(02.09.2010, 14:14)Edvard schrieb: Ansonsten: Repeat.Bitte nicht!

Ich wollte noch einmal auf Alice Miller eingehen. Danach soll es dann auch gut sein.

Ich erwarte nicht, dass jemand mit dem Folgenden in dieser verknappten Form sonderlich viel anfangen kann. Das beste, was ich mir von diesem Beitrag noch erhoffe, ist, dass jemand Lust bekommt oder neugierig wird, einmal ein Buch von ihr zu lesen. Dazu ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn mehr Fragen entstehen als beantwortet werden.
Edvard schrieb:Davon abgesehen habe ich bei dir auch das Gefühl, dass du kritische Fragen/Argumente unsererseits ausslässt.Es geht nicht darum, den "Idealzustand" zu erreichen oder zu beschreiben, wie immer der aussehen mag (das weiß ich nicht!). In der Wirklichkeit wird es immer Umstände geben, die es nicht erlauben, dass ein Kind so optimal heranwachsen kann, wie es das eigentlich müsste. Es geht auch nicht darum zu erklären, wie eine richtige Erziehung funktioniert.
Z.B. die Frage von oben, die ich nochmal expilzit gestellt habe oder wie sich dein Ansatz mit der Wirklichkeit (alleinerziehend, kein Einzelkind, etc.) vereinbaren lässt. OK, du hast da keine Erfahrung, aber weiß die Alice Miller da vielleicht mehr?
Worauf es Alice Miller ankommt, ist die von ihr so genannte "emotionale Blindheit" aufzulösen, damit man erkennt, was man seinen Kindern alles antut... nein, viel wichtiger: damit man erkennt, was einem selbst als Kind alles angetan wurde. Und wie man die Spirale durchbrechen kann, um seinen eigenen Kindern nicht das gleiche weiterzugeben (was man in der Regel automatisch tut). Denn eigentlich könnte müsste man vieles besser wissen.
Sie sagt, dass sehr viele Handlungsmuster, die wir in die Erziehung unserer Kinder automatisch einfließen lassen, einer näheren Überprüfung überhaupt nicht standhalten könnten. Die Erkenntnisse der letzten Jahre in Psychologie und Hirnforschung(!) geben ihr da auch Recht. Ich habe ja schon auf ein paar Dinge hingewiesen.
Es geht Alice Miller (und mir hier genauso) nicht darum, eine alternative Form der Erziehung zu beschreiben (im Gegenteil: sie lehnte jede in Lehren und Leitsätze gegossenen Erziehungssysteme ab), sondern sozusagen das Schlimmste aufzuzeigen, was man falsch machen kann - und was auch heute noch regelmäßig und von zu vielen falsch gemacht wird.
Und ja, sie erklärt tatsächlich, v.a. in Am Anfang war Erziehung, wie unschuldige Kinder zu solchen Monstern wie Adolf Hitler heranwachsen können. Und das durchaus plausibel.
Und nein, sie behauptet nicht, dass sich allein damit das Entstehen oder die Dynamik eines Nationalsozialismus oder eines Krieges erklären lassen. Aber sie sagt, dass ein Mensch, der von seiner frühesten Kindheit an gelernt hat, dass er es Wert ist, geliebt zu werden, usw. ein Einfühlungsvermögen in sich und in andere Menschen, als Erwachsene wie als Kinder, entwickelt, das es ihm schlicht unmöglich macht, solche Grausamkeiten zu begehen. Wenn man unter diesen Gesichtspunkten Hitlers Kindheit unter die Lupe nimmt, stellt man bald fest: Er hatte keine Chance. Er wurde nicht nur von seinen Eltern aufs Schwerste misshandelt, sondern lernte auch in seinem weiteren Leben niemanden kennen, der ihm den Zugang zu einer anderen Perspektive ermöglicht hätte. (Hier kommt das Konzept von den "helfenden" und "wissenden Zeugen" ins Spiel.)
Alice Miller in Wege des Lebens, S.196 schrieb:Es wird mir häufig gesagt, daß diese Gedanken, denen ich in meinem Buch Am Anfang war Erziehung ausführlich nachging, ungeheuerlich seien und nicht genügten, um Hitlers Handlungen zu erklären. Sicher nicht all seine Handlungen, aber zweifellos seinen Wahn. Sie bilden zumindest das Fundament dazu.Sie hat hunderte Fälle von Mördern, Vergewaltigern, Diktatoren, usw. untersucht - es ist wohl jedes Verbrechen dabei, das von der Allgemeinheit als "unmenschlich" bezeichnet werden würde - und legt in ihren Büchern an einzelnen Beispielen detailliert dar, wie die Kindheit solcher Verbrecher in den Untersuchungen "wie es dazu kommen konnte" sowie in Biographien konsequent unterbewertet, nur der Vollständigkeit halber in wenigen Sätzen abgehandelt oder gar völlig ignoriert wird, obwohl tatsächlich dort oft der Schlüssel liegt. (Wo fand man vor 20 Jahren etwas über die Kindheit Adolf Hitlers?)
Sie versucht eben, die Gesellschaft mit der Nase auf diesen Schlüssel zu stoßen, der direkt vor ihnen liegt, den aber niemand sehen will. Ja, tatsächlich nicht will. Denn die Auseinandersetzung mit der tragischen Kindheit eines Verbrechers löst oft Gefühle in einem selbst aus, die einen an die eigene Kindheit erinnern und die man sein gesamtes bisheriges Leben so sorgsam versteckt hält, weil sie so bedrohlich sind, dass man glaubt, sie nicht zu überleben. So hat man das als hilfloses Kind erlebt und verinnerlicht, denn damals war man hilflos und man hätte es tatsächlich nicht überlebt, wenn die Mama sich von einem abwendet; also hat man sich so gut es ging angepasst und versucht, es ihr recht zu machen - meist mit zweifelhaftem Erfolg (siehe Das Drama des begabten Kindes).
Aber (und jetzt kommt der Lichtblick


Und so beschreibt sie den Grund, warum sich niemand mit dem aus ihrer Erkenntnis heraus Offensichtlichen auseinandersetzen will.
So weit in meinen eigenen Worten eine der Kernaussagen ihres Werks. Es würde mich nicht wundern, dass das so zusammengefasst niemand glauben will. Ich empfehle eine persönliche Auseinandersetzung mit ihren Büchern, um sich ein genaueres Bild davon zu machen.

(01.09.2010, 09:22)Edvard schrieb: Sorry, aber das hört sich für mich nach nen echt großen Bullshit an. (Und ich werd mir jetzt nicht das Buch kaufen, nur um die ganze Argumentation zu lesen. Kann sein, dass Alice Miller auf diese Aspekte auch eingegangen ist, was ich aber nicht glaube.^^)Taschenbuch, 10 Euro!
Wieso glaubst du nicht, dass sie darauf noch eingeht? Welchen Anlass hast du dazu?
Die Theorie mag auf den ersten Blick absurd wirken - zumal es sonst niemanden zu geben scheint, der ähnliche Gewichtungen setzt, wenn er sich mit Hitler beschäftigt. Aber genau das macht Alice Miller: Sie spricht Dinge aus, die niemand beachtet. Sie beschreibt Selbstverständlichkeiten schonungslos aus der Perspektive des Kindes und verleiht ihnen so oft einen ganz hässlichen Beigeschmack. Und sie stellt bewusst die herrschende Meinung in Frage, wo sie es für nötig hält.
Ich habe nicht erwartet, dass irgendjemand etwas mit dem Abschnitt anfangen kann, in dem ich den Namen Adolf Hitler eingeworfen habe.


Ich kann aber nicht noch näher darauf eingehen. Alice Miller hat ein ganzes Buch darüber geschrieben und das Thema auch in ihren anderen Büchern immer wieder aufgegriffen, oft mit einem Hinweis und einer Klarstellung, da sie sich missverstanden fühlte - da bilde ich mir gar nicht ein, mehr Erfolg zu haben.
Also: Wen es interessiert, der möge es lesen (oder für immer schweigen...

(02.09.2010, 21:27)Rabenaas schrieb: Da verstehe ich den Knochenmann anders. Zwischen "seine Ruhe haben" und "mal abschalten" klafft ein himmelweiter Unterschied.Exakt.
"Mal abschalten" heißt, dass die Mama ein heißes Bad nimmt, während der Papa (oder die Oma) die Verantwortung übernimmt. Oder die Woche Urlaub, wenn Paul bei seinen Großeltern ist. Oder abends Kino, wenn der Babysitter aufpasst. Mir fällt keine Situation ein, in der sich da nicht etwas arrangieren ließe.

Wer sich allerdings nicht um sein Kind kümmert, weil er "seine Ruhe haben" will, der bindet auch alte Leute fest. Um es mal ganz polemisch zu sagen.

Great people care.