(07.09.2010, 08:37)Edvard schrieb: Gut, ich stelle folgende Frage: Was wäre die Welt/Menschheit, wenn alle (oder zumindest ein sehr großer Teil) Menschen nach den Prinzipien von Alice Miller erzogen worden wäre?Das ist eine sehr gute Frage! Auch darüber habe ich schonmal nachgedacht. Das einzige Ergebnis, zu dem ich gelangt bin, war, dass es unterm Strich doch sehr zynisch wäre, wenn man diese Gedanken als Argument für die Tolerierung von Kindesmisshandlungen (oder allgemeiner "die Welt so zu lassen") verwenden würde.


Damit will ich aber nicht die Überlegungen an sich im Kern ersticken.

Alice Miller meint, die Erkenntnis des eigenen Leidens würde die Kreativität nicht aufheben. Allerdings ohne Begründung - zumindest habe ich keine offensichtliche gefunden.

Ich stand dieser Ansicht auch lange ratlos gegenüber. Nachdem ich mir jetzt noch einmal meine eigenen Gedanken darüber gemacht habe, kann ich das aber doch nachvollziehen. Denn es beeinflusst wohl kaum das kreative Potenzial eines Menschen (positiv), wenn er in seiner Kindheit misshandelt wurde...?
Kreativität bietet nur ein Mittel, die eigenen (verdrängten) Gefühle auszudrücken, in Bildern, Skulpturen, Tönen, etc. Ganz ähnlich wie sie sich bei einem "Machtmenschen" im Zwang der Unterdrückung anderer Bahn brechen. Oder wie idealistische Menschen Ideologien "für eine bessere Welt" anhängen können, bis hin zum Fanatismus - ohne dabei wirklich auf die Welt Rücksicht zu nehmen, da sie nur nach alten Mustern handeln (oder auch dagegen). Oder wie Wissenschaftler zu militärischen Zwecken forschen bzw. Erforschtes dazu missbraucht wird.
Meine Gedanken dazu: Wenn keine Misshandlung stattgefunden hat, wird der Künstler eben aus etwas anderem seine Inspiration ziehen ("müssen") und in der Folge wären seine Werke natürlich andere. Der Machtmensch würde statt zum Diktator zu einem "Obama"

Ich glaube, die Befürchtung, wir wären ideenloser oder unmotivierter und hätten und in der Folge nicht so weit entwickelt, ist ein Trugschluss. Was wir dagegen tun würden, ist, uns besser zu überlegen, für welchen Zweck wir unsere Leistung erbringen. (Hey, eine Überschneidung mit dem BGE-Thema!)
Wenn es bei einem nahenden Asteroiden evtl. sinnvoll wäre, eine Atombombe zu haben (siehe Hollywood


Was natürlich anders wäre, ist die Inspiration, weil die Quellen andere wären. Allerdings gibt es genug Querdenker auf unserer Erde, die auf alle möglichen Ideen kommen, ohne dafür einen konkreten Anlass zu haben.

Sehr viel mehr Sorgen würde ich mir darüber machen, was wir zur Zeit alles verpassen! Es ist mir ganz ehrlich nicht einmal möglich, mir vorzustellen, was wir möglicherweise alles schon erreicht hätten, wenn wir unsere Potenziale wirklich frei entfalten könnten und - wie Alice Miller es wohl ausdrücken würde - sie nicht zu einem großen Teil in den Dienst der Aufrechterhaltung der Verdrängung stellen müssten. Wenn wir unsere Errungenschaften ausnahmslos sinnvoll verwenden würden und nicht alles zweckentfremden müssten, damit die Idealisierung der Eltern bestehen kann.
Ein Beispiel hast du ja schon genannt:
![[Bild: darkages.gif]](http://img3.imagebanana.com/img/09blrj8h/thumb/darkages.gif)
Fazit: Ich halte die Vorstellung, dass Kultur und Wissenschaft in einer besseren Welt zum Stillstand kommen würden, für recht pessimistisch. Und wenn man damit ernsthaft gegen Alice Miller argumentieren wollte, würde ich dahinter zuerst einmal die bekannte Abwehrhaltung vermuten. (Das "Argument" hat eine ganz ähnliche Struktur wie "Man muss ein Kind auch mal schlagen dürfen - wie soll man ihm sonst Werte vermitteln?")
Es ist sicher richtig, dass wir heute einiges von dem, was wir "genial" finden, in dieser Form nicht hätten - meiner Meinung nach eher im kulturellen/künstlerischen Bereich als in der Wissenschaft. Was ich aber auch noch zu Bedenken geben will: Ist das "Geniale", von dem wir hier reden, nicht eher tragisch? Wenn man diese Kunst mit Alice Millers Augen sieht, sind es, bei aller Schönheit, letztlich doch "nur" späte Zeugnisse von frühen Misshandlungen, d.h. die verzweifelten Versuche des Künstlers, sein Leiden zum Ausdruck zu bringen und für sich und andere verständlich zu machen - und somit eigentlich entsprechend zu bewerten...?
Insofern muss die Frage
Edvard schrieb:Hätte ein van Gogh solche Werke malen können, wenn er in einer behüteten Familie aufgewachsen wäre?eigentlich lauten: Hätte van Gogh solche Werke malen müssen?
Aber letzten Endes wissen wir ja alle: Der Idealzustand ist sowieso nicht zu erreichen, also wird auch von dem "Genialen" noch genug übrig bleiben.

Great people care.