kennerblick fest. Vielleicht hatten sie einst zu einem größeren Komplex gehört, doch dahinter begann erneut dichter Sumpf. Sie folgten den Mauern weiter, bis sich südlich wieder offener Morast zeigte.

Es war bereits später Nachmittag. "Eine Jagd beginnt man besser ausgeruht", meinte Althea und legte die Hand über die Augen, um über das Moor zu spähen. Tondar nickte nur. "Wer weiß, wie weit das wieder geht."

Zwischen den alten Mauern fanden sie schließlich einen geschützten Platz für die Nacht. Keldi breitete schweigend die Vorräte aus, während Tondar die Wasserschläuche prüfte und dabei sichtbar unzufriedener wurde. Hurdin setzte sich auf einen Stein und musterte die Schneide seiner Orknase. Er winkte zu Keldi hinüber. Kurz darauf flog ihm ein Schleifstein aus Furkas Gepäck entgegen. Wenig später erklang ein ungewöhnlicher Fluch. Die drei Zwerge beugten sich über den Stein, brummelten leise miteinander und zogen die Augenbrauen hoch. Dann warf Hurdin den unbrauchbar gewordenen Schleifstein wortlos zur Seite und steckte die Axt wieder ein.

Die Nacht an den Ruinen war dunkler als irgendwo zuvor. Keine Irrlichter standen über den Mauern. Kein Laut störte ihre Rast. Noch vor Sonnenaufgang standen sie wieder mit gepackten Bündeln bereit und stiegen hinab ins Moor.

Dort scheuchten sie beinahe sofort eine Horde Sumpfrantzen auf, die offenbar nur wenige Schritte entfernt genächtigt hatte.

Wieder schien der Weg im Sumpf zu enden, bis Tondar einen kaum gangbaren Übergang über kleine Inseln aus Sand und Moorgras fand. Schließlich erreichten sie erneut einen uralten Bohlenweg. Dieser wirkte, als hätte ihn seit Jahren niemand mehr betreten. Also begann wieder das endlose Abschreiten der Bohlen.

Nach Osten.

Nach Norden.

Wenn man wusste, worauf man achten musste, konnte man zwischen Schilf und Nebel immer wieder Granitmauern erkennen. Und langsam wurden sie größer.

Zwischendurch scheuchten sie sogar eine kleine Orkpatrouille auf. "Hier?" fragte Keldi ungläubig. "So tief im Sumpf?"

Gegen Mittag erreichten sie schließlich die eigentlichen Ruinen. Sie ragten deutlich massiver aus dem Moor empor als die Mauerreste bei Ansvell. Ein riesiger Komplex aus zerborstenen Mauern, eingestürzten Hallen und überwucherten Wegen. Althea musste unwillkürlich an einen Tempel denken. Vielleicht nur, weil derartige gewaltige Anlagen häufig Tempel gewesen waren. Durch einen eingefallenen Torbogen spähten sie in das Innere. "Marmor..." murmelte Hurdin.

Vorsichtig folgten sie einem überwucherten Pflasterweg zwischen zerbrochenen Gesteinsblöcken. Nach Tagen dumpfer Moorlandschaft hallten ihre Schritte auf dem Stein seltsam laut. Je tiefer sie in die Ruinen vordrangen, desto stärker wurde der Geruch nach Tier und Blut. Schließlich erreichten sie einen großen Innenhof — oder vielleicht einst eine gewaltige Halle, deren Dach längst eingestürzt war. Zwischen den Marmortrümmern lag ein Haufen aus Ästen, Gestrüpp und Knochen.

"Ein Lager..." hauchte Althea.

Im nächsten Augenblick brach das Untier mit ohrenbetäubendem Gebrüll hervor.

Der Schlinger ragte über ihnen auf.

Gigantische Kiefer voller messerscharfer Zähne schnappten nach Althea, die taumelnd zurückwich, während Keldi und Hurdin herumfuhren und ihre Äxte hochrissen.

Althea fand Halt. Ihre Hand schnellte empor. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle und ein Feuerstrahl nie gesehener Helligkeit brannte sich in die Brust des Ungeheuers.

Der Schlinger bäumte sich auf.

Keldi stürmte vor und grub seine Axt tief in die Flanke des Untiers, während Hurdin sich zwischen die Bestie und Althea warf. Tondar sprang zur Seite und suchte fieberhaft eine Schussbahn.

Der Schlinger drang auf Hurdin ein. Blut spritzte. Althea sank keuchend auf ein Knie.

Keldi und Hurdin schlugen abwechselnd auf die Kreatur ein, während endlich die ersten Armbrustbolzen durch die Halle flogen. Dann verschwanden Zähne, Äxte und Klauen in einem einzigen Wirbel aus Gebrüll und splitterndem Stein.

Schließlich brach der Schlinger zusammen.

Ein Armbrustbolzen ragte aus seinem Auge.
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#25
Zwerge am Svellt #26

Der Rückweg erschien um einiges länger als der Hinweg, aber vielleicht verliefen sie sich auch und liefen wieder im Kreis. Irgendwann erreichten sie wieder die alten Ruinen und sahen dahinter die grüne Insel Ansvells im Moor liegen. Althea ging voran.

Der Häuptling der Echsenwesen empfing sie diesmal in leuchtenden Farben und mit aufgeregten Zischlauten. Offenbar hatte sich die Nachricht vom Tod des Schlingers bereits durch das Dorf verbreitet. Der Dorfvorsteher erklärte ihnen, dass er ihnen nun weiterhelfen wolle. Wenn sie Antworten suchten, müssten sie eine Frau aufsuchen, die in einem Wäldchen im Südosten der Sümpfe lebe.

Dann sprach er von einem zweiten Geheimnis. Von Agdan Dragenfels. Oder von dem, was von ihm übrig geblieben war. Der Mann sei verschwunden und gleichzeitig noch immer dort. Althea runzelte die Stirn. "Methanaturell..." murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen. Der Echsenhäuptling verstand den Begriff offensichtlich nicht, deutete aber nur in Richtung Süden.

Die Frau könne ihnen weiterhelfen.

Danach sammelten sich die Bewohner Ansvells um die Gruppe. Kaltnasse Hände legten sich auf ihre Unterarme. Augen schimmerten begeistert. Sie wurden durch das Dorf geführt, bekamen rohen Fisch angeboten und einen seltsam bitter schmeckenden Salat aus Sumpfgras. Einige junge Echsenweibchen zeigten Althea stolz ihre Eier, die in einem sorgfältig bewachten Gelege lagen. Kleinere Salamanderwesen liefen aufgeregt zwischen den Hütten umher, kletterten auf Hurdins breite Schultern und zogen ihm lachend am Bart, während der Zwerg stoisch sitzen blieb und versuchte seine Rührung zu verbergen...

Irgendwann legte sich der Trubel. Sie nächtigten mitten im Dorf. Es war eine der besten Nächte, die Althea seit langer Zeit erlebt hatte.

Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf.

Sie folgten zunächst denselben Bohlenwegen, die sie nach Ansvell geführt hatten, bogen dann jedoch nach Westen ab und waren bald wieder allein mit dem endlosen Moor und der Sommersonne über ihren Köpfen. Ein paar Zombies trieben sie schweigend zurück in den Sumpf. Noch vor Mittag tauchte vor ihnen ein dunkler Streifen am Horizont auf. "Dunkler Streifen vor dunklem Moor", bemerkte Tondar trocken - Anscheinend wurde es selbst den Zwergen langsam zu still.

Der Boden wurde fester. Schließlich erreichten sie ein dichtes Gehölz niedriger, verkrüppelter Bäume, zwischen denen sich kaum sichtbare Pfade durch dichtes Unterholz zogen. Sie bahnten sich vorsichtig ihren Weg. Die Stille, die bereits über dem Moor gelegen hatte, schien sich hier noch zu verdichten. Die seltsam verdrehten Baumkronen neigten sich über den Pfad und bildeten beinahe Tunnel aus Ästen und Schatten. Schließlich weitete sich das Gehölz zu einer Lichtung. Am anderen Ende stand eine windschiefe Bretterhütte. Das fahle Sonnenlicht verlieh dem Ort etwas Unwirkliches.

Sie blieben unschlüssig stehen und sahen sich an — in jener wortlosen Art von: Ich klopfe und du redest? Da öffnete sich plötzlich mit einem Knarren die Tür.

"Wenn du noch länger so herumstehst, wirst du noch altern und deine ganze Schönheit verlieren, mein Täubchen." Die Alte besaß eine hohe, kratzende Stimme. Keine Hakennase, keine Warzen — nur ein wettergegerbtes Gesicht unter weißem Haar.

Althea fühlte sich sichtbar unwohl, während die Alte sie musterte.

"Deine Schönheit sollte wert sein, entnommen und in Flaschen abgefüllt zu werden..." Die Zwerge rückten unwillkürlich näher an Althea heran.

"Eine Magierin mit fünf Zwergen..." fuhr die Alte fort. "...wie aus den alten Geschichten. Was können sie wohl für mich tun?"

Althea räusperte sich. "Wir... benötigen eure Hilfe."

Die Augen der Alten wurden schmal. Althea fasste sich und erzählte die ganze Geschichte. Lange herrschte Schweigen. Dann nickte die Alte langsam. "Ich kann euch helfen. Aber es wird dich kosten..." Althea erschauderte. "Nicht so, Kleines..." Die Alte erklärte, sie liege in Rivalität mit einem Magier, der am anderen Ende des Sumpfes in einem Turm hausen würde. Wenn sie ihr seine Kristallkugel brächten, würde sie ihnen helfen.

Kurz darauf schloss sich die Tür wieder.

Althea schüttelte sich unwillkürlich.

Sie verließen die Lichtung deutlich schneller, als sie sie betreten hatten. Später, als wieder nur Moor, Bohlenwege und flimmernde Hitze um sie lagen, kreisten Altheas Gedanken immer wieder um dieselbe Frage. 'Der Magier wird seine Kristallkugel sicher nicht freiwillig herausgeben... Aber wir können ihn fragen... Das heißt also gar nichts...' Das Moor zog sich endlos dahin. Steg um Steg. Biegung um Biegung. Nicht einmal Sumpfrantzen ließen sich sehen.

Der Nachmittag verging bleiern. Ein Schritt vor dem anderen. Die Nacht brach herein und noch immer knarrten Bohlen unter ihren Füßen, bis schließlich erneut die verfallenen Hütten der Torfstecher vor ihnen auftauchten. Diese Nacht pfiff ein kalter Wind über das Moor. Sie kauerten sich unter einen Unterstand, in respektvollem Abstand zum Haupthaus. Tondar hielt die erste Wache. Dann Keldi. Es musste gegen Mitternacht gewesen sein, als ein Schlurfen zwischen den Hütten erklang. Keldi griff sofort nach seiner Axt, halb in Erwartung, die Zombies hätten sich doch noch aus dem Haus befreit. Doch aus der Dunkelheit kamen keine Zombies. Es waren Ghule. Keldi stieß einen Warnruf aus und hob die Axt. Zombies, Ghule — was machte es für einen Unterschied, als was die Verschollenen des Sumpfes zurückkehrten...

Kurz vor Morgengrauen wurden sie noch einmal von einigen Zombies aufgeschreckt. Danach verließen sie den ungastlichen Ort endgültig. Es war noch dunkel. Sie orientierten sich am Wasserlauf. Der Turm des Magiers solle sich auf einer Insel befinden. Althea ließ eine kleine Leuchtkugel entstehen, die ihnen notdürftig den Weg über die Bohlen erhellte.

Jemandem jenseits des Moores mochte das Licht wie eines jener Sumpflichter erschienen sein.

Sie querten einen Wasserlauf über eine morsche Bohlenbrücke und gelangten schließlich in immer dichtere Schilfgebiete. Dann öffnete sich vor ihnen eine große Wasserfläche. Still lag der kleine See zwischen sumpfigen Ufern. Über Stunden umrundeten sie ihn. Schwüle Hitze hing über dem Wasser, dazu Wolken aus Insekten. Immer wieder spähten sie hinaus über Schilf und Wasserflächen, bis Tondar plötzlich innehielt.

"Ein dunkler Schatten... dort." Keldi kratzte sich missmutig am Hals. "Bist du sicher, dass das keine besonders dichte Wolke Fliegen ist?" Sie gingen weiter. Und tatsächlich erhob sich dort draußen etwas aus dem Wasser. Die Zwerge sahen sich unbehaglich an. "Nichts, um ein Floß zu bauen." Keldi hob die Hände. "Wenn wir die Bohlen nehmen, verbauen wir uns den Rückweg. Wenn das Holz überhaupt noch schwimmt..." Tondar schabte mit der Stiefelspitze Schleim von den Bohlen. Althea trat an das Geländer und prüfte mit ihrem Stab die Tiefe des Wassers.

"Schwimmen."

Die Zwerge starrten sie entgeistert an. "Da rein?" "Mit dem Kettenhemd?" "Das gibt sofort drei Zombies mehr..."

Am Ende blieb Tondar am Ufer zurück und bewachte die schwere Ausrüstung. Althea watete voran ins Wasser, während Keldi und Hurdin hinter ihr durch den Morast stapften und schließlich schwer atmend Richtung Seemitte hinausschwammen. Am anderen Ufer wartete Althea bereits, als die beiden Zwerge fluchend und Wasser spuckend aus dem See stiegen.

Die Insel war kaum groß genug, um den Turm zu tragen. Althea fühlte sich unwillkürlich an die einsamen Leuchttürme auf vorgelagerten Felsen der thorwalschen Küste erinnert. Vor ihnen erhob sich ein schweres Portal mit reich verzierten Beschlägen. Doch bevor sie eintraten, umrundete Althea den Turm einmal langsam und ließ die Hand über den rauen Stein gleiten. Dann blickten sie sich schweigend an. Keldi und Hurdin legten die Hände gegen die schweren Türflügel.

Mit dumpfem Knarren öffnete sich das Portal.

Und sie traten ein.
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#26
Zwerge am Svellt #27

"ICH HABE AUF EUCH GEWARTET!" hallte es durch die große Halle hinter dem Portal. "HABT IHR GEGLAUBT, DASS DIE AUGEN DES TURMS BLIND SEIEN?"

Am Ende der Halle saß auf einem thronähnlichen Sitz ein Mann in prunkvoller Robe. In seinen Händen glomm eine kristallene Kugel. Althea wollte anheben zu sprechen, da donnerte die Stimme erneut durch den Raum.

"IHR SOLLT DEN ZORN EINES MEINER DIENER SPÜREN!"

Der Boden erbebte. Ein Gluthauch fuhr über sie hinweg, als mitten in der Halle ein grelles Feuer emporschlug und sich zu der grob humanoiden Gestalt eines Djinns formte.

"WER WAGT ES MICH ZU RUFEN?!"

Das Feuer loderte auf. Althea hob instinktiv den Arm vor das Gesicht, um sich gegen die blendende Helligkeit abzuschirmen.

[Bild: Althea-im-Turm-des-Magiers.png]

"VERNICHTE DIE EINDRINGLINGE!"

"ALTER NARR, DER DU DENKST MICH ZU BEHERRSCHEN?!"

"Zu Hülf!" schrie Althea und wagte nicht, direkt in die Flammen zu blicken.

"DU WIRST MEINEM WILLEN GEHORCHEN!"

Ein brüllendes Lachen hallte durch die Halle. Das Feuer breitete sich entlang der Decke aus.

"Erbarmen!" Althea und die Zwerge hatten sich bereits zu Boden geworfen, während die Hitze über ihnen anschwoll.

"VERNICHTE SIIIE!"

Das Feuer steigerte sich zu unvorstellbarer Glut.

"Neeeiiin!" Althea kauerte sich zusammen, während sengende Hitze über sie hinwegschoss.

"ZU SPÄT, ALTER MANN!"

Das Feuer fuhr auf den Thron zu. Die Halle wurde von einer Helligkeit erfüllt, die jeden Gedanken auszulöschen schien. Ein gellender Schrei durchschnitt den Raum - und brach plötzlich ab. Als das Licht verging, waren auf dem Thron nur noch verkohlte Überreste zu erkennen. Das Feuer tobte noch einen Moment über die Hallendecke, schoss schließlich durch das geöffnete Portal hinaus in den Himmel und verschwand. Dann stand nur noch Asche in der Luft.

Althea hustete schwer, als die Hitze langsam nachließ. Keldi und Hurdin halfen ihr auf. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum Podest hinauf, in dessen schwelenden Resten die Kristallkugel noch schwach glomm. Althea riss den Umhang von der Schulter, hob die Kugel vorsichtig mit geschützten Händen auf - doch sie war bereits wieder kalt. Sie durchsuchten anschließend den Rest des Turms, fanden jedoch außer einigen Aufzeichnungen nichts von Bedeutung.

Danach traten sie den nassen Rückweg zum Ufer an. Tondar half ihnen aus dem Wasser und lauschte schweigend ihrer Erzählung. Er selbst habe nur ein plötzliches Aufblitzen von Licht gesehen und eine Rauchsäule, die gen Himmel gefahren sei.

Nachdem sie ihre Kleidung notdürftig ausgewrungen und die Ausrüstung wieder aufgenommen hatten, machten sie sich erneut auf den langen Weg durch den Sumpf. Sie umrundeten den kleinen See und marschierten zurück nach Süden, bis sie wieder die endlosen Moorflächen erreichten. Die Sommersonne lag erneut schwer und erbarmungslos über ihnen.

Geradeaus.

Nach links.

Nach rechts.

Die Bohlenwege schienen kein Ende zu nehmen. Als schließlich das letzte Licht des Tages verschwand, rasteten sie notdürftig auf glitschigen Bohlen mitten im Moor. Die Nacht war unerquicklich. Das Moor gluckste neben ihnen - unter ihnen. Die Dunkelheit schien sie einzuhüllen in einer ewigen morastigen Schwärze. Selbst die Sumpflichter wirkten in dieser Nacht seltener. Noch mit dem ersten Licht des neuen Tages packten sie schweigend ihre Bündel und setzten den Weg fort.

Geradeaus.

Nach links.

Nach rechts.

Althea wusste längst nicht mehr, wo sie sich überhaupt befanden. Kurz vor Mittag tauchte schließlich wieder der Verwunschene Wald vor ihnen auf. Sie folgten den kaum sichtbaren Pfaden zwischen den krüppeligen Bäumen und erreichten bald erneut die Lichtung mit der windschiefen Kate. Althea hatte den Ruß so gut es ging von der Kristallkugel entfernt und stand nun unschlüssig vor der Hütte.

Ist das wirklich, was wir wollen?

"Gedanken, mein Täubchen..."

Die Alte war plötzlich in der Tür erschienen. Diesmal wirkte sie finsterer. Bedrohlicher.

"Warum sollten wir euch dies geben?" fragte Althea und hielt die Kugel fest an sich.

"IHR WERDET!"

Die Stimme der Alten schnitt durch die Lichtung.

"FASS!"

Die Zwerge stürmten sofort vor. Im selben Augenblick schoss ein Wolf mit gefletschten Zähnen aus der Hütte hervor und sprang ihnen entgegen.

Ein schrilles Wort der Macht durchschnitt die Luft. Keldi erstarrte mitten in einer Abwehrbewegung.

Hurdin versuchte weiter auf die Hexe vorzudringen - da erklang erneut ein gellender Ruf. Auch er blieb mitten im Schritt reglos stehen.

Dann stand Althea im Eingang der Kate. Ihre Hand zuckte vor. Ein mächtiger Flammenstrahl entlud sich in die Hexe und schleuderte diese zurück. Die Alte hob die Faust - doch noch bevor sie erneut sprechen konnte, traf sie ein zweiter Feuerstrahl. Die Hexe wurde zu einer lodernden Fackel.

[Bild: Althea-im-Haus-der-Hexe.png]

Währenddessen rang Tondar mit gezogenem Dolch mit dem Wolf am Boden. Fell und Zähne verschwanden in einem wilden Handgemenge, bis das Tier schließlich zurücksank und sich nicht mehr rührte.

Althea und Tondar schafften die beiden erstarrten Zwerge aus der Hütte, während hinter ihnen bereits Rauch aufzog und das alte Holz zu schwelen begann...
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#27
Zwerge am Svellt #28

Hätte sie doch nur besser in 'Transformationen' aufgepasst... Sie lagerten abseits des lodernden Hexenhauses. Tondar starrte mit düsterer Miene auf die starr daliegenden Körper Keldis und Hurdins, während Althea daneben kauerte und ihre Finger rang. "Transmutation für Anfänger...", murmelte sie tonlos vor sich hin. "Einfach nur die Hand auflegen... die Formel sprechen... die wissenschaftliche Form... verdammte Hexenmagie... Sollte der Zauber nicht mit dem Tod der Hexe aufhören zu wirken...?"

Sie blickte auf in Tondars sorgenvolles Gesicht. "Behalte die Umgebung im Auge", sagte sie leise und warf einen Blick auf das brennende Haus. "Wir haben uns wieder meilenweit bemerkbar gemacht... Das hier...", sie sah auf die beiden reglosen Zwerge hinab, "...wird eine Weile brauchen."

'Wenn ich es überhaupt schaffe...'

Tondar fasste sich, lud schweigend seine Armbrust durch und lehnte sich gegen einen Baum. Rußstreifen zogen sich noch über sein Gesicht. Währenddessen zog Althea langsam den Elfenumhang von den Schultern und ließ sich im Schneidersitz nieder. Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie in ihrem Gedächtnis grub, nach einer Formel, die sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Eine Ratte zurück in einen Salamander verwandeln... Sie zuckte innerlich zusammen.

Eine halbe Stunde später legte sie vorsichtig die Hand auf Keldis Brust. Ein Murmeln. Ein Kribbeln. Nichts. Die Sonne kroch langsam über den Himmel. Hinter ihnen krachten die brennenden Balken der Hütte in sich zusammen. Einmal glaubte Tondar zwischen den Bäumen Bewegung zu sehen und hob sofort die Armbrust, doch dort war nichts außer Rauch und Stille. Althea arbeitete weiter. Stunde um Stunde. Sie verlor jedes Gefühl für Zeit. Zweimal sackte sie beinahe selbst zur Seite. Einmal glaubte sie kurz wieder die Stimme der Hexe zu hören.

'Gewogen und zu leicht befunden...'

Irgendwann, es war schon Nachmittag, wurden Keldis Glieder plötzlich schlaff. Sein Körper zuckte zusammen, dann blinzelte er verwirrt. Später folgte Hurdin.

"Und ich dachte, mit dem Tod der Hexe hören ihre Zauber auf zu wirken", brummte Keldi schließlich, nachdem er einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch genommen hatte, was Tondar mit tonloser Missbilligung registrierte. Hurdin sagte nichts. Er wirkte noch schweigsamer als sonst.


"Jetzt sind wir zwar wieder zusammen", wechselte Althea das Thema, "aber wo Agdan Dragenfels ist, wissen wir immer noch nicht..." Sie schauten sich an. "Wie sagte der Dorfvorsteher?", murmelte Tondar schließlich. "Er lebt noch... aber es gibt ihn nicht mehr." 'Methanaturell', dachte Althea unwillkürlich zurück an irgendeine staubige Unterrichtsstunde in Khunchom. 'Tot und lebendig zugleich...' Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder.

"Dann durchkämmen wir eben den ganzen Sumpf."

Keldi blickte zu Tondar hinüber. Der nickte nur. Hurdin hob langsam den Kopf und ballte schweigend die Faust.

Sie durchsuchten noch die Umgebung der niedergebrannten Hütte. Hinter einigen Hecken fanden sie einen sorgsam gepflegten Kräutergarten, der selbst einer Ginya Ehre gemacht hätte. Archon fehlte wieder einmal schmerzlich, doch Tondar kannte sich gut genug aus, um die wichtigsten Pflanzen zu bergen.

Dann wandten sie sich wieder dem Moor zu. Seltsamerweise blieb der Sumpf still. Kein Zombie stieg aus dem Morast. Keine Sumpfrantzen lauerten zwischen den Bohlenwegen. Nur das ewige Knarren des Holzes unter ihren Füßen. "Bist du sicher, dass die Moorleiche dort drüben keinen Drachenkopfring getragen hat?", fragte Keldi irgendwann trocken und zeigte schräg in irgendeine Richtung. Niemand antwortete.

Als sich die Dunkelheit senkte, erreichten sie erneut Ansvell, wo man sie inzwischen beinahe wie Heimkehrer empfing. Salamanderwesen traten aus ihren Behausungen, zischten einander aufgeregt etwas zu und führten die Gruppe wieder ins Dorfzentrum. Sie waren inzwischen fast Teil des Ortes geworden.


Am nächsten Morgen machten sie sich erneut auf den Weg. Nördlich Ansvells erhob sich hinter dem Wasserlauf eine eigentümliche Landschaft aus niedrigen Sandhügeln, feuchten Niederungen und nahezu undurchdringlichem Gestrüpp.

Die Sandigen Hecken.

Schon nach kurzer Zeit merkten sie, dass das Vorankommen hier kaum weniger anstrengend war als im Moor selbst. Die Sträucher waren zäh, dornig und so dicht, dass man sich Schritt für Schritt hindurchzwängen musste. Selbst Äxte konnten kaum Schneisen schlagen, und einmal stellte Althea fest, dass die trockenen Zweige nicht einmal richtig Feuer fingen. Also kämpften sie sich weiter. Schritt für Schritt. Schweiß rann unter Kettenhemden und Lederzeug. Sand kroch in Stiefel. Dornen verfingen sich in Kleidung und Bärten. Immer wieder glaubte man, hinter der nächsten Hügelkuppe müsse es leichter werden. Wurde es aber nicht.

Sie arbeiteten sich Richtung Osten vor und stießen schließlich auf ein Lager aus Orks und Goblins, die offenbar Streifzüge durch die Gegend unternahmen. Der Kampf war kurz und brutal. Keldi und Hurdin hielten die eine Flanke, während Althea und Tondar auf der anderen kämpften. Tondar schwang die Skraja zwischen den engen Hecken mit erstaunlicher Geschwindigkeit, während Althea im flimmernden Schimmer eines Armatrutz kleine Flammenlanzen schleuderte. Als der Kampf vorüber war, lagen Tote zwischen zertrampeltem Gestrüpp und Sand. Während Althea Keldis Arm mit Wirselkraut verband, betrachtete Hurdin schweigend den zerbrochenen Stiel seiner Orknase. Gute Arbeit aus Oberorken. Von den Söhnen des Grufalm. Lange sah er auf die Bruchstücke hinab. Dann warf er sie wortlos in die Hecken und zog eine schwere norbardische Ersatzaxt aus dem Gepäck.

Der Sumpf begann Dinge zu fressen. Nicht nur Menschen.

Später stolperten sie tiefer im Heckenlabyrinth in einen Kampf zwischen Orks und Zombies hinein — und waren plötzlich mittendrin. Danach wusste niemand mehr genau, wie lange sie noch marschiert waren. Der Sand wurde genauso unerträglich wie der Schlamm. Die Hecken sahen irgendwann alle gleich aus.

Rechts.

Links.

Geradeaus.

Zurück.

Noch ein Hinterhalt. Noch ein Kampf. Noch mehr Erschöpfung.

Als sie endlich wieder Ansvell erreichten, war bereits erneut Dunkelheit hereingebrochen. Althea rollte sich erschöpft in ihre Decken. "Morgen die Heide der Findlinge...", murmelte sie nur noch.


Und wieder brachen sie mit dem ersten Sonnenlicht auf. Wieder durch das Wasser. Wieder durch die Sandigen Hecken.

Eine Gruppe Echsenwesen winkte ihnen stromaufwärts beim Fischfang mit ihren Dreizacken zu, während die Gefährten schweigend vorbeizogen.

Im äußersten Westen erhob sich schließlich die Heide der Findlinge. Eine seltsame Landschaft. Wogende Heideflächen unter grauem Himmel. Geröll. Riesige Findlinge, die wie uralte Wächter aus dem Boden ragten. Manche überragten Althea um Manneshöhe. Der Wind strich durch das Heidekraut wie durch Wasser. Dann verschluckten die Steine sie. Es wurde ein Labyrinth.

Zwischen den Findlingen verloren sich Wege, entstanden neue, endeten plötzlich wieder. Goblins sprangen von den Felsen herab. Orks lauerten zwischen den Steinen. Und immer wieder marschierten sie weiter.

Weiter.

Weiter.

Tondars Skraja zerbrach während eines Kampfes. Hurdin reichte ihm schweigend seine Seitenwaffe. Niemand kommentierte es mehr. Der Sumpf forderte seinen Tribut.

Später blieb Tondar plötzlich stehen und blickte sich zwischen den Steinen um. "Ich glaube...", murmelte er langsam, "ich habe den Findling dort schon einmal gesehen." "Ich glaube", brummte Hurdin erschöpft, "ich habe inzwischen zu viele Findlinge gesehen." Dann marschierten sie weiter.

Geradeaus.

Links.

Rechts.

Bis sie irgendwann wieder am Flüsschen standen. Die Sonne sank bereits. Tondar trat falsch auf, verlor den Halt und verschwand plötzlich im Wasser. Einen Moment lang glaubte Althea bereits, der Sumpf hätte ihn endgültig geholt, doch Keldi und Hurdin packten ihn noch rechtzeitig und zerrten ihn fluchend ans Ufer zurück. Dann wieder die Hecken. Wieder Dornen. Wieder Sand. Und schließlich wieder Ansvell. In der Dunkelheit.


Nach dem Essen legte Althea kurz die Hand über die Augen und schüttelte leicht den Kopf, als versuche sie einen Schwindel zu vertreiben. "Wir haben jetzt alle Gegenden des Sumpfes durchsucht", sagte sie schließlich müde. "Und noch immer keine Spur von Agdan Dragenfels."

Schweigen.

Wenn Agdan irgendwo im Heckengestrüpp oder zwischen den Findlingen lag, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie ihn längst übersehen hatten. Das dachten sie alle. Aber niemand sprach es aus. "Wenn er lebendig und tot zugleich ist", murmelte Hurdin schließlich, "dann hat der Sumpf ihn vielleicht genommen... und wieder ausgespuckt." Er blickte auf ein kleine Salamanderwesen hinab, das inzwischen zusammengerollt auf seinem Bein eingeschlafen war. "Vielleicht haben wir ihn auch längst erneut zu Boron geschickt."

Unbehagliche Blicke.

Dann richtete Althea sich langsam wieder auf. "Es gibt noch eine Möglichkeit." Die Zwerge sahen sie an. "Der Fluss." Die Gesichter wurden sofort verdrießlich. "Wir kommen nicht überall an die Ufer", brummte Keldi. "Und wer weiß, was sich hinter den Hecken dort verbirgt..." "Unsere Gastgeber werden auch nicht begeistert sein, wenn wir ihre wenigen Bäume für ein Floß fällen", setzte er hinzu. Althea legte leicht den Kopf schief. "Also ohne Floß." Die Zwerge schauten noch verdrießlicher.
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#28
Zwerge am Svellt #29

Ein weiterer früher Morgen... Sie überquerten eine seichte Bucht des Flüsschens seitlich des Dorfes und erforschten eine grüne Lichtung, die beinahe idyllisch hätte wirken können, hätte der von dichtem Grün überwachsene Boden nicht immer wieder mit leisem Gluckern nachgegeben... Dann ging es erneut hinüber in die Sandigen Hecken.

Sie folgten beinahe vertrauten Pfaden hinunter zum Wasserlauf, spähten zwischen Gestrüpp und Schilf hindurch, prüften den Boden mit ihren Waffenstielen, doch weder links noch rechts des Flusses war etwas Auffälliges zu erkennen. Als sie schließlich den Abfluss des kleinen Sees erreichten, blickte Keldi mit düsterer Miene auf die stille Wasserfläche hinaus.

"Wir müssen ja wohl nicht dort hinaus?" "Nein", antwortete Althea und blickte zurück in das Dickicht hinter ihnen, "aber dort drüben gab es kein Durchkommen. Wir sollten dem Flusslauf folgen und sehen, ob man vom Wasser aus näher herankommt." Hurdin blickte missmutig ins Wasser. "Vielleicht wechseln wir uns ab", setzte Althea an. "Lassen die schwere Ausrüstung hier und kommen zurück." Ein Angebot zur Milde.

So waren schließlich sie und Tondar es, die sich erst watend, dann halb schwimmend am Ufer entlangarbeiteten. Das Wasser zog stärker, als es zunächst gewirkt hatte, und mehr als einmal verlor einer von beiden kurz den Halt. Doch tatsächlich waren die Hecken vom Wasser aus weniger dicht. Hie und da konnte man sich sogar auf sandigen Grund ziehen. Sie wrangen notdürftig ihre Kleidung aus und drangen vorsichtig tiefer in das Dickicht ein.

"Achtung", flüsterte Tondar plötzlich. Sie spähten um eine Biegung - und blickten in etwas, das wie ein großes Nest wirkte. Zweige, Ranken und Schilf bildeten eine Art improvisiertes Lager. Davor lag zusammengerollt eine Sumpfrantze. Sie schlief. Der Atem ging rasselnd und schwer. Althea und Tondar blickten sich an. Langsam zog Tondar die kleine Handaxt aus dem Gürtel. "Halt", sagte Althea leise. Sie standen inzwischen dicht über der Kreatur. Tondar folgte ihrem Blick. An der rechten Klaue der Sumpfrantze funkelte etwas im Halbdunkel des Dickichts. Ein goldener Ring.

Die Rantze wirkte mitgenommen. Das Fell war verfilzt und stumpf, die Glieder schienen eingefallen, beinahe ausgemergelt. Langsam öffnete Althea die Hand in Richtung Tondar. Einen Moment verstand er nicht, dann begriff er und zog wortlos das Netz hervor, das sie im verlassenen Torfstecherweiler mitgenommen hatten. Sie mussten sich kaum anstrengen. Die Rantze erwachte nicht einmal, als sie sie einschürten.

Der Rückweg gestaltete sich schwieriger. Mit vereinten Kräften schafften sie das Bündel zurück zum Wasser, doch auf dem Weg gegen die Strömung verlor Tondar beinahe erneut den Halt. Für einen kurzen Augenblick verschwand er halb unter Wasser. Mit einem erschöpften Aufschrei stemmte Althea sich gegen die Strömung, gegen den schweren Körper der Sumpfrantze, packte Tondar am Kragen und hielt ihn fest, bis sie gemeinsam das flache Ufer erreichten.

Keldi und Hurdin zogen sie schließlich aus dem Wasser und blickten verdutzt auf das eingeschnürte Bündel, während Althea und Tondar erst einmal nach Luft schnappten. Eine genauere Untersuchung bestätigte schließlich, dass das Untier - 'Untier?' - tatsächlich den beschriebenen Drachenkopfring an der Klaue trug. Als sie sich wieder gesammelt hatten, hob Hurdin die zusätzliche Last wie selbstverständlich auf die Schulter. Dann ging es wieder zurück.

Durch die Hecken.

Durch Dornen.

Durch Sand.

Hoffentlich zum letzten Mal.

Als sie schließlich mit ihrer Last durch die Furt nach Ansvell stolperten, hoben sich überall Echsenköpfe.


Mehr und mehr Dorfbewohner sammelten sich, als die Gruppe den großen Dorfplatz erreichte und erschöpft im Schatten eines Baumes niedersank. Zischelnde Stimmen wurden laut. Einige Echsenmännchen traten mit Dreizacken näher. Schließlich erschien der Dorfvorsteher, dessen dunkelgrüne Färbung diesmal fast sorgenvoll wirkte.

"Wasss issst diesss...?" Althea erklärte mit ausladender Gestik, so gut sie konnte. Der Dorfvorsteher blickte lange auf die gefesselte Kreatur hinab. "Diesss issst euer... Gefährte...?" "Ja und...", Althea kratzte sich müde am Kopf, "...vielleicht." Die Anspannung ließ langsam nach.

Es gab noch einmal einen kleinen Aufruhr, als Tondar das Netz durchschnitt und die Sumpfrantze vorsichtig gegen den Baum lehnte, doch Hurdins beruhigendes Brummen - die Hand dabei ruhig auf dem Axtblatt - sorgte schnell wieder für Ruhe. Althea untersuchte die Kreatur genauer. Nass. Kalt. 'Eigentlich ein gutes Zeichen?' Das Fell war verfilzt, der Atem rasselte ungesund. Aber was wusste sie schon über Sumpfrantzen?

Einige der Salamanderjungen wurden mutiger und spähten neugierig hinter Hurdins Beinen hervor auf das Wesen. Keldi versuchte sich währenddessen an einer wortlosen Unterhaltung mit dem Dorfältesten, gab am Ende jedoch nur mit einem Schulterheben auf. Echsenweibchen brachten frischen Fisch. Althea saß inzwischen über den Aufzeichnungen aus dem Torfstecherweiler und den Dokumenten des Magiers, runzelte die Stirn und strich immer wieder einzelne Zeilen glatt. Hurdin stand stoisch Wache. Keldi und Tondar hatten es sich derweil etwas abseits bequem gemacht und blickten nur gelegentlich hinüber.

Dann sprang Althea plötzlich auf. "Das war es!" Die anderen schreckten hoch. Die Sonne war inzwischen bereits weit über den Himmel gewandert. "Heidekraut", erklärte sie und hielt ein Dokument hoch, als würde dies alles erklären. Die Zwerge blickten weiterhin fragend. Althea schnippte mit den Fingern. "Tondar! Jenseits der Furt, rechts von den Hecken - dort standen diese Heidesträucher! Ich hätte sofort darauf kommen müssen!" Die Zwerge schauten noch immer fragend.

"Bring uns so viel davon, wie du tragen kannst."

Tondar betrachtete sie einen Moment, erhob sich dann aber wortlos und verschwand Richtung Fluss. Althea breitete währenddessen mehrere Dokumente neben der Sumpfrantze aus. "Das ist keine echte Magie", erklärte sie Keldi, der inzwischen nähergetreten war. "Mehr... ein Naturzauber. Eine Verbundenheit dieses Ortes." Keldi nickte vorsichtig, als verstehe er zumindest die Hälfte davon.

Nach einiger Zeit kehrte Tondar zurück, beide Arme voller Heidekraut, gefolgt von einer Reihe neugieriger halbwüchsiger Echsenwesen. Althea deutete auf die andere Seite der Sumpfrantze. Tondar ließ das Heidekraut fallen. Dann wurde es still.

Die Zwerge umstanden Althea.

Die Echsenmenschen umstanden die Zwerge.

Althea fuhr mit den Fingern eine Zeile auf dem Pergament entlang. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Dann griff sie nach einem einzelnen Heidekrautbüschel, berührte damit die Brust der Sumpfrantze und sprach einige seltsam klingende Worte.

Nichts.

Sie warf das Heidekraut zur Seite.

Nahm das nächste.

Wieder nichts.

Noch einmal.

Diesmal kam Bewegung in die Kreatur. Langsam, mühsam, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, richtete sich die Sumpfrantze auf.

Die Zwerge traten näher.

Die Echsenmenschen wichen zurück.

Ein Zittern durchlief den Körper. Dann begann ein schimmerndes Licht die Kreatur einzuhüllen. Der Körper begann sich langsam um sich selbst zu drehen. Althea hatte sich inzwischen aufgerichtet. Das Licht wurde heller. Dann erblasste es plötzlich wieder. Zum Vorschein kam der Körper eines jungen Mannes. Man sah ihm an, dass er einst kräftig gewesen war, auch wenn die Wangen inzwischen eingefallen waren und der Körper wirkte, als hätte ihn der Sumpf langsam ausgehöhlt.

Einen Moment stand er schwankend da. Dann brach er zusammen. Die Echsen stoben erschrocken auseinander.


Später hatten sie sich wieder zu ihrem gewohnten Lagerplatz zurückgezogen. Hurdin hatte den jungen Mann wie selbstverständlich auf die Arme genommen und hinübergetragen. Althea hüllte ihn in einen überzähligen Mantel, wobei ihr nicht entging, wie stattlich der Fremde trotz seines elenden Zustands noch immer wirkte. Und ohne Fell.

Die Dorfbewohner hatten sich inzwischen wieder beruhigt und blickten nur noch gelegentlich zu ihnen hinüber. Der junge Mann lag da wie tot. Schweißnasses Haar. Eingefallene Wangen. Und ein Bad hätte er ebenfalls dringend nötig. 'Wo ist Archon, wenn man ihn braucht...?'

Sie hielten abwechselnd Wache, bis schließlich einer nach dem anderen in unruhigen Schlaf fiel. Nur Althea lag lange wach. Gegen Mitternacht setzte sie sich schließlich auf, wühlte unter ihrem Umhang und zog eine der glitzernden Phiolen hervor, die sie einst bei Gerlanje erworben hatten. Zögernd setzte sie die Flasche an die Lippen des jungen Mannes.

'Es ist ein Heiltrank, Mädchen. Die einzige Art, wie du ihm damit weh tun könntest, wäre, ihm die Flasche über den Kopf zu schlagen.'

Der Trank zeigte Wirkung. Die spröden Lippen wurden wieder weich und rot. Neue Farbe kehrte langsam in das Gesicht zurück. Der Atem wurde tiefer. Ruhiger. "Na also...", murmelte Althea leise.

Der Rest der Nacht verlief ruhig.
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#29
Zwerge am Svellt #30

Am nächsten Morgen, als Althea erwachte, waren die Zwerge bereits auf den Beinen. Auch Agdan. Er saß einen Schritt vom Feuer entfernt, notdürftig in Ersatzkleidung der Gruppe gehüllt. Der Mantel lag lose um seine Schultern, während die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen fielen und fahles Licht über den Dorfplatz Ansvells warfen. Für einen Moment wirkte er beinahe fehl am Platz zwischen den halbkugelförmigen Hütten, den zischelnden Echsenwesen und dem ewigen Feuchtgrün des Sumpfes.

Als er bemerkte, dass Althea wach war, nickte er ihr ruhig zu. "Es scheint, als verdanke ich Euch mein Leben." Sein Lächeln war schwach, aber aufrichtig. Dann ruhte sein Blick einen Augenblick länger auf ihr. Prüfend. Ruhig. Und mit etwas darin, das Althea unerwartet berührte - vielleicht gerade weil es nicht aufdringlich war. Unwillkürlich erinnerte sie sich daran, wie kräftig sein Körper unter Fell und Schlamm gewesen war, als sie ihn aus dem Netz geschnitten hatten. Sie verdrängte den Gedanken sofort wieder. Nicht Zeit. Nicht Ort. Und außerdem führten solche Dinge nur zu Komplikationen. Khunchom flackerte kurz in ihren Erinnerungen auf wie Hitze über Wüstenstein. Sie schob den Gedanken endgültig beiseite.

Kurz darauf begann die Gruppe ihre Ausrüstung zusammenzupacken. Hurdin durchsuchte wortlos einige Bündel und zog schließlich ein Paar Stiefel hervor, die Agdan mit etwas Mühe angepasst wurden. Währenddessen brachten einige Echsenweibchen frischen Fisch, begleitet von aufgeregtem Zischeln der kleineren Salamanderwesen, die sich neugierig um die Gruppe drängten. Dann verabschiedeten sie sich von Ansvell. Der Dorfvorsteher hob würdevoll den Dreizack, während die Bewohner ihnen lange nachblickten, als die Gefährten erneut die Bohlenwege des Sumpfes betraten. Hoffentlich zum letzten Mal.

Doch der Sumpf ließ sie noch nicht gehen. Wieder knarrten die Bohlen unter ihren Stiefeln. Wieder zog sich graugrünes Moor bis an den Horizont. Wieder verschwammen Stunden zwischen Sonne, Schilf und fauligem Wasser. Selbst mit Agdan in ihrer Mitte wirkte es manchmal, als bewege sich der Sumpf absichtlich gegen jede Richtung. Am späten Nachmittag tauchten schließlich die ersten Schilfflächen Richtung Neulowangen auf. Doch die letzte Strecke der Bohlenwege war verschwunden. Dort, wo der Steg noch vor Tagen verlaufen war, gähnte nun nur noch schwarzes Wasser zwischen herausragenden Pfählen. "Vor zehn Tagen ging es hier noch entlang", brummte Keldi missmutig. Die Sonne sank bereits, also wandten sie sich nach Osten, dem Flusslauf entgegen. Sie rasteten in Sichtweite des verlassenen Torfstecherweilers, diesmal jedoch in respektvollem Abstand. Niemand verspürte den Wunsch, sich den verfallenen Hütten noch einmal zu nähern.

Noch im Morgengrauen brachen sie wieder auf. Zunächst folgten sie einem Zufluss im Süden, blieben dort jedoch im Schilf stecken. Also zurück. Wieder nach Norden. Wieder Bohlenwege. Wieder Morast unter den Füßen. Bis plötzlich erneut der kleine See vor ihnen lag. Irgendwo dort draußen erhob sich noch immer die Insel des Magiers aus dem Wasser. Sie folgten einer alten Bohlenstrecke durch dichtes Schilf und erreichten schließlich den Zufluss aus Osten - den Finsteren Svellt, der sich irgendwo hinter ihnen im Sumpf mit dem Lowanger Svellt zum großen Svellt vereinte.

Und dann: Fester Boden. Wirklich fester Boden.

Nach zehn Tagen im Sumpf standen sie wieder auf Erde, die nicht nachgab, nicht gluckste und nicht versuchte, sie langsam zu verschlingen. Vor ihnen verlief am östlichen Ufer des Finsteren Svellt ein schmaler Pfad nach Süden, hin zur Straße zwischen Gashok und Lowangen. Mit neuer Kraft setzten sie den Weg fort.

Der Wind strich kühl vom Wasser her über die Niederung und ließ das hohe Gras in langen, dunklen Wellen zittern. Jenseits des Finsteren Svellt lag nur Schwärze. Der breite Fluss zog träge dahin, schwarz wie geschmolzenes Eisen unter dem schmalen Mondlicht. Weiter östlich zeichnete sich der Rand eines Waldes gegen den Nachthimmel ab - eine dunkle, geschlossene Linie, ruhig und fern nach all den Tagen aus Moor, Schilf und verkrüppelten Hecken.

Zwischen einigen flachen Steinen brannte ein kleines Feuer. Nicht groß. Aber trocken. Allein das machte den Unterschied.

Hurdin saß dicht daneben und hielt die Hände in die Wärme, während Keldi schweigend einen Wasserschlauch verschloss. Die Luft roch nach Flusswasser, kalter Erde und Rauch - echter Rauch, nicht jener schwere Moorgeruch, der sich in Kleidung und Gedanken festgesetzt hatte. Althea kniete am Rand des kleinen Rinnsals und ließ noch einmal Wasser über ihre Hände laufen. Klar. Kühl. Kein fauliger Geschmack. Kein dunkles Gluckern unter Bohlen. Nur Wasser. Sie schloss kurz die Augen.

Hinter ihr erklangen Schritte im Gras. Tondar trat aus der Dunkelheit, das Wild über der Schulter. Der Jäger wirkte erschöpft, aber auf eine andere Art als noch im Sumpf. Mehr wie jemand, der wieder Boden unter den Füßen spürte. "Kein Sumpfrantz", stellte Keldi trocken fest, ohne aufzublicken. Tondar schnaubte kaum merklich und ließ das Wild neben dem Feuer ins Gras sinken. "Und kein Zombie." Hurdin hob langsam den Kopf. "Gutes Land." Das war vielleicht der größte Unterschied. Das hier war wieder Land. Keine endlosen Bohlenwege. Keine fauligen Wasserlöcher. Keine verfluchten Pfade zwischen Findlingen. Der Himmel stand wieder offen über ihnen.

Agdan saß etwas abseits auf einem flachen Stein nahe des Wassers. Der Mantel lag schwer um seine Schultern, das goldene Licht des Feuers erreichte ihn kaum. Dennoch wirkte er weniger wie ein Sterbender als noch vor zwei Tagen. Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. Die eingefallenen Züge hatten wieder etwas Festes bekommen. Er beobachtete schweigend den Fluss. Althea trat zurück ans Feuer und blickte für einen Moment einfach hinaus in die Dunkelheit, dorthin, wo der Finstere Svellt zwischen den Ufern verschwand. "So fühlt sich also die Welt an...", murmelte sie leise. Keldi blickte kurz zu ihr hinüber. "Welche Welt?" Althea zog den Umhang enger um die Schultern. "Die, die nicht versucht, einen zu verschlucken."

Das Feuer knackte leise zwischen den Steinen. Fett tropfte aus dem Wildbret in die Glut und ließ kleine Funken aufstieben, die kurz in der Dunkelheit tanzten und dann verschwanden. Über ihnen spannte sich ein klarer Himmel, tief und weit, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte die Nacht nicht wie etwas, das auf sie lauerte. Nur wie Nacht. Tondar arbeitete schweigend mit dem Messer, sauber und routiniert. Hurdin hielt bereits einen flachen Ast über die Glut, auf dem erste Fleischstücke brieten. Der Geruch allein hob die Stimmung merklich. Selbst Keldi entspannte sich ein wenig, auch wenn sein Blick weiterhin gelegentlich automatisch zum dunklen Waldrand glitt. Althea saß inzwischen mit angezogenen Beinen am Feuer. Die Wärme kroch langsam durch ihre Kleidung. Ihre Haare waren noch feucht vom Waschen am Rinnsal, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht mehr wie eine Gestalt aus dem Moor.

Agdan hatte sich irgendwann näher ans Feuer gesetzt. Nicht direkt dazu - eher an den Rand des Kreises. Wie jemand, der noch nicht ganz sicher war, ob er überhaupt wieder zu den Lebenden gehörte. Hurdin reichte ihm wortlos ein Stück Fleisch. Agdan nahm es mit einem kurzen Nicken entgegen. "Mein Dank." Seine Stimme war noch rau. Eine Weile aßen sie schweigend. Man hörte nur das Knacken des Feuers, das leise Strömen des Wassers und gelegentlich das ferne Rufen irgendeines Nachtvogels vom Fluss her. Dann blickte Agdan plötzlich über die Flammen hinweg zu Althea. "Ich erinnere mich an Teile davon", sagte er langsam. "Nicht alles." Niemand unterbrach ihn. "Anfangs wusste ich noch, wer ich war." Er betrachtete einen Moment das Fleischstück in seiner Hand. "Später… wurde es schwieriger." Der Wind fuhr leise durch das Gras der Niederung. "Man beginnt zu vergessen, warum man weitergeht." Ein schwaches, beinahe bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. "Und irgendwann geht man trotzdem weiter." Althea sah ihn lange schweigend an. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen, und für einen kurzen Moment wirkte er tatsächlich wie einer jener Männer aus alten nordischen Liedern - nicht strahlend oder unbesiegbar, sondern getragen von etwas Schwererem als Stolz. Keldi schob einen Ast tiefer in die Glut. "Nun", sagte er schließlich ruhig, "jetzt gehst du erstmal mit uns weiter."

Und irgendwo draußen im Dunkel zog der Finstere Svellt unbeirrt nach Westen.

In den folgenden Tagen entspann sich langsam mehr Gespräch zwischen Agdan und der Gruppe. Nicht viel. Der Thorwaler sprach selten von sich aus, doch man merkte schnell, dass unter seiner ruhigen Zurückhaltung etwas Festes lag. Er half selbstverständlich mit, wo es nötig war, übernahm Lasten, sammelte Feuerholz, stand schweigend Wache oder half Hurdin beim Herrichten des Lagers, ohne je daraus Aufhebens zu machen. Je länger sie mit ihm unterwegs waren, desto deutlicher wurde: Dies war nicht bloß irgendein verschollener Freund der Grauen Stäbe. Agdan Dragenfeld war ein Mann, den der Orden aus gutem Grund ausgesandt hatte.

Sie erreichten schließlich wieder die Straße zwischen Gashok und Lowangen - und die Fähre über den Finsteren Svellt. Diesmal war der Fährmann anwesend. Er musterte die Gruppe lange, sagte jedoch nichts weiter, als er sie schweigend ans andere Ufer setzte. Die Sonne zeigte sich in den folgenden Tagen immer wieder zwischen langen Wolkenstreifen, bis sie am dritten Tag erneut unbarmherzig auf sie herabbrannte. "Es scheint immer so zu sein, wenn wir uns einem Praiostempel nähern...", murmelte Althea trocken. Und tatsächlich erreichten sie zur Mittagsstunde wieder Neulowangen. Die goldene Kuppel des Tempels glänzte grell im Sonnenlicht.

Der Wirt der Herberge Sonne empfing sie sichtbar erleichtert. Nicht alle, die in die Sümpfe gingen, kehrten zurück. Sie wurden verköstigt, badeten und ruhten sich aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit trugen sie wieder ihre vollständige Ausrüstung. Kettenhemdringe klirrten vertraut. Lederzeug wurde geprüft, Waffen gereinigt und neu gegürtet.

Gegen Abend saß Althea lange schweigend im Obergeschoss der Herberge. Vor ihr lagen Artherions Waffen. Der glatte Bogen. Und das prachtvolle Schwert mit der goldenen Klinge. Das Licht der sinkenden Sonne lief warm über das Metall. Schließlich nahm sie den Schwertgürtel an sich und trat hinaus auf die kleine Terrasse hinter dem Haus. Agdan stand dort allein am Geländer und blickte hinaus auf die letzten Lichtstreifen über den Dächern Neulowangens. Althea trat neben ihn. Dann zog sie die Klinge ein Stück aus der Scheide. Golden glitt das Licht der Abendsonne über das Schwert. Agdans Blick blieb einen langen Moment darauf ruhen. "Ihr habt mehr Nutzen dafür als wir, mein Herr", sagte Althea ruhig. Sie sprachen noch eine Weile miteinander. Vertraut. Ruhig. Doch Althea blieb auf jene vorsichtige Art distanziert, die weniger mit Ablehnung zu tun hatte als mit Erfahrung.

Am nächsten Morgen übernahm sie wieder die Führung. Sie folgten zunächst der Straße Richtung Lowangen, bis Althea sie schließlich über eine Böschung hinweg auf einen schmalen Wirtschaftsweg führte, der im nahen Wald südlich der Straße verschwand. Unter dichtem Blätterdach ging es weiter dahin. Es war bereits später Nachmittag, als rechts oberhalb des Weges die Ruine auftauchte. Svelltstein. Sie stiegen zwischen überwucherten Mauern empor und betraten schließlich den alten Tunnel, der im ehemaligen Hauptturm ins Dunkel führte. Tief unter der Erde erreichten sie erneut die schwere Tür. Der altertümliche Schlüssel passte noch immer. Mit dumpfem Knarren öffnete sich das alte Schloss.

Und eine Weile später traten sie aus den Kellern der Fluchtburg im Norden Lowangens wieder hinauf ins Licht der Ordensburg der Grauen Stäbe.
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#30
Zwerge am Svellt #31

Sie wurden von zwei ernst dreinschauenden Akolythen in Empfang genommen, die mit aufgestellten Stäben Wache standen. Das schwere Tor der Fluchtburg schloss sich hinter ihnen mit dumpfem Nachhall. Für einen Moment blieb die Gruppe einfach stehen und blickte in den dämmrigen Innenhof, in dem Männer und Frauen schweigend ihren Aufgaben nachgingen. Nach all den Tagen im Sumpf wirkte selbst diese nüchterne Ordnung beinahe unwirklich.

Dann trat Meister Eolan aus einem Torbogen hervor. Der Weißhaarige musterte zunächst Althea, dann die Zwerge und schließlich Agdan Dragenfeld. Erst jetzt schien sich etwas von der Anspannung in seinen Zügen zu lösen. Er trat auf den Thorwaler zu und legte ihm beide Hände auf die Schultern. "Willkommen zurück." Agdan nickte nur leicht. Meister Eolans Blick glitt weiter zur Gruppe. Kurz verweilte er auf den schlammverkrusteten Mänteln, den angeschlagenen Waffen und den müden Gesichtern. "Ihr habt getan, worum man euch bat." Seine Stimme blieb ruhig wie immer. "Der Schlüssel bleibt bei euch. Und eure Gefährten sind frei zu gehen."

Furka würde vermutlich enttäuscht sein.

Sie wurden schließlich über schmale Treppen hinunter in die Küchengewölbe der Ordensburg geführt. Dort herrschte überraschend viel Leben. Zwischen dampfenden Kesseln, Mehlsäcken und langen Tischen arbeiteten Köche und Gesinde in jener stillen Geschäftigkeit, die über ganz Lowangen zu liegen schien. In einer Ecke jedoch wurde gelacht. Oder zumindest das, was Furka unter Lachen verstand. Der Zwerg saß mitten zwischen mehreren Küchenknechten an einem schweren Eichentisch, ein Bierkrug in der einen Hand und ein Blatt Inrahkarten in der anderen. Gerade schob ihm ein fluchender Koch widerwillig eine dampfende Fleischpastete zu. Furka nahm einen tiefen Zug aus dem Krug, deckte die letzte Karte auf und blickte dann auf.

"Althea!"

Er sprang so abrupt auf, dass beinahe der halbe Tisch wackelte. Erst breitete sich ein fast kindliches Grinsen über sein Gesicht aus, dann huschte für einen kurzen Augenblick etwas wie Schuld darüber hinweg. Im nächsten Moment schloss er Althea bereits fest in die Arme. "Ihr seid wieder da!" "Ja, wir sind wieder da..." Althea verzog leicht das Gesicht, als Furka sie beinahe zerdrückte. "...Es scheint euch nicht schlecht gegangen zu sein." "Och..." Furka ließ sie wieder los und griff nach seinem Bierkrug. "...wenn man weiß, wie man sich zu benehmen hat..." Keldi schnaubte nur trocken.

Währenddessen war Tondar bereits wortlos weitergegangen. Er klopfte kurz gegen eine schwere Eichentür im oberen Stockwerk, öffnete sie dann vorsichtig und blickte in ein kleines Zimmer, in dem ein beinahe behagliches Feuer flackerte. Archon saß in einem hochlehnigen Stuhl und blickte von einem aufgeschlagenen Buch auf. "Ihr seid wieder da..." Mehr sagte er nicht.

Später saßen sie noch lange zusammen bei einem Mahl, das für Lowanger Verhältnisse beinahe opulent wirkte, für jene jedoch, die gerade aus den Sümpfen gekommen waren, eher bescheiden ausfiel. Dennoch gab es warmes Brot, Fleisch, dünnes Bier und sogar etwas Gemüse.

Und vor allem:
keinen Morast.

Sie erzählten.

Vom Sumpf.
Von Moorleichen.
Von Bohlenwegen.
Von Ansvell.
Von Echsenmenschen.
Von Schlingern.
Von Feuerelementaren und dem Turm des Magiers.
Von der Hexe.

Furka hatte sich bereits nach kurzer Zeit gelangweilt und begann stattdessen die Gesindequartiere der Ordensburg unsicher zu machen. Immer wieder tauchte er kurz irgendwo auf, schnappte sich etwas Essbares oder einen Bierkrug und verschwand dann wieder. Archon dagegen hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich eine präzise Frage und schien sich besonders für die Pflanzen und seltsamen Naturphänomene des Sumpfes zu interessieren. Die zwei Wochen in der Bibliothek der Grauen Stäbe hatten ihm sichtbar gut getan.

Es war bereits spät in der Nacht, als Furka und Archon schließlich ihre Ausrüstung wieder aufnahmen. Furka begutachtete mit wachsender Begeisterung die Waffen der Gruppe, während Hurdin schweigend seine Ersatzwaffe zurückforderte. Archon hingegen kniete bereits neben der prall gefüllten Kräutertasche aus dem Sumpf und sortierte vorsichtig einzelne Pflanzenbündel.

Dann legten sie sich endlich zur Ruhe. Agdan Dragenfeld sahen sie nicht wieder. Doch erlaubte man ihnen noch, diese eine Nacht in der Ordensburg zu verbringen.

Am nächsten Morgen überquerten sie im Licht der frühen Sonne den mit Mauern bewehrten Übergang hinüber in die Stadt und standen schließlich auf dem kleinen Platz im Nordosten der Bunten Flucht. Keldi blickte sich um. 'Eigentlich gar nicht so schlimm wie gedacht', dachte er. Doch auf den zweiten Blick lag über allem dieser feine Schmutz. Nicht nur auf dem Pflaster, sondern auf den Menschen selbst. Die Elfen und Bürger, denen sie begegneten, wirkten geschniegelt, höflich und beherrscht — und gleichzeitig seltsam farblos. Als würde die Belagerung ihnen langsam jede Kraft entziehen, während sie verzweifelt versuchten, Haltung zu bewahren.

Die Gruppe selbst bewegte sich anders als noch vor zwei Wochen. Vor allem die drei Neuankömmlinge. Keldi, Hurdin und Tondar schritten mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit durch die Straßen, die Menschen instinktiv Platz machen ließ. Köpfe wurden zusammengesteckt. Tuscheln folgte ihnen. Eine menschliche Magierin mit fünf schwer gerüsteten Zwergen zog Aufmerksamkeit auf sich.

Sie hielten kurz am Tsa-Tempel. Althea legte schweigend einen Geldbeutel am Altar nieder und verharrte einen Moment in stiller Andacht. Danach wandten sie sich zur Regenbogenbrücke. Als sie jedoch durch den Mauerdurchgang nach Altlowangen traten, schien es beinahe, als hätten sie erneut eine andere Welt betreten.

Der Brunnen hinter dem Magistratsgebäude war von Flüchtlingen umlagert. Menschen lagen noch in Hauseingängen und an den Rändern der Gassen zusammengerollt auf dem Pflaster. Kinder schliefen zwischen Bündeln und Karrenrädern. Ein paar müde Augen folgten der Gruppe. Dann begann wieder dieses Tuscheln. Keldi, Hurdin und Tondar bewegten sich augenblicklich anders. Aufmerksamer. Angespannter. Sie blickten in Gassen, über Dächer und zu Hauseingängen, während sie die Straße überquerten wie ein Schlachtfeld.

Hurdins Stirn legte sich in tiefe Falten, als er ganze Familien sah, die erschöpft und ausgezehrt zwischen Mauern kauerten. "Zu Dragan Escht geht es über den großen Marktplatz und dann in die westlichste Ecke der Altstadt..." wiederholte Althea leise, was sie bereits am Morgen besprochen hatten. "Nach allem, was er uns erzählt hat, wird er uns eine Unterkunft in dieser Stadt besorgen können... wenn wir bereit sind, den Preis dafür zu zahlen..." Sie schritt um eine Gruppe Bettler herum, als sie in die Straße zum Magistrat einbogen.

Doch sie hatten kaum den kleinen Platz am Brunnen überquert, als plötzlich eine Gruppe schrecklich zerlumpter Flüchtlinge auf sie zustürzte. Hände wurden erhoben. Stimmen flehten durcheinander. Hurdin hielt sofort inne. Wortlos setzte er seinen Packen ab und begann, Wegebrot und Wildbret zu verteilen. Die Menge drängte näher. Furka schob sich augenblicklich zwischen einen Mann und Althea. "Heda!" Keldi drängelte sich voran, während Tondar bereits die Umgebung absuchte. Irgendwo begann ein kleines Handgemenge aus Knuffen, Geschubse und erhobenen Stimmen. Eine Weile dauerte es, bis die Gruppe sich schließlich wieder aus der Menge lösen und in eine Seitengasse entkommen konnte. Erst als sie den großen Marktplatz erreichten, atmeten sie auf.

"Das ist ja schrecklich..." murmelte Keldi. Tondar blickte noch einmal zurück, doch niemand war ihnen gefolgt. Hurdins Miene blieb düster. Der weite Platz lag offen vor ihnen. Rechts erhoben sich die prächtigen Gebäude des Hesindetempels und der Akademie, doch diesmal nahmen sie deren Schönheit kaum wahr. Überall saßen Flüchtlinge auf dem Pflaster. Einzelne Gestalten. Kleine Gruppen. Menschen, die warteten, ohne noch zu wissen worauf. "Da muss man was machen, kommt..." sagte Keldi schließlich, als das etwas geordnetere Lager vor dem Travia-Tempel in Sicht kam. Hurdin nickte sofort. Sie bahnten sich einen Weg zwischen den Menschen hindurch. Althea winkte einen Geweihten heran, der gerade mit einem Wassereimer seine Runde machte. Flüchtlinge blickten mit großen Augen auf, als Hurdin erneut seinen Packen öffnete und Proviant verteilte. Der Geweihte rief Helfer herbei.

Noch als die Gruppe sich wieder Richtung Svelltscheid wandte, erklang hinter ihnen der Segen Travias.
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#31
Zwerge am Svellt #32

Althea klopfte mit der Spitze ihres Stabes gegen die Tür des Hauses von Dragan Escht. Einen Moment geschah nichts. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein einzelnes Auge musterte die Gruppe aufmerksam. Kurz darauf erschien Dragan selbst im Türrahmen und ließ den Blick langsam über die schwer gerüsteten Zwerge, die verschlissenen Elfenmäntel und schließlich zu Althea wandern.

"Eine Horde schwer gerüsteter Zwerge und eine Magierin mit tödlichem Augenaufschlag stehen vor meiner Tür..." Seine Lippen verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. "...Wollen die zu mir?"
Er hielt sich dabei auffällig so, dass er die Tür jederzeit hätte zuschlagen können.
Althea spazierte einfach an ihm vorbei.
"Geschäfte." Sie blickte über die Schulter zurück. "Kommt ihr?"
Dragan hob leicht die Brauen.
"Wie kann ich der Heldin von Thorwal einen Wunsch abschlagen..."
Er deutete eine kleine Verbeugung an und komplimentierte die Zwerge hinein, bevor er noch einmal prüfend die Straße hinunterblickte und die Tür hinter ihnen schloss.

Das Gespräch verlief anders als noch bei ihrer ersten Begegnung. Nicht freundlich. Nicht vertraut. Aber auf Augenhöhe. Althea schilderte knapp ihre Lage. Dass sie eine sichere Unterkunft in Lowangen benötigten. Dass sie sich frei in der Stadt bewegen mussten. Dass sie nicht vorhatten, die nächsten Wochen in irgendeinem Flüchtlingslager zu schlafen. Dragan hörte schweigend zu, die Fingerspitzen gegeneinandergelegt. Dann stellte er seine Bedingungen. Eine Brosche.
Selbstverständlich seine Brosche. Und selbstverständlich befand sie sich am anderen Ende der Stadt in einem verschlossenen Schauhaus in der Bunten Flucht.

Althea sah ihn einen langen Moment an. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Also gut." Dragan lächelte nur leicht. "Ich hatte gehofft, dass ihr vernünftige Leute seid."

"DAS wird einfach..." verkündete Furka wenig später mit breiter Brust, als sie das Haus wieder verließen. "Seltsame Bekanntschaften machen wir..." murmelte Archon leise am Ende der Gruppe. Keldi, Hurdin und Tondar zuckten nur mit den Schultern.

Sie machten sich wieder auf den Weg durch die engeren und leereren Gassen Svelltscheids, über den großen Marktplatz, vorbei an Magistrat und Markthalle und schließlich erneut über die Regenbogenbrücke zurück in die Bunte Flucht. Tondar ließ dabei keinen einzigen Gasseneingang unbeobachtet. Am Tsa-Tempel hielten sie kurz inne. Sie blickten die Straßen entlang. Nach links. Nach rechts. "Ich glaube dort..." sagte Archon schließlich und deutete auf ein höheres Gebäude einige Straßenzüge weiter. Das Schauhaus wirkte verlassen. Althea drückte die Klinke herunter. Nichts. Archon deutete wortlos auf ein kleines Schild hinter einer Fensterscheibe. 'Schauhaus bis auf weiteres geschlossen.' "Und nu?" fragte Furka. Die Gruppe sah sich an. "Naja..." meinte Althea schließlich trocken. "...ob wir jetzt stehlen oder einbrechen und stehlen, macht auch keinen Unterschied mehr."

Sie blickte den kleinen Platz entlang. "Vielleicht warten wir besser bis zur Dunkelheit." Also beobachteten sie zunächst die Umgebung. Sie prägten sich Wege ein, mögliche Fluchtrouten, Nebengassen und Hauseingänge. Danach zogen sie erneut durch die Bunte Flucht. Althea holte beim Tsa Tempel Erkundigungen ein. Sie besuchten Herbergen, schauten sich das Angebot des elfischen Kräuterhändlers nahe der Regenbogenbrücke an und wanderten scheinbar ziellos durch die Straßen. Doch überall hörten sie dieselben Gespräche.
Die Stadt ist belagert.
Niemand kommt hinaus.
Das Svellttal gehört den Orken.
Gegen Nachmittag kehrten sie nahe der Grenze zwischen Bunter Flucht und Neueydal im Svelltjepalast ein. "Den verdünnten Wein hier muss man einmal erlebt haben..." knurrte Furka und verzog angewidert das Gesicht nach dem ersten Schluck. Weitere Informationen erhielten sie jedoch auch dort nicht. Nur dieselbe Warnung wie überall: Man solle nicht in die Svelltsümpfe reisen. Ach ja.

Als die Sonne langsam tiefer sank, hielten sie sich betont unauffällig auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes vor dem Schauhaus auf. Furka tigerte ungeduldig auf und ab. Keldi, Hurdin und Tondar beobachteten schweigend die Zugänge des Platzes. Althea lehnte im Schatten an einer Wand und ließ den Blick immer wieder über Fenster, Dächer und Gassen gleiten. Dann wurde es dunkel.

Sie überquerten den Platz. Furka drängte sofort nach vorne, öffnete geschickt die seitlichen Fensterläden und schwang sich hinein. Einer nach dem anderen folgte ihm. Der Innenraum bestand aus einem einzigen großen Saal voller Staub, leerer Sockel und verblichener Stoffbahnen. Offenbar hatten hier einst Ausstellungsstücke gestanden. Sie begannen den Raum systematisch zu durchsuchen. Bis Keldi und Hurdin beinahe gleichzeitig gegen zwei Sockel stießen. Mit ohrenbetäubendem Krachen stürzten beide zu Boden. Die Gruppe erstarrte. Dann erklangen draußen Stimmen. Laternenlicht fiel durch die Fenster. Rüstungen klirrten. Und schließlich hallte eine Stimme durch die Nacht: "Wir wissen, dass ihr da drin seid! Kommt hinaus und stellt euch!" "Stadtgarde..." formten Furkas Lippen lautlos. "Fenster oder Tür?" flüsterte Keldi. Dann entschieden sie sich gleichzeitig.

Die Tür flog auf. Und sie liefen direkt in ein gutes Dutzend Gardisten hinein. Hurdin brach wie ein Rammbock durch die erste Reihe. Keldi und Furka wurden kurzzeitig festgehalten, während Althea und Tondar sich seitlich durch die Menge drängten. Das Ganze verwandelte sich augenblicklich in ein gewaltiges Handgemenge aus Flüchen, Schlägen, schrammenden Stiefeln und splitterndem Holz. Eine Zeitlang hielten die Gardisten tatsächlich dagegen. Dann löste sich die Gruppe plötzlich aus dem Gedränge und rannte. Um eine Ecke. Noch eine Ecke. Tondar entdeckte eine Tür an der Rückseite eines Gebäudes, riss sie auf und stürmte hindurch. Die anderen folgten sofort. Hurdin warf sich als letzter hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Dann drehten sie sich um. Und blickten in die Gesichter eines halben Dutzends ausnehmend attraktiver Damen.

Stille.

"Wer wird denn mit der Hintertür ins Haus fallen?" fragte schließlich eine große schwarzhaarige Frau, die sich als erste wieder fasste. Sie musterte die Gruppe aufmerksam. "Wir..." Althea rang noch nach Luft. "Aber das ist nicht, wofür ihr hier seid...", ergänzte die Schwarzhaarige. "Wir sind aus Versehen hier und wollten gerade wieder gehen..." setzte Althea erneut an. Draußen erklangen bereits wieder Stimmen und das Klirren von Waffen. Althea verstummte. Die Schwarzhaarige blickte erst zur Tür und dann wieder zur Gruppe, als ein schweres Pochen erschallte. "Also..." hauchte Althea und hob vorsichtig den Zeigefinger. Die Frau schob sie wortlos beiseite und öffnete die Tür. "Aber Herr Hauptmann..." schnurrte sie mit unschuldigem Lächeln. "...seid ihr nicht noch im Dienst?" Gedämpfte Stimmen. "Eine Gruppe Zwerge? Hier in der Bunten Flucht?" Sie lachte leise. "Nein, da müsst ihr sicher woanders suchen..." Kurzes Schweigen. "Wollt ihr nicht einen Moment verweilen?" Wenig später schloss sie die Tür wieder und stemmte die Hände in die Hüften. "So..." Ihr Blick glitt zu Furka, dessen Aufmerksamkeit inzwischen völlig woanders lag. "...wo ihr schon bleibt, ist das nicht umsonst." Ihre Lippen verzogen sich leicht. "Dafür ist der Wein hier nicht verdünnt." Sie verbrachten den Rest des Abends auf samtenen Sofas und bekamen ein Mahl serviert, wie sie es in Lowangen bislang noch nicht erlebt hatten.

Es war längst nach Mitternacht, als Althea schließlich einen schnarchenden Furka wachrüttelte. Eine leere Weinflasche fiel klirrend zu Boden. "Aufstehen." Furka murrte irgendetwas Unverständliches, ließ sich aber schließlich von ihr zur Hintertür zerren. Hurdin beobachtete das Ganze schweigend und schüttelte kaum merklich den Kopf. "Da gibt es EINMAL etwas Gutes..." brummte Furka beleidigt. Draußen war die Straße still. Sie spähten vorsichtig um die Ecke. Nichts. Dann schlichen sie erneut über den Platz. "Jetzt", hauchte Althea. Wieder stiegen sie durch dasselbe Fenster.

Das Erdgeschoss enthielt tatsächlich nichts von Wert. Also fanden sie schließlich eine schmale Treppe in einem Hinterzimmer und arbeiteten sich vorsichtig ins Obergeschoss vor. Dort durchsuchten sie mehrere Räume, bis sie schließlich einen Lagerraum voller Kisten und Kästen erreichten. Furka öffnete eine kleine Schatulle. Und grinste. In seiner Hand funkelte die Brosche. Dann machte er Anstalten sich sich weiter umzusehen.

"Könnten wir nicht einfach..." begann Furka.
"Nein."

Eine halbe Stunde später waren sie zurück bei den anderen und betrachteten gemeinsam das Schmuckstück im Schein einer einzelnen Lampe. Dann sank einer nach dem anderen in Schlaf. Am nächsten Morgen wurden sie früh und bestimmt hinauskomplimentiert. Furka gähnte noch immer, während Althea im Kopf bereits überschlug, wie schwer der Geldbeutel gewesen war, den sie am Vorabend zurückgelassen hatte.

Sie nahmen diesmal den Weg entlang des Svelltdurchflusses und mieden das Schauhaus weiträumig. Danach überquerten sie erneut die Regenbogenbrücke und wandten sich Richtung Altlowangen. Keldi, Hurdin und Tondar nahmen Althea dabei beinahe automatisch in die Mitte. Die Morgensonne lag breit über dem großen Marktplatz. Diesmal hatten sie die Ruhe, die umliegenden Gebäude genauer zu betrachten. Die hohen Bürgerhäuser. Die Akademie. Den Hesindetempel am Nordrand des Platzes. Darüber die Feste, die sich über die Stadt erhob.

Dann verschwanden sie erneut in den Gassen Svelltscheids. Und standen kurz darauf wieder vor Dragans Haus.

"Pünktlich..." bemerkte Dragan trocken. "Ich habe gehört, in der Bunten Flucht habe es letzte Nacht eine Art Aufruhr gegeben?"
"Weiß nicht, wovon ihr redet." Althea legte das in Stoff gewickelte Päckchen auf den Tisch. "...in der Bunten Flucht gibt es ja gar keine Zwerge."
Dragan packte die Brosche gar nicht erst aus. Er blickte sie nur lange an.
Dann nickte er langsam.
"Geht in den Fuchswinkel. Zu Brin Vaskendantz. Der hat immer Raum frei für besondere Gäste."

"Wir machen wirklich seltsame Bekanntschaften..." murmelte Archon später erneut, als sie sich durch die südliche Altstadt fragten. Schließlich fanden sie das Haus. Brin Vaskendantz wirkte auf Anhieb unsympathisch. Tatsächlich wollte er ihnen die Tür bereits wieder vor der Nase zuschlagen, bis Althea Dragans Namen erwähnte. Die Tür blieb einen Spalt offen. "Lass mal sehen..." Er schloss die Haustür hinter sich ab und führte sie durch einen schmalen Gang in einen kleinen Hinterhof. Dort deutete er auf eine hölzerne Außentreppe, die zu einem auskragenden Erker hinaufführte. "Dort." Er zog einen eisernen Schlüssel hervor. "Was anderes ist nicht frei." Dann drückte er Althea den Schlüssel in die Hand. "Immer abschließen."

Sie stiegen die knarrende Treppe hinauf und erreichten ein kleines Zimmer unter schiefem Fachwerk. Die Fensterscheiben waren blind vor Alter und Staub, doch der Raum war ausgefegt und trocken. Vielleicht gerade groß genug für einen Menschen und fünf Zwerge. Althea öffnete das Fenster und blickte prüfend hinunter in den Hof. "Nunja..." sagte sie schließlich leise.

"Willkommen in Lowangen."
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#32
Zwerge am Svellt #33

Sie ließen den schweren Teil ihres Gepäcks im kleinen Zimmer über dem Hof zurück, verriegelten sorgfältig die Tür und machten sich wieder auf den Weg hinauf zum Marktplatz. Die Gassen der südlichen Altstadt waren enger als in Thorwal oder vielleicht Beilunk oder Festum, verwinkelt zwischen schiefen Fachwerkhäusern und düsteren Innenhöfen, und doch öffnete sich Lowangen immer wieder unvermittelt zu weiten Plätzen und prächtigen Fassaden.

So traten sie schließlich gegenüber dem großen Akademiegebäude heraus, dessen helle Mauern und hohen Fenster selbst in diesen bedrückten Tagen noch etwas Stolzes ausstrahlten. Dahinter erhob sich die Festung der Stadt über den Dächern Lowangens, wuchtig und grau. Furka drehte beim Vorübergehen den Kopf. "Die machen Elfenmagie da drin?" "Ja", erwiderte Althea beiläufig. "Verwandlungen... zum Beispiel in Adler, Wölfe... Hammerhaie..." Furka blinzelte. "Wozu das?" "...oder eben Heilzauber." "Aha."

Sie stiegen weiter hinauf bis zum Vorplatz der Festung, bestaunten die gewaltigen Mauern und Türme und wurden schließlich mit knappen Worten vom Fallgatter fortgeschickt. Auch am schwer befestigten Nordtor ließ man sie nur kurz verweilen. Jenseits der Brücke, so berichteten die Wachen, hielten die Orks die dortige Feste besetzt. Die Worte blieben ihnen länger im Gedächtnis als die Mauern selbst. Auf dem Rückweg machten sie Halt im Borontempel. Zwischen dunklem Stein, flackernden Kerzen und dem schweren Duft verbrannter Kräuter ließen sie einige Handvoll Münzen zurück - eingedenk der Hilfe Alara Hilmans und der Toten, denen sie in den Sümpfen begegnet waren.

Dann wanderten sie weiter durch die nördliche Altstadt, blickten bei einem bornländischen Händler hinein und stellten enttäuscht fest, dass die dortige Taverne erst nachmittags öffnen würde. Als sie schließlich wieder nach Süden zogen und den Fuchswinkel umrundeten, blieb Furka mitten auf der Straße stehen. "Warum heißt der Fuchswinkel eigentlich Fuchswinkel?" "Wahrscheinlich weil dort der Phex Tempel ist", meinte Althea und deutete die Straße hinunter.

Sie erreichten schließlich das Gardehaus an der Eydaler Brücke. Dort wurden sie sofort angerufen. Mehr als eine persönliche Waffe müsse abgegeben werden, erklärte die Offizierin knapp. Die Stadtwache brauche Bewaffnung. Außerdem hätten sie sich wegen ihrer auffälligen Proviantvorräte beim Magistrat zu melden. "Die Waffen bitte dort auf den Tisch legen..." Die Frau hatte sich kaum umgedreht, da war die Gruppe bereits verschwunden. Ein paar Gardisten nahmen noch die Verfolgung auf, doch die schwer bepackten Zwerge waren überraschend schnell zwischen den Gassen verschwunden. "Wir fallen auf wie ein Haufen Zwerge in Bunte Flucht", keuchte Althea schließlich, als sie außer Sichtweite hinter einer Ecke standen und vorsichtig zurück spähten. "Gastfreundliche Stadt...", murmelte Keldi.

Später nahmen sie im "Kleinen Fürst" einen verdünnten Wein zu sich. Die Wirtin hatte tatsächlich schon von Ansvell gehört, was Furka sichtbar verblüffte. Danach führte ihr Weg erneut am Haus Dragan Eschts vorbei und schließlich zurück zum großen Marktplatz.

Dort blieb Archon stehen und deutete auf ein großes, massives Gebäude am Rand des Platzes. "Dort, wie ich mir dachte..." Über der Tür hing ein Schild. "La-ger-haus zur Glücklichen Maus", entzifferte Furka mühsam. Die Mauern waren dick, die Fenster vergittert. Im Inneren war es dunkel, kühl und roch nach Staub. Ein älterer Mann hinter einem Tisch musterte sie, verhandelte wortkarg mit Althea und führte sie schließlich mit einem gewaltigen Schlüsselbund klimpernd in ein rückwärtiges Gelass. Ein schmaler Fensterschlitz unter der Decke wurde von einer dicken Eisenstange geteilt.

Althea hinterlegte einige Goldmünzen und erhielt einen Depotschein. "Alles in bester Ordnung." Sie stapelten sorgsam ihre Vorräte in Regalen auf, legten Helme, schwere Waffen und Ausrüstung ab. Die Zwerge behielten lediglich ihre Handäxte. Als sie wieder hinaus auf den Marktplatz traten, stand die Sonne bereits tief. "Schon besser, nicht wahr?", meinte Althea. "Solange er das wieder rausrückt...", brummte Furka. "Natürlich. Dafür haben wir doch den Depotschein." Sie wedelte kurz mit dem Pergament und verstaute es anschließend unter ihrem Waffenrock. Furka schnaubte nur.

Dann deutete Keldi zum Magistratsgebäude hinüber, das sich hinter den Häuserreihen erhob.
"Also, wir müssen was machen..."
Sie studierten lange die Anschläge, die in der roten Abendsonne an den Mauern hingen. Verordnungen über Waffen, Nahrung und Flüchtlinge. Lowangen wirkte plötzlich weniger wie eine bedrängte Stadt als wie eine Stadt, die sich der Bedrohung entgegenstemmte. Schließlich traten sie in die große Marmorhalle des Magistrats. Eine prachtvolle Treppe wand sich hinauf zu einer Balustrade, doch fast alle Türen waren geschlossen, die Hallen leer. "Habt ihr genug Anweisungen?", fragte Furka trocken vom Eingang her. Althea deutete auf eine Seitentür. "Dort müsste es zum Phex Tempel gehen." "Grüßt ihn von mir", gähnte Furka.

Also trennten sie sich. Furka, Hurdin und Tondar machten sich auf den Rückweg zur Unterkunft, während Althea, Keldi und Archon hinter dem Magistrat in die schmalen Gassen zum Phex-Tempel traten.

Dort spendete Althea eine gute Menge gemünzten Silbers, sprach leise mit einer Geweihten im Schatten eines Alkovens und verharrte schließlich - ganz entgegen ihrer sonstigen Art - einen Moment im stillen Gebet zum Gott ihrer Kindheit. Nach Tsa. Vor Hesinde.

Als sie den Tempel durch einen Hinterausgang wieder verließen, war es bereits dunkel geworden. Sie kehrten noch kurz im "Kreuzer und Dukat" ein, einst wohl eine lebhafte Herberge reisender Händler, nun nur noch halb gefüllt und von gedrückter Stimmung erfüllt. Dann kehrten sie in ihr kleines Zimmer im Fuchswinkel zurück.

Sie schliefen besser als erwartet.

Am nächsten Morgen blieb Archon zwischen Gepäck, Büchern und Notizen zurück, während die anderen sich erneut in die Stadt verteilten. Furka, Hurdin und Tondar suchten den thorwalschen Waffenhändler in Svelltscheid auf. "Die einzige Stelle, wo wir vernünftige thorwalsche Äxte bekommen", murmelte Hurdin. Furka feilschte verbissen mit dem Händler und verließ den Laden schließlich mit finsterer Miene. "Dafür hätten wir in Oberorken unsere gesamte Ausrüstung bekommen..."

Währenddessen hatten Althea und Keldi die Kräuterhändlerin im Fuchswinkel aufgesucht. In dem dämmrigen Laden verschwand Althea schließlich mit der Frau im Hinterzimmer und kehrte erst lange Zeit später zurück. Keldi hatte sichtliche Mühe, die schweren Goldbeutel unauffällig zu verstauen. Lowangen wusste exotische Ware zu schätzen.

Danach stiegen sie zum Hesindetempel hinauf. Lange saß Althea dort mit einer Geweihten in einer offenen Schreibstube am Rand des Altarraumes, während Keldi geduldig an einer Säule wartete. Sie übergab das Sumpfrantzen Dokument der Bibliothek und berichtete von ihren Begegnungen im Moor - wenn auch nicht von allen. Dann legte sie die Kristallkugel des Magiers auf den Tisch. Die Geweihte untersuchte sie aufmerksam, und Althe lenkte das Gespräch schließlich auf den Salamanderstein. "Das ist natürlich kein Salamanderstein, aber... "Ein derart urträchtiges Artefakt", meinte die Geweihte schließlich ruhig, "gehört selbstverständlich in die Hände der Hesindekirche." Althea antwortete darauf nicht sofort.

Den Nachmittag verbrachten sie im Fuchsstübchen bei verdünntem Wein und trostlosen Gesprächen über den Niedergang des Svellttals.

Furka, Hurdin und Tondar kehrten erst weit nach Mitternacht von der Taverne im Fuchswinkel zurück. Der verdünnte Wein hatte wenig Wirkung gezeigt, dafür hatte Furka mit seinen Karten einen ganzen Tisch leergeräumt.

Die folgenden Tage verliefen ruhiger.

Sie verließen den Fuchswinkel kaum noch. Ein Besuch bei Desdira Falkenbach brachte lediglich die Erkenntnis, dass selbst Altlowangen keine Zwergenstiefel führte - dafür müssten sie nach Eydal hinunter. Oder eben auch nicht.

Althea versuchte mehrfach, Brin Vaskendantz in längere Gespräche zu verwickeln, erhielt jedoch kaum mehr als kurze, zynische Bemerkungen zurück, bei denen nie ganz klar wurde, ob sie Spott oder Wahrheit waren.

Abends kehrte das Gespräch immer wieder zu derselben Frage zurück.
"Wir machen uns auf den Weg nach Gashok und holen Nahrungsmittel", sagte Keldi.
Hurdin nickte.
"Vier, maximal fünf Tage eine Strecke", ergänzte Tondar.
"Vielleicht können wir Raul Zumendiek dazu bringen, regelmäßige Lieferungen vorzuhalten", überlegte Althea.
"Während wir natürlich alles bezahlen", brummte Furka.
Archon schwieg.

Am nächsten Morgen nahm Brin Vaskendantz den Schlüssel mit unbewegter Miene entgegen. Sie holten ihre Ausrüstung aus dem Lagerhaus am Marktplatz, rumorten eine ganze Weile in ihrem Gelass und verließen das Gebäude schließlich wieder als vollgerüstete Truppe.

Rasch legten sie den Weg nach Bunte Flucht zurück, wurden inzwischen wohlbekannt in die Fluchtburg eingelassen und betraten unter dem wachsamen Blick der Wachen den feuchten Tunnel unter den Mauern Lowangens.
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#33
Zwerge am Svellt #34

So machten sie sich denn auf den Weg gen Gashok, wo sie die Märkte wohlversorgt wussten. Sie erreichten Neulowangen erst nach Einbruch der Dunkelheit. Uncharakteristisch zwar, doch Althea winkte ab. "Wir gehen ja auch auf die Rückseite des Tempels zu." Vielleicht war es deshalb nicht überraschend, dass der nächste Morgen regnerisch war und der Himmel den ganzen Tag über bedeckt blieb. "Vielleicht zürnt uns Praios und entzieht uns den Schutz seiner strahlenden Sonne..."

In einigen Wochen sollten solche Überlegungen durch Routine ersetzt werden.

Sie erreichten die Fähre am Finsteren Svellt und lagerten ein Stück das andere Ufer hinauf, an den vertrauten Lagerstellen der Reisenden. Danach klarte das Wetter auf, und sie kamen gut voran. Inmitten der Gashoker Steppe schlugen sie ihr Nachtlager auf.

Dort wurden sie von Säbelzahntigern angegriffen.

Die erste Bestie sprang an Keldi vorbei mitten in die Gruppe. Seine Axt fuhr noch im Passierschlag nieder, als Althea bereits aus dem Schlaf gerissen wurde und eine Flammenlohe in die Dunkelheit schleuderte.
Furka fuhr hoch.
"Ich wusste es!"
Er riss am neben ihm liegenden Tondar, der zurückwich und bereits die Armbrust durchlud. Archon schreckte hoch und versuchte Hurdin zu wecken.
Dann brachen die Bestien über sie herein.
Althea wurde von mehreren Säbelzahntigern zugleich bedrängt. Tondars erster Bolzen verschwand im Getümmel. Keldi kämpfte sich zu ihr vor, während Hurdin an Archon vorbei in den Kampf stürmte.
Als Althea reglos unter den Bestien zusammenbrach, warf sich Keldi zwischen sie und die Raubtiere und ließ seine Axt kreisen.
Furka rang mit einem Tiger auf Leben und Tod.
Hurdin stand Seite an Seite mit Keldi.
Dann brach die erste Bestie zusammen, Tondars Bolzen tief im Rücken. Furka erkannte die Lage, riss seine Axt hoch und stürmte zu Althea hinüber.
Keldi fand eine Wunderkur in seinem Gürtelbeutel.
Tondar kniete inzwischen ruhig hinter der Front und schickte Bolzen in die Nacht.
Nach und nach wendete sich das Blatt.
Keldi fällte einen Tiger.
Dann einen zweiten.
Der letzte fiel Tondars Armbrust zum Opfer.

Als die Stille zurückkehrte, lag Althea bewusstlos auf dem Boden. Keldi war schwer mitgenommen. Archon kniete bereits neben der Magierin und suchte fieberhaft in seinem Beutel nach Heilmitteln. Als Althea wieder zu sich kam, blickte sie in fünf bärtige Gesichter, die sie besorgt ansahen.

Am Morgen sah es erneut nach Regen aus, doch der Himmel klarte wieder auf.

Es war über einen Monat her, dass sie Gashok gen Lowangen verlassen hatten, und sie kehrten als andere Personen zurück. Sie hatten Lowangen erlebt. Den Sumpf des Vergessens. Die Flüchtlinge. Den Krieg. Sie kehrten mit einer Warnung auf den Lippen zurück, doch sie blieben stumm. Sie wussten, dass sie in Gashok keine Stimme hatten. Also blieb nur das, was schon Ginya Ingborn gesagt hatte: "Wenn Lowangen fällt, so ist das Svellttal in den Händen der Orks."

Sie mieteten sich wieder im "Dach und Fach" ein, wechselten über einem Mittagessen einige Worte mit Rogullf dem Dicken und suchten anschließend Raul Zumendiek auf. Dieser hörte ihre Berichte über Lowangen mit wachsender Sorge. Danach sprachen sie über Vorräte. Über Korn. Über Mehl. Über alles, was sich beschaffen und transportieren ließ. Raul versprach, am nächsten Tag mit den Händlern des Marktes zu sprechen. Als die Dunkelheit hereinbrach, stattete Althea noch dem Boron- und dem Phextempel einen stillen Besuch ab und hinterließ großzügige Spenden.

Der nächste Tag war Markttag. Der Besucher Lowangens konnte in ein buntes Treiben eintauchen, das zugleich fremd und wohltuend wirkte. Die Gruppe ergänzte ihre Ausrüstung, fand neue Stiefel - sogar in Zwergengrößen - und teilte sich schließlich auf. Furka, Hurdin und Tondar besuchten Rowena Paispiarkens Schmiede. Dort tauschten sie Neuigkeiten aus und erstanden aus ihrer ausgezeichneten Arbeit einen schweren Dolch für Tondar, eine Ersatzaxt und einen neuen Dolch für Althea, deren nivesisches Messer die Strapazen der letzten Wochen schlecht überstanden hatte. Währenddessen trafen sich Althea, Keldi und Archon erneut mit Raul Zumendiek und bereiteten die nächsten Lieferungen vor.

Es war nur ein kurzer Aufenthalt. Dann ging es wieder zurück auf die Straße. Eine angemessene Reise folgte. Nur am letzten Tag gerieten sie vor Lowangen in ein schweres Sommergewitter.

In der Stadt angekommen, begaben sie sich zunächst zum Lagerhaus und begutachteten die gesammelten Vorräte. Einhundertfünf Proviantpakete. Mehr, als sie erwartet hatten. Etwa die Hälfte brachten sie zum Magistrat und erhielten dafür neben einer Belobigung einen schweren Beutel Dukaten, was Furkas Laune augenblicklich verbesserte. Während dieser bereits begann auszurechnen, welchen Gewinn sie erzielt hatten, trugen die anderen weitere Vorräte zum Traviatempel. Dort wurden sie dankbar entgegengenommen.

Und so ging es zwischen Lowangen und Gashok hin und her. Der letzte Sommermonat auf guter Straße. Säcke mit Korn auf den Schultern. Durch das offene Land zwischen Gashok und Neulowangen. Vorsichtiger zwischen Neulowangen und Lowangen, wo der kaum erkennbare Pfad zur Ruine Svelltstein vom Weg abzweigte. Sie kehrten in Neulowangen ein, wenn das Wetter schlecht war. Sie durchquerten Regen und Sonnenschein. Und als sie eines Nachts hinter Neulowangen lagern mussten, schlugen sie eine Bande von Plünderern zurück, die im kriegsversehrten Niemandsland zwischen Lowangen und den Orkstellungen ihr Glück suchte.

Immer wieder brachten sie Nahrung in die Stadt. Zum Magistrat. Zum Flüchtlingslager am Traviatempel.

Und schließlich auch nach Eydal. Denn selbst Furka musste irgendwann eingestehen: "Die Leute dort haben bestimmt auch Hunger."
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