02.09.2010, 13:27
Calesca schrieb:Ach Boni, bitte. Was will denn ein Kind mit Eltern, die kein eigenes Leben mehr haben, dadurch vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten und deswegen wieder ganz anderes mit einem Kleinkind umgehen KÖNNEN als Eltern, die auch mal eine Auszeit nehmen?
[...]

Ich glaube nicht, dass die Bedürfnisse unvereinbar sind. Ich rede wie gesagt von der ersten Zeit. Natürlich ist gerade die die anstrengendste, weil die Eltern fast permanent gefordert werden (außer wenn das Kind mal schläft). Im Normalfall hilft da ja, dass sie zu zweit sind. Sind sie das nicht, ist die Situation einfach unglücklich. Not macht erfinderisch.
Sobald das Kind ein wenig älter ist und die Hauptbindungsperson ein wenig in den Hintergrund tritt (vielleicht von einem Stofftier abgelöst wird), kann man mithilfe eines Babysitters auch mal einen Abend "zurückgewinnen". Später wird das Kind ohne Problem eine Woche bei den Großeltern verbringen. Sobald es in den Kindergarten geht, ist es schon "den halben Tag" nicht zuhause. Später geht es mit seinen Freunden raus spielen, wo man dann auch nicht mehr dabei sein muss.
Es stimmt ja gar nicht, dass man sein gesamtes Leben opfern muss. Aber durchaus die erste Zeit komplett und dann wird's langsam immer weniger. Das weiß man doch vorher!?
Calesca schrieb:Wenn ich deine Argumentation richtig verstehe, dann wären wahrscheinlich 99% der Menschheit schlechte Eltern.Das hab ich mich bei Alice Miller auch schon gefragt und bin noch nicht zu einer Antwort gelangt.


Calesca schrieb:Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du wirfst uns emotionale Blindheit vor, nur weil wir nicht deiner Meinung sind?So habe ich das tatsächlich nicht gesagt.
Bitte sag, dass ich dich falsch verstanden habe.
Zuerst einmal ist das kein Vorwurf. Wer tatsächlich an emotionaler Blindheit leidet, kann selbst am allerwenigsten dafür. Und vielleicht trifft es ja auch gar nicht zu?
Ich versuche es korrekter auszudrücken: Ich stelle den Verdacht in den Raum, dass hier ein paar an emotionaler Blindheit leiden könnten. Aber nicht, weil sie nicht meiner Meinung sind, sondern weil sie ausgerechnet ihrer/eurer Meinung sind! Das ist das Besorgnis Erregende und ein sehr wichtiger Unterschied. Mit mir hat das nichts zu tun.

Bei emotionaler Blindheit geht es um die Tatsache, dass jemand nicht verstehen kann, was einem Kind Angst macht, weil es ihm nicht gelingt, sich in die Situation des Kindes hineinzufühlen.
Emotionen sind jedoch das einzige, was ein Neugeborenes in seinen ersten Lebensjahren begleitet. Alles andere kommt nach und nach dazu. Je weniger man also die Emotionen des Kindes nicht versteht, umso weniger wird man seine Reaktionen verstehen und umso schlechter wird die Bindung zu ihm sein.
Zum Teil sind die Situationen, denen Eltern ihr Kind aussetzen, regelrecht grotesk. Viele davon würden nämlich auch den Eltern oder einem anderen Erwachsenen einen gehörigen Schrecken einjagen.
Stellt euch doch mal vor, ihr wärt Lilly (in einem geeigneten Alter) und würdet so gern einmal die Vase entdecken und kennen lernen. Mama sagt nur "Nein" (wobei nicht garantiert ist, dass ihr damit schon etwas anfangen könnt). Sie unterhält sich mit der Tante, während ihr schreit. Was ist das bloß, was dort im Licht so bunt schimmert? Gehen wir einmal davon aus, die Vase steht nicht in der Vitrine, sondern auf einer Kommode. Ihr wollt sie von Nahem sehen, also krabbelt ihr darauf zu, zieht euch an der Kommode hoch (das könnt ihr schon) und streckt die Arme danach aus. Zufälligerweise steht die Vase noch auf einer kleinen Tischdecke, von der ein Zipfel über den Rand der Kommode hängt. Da das mit dem Stehen noch nicht so gut klappt, müsst ihr euch festhalten und greift reflexartig nach einem Halt, erwischt natürlich die Decke und reißt sie samt Vase zu Boden, wo sie zerbricht.
Durch den plötzlichen, lauten Knall erschreckt (direkt neben eurem kleinen Ohr und fast auf gleicher Höhe) fangt ihr sofort an zu weinen. Ihr habt keine Ahnung, was da gerade passiert ist. Ihr wisst nicht, dass es dieses bunte Glitzerdings war, das kaputt gegangen ist. Es hätte genauso gut eine Bombe sein können; ihr kennt weder das eine noch das andere, geschweige denn den Unterschied, könnt also die Situation überhaupt nicht einschätzen. Jedenfalls hat es laut geknallt und gleichzeitig haben lauter kleine spitze Splitter eure Beine berührt, was euch zusätzlich erschreckt hat.
Und als würde das nicht reichen, löst sich aus dem Hintergrund plötzlich ein Umriss und ein Riese kommt auf euch zugestürmt (weil ihr auf dem Boden sitzt ungefähr viermal so groß!), beugt sich über euch, gestikuliert bedrohlich mit den Armen und fängt an, irgendetwas zu schreien, was ihr vielleicht gar nicht versteht. Ist aber auch egal, denn der Ton macht die Musik und weder den Tonfall noch die Lautstärke seid ihr gewohnt.
Noch dazu ist der Riese eure Mama, die euch sonst immer auf den Arm nimmt, euch tröstet, wenn ihr ("aus gutem Grund") weint, euch beschützt und die letztlich der einzige Anker in einer völlig fremden Welt ist. Das macht es nicht besser, oder? Eher schlimmer? (Ihr habt Glück, dass der Riese meistens nicht so reagiert wie gerade, sonst hättet ihr nämlich gar keinen Anker und wärt völlig allein.)
Dazu kommt noch ein weiterer Riese, die Tante, stellt sich neben eure Mutter euch gegenüber, beide Hände vor den offenen Mund haltend, die Arme am Körper angelegt, mit schreckgeweiteten Augen (ungefähr so wie eure eigenen gerade). All das sagt euch, dass da gerade etwas sehr schlimmes passiert sein muss. Noch ein Grund mehr, Angst zu haben. Wenn ihr Pech habt, schaut die Tante nicht nur die Scherben an, sondern sogar euch, woraus ihr nur schließen könnt, dass ihr selbst das Schlimme seid. Nur warum!? Was hat das alles mit euch zu tun?
Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Reaktion der Erwachsenen irgendwelche der gewünschten Früchte trägt. Ihr könnt nicht verstehen, was da gerade passiert ist - dazu fehlt euch schlicht das "Vorwissen": über die Vase und deren Wichtigkeit (sowieso eine sehr subjektive Angelegenheit), und nicht zuletzt über die Gesetze der Physik.
Ihr wisst nur: Da ist gerade etwas passiert, was mich erschreckt hat und anstatt dass Mami kommt und mich tröstet, schreit sie mich plötzlich nur an.
Nochmal Alice Miller:
Edvard schrieb:(Btw: Ich bin überrascht, dass du meinen Kommentar zu Alice Miller so stehen gelassen hast, Boneman.Hehe, hatte ich nicht vor.)

Great people care.